In meiner empirischen Studie habe ich alltägliche Interaktionssituationen im öffentlichen Raum anhand von teilnehmenden Beobachtungen der sozialen Praktiken der Akteure*innen an Haltestellen und in der Straßenbahn untersucht. Dabei stellte ich fest, dass sich hinter dem ungeordnet und individuell erscheinenden Verhalten der Wartenden und Straßenbahnfahrer*innen - von dem Moment des Wartens über den Einstieg bis hin zur Platzwahl und dem Verlassen der Bahn - sehr wohl strukturierte Muster finden lassen, von denen man auf soziale Regeln schließen kann.
Ich nehme zuerst eine theoretische Einordnung meiner Beobachtungen vor, erläutere anschließend das methodische Vorgehen und stelle dann meine Beobachtungsergebnisse dar, indem ich zuerst die Phasen des Wartens, des Ein- und Ausstiegs beleuchte, dann zur Sitzplatzwahl und zum Verhalten während der Fahrt übergehe und abschließend die aus der Analyse gewonnenen Befunde in einem Fazit zusammenfasse.
Die Erforschung des sozialen Handelns von Individuen im öffentlichen Raum ist zu einem soziologischen Untersuchungsfeld geworden, seitdem das Alltägliche in der Mikrosoziologie mehr Beachtung findet. Forscher*innen betrachten Alltagssituationen als soziologische Phänomene, weil die beobachtbaren sozialen Praktiken verdeutlichen, wie sich soziale Ordnung in ihrer kleinsten Form erzeugt.
Mein Erkenntnisinteresse fußt auf eigenen alltäglichen Erfahrungen: Man befindet sich auf engem Raum mit fremden Menschen, reflektiert die Situation jedoch meist nicht weiter. Verhaltensroutinen, die wir Tag für Tag in verschiedenen Situationen ausüben, erschweren den Blick für die dahinterliegenden Strukturen und Regeln. Oft wird uns erst durch eine außergewöhnliche Begebenheit oder durch die bewusste Entfremdung der alltäglichen Lebenswelt klar, wie sehr unser Verhalten in einer sozialen Situation von Verpflichtungen, Erwartungen und Regeln determiniert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen der Studie
3. Methodische Grundlagen der empirischen Untersuchung
3.1 Ziel, Forschungsinteresse und Selektivität
3.2 Feldzugang, Feldbeschreibung und Reflexion der Forscherrolle
3.3 Grounded Theory als Auswertungsmethode
4. Thesen und Erkenntnisse aus der Analyse
4.1 Das Warten, der Ein- und Ausstieg
4.2 Die Sitzplatzwahl
4.3 Während der Fahrt
5. Fazit
6. Anhang: Kategoriensystem
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Handeln von Individuen im öffentlichen Raum, speziell in Haltestellen und Straßenbahnen, um die hinter den scheinbar ungeordneten Alltagsinteraktionen liegenden strukturierten Verhaltensregeln aufzudecken. Ziel ist es, durch ethnografische Beobachtungen die unbewussten Mechanismen der sozialen Ordnung und Distanzwahrung in Situationen physischer Nähe zu analysieren.
- Mikrosoziologische Analyse des Verhaltens im öffentlichen Raum
- Untersuchung von Wartepraktiken sowie Ein- und Ausstiegsregeln
- Erforschung der Strategien zur Sitzplatzwahl und Raumverteilung
- Rolle von Blickkontakt und Nebenbeschäftigungen zur Präsenzreduktion
- Anwendung der Grounded Theory zur Kategorisierung sozialer Praktiken
Auszug aus dem Buch
4.1 Das Warten, der Ein- und Ausstieg
Zunächst handelt es sich bei den Personen, die sich an der Haltestelle aufhalten, um eine „nichtzentrierte Zusammenkunft“ (Goffman 1971, S. 35), also um die gemeinsame Anwesenheit mehrerer Teilnehmer in einer Situation, in der sie sich gegenseitig wahrnehmen, ohne wechselseitig zu interagieren oder einen gemeinsamen Fokus zu teilen. Sobald diese Personen jedoch ihren „Brennpunkt der Aufmerksamkeit“ auf das Warten auf denselben Bus bzw. dieselbe Straßenbahn lenken, begeben sie sich in „zentrierte Interaktion“ (Goffman 1971, S. 35). In dem Moment, in dem der Bus/die Straßenbahn einfährt, werden die Türen zum gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit, dem sich die Personen zu nähern versuchen.
In Bezug auf das Ein- und Aussteigen wird folgende These aufgestellt:
Alle Beteiligten richten ihr Handeln danach aus, ihren Anspruch auf Einstieg bzw. Ausstieg möglichst schnell geltend zu machen, um sich einen größtmöglichen persönlichen Raum sichern zu können (These 1).
Um 10:31 fährt ein Bus der Linie 472 (Böttigheim -> Würzburg) mit quietschenden Bremsen in die Haltebucht ein. Niemand steigt aus, aber drei Personen (der dunkelhäutige Mann und zwei Frauen) gehen zur vorderen Tür, stellen sich hintereinander auf, halten die Fahrausweise bereits in der Hand während sich die Tür öffnet (Protokoll Nr. 2, S. 2).
Die Reihenposition als „Entscheidungsregel“ legt fest, welche Akteur*innen in welcher Reihenfolge den Anspruch auf Einstieg bzw. Ausstieg wahrnehmen können. Bei der Anordnung innerhalb der Reihe ist ein nach der Regel „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ gerichtetes Verhalten erkennbar. Einen Verstoß gegen diese Regel habe ich nicht beobachtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das soziologische Interesse am Alltäglichen im öffentlichen Raum und definiert die Forschungsabsicht, regulierte Verhaltensmuster an Haltestellen und in der Bahn zu identifizieren.
2. Theoretischer Rahmen der Studie: Dieser Abschnitt führt zentrale Konzepte wie Goffmans Territorien des Selbst und die höfliche Nichtbeachtung ein, um die beobachteten Interaktionen soziologisch zu rahmen.
3. Methodische Grundlagen der empirischen Untersuchung: Das Kapitel erläutert den Einsatz der ethnografischen teilnehmenden Beobachtung sowie der Grounded Theory zur systematischen Erschließung des Datenmaterials.
4. Thesen und Erkenntnisse aus der Analyse: Hier werden die empirischen Ergebnisse zu den Phasen des Wartens, der Platzwahl und des Verhaltens während der Fahrt unter Rückgriff auf die aufgestellten Thesen detailliert ausgewertet.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass soziale Interaktionen in der Bahn stark durch internalisierte Normen zur Distanzwahrung und Präsenzminimierung geprägt sind.
6. Anhang: Kategoriensystem: Der Anhang bietet eine tabellarische Übersicht über die entwickelten Kategorien und Codes, die der Analyse der Beobachtungsprotokolle zugrunde lagen.
Schlüsselwörter
öffentlicher Raum, Straßenbahn, ethnografische Beobachtung, Mikrosoziologie, Goffman, soziale Interaktion, Reihenposition, Distanzwahrung, Sitzplatzwahl, höfliche Nichtbeachtung, Grounded Theory, persönliche Territorien, Präsenzminimierung, soziale Praktiken, alltägliches Handeln
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen ihr Verhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an Haltestellen organisieren, wenn sie sich in physischer Nähe zu Fremden befinden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Der Fokus liegt auf den Themen Warteverhalten, Ein- und Ausstiegsprozessen, Strategien zur Sitzplatzwahl sowie der Reglementierung des Blickverhaltens zur Wahrung des persönlichen Raumes.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, die verborgenen, informellen Regeln aufzudecken, die das Handeln von Fahrgästen steuern und die soziale Ordnung in scheinbar ungeordneten Alltagssituationen aufrechterhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor nutzt die Methode der teilnehmenden ethnografischen Beobachtung, deren Ergebnisse systematisch mithilfe der Grounded Theory nach Strauss und Corbin ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Phasen des Wartens/Einsteigens, die Sitzplatzwahl als Aushandlung von Territorien und das Blickverhalten während der Fahrt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem soziale Ordnung, höfliche Nichtbeachtung, Distanzwahrung, persönlicher Raum sowie teilnehmende Beobachtung.
Welche Rolle spielen Smartphones in diesem Kontext?
Smartphones dienen als Hilfsmittel zur Präsenzminimierung, indem sie den Fahrgästen einen Rückzug aus dem Interaktionsgeflecht ermöglichen und den Blickkontakt zu Mitreisenden effektiv vermeiden helfen.
Wie gehen Fahrgäste mit der Platzwahl um?
Fahrgäste wägen bei der Platzwahl zwischen zwei Risiken ab: dem Risiko physischer Nähe zu Fremden und dem Risiko unerwünschten Blickkontakts; dabei wird oft nach Distanzmaximierung gestrebt.
Gibt es Ausnahmen von der angestrebten Distanzwahrung?
Ja, in überfüllten Fahrzeugen wird eine größere physische Nähe akzeptiert, da die Situation die Notwendigkeit des engen Zusammenstehens rechtfertigt; zudem zeigen Paare oft ein konträres Verhalten, bei dem Körperkontakt gesucht wird.
Welche Bedeutung haben Hunde in der Analyse?
Hunde werden als soziale „Türöffner“ identifiziert, die es ermöglichen, die allgemeine soziale Distanz zu überbrücken, auch wenn die Besitzerin anfangs reserviert reagiert.
- Citar trabajo
- Markus Lüske (Autor), 2019, Ethnografische Beobachtungen im öffentlichen Raum. Von der Haltestelle in die Straßenbahn, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1349809