Pierre Félix Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin geboren und starb am 23. Januar 2002 in Paris. Er war ein französischer Philosoph und Soziologe. Eines seiner Hauptwerke ist das Buch „Die feinen Unterschiede“ aus dem Jahre 1979. In diesem Werk bezeichnet er die französische Gesellschaft als Klassengesellschaft und macht klar, dass dies auch für alle anderen westlichen Industriegesellschaften der Fall ist. Im Grunde ist Bourdieus Theorie „eine Weiterführung der Theorien sozialer Ungleichheit“.
Wäre das gesellschaftliche Leben mit einem Glücksspiel vergleichbar, so hätte jeder Mensch jederzeit die Chance, einen neuen, höheren Status innerhalb kürzester Zeit zu erlangen. Oder anders gesagt, es bestünde auch immer die Gefahr, von einem sehr hohen Status in einen sehr niedrigen zu fallen. Das Glücksspiel ist zufällig und absolut unabhängig von der Vergangenheit, ein Paradebeispiel an Chancengleichheit. Keiner hätte einen Vorteil durch seine Eltern und ihre Arbeit, ebenso wenig hätte keiner einen Nachteil aus seiner Herkunft zu befürchten. Dies ist aber in unserer Gesellschaft nicht der Fall.
PISA und andere Studien zeigen, dass in Deutschland keine Chancengleichheit, sondern soziale Ungleichheit herrscht. Bourdieu hat mit seiner Theorie die Mechanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit aufgedeckt. Daher wird diese Arbeit zunächst seine Habitus-Theorie aufgreifen und die wesentlichen Begriffe erklären. Was ist die Kapitaltheorie? Wie äußert sich der Habitus und was sind die verschiedenen Geschmäcker, die Bourdieu beschreibt? Diese Fragen werden in den Mittelpunkt des größeren, theoretischen Teils gerückt. Als Einstieg dient zunächst eine kurze Explikation des Begriffes „soziale Ungleichheit“. Im zweiten Teil soll Bezug auf die aktuelle Lage in Deutschland und die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem genommen werden. Im Mittelpunkt werden dabei die Bildungsexpansion und ihre Folgen für die Reproduktionsmechanismen, der durch das Elternhaus bestimmte Schul- und Universitätserfolg und die Einflussnahme des Habitus bei der Vergabe von Spitzenpositionen im Beruf stehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff „soziale Ungleichheit“? – Begriffsexplikation
3 Die Kapitaltheorie
3.1 Ökonomisches Kapital
3.2 Kulturelles Kapital
3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital
3.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital
3.3 Soziales Kapital
3.4 Symbolisches Kapital
3.5 Transformation des Kapitals
4 Habitus, Klassen und Geschmack
4.1 Der Habitus
4.2 Die Geschmackssorten
4.2.1 Der legitime Geschmack
4.2.2 Der mittlere Geschmack
4.2.3 Der populäre Geschmack
5 Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem
5.1 Die Bildungsexpansion – Weg zur Chancengleichheit!?
5.1.1 Überblick der Bildungsexpansion
5.1.2 Fazit der Bildungsexpansion: Veränderte Reproduktionsstrategien
5.2 Pisa und Co. - Oder wie der Habitus die Schulkarriere bestimmt
5.3 Die Erben – Studenten und der Habitus
5.4 Der Habitus als Karrierekiller: Wer die Wahl hat…Nimmt den, der ihm am ähnlichsten ist!
6 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Mechanismen der sozialen Ungleichheitsreproduktion in Deutschland unter Anwendung der Habitustheorie von Pierre Bourdieu, um zu klären, warum Bildungschancen trotz bildungspolitischer Expansion ungleich verteilt bleiben und wie sich dies auf den Bildungs- und Berufserfolg auswirkt.
- Habitustheorie und ihre Bedeutung für die soziale Klassenstruktur
- Transformation und Wirkung verschiedener Kapitalarten (ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch)
- Die Rolle des Bildungssystems bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit
- Einfluss des Habitus auf Schulkarriere, Studienverlauf und berufliche Spitzenpositionen
- Die Bedeutung des Geschmacks als Distinktionsmerkmal sozialer Schichten
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
Das inkorporierte Kapital ist, wie der Name schon verrät, an den Körper einer Person gebunden und setzt einen Prozess der Verinnerlichung voraus. Man könnte diese Kapitalform mit dem deutschen Ausdruck Bildung gleichsetzen. Dieser Prozess kostet zum einen Zeit und kann zum anderen nur von einem selbst durchgeführt werden. Man kann keine andere Person dazu anstellen, um Bildung für einen selbst zu erwerben. Bildung bedeutet insbesondere Arbeit an sich selbst.
Es ist schwierig kulturelles Kapital zu messen, jedoch schlägt Bourdieu vor, die Dauer des Erwerbs als Maßstab zu nehmen, wobei erwähnt sein sollte, dass damit nicht nur die Dauer des Schulbesuches gemeint ist. Es ist ja durchaus möglich zehn Jahre zur Schule zu gehen und kaum Bildung während dieser Zeit zu erwerben. Die Familie spielt für das inkorporierte Kapital eine besonders große Rolle. Sie ist die Instanz der Primärsozialisation und kann sich positiv auswirken, indem sie dem Kind einen kulturellen Vorsprung verschafft, an dem das Kind in der Schule anknüpfen kann und anderen Kindern gegenüber einen Vorteil hat.
Die primäre Sozialisation kann auf der anderen Seite aber auch einen doppelten Nachteil bedeuten. Werden notwendige Voraussetzungen in der Familie nicht geschaffen (keine korrekte Anwendung der Sprache etc.), verliert das Kind doppelt Zeit, da erst eine Korrektur stattfinden muss. Inkorporiertes Kapital wird dann zum Bestandteil der eigenen Person, zum Habitus. Da es an den biologischen Körper gebunden ist und mit ihm ebenso vergeht und stirbt, kann es weder durch Schenkung noch durch Kauf, weder durch Vererbung noch durch Tausch weitergegeben werden. Nichtsdestotrotz kann dieses Kapital durch die soziale Vererbung innerhalb der Familie weitergetragen werden, was häufig verborgen und meist unsichtbar geschieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der sozialen Ungleichheit unter Einbeziehung von Bourdieus Theorien und Zielsetzung der Arbeit.
2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff „soziale Ungleichheit“? – Begriffsexplikation: Definition und soziologische Einordnung des Begriffs der sozialen Ungleichheit und der damit verbundenen wertvollen Güter.
3 Die Kapitaltheorie: Detaillierte Darstellung der von Bourdieu definierten Kapitalformen und deren wechselseitige Transformation.
4 Habitus, Klassen und Geschmack: Analyse des Habitus-Konzepts als Vermittlungsglied zwischen sozialer Klasse und Lebensstil sowie die Differenzierung in Geschmackssorten.
5 Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem: Untersuchung der Wirksamkeit der Bildungsexpansion und des Einflusses des Habitus auf Bildungserfolge und den Berufseinstieg.
6 Fazit und Ausblick: Resümee über die anhaltende Relevanz der Bourdieuschen Theorie und Reflexion der Möglichkeiten sozialen Aufstiegs.
Schlüsselwörter
Soziale Ungleichheit, Pierre Bourdieu, Habitustheorie, Kapitaltheorie, Kulturelles Kapital, Soziales Kapital, Ökonomisches Kapital, Bildungsexpansion, Reproduktionsmechanismen, Chancengleichheit, Geschmack, Distinktion, Bildungssystem, Sozialisation, Elite.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie soziale Ungleichheit in Deutschland trotz Bildungsexpansion reproduziert wird und welche Rolle der Habitus dabei spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind Bourdieus Kapitaltheorie, das Konzept des Habitus, die verschiedenen Geschmackssorten und deren Auswirkungen auf die Schul- und Berufskarriere.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzudecken, warum trotz formal gleicher Bildungschancen soziale Herkunft weiterhin massiven Einfluss auf den Erfolg im Bildungs- und Wirtschaftssystem nimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die Bourdieus Habitustheorie auf aktuelle deutsche Daten und Studien (wie PISA oder Shell-Jugendstudie) anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Erläuterung der Kapitalarten und des Habitus sowie in den empirischen Teil, der Bildungssystem, Studium und berufliche Spitzenpositionen betrachtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Soziale Ungleichheit, Habitus, Kulturelles Kapital, Bildungsexpansion, Distinktion und soziale Reproduktion.
Inwiefern beeinflusst der „legitime Geschmack“ die Bildungschancen?
Kinder aus privilegierten Familien erlernen den „legitimen Geschmack“ bereits früh. Da das Bildungssystem diesen voraussetzt, haben sie beim „Dekodieren“ kultureller Inhalte einen massiven Vorsprung gegenüber Schülern aus anderen Milieus.
Warum haben Kinder aus dem Bürgertum in der Wirtschaft bessere Chancen?
Entscheider in Führungspositionen bevorzugen Bewerber, die eine habituelle Ähnlichkeit zu ihnen selbst aufweisen. Diese Souveränität im Auftreten ist für Aufsteiger ohne entsprechendes familiäres Milieu kaum erlernbar.
Was bedeutet die Transformation von Kapital?
Alle Kapitalformen können unter Aufwand von Zeit und ökonomischem Kapital ineinander umgewandelt werden, wobei die Familie die wichtigste Instanz für die Akkumulation von kulturellem Kapital darstellt.
Warum hinterfragt die Arbeit den Erfolg der Bildungsexpansion?
Die Arbeit zeigt auf, dass sich die soziale Segregation nicht aufgelöst hat, sondern lediglich horizontal verschoben wurde; der Erwerb höherer Bildungsabschlüsse wird nun zum neuen notwendigen Instrument für den Statuserhalt.
- Arbeit zitieren
- Anne Mey (Autor:in), 2009, „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135111