Diese literaturkritische Analyse von „Der Schimmelreiter“ will einen kurzen Einblick in die Epoche des bürgerlichen Realismus, in die das Werk gehört, gewähren. Danach werden die Fragen geklärt; vereinigt dieses Werk die epochenimmanenten Merkmale und wie viel Autobiografisches hat Theodor Storm in seinem Spätwerk verarbeitet? Dazu erfolgt auch ein kleiner Exkurs in die Verbindung zu seiner Heimatstadt Husum. Keine Erzählung wird aus dem „Nichts“ erschaffen, so ist die Untersuchung von Storms Intentionen hinsichtlich der Werkentstehung nicht unwesentlich für die Gesamtanalyse. In diese Gesamtanalyse wird vorwiegend die inhaltliche, am Ende aber auch eine formale Betrachtung mit einfließen, das Augenmerk wird im Verlaufe der Untersuchung immer wieder auf die Wirkung gerichtet, die der jeweilige Aspekt auf den Rezipienten ausübt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einblick in die Epoche und Storms Leben
1.1 Der Realismus- Begriff
1.2 Exkurs: Storm in Husum
1.3 Aspekte zur Werkentstehung
2. Der Mythos „Schimmelreiter“
2.1 Selbstheroisierung Hauke Haiens
2.2 Die dargestellte Gesellschaft: Konservatismus versus Moderne
3. Literaturtheoretische Analyse des Erzähltextes „Der Schimmelreiter“
4. Rezeptionsergebnisse für den Leser
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ im Kontext des bürgerlichen Realismus literaturkritisch zu untersuchen und dabei insbesondere die Spannungsfelder zwischen Mythos, Modernisierungsprozessen und gesellschaftlichem Konservatismus zu analysieren.
- Merkmale des bürgerlichen Realismus im Werk
- Biografische Einflüsse Theodor Storms und der Standort Husum
- Die Figur Hauke Haien: Selbstheroisierung vs. Altruismus
- Soziale Konflikte: Fortschrittsdenken gegen konservative Traditionen
- Literaturtheoretische Untersuchung der Erzählstruktur
Auszug aus dem Buch
2. Der Mythos „Schimmelreiter“
Handelt es sich beim Schimmelreiter überhaupt um einen Mythos? Wir finden hier eine mündlich tradierte Erzählung über eine dunkle Gestalt in symbiotischer Verbindung mit einem hageren, hochbeinigen Schimmel vor, die sogar in der Rahmenhandlung, also in der Welt des Ich-Erzählers und dem Schulmeister zum realen Gegenstand wird, als jemand aus der Gruppe sagt: „wir beide haben es gesehen, Hans Nickels und ich: der Schimmelreiter hat sich in den Bruch gestürzt!“ (S. 603). Ein weiteres Indiz für einen Mythos ist defacto, dass sich die Erzählung vor der Folie eines übernatürlichen Bezugsrahmens abspielt, denn die Figur des Schimmelreiters tritt immer nur im Kontext zu einem großen Unwetter auf; dem streng gläubigen Volk - so ist anzunehmen - waren noch keine großen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zugänglich hinsichtlich solcher Stürme, wodurch diese noch als „übernatürliche Gewalten“ galten und mystifiziert wurden; demnach handelt es sich hier um eine solche Folie. Der Erzähler der Rahmenerzählung berichtet von einer Szene, in der der Knecht Carsten ein sich bewegendes Tier, einen Schimmel auf der Hallig zu sehen glaubt. Diese erste mysteriöse Begebenheit wird noch angeregt, als ein sich schon lange an der Stelle befindliches Pferdegerippe verschwindet und am Novellenende wird dies nochmals aufgegriffen: „jenes weiße Pferdegerippe ist nach der Flut wiederum, wie vormals, im Mondschein auf Jevershallig zu sehen gewesen“ (S. 678); das Motiv tritt wieder auf.
Das Verschwinden des Pferdegerippes geschieht zeitgleich mit Haukes ungeplanten Kauf eines heruntergekommenen Pferdes: „es war rauhaarig und mager, dass man jede Rippe zählen konnte“ (S. 625). Hauke hat fortan eine sehr enge Bindung zu dem Tier, das sich zum prächtigen Schimmel entwickelt und ihm scheinbar hörig wird, einige Beteiligte hingegen sehen in ihm Teuflisches. Das nährt natürlich den Zusammenhang mit dem Schimmelreiter, weswegen die Dämonisierung von Hauke und dessen Pferd entsteht. Er als Verfechter seines sicheren Deichbaus und Feind des Aberglaubens wird zunächst in den Mythos und durch die scheinbare Äquivalenz zum Schimmelreiter „in das Geflecht des Aberglaubens integriert.“15.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einblick in die Epoche und Storms Leben: Dieses Kapitel erläutert die literaturgeschichtliche Einordnung des Werkes in den bürgerlichen Realismus und beleuchtet die biografische Bedeutung von Storms Heimatstadt Husum.
2. Der Mythos „Schimmelreiter“: Hier wird untersucht, inwiefern der „Schimmelreiter“ als Mythos zu verstehen ist und wie die Figur Hauke Haien in einen Konflikt zwischen heroischem Selbstverständnis und sozialer Ablehnung gerät.
3. Literaturtheoretische Analyse des Erzähltextes „Der Schimmelreiter“: Dieser Teil widmet sich der formalen Untersuchung der Erzählsituation, der Zeitgestaltung und der Funktion der Rahmen- sowie Binnenhandlung.
4. Rezeptionsergebnisse für den Leser: Das Fazit fasst zusammen, warum das Werk auch heute als bedeutende Schullektüre gilt und welche Wirkung die Verknüpfung von mythologischen Elementen und gesellschaftskritischen Themen auf die Rezipienten ausübt.
Schlüsselwörter
Der Schimmelreiter, Theodor Storm, bürgerlicher Realismus, Novelle, Hauke Haien, Deichbau, Mythos, Konservatismus, Moderne, Erzählstruktur, Rahmenhandlung, Binnenhandlung, Literaturanalyse, Dingssymbol, gesellschaftliche Kritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine literaturkritische Analyse von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ unter Berücksichtigung ihrer epochenspezifischen Einordnung in den bürgerlichen Realismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle des Mythos, der Kontrast zwischen konservativen gesellschaftlichen Strukturen und moderner Fortschrittsgläubigkeit sowie die literarische Gestaltung der Erzählweise.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Storm durch die Verbindung von Realismus und Mythenbildung eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und der Isolierung des Individuums thematisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine literaturtheoretische Analyse anhand von erzähltechnischen Grundmodellen, unter Einbeziehung von biografischen Kontexten und literaturgeschichtlichen Merkmalen des Realismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Entstehungsbedingungen, die mythologische Deutung der Titelfigur sowie eine formale Analyse der Erzählinstanzen und zeitlichen Struktur des Textes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Realismus, Mythos, Deichgraf, Konservatismus, Erzählstruktur, Dingssymbol und gesellschaftliche Transformation.
Wie wird die Rolle von Hauke Haien interpretiert?
Hauke Haien wird als ambivalente Figur dargestellt, deren fachliche Kompetenz und Streben nach Fortschritt in einem tragischen Konflikt mit dem rückständigen Aberglauben und der sozialen Isolation innerhalb der Dorfgemeinschaft stehen.
Welche Bedeutung kommt der Rahmenhandlung zu?
Die Rahmenhandlung dient dazu, Distanz zum Geschehen zu schaffen, den Status des Erzählten als überlieferte Sage zu unterstreichen und den Rezipienten gezielt in die Rolle des Beobachters innerhalb der erzählten Gemeinschaft zu führen.
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- René Ferchland (Author), 2006, Eine literaturkritische Analyse des bürgerlich-realistischen Werkes „Der Schimmelreiter“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135139