...Lewis Theorie von der Kultur der Armut kranke vor allem an der zugewiesenen Statik, Konstanz und Dauerhaftigkeit von Armut, an der angenommenen Homogenität von Armutspopulationen, welche die Subjektivität von Armut und Armen ausblendet sowie an der Vorstellung, dass diese Kultur in einem abgeschlossenen Raum aus sich selbst heraus ohne Interaktion mit der Außenwelt entstehe (Knecht 1999:329). Dieses Statische, Homogene und Abgeschlossene präge, so Knecht, den Kulturbegriff in der Ethnologie in der klassischen Epoche zwischen 1910 und 1960 und sei genau das Problem an Lewis Theorie der Kultur der Armut. Angesichts der Statik des Kulturbegriffs bei Lewis, meint Knecht, sei dieser in Bezug auf die Bestimmung einer Armutskultur durch die Ethnologie heute kaum noch anwendbar. Würde man sich jedoch von diesem starren Kulturbegriff lösen und Kultur als etwas Vernetztes, Prozesshaftes und Konstruiertes definieren, dann könnten die einzelnen Komponenten von Lewis Theorie eine Grundlage für eine Armutsforschung in der Gegenwart liefern. Der Blick des Ethnologen müsse sich allerdings von Armut auf Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt verschieben und seine Folgen auf ökonomischer, kultureller, institutioneller und sozialer Ebene betrachten. Dabei solle man gerade auch auf die „kulturellen Formen, die Ausgrenzung annehmen kann, also beispielsweise nach Diskriminierung, Stigmatisierung, Ignoranz, Auf-merksamkeitsentzug, Revanchismus, Vertreibung, Kriminalisierung oder Pädagogisierung“ (Knecht 1999:331) schauen.
Hier soll meine Analyse ansetzen. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs und Massenarbeitslosigkeit waren Bedingungen die Lewis als Vorraussetzungen für eine Kultur der Armut bestimmte. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es diese Vorraussetzungen. Dem Grundgesetz der BRD ist jedoch die Sozialstaatlichkeit eingeschrieben. Demzufolge existieren Sozialsysteme, welche eine Versorgung bei Nicht-Erwerbstätigkeit von Menschen sichern sowie Ausgrenzung und ungleiche Chancen vermeiden sollen. Mit den Hartz IV-Gesetzen wurden die bei Erwerbslosigkeit wirkenden Sozialsysteme umgestaltet und dabei auf anhaltende Massenarbeitslosigkeit und sich verändernde globale Wirtschaftsverhältnisse reagiert. Ich möchte in der Arbeit untersuchen, inwiefern die veränderten Gesetze und insbesondere das ALG II durch materiellen Mangel entstehende Ausgrenzungstendenzen in der BRD auffängt oder verstärkt und „kulturelle Formen“ annehmen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Armut eine Kultur?
2. Die Hartz IV-Gesetze
2.1 Hintergründe und Ziele
2.2 Was bedeutet „Fördern und Fordern“?
2.3 Die Macht der Agenten und Sanktionen
3. Armut und Ausgrenzung
3.1 Armut durch Ausgrenzungen
3.2 Ausgrenzungen durch Armut
4. Kultur der Ausgrenzung?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Hartz IV-Gesetze und das Arbeitslosengeld II (ALG II) Ausgrenzungstendenzen in der Bundesrepublik Deutschland verstärken oder abfangen, wobei die Forschungsfrage darauf abzielt zu bestimmen, ob diese Ausgrenzungen als „kulturelle Formen“ im Sinne von Knecht klassifiziert werden können.
- Analyse der Hartz IV-Gesetzgebung und ihrer Auswirkungen
- Wechselwirkung zwischen ökonomischer Armut und sozialer Ausgrenzung
- Die Rolle von Sanktionen und Agentenmacht im ALG II-System
- Kritische Betrachtung von Prekarisierung und Arbeitsmarktintegration
- Auswirkungen der Gesetzgebung auf das soziale Umfeld und künftige Generationen
Auszug aus dem Buch
3. Armut und Ausgrenzung
In meiner weiteren Argumentation möchte ich zeigen, wie Armut und Ausgrenzung miteinander interagieren und einander bedingen können. Jedoch möchte ich zuvor noch kurz auf die Begriffe Armut und Ausgrenzung eingehen.
Armut ist aus zweierlei Gründen ein diffiziler Begriff. Einerseits wird er häufig von offiziellen, institutionellen und politischen Stellen nicht thematisiert und scheinbar bewusst vermieden. Gründe dafür werden laut Barth bei der Betrachtung der Umschreibungen von Armut in Deutschland deutlich. Armut beschreibt einen negativen und eindeutigen Status. „Jemand der arm ist, ist sonst nichts mehr.“ (Barth 1999: 63) Sie thematisiert eine Notlage, die in ihrer Existenz bedrohte Menschen beschreibt. Einer Lage also, die es in einem ‚entwickelten’, ‚reichen’ und mit existenzsichernden Sozialsystemen ausgestattetem Land wie Deutschland eigentlich nicht geben kann. Armut wird ebenso häufig mit etwas Hässlichem, Krankem, Kriminellem und Parasitären verglichen. Also mit etwas, das man nicht haben und über das man nicht sprechen möchte. Andererseits besteht die Frage nach der Definition von Armut, wann ist jemand arm und wann nicht mehr (vgl. Barth 1999: 63). So wird in der Wissenschaft beispielsweise zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Armut eine Kultur?: Das Kapitel führt in Lewis' Theorie der „Kultur der Armut“ ein und diskutiert ihre Relevanz sowie Kritikpunkte in Bezug auf die heutige Armutsforschung.
2. Die Hartz IV-Gesetze: Hier werden die Hintergründe, die Leitformel „Fördern und Fordern“ sowie die Machtbefugnisse der Arbeitsagenturen und deren Sanktionierungspraxis analysiert.
3. Armut und Ausgrenzung: Das Hauptkapitel untersucht die Wechselwirkungen zwischen ökonomischer Notlage und sozialen Ausgrenzungsprozessen durch das Hartz IV-System.
4. Kultur der Ausgrenzung?: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und reflektiert, ob sich in der BRD eine neue „Kultur der Ausgrenzung“ etabliert hat.
Schlüsselwörter
Hartz IV, Armut, soziale Ausgrenzung, ALG II, Arbeitsmarkt, Prekarität, relative Armut, Sanktionen, Befähigungsgerechtigkeit, Kultur der Armut, Entwürdigung, Bedarfsgemeinschaft, Ein-Euro-Jobs, Sozialstaat, Lebensverhältnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der Hartz IV-Gesetze auf die Lebenssituation von Erwerbslosen und Hilfebedürftigen in der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themenfelder umfassen die Neugestaltung des Sozialstaats, das Konzept der „Kultur der Armut“, Formen der sozialen und ökonomischen Ausgrenzung sowie die Arbeitsmarktpolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob die Hartz IV-Gesetze Ausgrenzungstendenzen verstärken und ob diese Ausgrenzungen spezifische „kulturelle Formen“ annehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Analyse der Sozialgesetzgebung, kombiniert mit einer kritischen Auswertung bestehender ethnologischer Armuts- und Prekaritätsstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Macht von Arbeitsagenturen, der Bedeutung von „Fördern und Fordern“ sowie dem wechselseitigen Zusammenhang zwischen Armut und Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Hartz IV, soziale Ausgrenzung, relative Armut, prekäre Arbeitsverhältnisse und die Entwürdigung durch institutionelle Prozesse.
Wie wirkt sich laut Autor die „Macht der Agenten“ auf Betroffene aus?
Der Autor argumentiert, dass die Entscheidungsgewalt der Sachbearbeiter zu einer subjektiv empfundenen Entmündigung und Entwürdigung führt, da Bedürftige faktisch den Anweisungen ohne finanziellen Spielraum folgen müssen.
Welche Rolle spielen Ein-Euro-Jobs im Kontext der Armut?
Ein-Euro-Jobs werden als hochgradig prekär eingestuft, die nicht als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt fungieren, sondern vielmehr zur Entwertung der Fähigkeiten von Menschen beitragen.
Warum spielt das Thema der Gentrifizierung eine Rolle in der Analyse?
Der Autor führt Gentrifizierung als Beispiel für eine latente räumliche Ausgrenzung an, die arme Menschen aus bestimmten Wohngebieten verdrängt und die Entstehung von Armutsmilieus fördern kann.
- Citation du texte
- Heiko Moschner (Auteur), 2007, Armut und Ausgrenzung in der BRD, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135163