Die Bedeutung der Eisenbahn für die Entwicklung Kanadas

Ohne Eisenbahn kein Dominion?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
39 Seiten

Leseprobe

Einleitung

Die Erfindung der Eisenbahn veränderte die Welt – zuerst in Europa und sehr bald auch in der Neuen Welt, wo man schnell das Potential dieser Technologie erkannte. Nun konnten große Strecken überwunden werden und dabei Güter in einer solchen Menge transportiert werden, wie es bis dahin nur per Schiff denkbar gewesen war. Der Vorteil der Eisenbahn lag jedoch gegenüber der Schifffahrt klar auf der Hand. Mit der Eisenbahn war es nun möglich, Gebiete zu erreichen, zu denen keine Straßen führten und die per Schiff aufgrund fehlender natürlicher Wasserwege nicht erreichbar waren. Man konnte sie theoretisch in jede Richtung ausrichten und bauen. Durch Berge führte man Tunnel und gerade der moderne Brückenbau des 19. Jh. ermöglichte die Überquerung von Schluchten und Flüssen.

Die Frage die sich nun stellt ist die Folge: Wie und wann kam die Eisenbahn nach Kanada? Welche Ziele verfolgten die Streckenbetreiber? Und: Wie wirkte sich der Bau von Eisenbahnen a) auf die wirtschaftliche Situation, sowie b) auf die politische Lage Kanadas aus? Kurzum möchte diese Abhandlung die Bedeutung der Eisenbahn für die Entwicklung Kanadas näher beleuchten, dabei aber gerade auch den Vergleich zum Konkurrenten im Süden suchen. Die Ergebnisse sollen schließlich sowohl auf kanadischer, wie auch auf Seiten der Vereinigten Staaten in den historischen Kontext eingebunden und betrachtet werden, so das am Ende eine Aussage über die Bedeutung der Eisenbahn für die Entwicklung Kanadas zu einem‚unabhängigen‘ Staat gemacht werden kann. In dieser Untersuchung wird daher in einem ersten Schritt noch einmal zu klären sein, um welche Erfindung es sich überhaupt handelt und wo der Siegeszug der Eisenbahn seinen Ausgangspunkt nahm. Direkt hieran anschließend muss die Frage nach der Verbreitung dieser Technologie gestellt werden und geschaut werden wie und wann die Eisenbahn den Sprung über den „großen Teich“ schaffte. Erst wenn dies geklärt ist und eine Grundlage für die Thematik geschaffen worden ist, kann man im Folgenden konkret daran gehen und schauen, wie sich die Kolonien in Britisch Nord-Amerika und eben speziell in den beiden Kanadas entwickelt haben. Die Arbeit möchte dabei vier Aspekte der Entwicklung erläutern, so die Anfangsphase der Eisenbahn, die Boom-Zeit der 1850er Jahre, darauf aufbauend das Verhältnis zwischen Kanada und den USA durch den Bau der Eisenbahn-Linien und schließlich die Bedeutung der Eisenbahn für die Unionsbestrebungen in den 1860er Jahren.

Abschließend soll so in einem Fazit, alle Punkte rekapitulierend, eine Antwort darauf gegeben werden, welche Bedeutung die Eisenbahn letztendlich für die wirtschaftliche und politische Entwicklung hinsichtlich einer staatlichen Unabhängigkeit hatte.

Die Verbreitung der Eisenbahn

Die ersten Linien

Spricht man vonRailroadsbzw. von Eisenbahnen im Allgemeinen im 19. Jh. so muss man an dieser Stelle erklären, dass hiermit gerade zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch keine lokomotivbetriebenen Züge gemeint waren. Vielmehr waren es zumeist Pferdebahnen – also über durchaus längere Strecken von Pferden gezogene Wagen auf Schienen – die vorwiegend im Bergbau genutzt wurden, um die gewonnen Rohstoffe zu befördern, oder aber kurze Linien, die als Übergang zwischen Wasserwegen fungierten, sogenannte Portages.1 Der Bau von Dampfkessel-Lokomotiven erfolgte anfangs nur sehr zögerlich. Sie waren in der Anschaffung zu unrentable und teuer. Der Grund war, dass die benötigten Materialien wie Kupfer und Eisen sehr teuer waren. Die Attraktivität für den Bau von Dampfloks und Eisenschienen stieg erst in den 20er und 30er Jahren des 19. Jh., als gleich vier Faktoren zusammenkamen. Der erste betraf stark sinkende Rohstoff-Preise. Gleichzeitig zu den sinkenden Rohstoffpreisen erhöhten sich die Kosten für die Nutzung von Kanälen, dem damals bevorzugten Transportmittel für große Lasten und Mengen. Der dritte Faktor war jener der Zeit. Sowohl die Schifffahrt, als auch die Pferdebahnen waren relativ langsam. Waren mussten aber des Gewinnes wegen immer schneller transportiert, verarbeitet und verkauft werden. Unterstützt durch den vierten Aspekt, dem Wunsch in neue Produkte zu investieren und möglichst höhe Gewinne am Ende einzustreichen, verhalfen sie der Eisenbahn schließlichzum Durchbruch.2 Nun waren Geld und das Bedürfnis für einen schnellen Transport vorhanden – dies gerade auch aus dem Hinterland hin in die Handels- und Industriemetropolen.3

All diese Faktoren kamen zuerst im Mutterland der Industrialisierung zusammen. In England entstande schließlich ab 1825 auch die ersten Dampf-Lokbetriebenen Eisenbahn-Linien.4 Die erste „richtige“ Eisenbahn Linie wurde schließlich 1829/30 fertiggestellt. Mit ihren knapp 50 Kilometern verband sie Liverpool mi Manchester und gilt wohl gleichzeitig als eine der berühmtesten Strecken. Mit ihr hängt das „Wettrennen von Rainhill 1829“ zusammen, welches Georg Stephenson mit seiner Lokomotive „Rocket“ gewann und hiermit quasi offiziell das Zeitalter der modernen Eisenbahn einläutete.5 Die Dampfbetriebene Eisenbahn begann schließlich in England ihren Siegeszug und führte dort zum Bau eines dichten Netzes. Auch in der Neuen Welt erkannte man schnell das Potential dieser neuen Technologie. Im Folgenden soll sich bei der Behandlung der Eisenbahnen Nordamerikas auf jene Dampfbetriebenen beschränkt und nicht auch auf die Portages eingegangen werden.

Die Neue Welt und die Eisenbahn

Nachdem die dampfbetriebene Eisenbahn in England schnell Erfolge feiern konnte, wurde man gerade in der Neuen Welt auf diese Erfindung aufmerksam. So bot die neue Technologie doch die Möglichkeit eines der grö1ten Probleme in Nord-Amerika zu lösen – die schnelle Überwindung gro1er Strecken. Das Interesse an der Eisenbahn fand sich dabei in gleichen Ma1en nicht nur in den USA, die mehr und mehr auf ein modernes Transportwesen angewiesen waren, sondern auch im vergleichsweise unterentwickelten Kanada. Im Folgenden

soll dennoch nun erst einmal der Blick auf die Entwicklung in den Vereinigten Staaten geworfen werden. Die erste Strecke wurde dort bereits fünf Jahre nach dem Bau der englischen „Stockton & Darlington Railway“ im Mai 1830 für den Verkehr freigegeben und ist somit als die erste Eisenbahnstrecke außerhalb Großbritannien zu bezeichnen, da in Europa noch weitere fünf Jahre, also bis 1835 dauerte, bis die Eisenbahn das Festland (genauer Belgien und Frankreich) erreichte. Die erste USBahnstrecke hatte eine Länge von 22 Kilometern und verband Baltimore mit Ellicott's Mill. Geplant war, dass sie bis zum Ohio-River gebaut werden sollte. Entsprechend lautete der Name der Company „Baltimore & Ohio Railway“.6

Recht zügig folgten weitere Strecken. Zumeist baute man zu Anfang in den Vereinigten Staaten Eisenbahn-Linien um Verbindungen zwischen Kanalendpunkten herzustellen, oder wichtige Umschlagplätze miteinander zu verbinden.7 Der Expansionsgedanke verband sich jedoch immer mehr mit der Eisenbahn, lagen die Möglichkeiten, welche diese neue Technologie doch bot, auf der Hand. Dank der Eisenbahn würde man auch Siedlungen im Westen schnell erreichen und so eine Verbindung für Kommunikation und Warenaustausch etablieren können.8 Wenig verwunderlich ist daher, dass es bereits im Jahre 1852 vier Eisenbahn-Linien gab, die über die Appalachen in den Westen führten und dort die Städte mit der Küste verbanden.9 Zur Finanzierung der Bahnlinien ist zu sagen, dass alle Linien in privater Hand waren und es sich somit nicht um staatliche Projekte handelte. Sehr wohl war natürlich auch der Staat an einem Auf- und Ausbau des Eisenbahn-Netzes interessiert und unterstützte den Bau durch die Vergabe von Ländereien.10 Neben dieser Unterstützung durch den Staat, waren es vor allem britische Investoren, die derartige Bahnprojekte mit großen Summen finanzierten.11

Der Aufbau eines Eisenbahn-Netzes und der Bau von Bahnlinien in den Westen verbanden unter anderem die Städte New York und Chicago miteinander. Die Linie selbst wurde hierdurch zu einem direkten Konkurrenten für die Wasserwege, die bis dahin genutzt worden waren.12 Chicago entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der größten Umschlagplätze für Waren aller Art, die aus allen Richtungen dort eintrafen und entwickelte sich zu einem der ersten großen und vor allem modernen Handels- und Industriezentren der USA. Beispielhaft hierfür ist, dass in Chicago bereits in den 1850er Jahren über hundert Züge täglich abgefertigt wurden.13 Der Grund für die Entwicklung lag in der immer stärkeren Kommerzialisierung vor allem im Bereich der Landwirtschaft.14

Interessant ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass die Züge dabei eher selten den Süden ansteuerten. Die meisten Linien verliefen in den USA in Ost-West- Richtung, selten von Norden nach Süden, was wohl von symbolischer Aussagekraft für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Nord- und Südstaaten sein dürfte.15 Generell schien aber auch ein viel stärkeres Interesse im Eisenbahnbau bei den Nordstaaten zu liegen, da vor allem im Nord-Osten intensiv an Eisenbahnlinien gebaut wurde.16 Dies wiederum nahm nun Einfluss auf die nördlichen Küstenstädte. Sie profitieren immer stärker von dem West-Ost-Verkehr – vor allem als man damit begann, Wagons mit Eis zu kühlen und der Westen fast ganzjährig alle Produkte in die Küstenstädte liefern konnte. Durch die Versorgung aus dem Westen gingen Handwerk, vor allem aber die Landwirtschaft zurück und es entstanden moderne Handels-, Industrie- und Bankenstädte.17 Der Eisenbahn-Bau selbst führte zu einem wahren Boom in der Industrie, da neben Arbeitskräften vor allem verschiedenste Materialien benötigt wurden – gerade die Eisenindustrie partizipierte hiervon.18 Zurückkommend auf die Entwicklung der Eisenbahn ist abschließend nun ein anderer wichtiger Punkt in der Geschichte der USA zu benennen. Und zwar träumte man bereits 1830 mit dem Bau der ersten Linie davon eine transkontinentale Eisenbahn zu errichten.19 Es sollte aber noch bis nach dem Bürgerkrieg dauern, bis dieses Projekt tatsächlich begonnen und vollendet werden konnte. Jedoch ist anzumerken, dass die Planungen für diese Bahn bereits früher begannen und im Bürgerkrieg – genauer im Jahre 1862 – selbst der Startschuss für den Bau der Linie gegeben wurde.20 Im Mai 1869 wurde die erste Eisenbahnlinie die den Atlantik mit dem Pazifik ohne Unterbrechung verband fertiggestellt.21

[...]


1 König, Wolfgang; Weber, Wolfhard: Netzwerke, Stahl und Strom. 1840 – 1914, in: Propyläen der Technikgeschichte von Wolfgang König (Hrsg.), Berlin 1990, S. 173f. [im Folgenden zitiert als: König/Weber: Technikgeschichte]. Dies trifft so zum Beispiel auch auf die USA und Kanada zu, wo sehr viele Portages in Betrieb waren, dort teilweise aber schon durch Seilwinden, die durch eine Dampfmaschine angetrieben wurden, die Zugtiere ersetzt hatten.

2 Channon: Geoffrey: Railways in Britain and the United States, 1830 – 1940, Aldershot 2001, S. 37. [im Folgenden zitiert als: Channon: Railways in Britain and the United States]

3 König/Weber: Technikgeschichte, S. 173 – 177.

4 König/Weber: Technikgeschichte, S. 173, als auch Andreae, Christopher: Railways, in: Ball, Norman (Hrsg.): Building Canada. A history of public works, Toronto 1991. S. 90f. [im Folgenden zitiert als: Andreae: Railways]. Es handelte sich hier vor allem aber um die Nutzung von Pferdebahn-Strecken, auf denen nun statt der Pferde Dampfloks die Lasten zogen.

5 Hintergrund des Rennens war, dass die Betreiber der Liverpool/Manchester-Linie nach einer schnellen Verbindung zwischen Hafen und Fabriken verlangten, ihnen die Kanäle und bisherigen Bahnen samt Lokomotiven aber zu langsam waren. Bei den Betreibern handelte es sich um Industrielle der Textilindustrie, die möglichst schnell, dass hieß mit mindestens 16km/h die Baumwollen vom Hafen in ihre Fabriken transportiert sehen wollten, vgl. Andreae: Railways, S. 90, als auch ergänzend König/Weber: Technikgeschichte, S. 173f.

6 Andreae: Railways, S. 90.

7 Sautter, Udo: Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, 7. Aufl., Stuttgart 2006, S. 142. [im Folgenden zitiert als: Sautter: USA]

8 Glazebrook, G.P. de T.: A History of Transportation in Canada, Bd. 1, Toronto 1964, S. 144. [im Folgenden zitiert als: Glazebrook: Transportation in Canada 1]

9 Heideking, Jürgen; Mauch, Christof: Geschichte der USA, 5. Aufl. Tübingen 2007, S. 98f. [im Folgenden zitiert als: Heideking/Mauch: USA]

10 Die Ländereien konnten von der Bahn-Gesellschaft in zweifacher Hinsicht genutzt werden. Zum einen war das nötige Land für den direkten Bau gegeben und musste nicht erst noch erworben werden, zum anderen konnten die Ländereien verpachtet oder verkauft werden, um auf diese Weise zur Finanzierung des Streckenbaus genutzt zu werden. Sautter: USA, S. 142f.

11 Sautter: USA, S. 146.

12 Sautter: USA, S. 142.

13 Sautter: USA, S. 143f.

14 Heideking/Mauch: USA, S. 98 – 101.

15 Heideking/Mauch: USA, S. 99.

16 Sautter: USA, S. 143.

17 Heideking/Mauch: USA, S. 100f.

18 Sautter: USA, S. 145.

19 Heideking/Mauch: USA, S. 99.

20 Heideking/Mauch: USA, S. 159. Grund hiervor war wohl auch ein militärisches Interesse. Die bestehenden Eisenbahnlinien hatten sich im Bürgerkrieg als Mittel zum schnellen Transport von Soldaten und Material bewährt, vgl. Sautter: USA, S. 220.

21 Glazebrook, G.P. de T.: A History of Transportation in Canada, Bd. 2, Toronto 1964, S. 2 [im Folgenden zitiert als: Glazebrook: Transportation in Canada 2], als auch Heideking/Mauch: USA, S. 159162.

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Details

Titel
Die Bedeutung der Eisenbahn für die Entwicklung Kanadas
Untertitel
Ohne Eisenbahn kein Dominion?
Autor
Jahr
2009
Seiten
39
Katalognummer
V135059
ISBN (eBook)
9783640429905
ISBN (Buch)
9783640429998
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte Kanadas bis 1867, Dominion, Eisenbahn, Great Western Railway, Grand Trunk Line, Unabhängigkeit, Guarantee Act, Reciprocity Act, British North America Act, Liam Hopewell
Arbeit zitieren
Liam Hopewell (Autor), 2009, Die Bedeutung der Eisenbahn für die Entwicklung Kanadas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135059

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