Die vorliegende Arbeit wagt einen Versuch, Orientierung zu stiften. Ziel ist es, auf der Grundlage von Systemtheorie und Konstruktivismus sowie unter Einbeziehung wissenschaftlich evaluierter Modelle und Erkenntnisse (mögliche) Beiträge einer Haltung des Nichtwissens systemisch Beratender für die Qualität der Beratung aufzuzeigen. Ebenso gilt es jedoch, auf Risiken und Unzulänglichkeiten einer solchen Betrachtung hinzuweisen. Zur Reduzierung der Komplexität erfolgt eine inhaltliche beziehungsweise thematische Limitierung auf den Bereich der (personenbezogenen) arbeitsweltlichen Beratung. Hintergrund sind zum einen dessen zunehmende gesellschaftliche Relevanz, zum anderen der Umstand, dass die in dieser Arbeit zugrunde gelegten Modelle und Erkenntnisse zur Qualität in der systemischen Beratung im Rahmen dieses Kontextes gewonnen wurden. Daneben ist der Untersuchungsgegenstand auf die Beratungsphase "Bearbeitungs- und Lösungsebene finden" begrenzt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Haltung des Nichtwissens: ein Beitrag zur Qualität in der systemischen Beratung?
2.1 Theorie und Begriffsbestimmungen
2.1.1 Qualität in der systemischen Beratung
2.1.1.1 Systemische Beratung
2.1.1.1.1 Grundlagen
2.1.1.1.2 Systemisches Modell arbeitsweltbezogener Beratung
2.1.1.2 Qualität
2.1.1.2.1 Grundlagen
2.1.1.2.2 Qualitätsmerkmale systemischer Beratung
2.1.2 Systemische Haltungen: die Haltung des Nichtwissens
2.1.2.1 Grundlagen
2.1.2.2 Merkmale beraterischen Handelns
2.2 Analyse
2.2.1 Vorüberlegungen
2.2.2 Qualitätsmerkmal P3
2.2.3 Qualitätsmerkmal P4
2.2.4 Ergebnis
2.3 Kritische Betrachtung
3 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel der Arbeit ist es, auf Basis von Systemtheorie und Konstruktivismus zu untersuchen, inwiefern eine „Haltung des Nichtwissens“ systemischer Berater einen Beitrag zur Qualität in der Beratungsphase „Bearbeitungs- und Lösungsebene finden“ leisten kann und welche Risiken dabei bestehen.
- Grundlagen der systemischen Beratung und Qualität im arbeitsweltlichen Kontext
- Konzeptualisierung der „Haltung des Nichtwissens“ als systemisches Werkzeug
- Analyse der Qualitätsmerkmale des Beratungsprozesses (P3 und P4)
- Beziehung zwischen professioneller Haltung und Empowerment des Ratsuchenden
Auszug aus dem Buch
Systemische Haltungen: die Haltung des Nichtwissens
Im nächsten Schritt gilt es, den Begriff des Nichtwissens inhaltlich zu präzisieren, um eine Haltung des Nichtwissens mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand der Arbeit hinreichend zu markieren.
Dazu wird in einer Vorstufe das in der Einleitung skizzierte Alltagsverständnis von Wissen aufgegriffen und durch einige systemtheoretische Überlegungen erweitert. Das beginnt damit, dass das Verständnis von Wissen im Kontext der Systemtheorie abweicht von demjenigen der Umgangssprache. Das, was im Alltag als Wissen bezeichnet wird, sind einem systemtheoretischen Verständnis folgend (meist) Daten. Wenn ein Beobachter diesen Daten einen Sinn zuschreibt, diese also interpretiert, handelt es sich um Informationen. Und erst wenn diese Informationen in einen Praxiszusammenhang gestellt werden, verbunden mit einer neuen oder veränderten Lebenspraxis, kann (kontextbezogen) Wissen generiert werden.
Für die Beschreibung von Nichtwissen bedarf es schließlich der Einführung eines weiteren systemtheoretischen Begriffes: dem der Form. Gemeint ist, im Kontext von Wissen, stets den Gegenbegriff (Nichtwissen) mitzudenken. Wissen realisiert sich innerhalb eines Berater-Systems als Differenz von Wissen und Nichtwissen in den täglichen Denk- und Bewusstseinsprozessen, welche deren Verhalten als kognitive Systeme steuern. Und dieses Verhalten ist geleitet durch verschiedene theoretische Vorannahmen, z. B. dass kognitive Systeme wie das Ratsuchende-System als solche intransparent sind sowie über einen erheblichen Vorrat an Operationsmöglichkeiten und Handlungsoptionen verfügen. Kognitive Systeme sind nicht zielgerichtet und linear-kausal steuerbar, können aber irritiert (perturbiert) werden, sich nach eigenen Möglichkeiten und Maßgaben zu verändern. In der Konsequenz ist in einem Kontext von Beratung die Veränderung eines kognitiven Systems als nichttriviales, autopoietisches System immer Selbstveränderung, welche in der Gestaltung von Rahmenbedingungen prozesshaft durch das Berater-System angeregt, jedoch nicht determiniert mit Blick auf eine Aufgabe (Auftrag, Ziel, Wunsch) des Ratsuchenden-Systems antizipiert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung ein und definiert das Ziel, den Beitrag einer Haltung des Nichtwissens für die Qualität in der systemischen Beratung zu beleuchten.
2 Die Haltung des Nichtwissens: ein Beitrag zur Qualität in der systemischen Beratung?: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil, in dem theoretische Grundlagen wie Systemtheorie und Konstruktivismus dargelegt, der Begriff des Nichtwissens definiert und eine Analyse anhand spezifischer Qualitätsmerkmale des Beratungsprozesses durchgeführt wird.
3 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Haltung des Nichtwissens zwar keine notwendige Voraussetzung darstellt, aber für eine qualitätsvolle Beratung im Sinne von Empowerment-Prozessen essenziell ist.
Schlüsselwörter
Systemische Beratung, Qualität, Haltung des Nichtwissens, Beratungsprozess, Konstruktivismus, Systemtheorie, Ratsuchendes-System, Empowerment, Arbeitsweltliche Beratung, Beratungsqualität, Professionelle Beratung, Reflexion, Wirklichkeitskonstruktion, Entscheidungszwang, Begründungsverpflichtung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie eine „Haltung des Nichtwissens“ bei systemisch Beratenden dazu beitragen kann, die Qualität in der Beratungsphase „Bearbeitungs- und Lösungsebene finden“ zu erhöhen.
Welche wissenschaftlichen Modelle bilden die Basis?
Die Autorin stützt sich primär auf Systemtheorie und Konstruktivismus sowie auf das „systemische Modell arbeitsweltbezogener Beratung“ des Projektes Beratungsqualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geprüft werden, inwiefern eine Haltung des Nichtwissens als notwendige Voraussetzung für Qualität in der systemischen Beratung fungiert und wie sie sich in der Praxis operationalisieren lässt.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Der Autor führt eine theoretische Analyse durch und gleicht die Merkmale einer Haltung des Nichtwissens mit spezifischen Qualitätsmerkmalen (P3, P4) des Beratungsprozesses ab.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Neben den theoretischen Begriffsbestimmungen erfolgt eine detaillierte Analyse, wie systemisch Beratende durch „Nichtwissen“ den Ratsuchenden bei der Situationsanalyse und Lösungsfindung unterstützen können.
Welche Schlüsselbegriffe sind für die Arbeit prägend?
Zentrale Begriffe sind die „Haltung des Nichtwissens“, „Qualität als Konstrukt“, „Beziehungsgestaltung auf Augenhöhe“ und die „autopoietische Natur des Ratsuchenden-Systems“.
Warum wird die Phase „Bearbeitungs- und Lösungsebene finden“ hervorgehoben?
Die Untersuchung konzentriert sich auf diesen Abschnitt, da hier die Qualitätsmerkmale P3 (Bestandsaufnahme) und P4 (Lösungsfindung) eine besonders hohe Relevanz für den Erfolg systemischer Beratung haben.
Welche Rolle spielt die „Hybris des Wissens“ im Beratungsprozess?
Sie dient als Negativfolie; die Haltung des Nichtwissens hilft dem Berater, nicht vorschnell zu glauben, das Anliegen des Ratsuchenden bereits vollständig verstanden zu haben, und bleibt daher offen für dessen individuelle Wirklichkeitskonstruktion.
Wie lautet das Fazit zur Notwendigkeit der Haltung des Nichtwissens?
Die Haltung ist keine rein technokratisch notwendige Voraussetzung, wird jedoch als strukturgebende Kraft betrachtet, ohne die eine nachhaltige Bearbeitung und Lösung von Problemen in systemischen Kontexten kaum gelingen kann.
- Arbeit zitieren
- Marc Heiderich (Autor:in), 2023, Die Bedeutung einer Haltung des Nichtwissens für die Qualität der systemischen Beratung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1349975