Im deutschen Sprachraum vollzog sich in den 1960er Jahren ein Paradigmenwechsel von der Ideen- und Politikgeschichte zur Historischen Sozialwissenschaft, und damit rückte die Beschäftigung der HistorikerInnen mit den Strukturen der Gesellschaft in den Vordergrund. In den achtziger Jahren begann sich eine weitere Veränderung abzuzeichnen. Die verstärkte Kritik an der struktural orientierten Historischen Sozialwissenschaft mit ihrer „Suche nach gesetzmäßigen Abläufen in der Geschichte“ und ihrem Verzicht auf die Betrachtung der AkteurInnen eröffnete ein neues Konzept in der Geschichtswissenschaft. Mit der Hinwendung der HistorikerInnen zum Individuum als Mitgestalter seiner Lebensbedingungen und zu dessen Elementarerfahrungen konstituierte sich eine neue Richtung: die Historische Anthropologie. Dieser Paradigmenwechsel sollte nicht nur die Behandlung von neuen Themenfeldern bewirken, sondern infolgedessen auch eine völlig neue Hermeneutik und Methodik mit sich bringen.
Der Terminus „Anthropologie“ bezeichnete bis dahin im deutschen Sprachraum menschliche Konstanten, die insbesondere unter dem Aspekt der Naturwissenschaften betrachtet wurden. Im Gegensatz dazu liegt der Schwerpunkt der Historischen Anthropologie jedoch auf dem Individuum, seinen (subjektiven) variablen Erfahrungen in verschiedenen Lebensbereichen (Elementarerfahrungen) und auf dem Wechselspiel zwischen den AkteurInnen und den jeweils vorherrschenden Lebensbedingungen. Mit Gert Dressel gesprochen, stellt sie eine Anthropologie „menschlicher Möglichkeiten“ dar. Die genaueren Ansätze dieses Zugangs zur Geschichte werden in folgenden Punkten - vor allem direkt am Beispiel des gewählten Werkes - ausführlich erläutert.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG - MERKMALE DER HISTORISCHEN ANTHROPOLOGIE
1. Exkurs - Die eigene Position
II. HEIDE WUNDER - EINE SCHWEIGSAME VERTRETERIN DER HISTORISCHEN ANTHROPOLOGIE
III. „ER IST DIE SONN’, SIE IST DER MOND“ IM RAHMEN DES NEUEN PARADIGMAS
1. Das Thema
2. Die Methode: Quellen und deren Darstellungsweise
3. Weitere Kriterien der Historischen Anthropologie
IV. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Werk „Er ist die Sonn’, sie ist der Mond. Frauen in der Frühen Neuzeit“ von Heide Wunder im Hinblick auf seine wissenschaftstheoretische Einordnung in die Historische Anthropologie und analysiert, inwiefern die gewählte Methodik und Thematik dem Paradigmenwechsel der Geschichtswissenschaft gegen Ende des 20. Jahrhunderts entsprechen.
- Grundlagen und Paradigmenwechsel der Historischen Anthropologie
- Die Rolle der Historikerin und die Bedeutung der eigenen Standpunktreflexion
- Methodische Ansätze bei der Arbeit mit Quellen in der Historischen Anthropologie
- Analyse von Elementarerfahrungen wie Familie, Ehe, Geschlecht und Lebensphasen
- Wissenschaftstheoretische Bewertung des untersuchten Werkes von Heide Wunder
Auszug aus dem Buch
2. Die Methode - Quellen und deren Darstellungsweise
Die VertreterInnen der Politik- und Ereignisgeschichte gingen meist den Weg von der Quelle zum Problem. Das heißt, die größtenteils schriftlichen Zeugnisse wurden ausgewertet, ohne eine zuvor bestimmte Frage an die Quelle gestellt zu haben. Umgekehrt macht es sich die Historische Anthropologie zur Aufgabe, menschliche Elementarerfahrungen zu erforschen und tritt somit von Anfang an mit einer bestimmten Fragestellung an die Quelle(n) heran. Dabei findet sowohl bisher weniger beachtetes überliefertes Material Berücksichtigung - wie beispielsweise autobiographische Zeugnisse - als auch bereits (unter anderem Aspekt) ausgewertete Quellen.
So meint Heide Wunder in ihrem Werk „Eine Stadt der Frauen“, dass „diese Quellen, die zum Teil schon von VertreterInnen traditioneller historiographischer Ansätze genutzt worden sind, mit neuen Interpretationsansätzen auch für neue Fragestellungen, für frauengeschichtliche im Besonderen und für historisch-anthropologische im Allgemeinen, neu ‘zum Sprechen’ gebracht werden können“.
Diese theoretische Aussage bestätigt die Autorin in „Er ist die Sonn’, sie ist der Mond“ selbst anhand eines Beispiels. So hinterfragt sie beispielsweise die Annahme Karl Büchers, die hohe Zahl alleinstehender erwerbstätiger Frauen in den großen Städten des späten Mittelalters sei eine „soziale Frage des Mittelalters“. Hatte dieser angenommen, die außerhäusliche Erwerbstätigkeit von Frauen sei ein Zeichen dafür, dass Frauen wegen Männermangels unversorgt waren und daher ein soziales Problem darstellten, so dreht Heide Wunder den Spieß einfach um und kommt zu dem Schluss, dass alleinstehende Frauen gerade kein soziales Problem waren, solange sie ihren Unterhalt selbst erarbeiten konnten.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG - MERKMALE DER HISTORISCHEN ANTHROPOLOGIE: Dieses Kapitel erläutert den wissenschaftshistorischen Paradigmenwechsel von der struktural orientierten Historischen Sozialwissenschaft hin zur Historischen Anthropologie, die das Individuum und seine Elementarerfahrungen in den Mittelpunkt stellt.
1. Exkurs - Die eigene Position: Die Autorin legt ihre eigene Motivation und ihren feministischen Standpunkt dar, der sie zur Auseinandersetzung mit der Geschlechtergeschichte und der Wahl ihres Diplomarbeitsthemas geführt hat.
II. HEIDE WUNDER - EINE SCHWEIGSAME VERTRETERIN DER HISTORISCHEN ANTHROPOLOGIE: Hier wird die Person Heide Wunder sowie ihre Forschungsschwerpunkte vorgestellt und kritisch beleuchtet, dass sie zwar methodisch der Historischen Anthropologie nahesteht, ihre eigene Subjektivität jedoch nicht explizit thematisiert.
III. „ER IST DIE SONN’, SIE IST DER MOND“ IM RAHMEN DES NEUEN PARADIGMAS: Dieses Kernkapitel untersucht das gewählte Werk hinsichtlich seines Themas, der methodischen Quellenarbeit und der Übereinstimmung mit Kriterien der Historischen Anthropologie.
1. Das Thema: Es wird analysiert, wie Wunder das Themenfeld „Frauen - Männer - Geschlecht“ im Kontext der Historischen Anthropologie bearbeitet und den Begriff der Elementarerfahrungen integriert.
2. Die Methode: Quellen und deren Darstellungsweise: Die methodische Vorgehensweise der Autorin wird kritisch gewürdigt, insbesondere ihr Umgang mit diversen Quellentypen und der Versuch, Geschichte nicht nur strukturell, sondern erfahrungsnah zu schreiben.
3. Weitere Kriterien der Historischen Anthropologie: Das Kapitel vergleicht das Werk mit spezifischen Anforderungen der Forschung, wie der Behandlung von Familie, Lebensphasen und dem Innenleben der Menschen, und prüft deren empirische Untermauerung.
IV. ZUSAMMENFASSUNG: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Einordnung des Werkes in die Historische Anthropologie und reflektiert erneut über die Bedeutung der Standortgebundenheit in der geschichtswissenschaftlichen Forschung.
Schlüsselwörter
Historische Anthropologie, Heide Wunder, Geschlechtergeschichte, Paradigmenwechsel, Elementarerfahrungen, Quellenkritik, Sozialgeschichte, Frauengeschichte, Frühe Neuzeit, Geschlechterbeziehungen, Handlungsräume, Geschlechterrollen, Feministische Geschichtswissenschaft, Wissenschaftstheorie, Identitätsstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftstheoretischen Einordnung des Buches „Er ist die Sonn’, sie ist der Mond“ von Heide Wunder in das Forschungsfeld der Historischen Anthropologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft, die methodische Analyse von Geschlechterverhältnissen in der Frühen Neuzeit sowie die Bedeutung von Subjektivität in der historischen Forschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Heide Wunders Arbeit trotz der fehlenden expliziten Selbstreflexion der Autorin methodisch und inhaltlich eindeutig der Historischen Anthropologie zuzuordnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine wissenschaftstheoretische Analyse, die das untersuchte Primärwerk anhand der Kriterien und Definitionen der Historischen Anthropologie (u.a. nach Gert Dressel) prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Thema des Buches, die Vielfalt der verwendeten Quellen (Selbstzeugnisse, Bilder, Demographien) und wie diese zur Erforschung von Alltag und Handlungsmöglichkeiten von Frauen beitragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Historische Anthropologie, Geschlechtergeschichte, Elementarerfahrungen, Paradigmenwechsel und Quellenanalyse.
Wie bewertet die Autorin die methodische Vorgehensweise Heide Wunders?
Die Autorin erkennt Wunders neue Interpretationsansätze an, kritisiert jedoch, dass die Autorin ihre eigene Standortgebundenheit und Perspektive im Werk nicht ausreichend reflektiert.
Inwiefern spielt der Begriff „Elementarerfahrungen“ eine Rolle?
Der Begriff dient als analytische Kategorie, um menschliche Grunderfahrungen wie Geburt, Ehe oder Arbeit in der Frühen Neuzeit vom Fokus auf rein strukturelle oder gesetzmäßige Abläufe abzugrenzen.
- Quote paper
- Marion Luger (Author), 1999, Heide Wunder, Er ist die Sonn', sie ist der Mond. Frauen in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135032