Das Thema Zivilreligion beschäftigt uns schon seit Rousseau. Man muss sich hierbei die Frage stellen, wie ein Gefühl von Verpflichtung und Solidarität eines Bürgers gegenüber seinen Mitbürgern entstehen kann. Gibt es überhaupt so etwas wie einen gemeinsamen Konsens, der sich auch auf das Religiöse bezieht? Braucht man überhaupt einen solchen gemeinsamen Nenner?
Der Diskurs um die Zivilreligion ist sicher in einigen Punkten kritikbedürftig und dennoch eine wichtige Herausforderung in der modernen Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Jean-Jacques Rousseau: „Über die zivile Religion“
2. EXKURS: Robert N. Bellah: „Civil Religion in America“
3. Offene Fragestellungen
4. Quellenangaben
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der „zivilen Religion“ ausgehend von Jean-Jacques Rousseaus staatstheoretischen Überlegungen im „Gesellschaftsvertrag“ bis hin zur soziologischen Anwendung durch Robert N. Bellah im amerikanischen Kontext, um die funktionale Beziehung zwischen politischer Identität und religiöser Verankerung zu analysieren.
- Historische Herleitung des Begriffs der Zivilreligion bei Rousseau.
- Differenzierung zwischen Religion des Menschen, Religion des Bürgers und Priesterreligion.
- Analyse der amerikanischen Zivilreligion als „religiöse Dimension“ des politischen Lebens.
- Untersuchung symbolischer Rituale und Akte als Legitimationsquelle politischer Macht.
- Kritische Reflexion über die Rolle religiöser Rhetorik in modernen demokratischen Gesellschaften.
Auszug aus dem Buch
1. Jean-Jacques Rousseau: „Über die zivile Religion“
Das achte Kapitel im vierten Buch des Gesellschaftsvertrags von Jean-Jacques Rousseau ist 1761 nachträglich hinzugefügt worden und hat seit diesem Zeitpunkt immer wieder für Diskussionen und Kritik gesorgt. Aber auch schon fünf Jahre zuvor hat Rousseau in einem Brief an Voltaire von seinen Ideen geschrieben, die er, nachdem sie öffentlich geworden waren, stets zu verteidigen hatte. Er spricht vom Wunsch, „daß [!] jeder Staat einen Moralkodex hätte, eine Art bürgerliches Glaubensbekenntnis, das die Gesellschaftsmaximen, die jeder einzuhalten verpflichtet wäre, positiv ausdrückt, und negativ die Maximen der Unduldsamkeit, […]. Jede Religion, die mit dem Kodex übereinstimmt, wäre damit zugelassen, welche damit nicht übereinstimmt, müßte [!] verboten werden.“ (Rousseau 1977, 195).
Rousseau beginnt den ersten Abschnitt damit, wie der Polytheismus entstanden ist. Zunächst galten die Götter als oberste Instanz, bis die Menschen ihresgleichen zu ihren Herren erklärten. Daraus folgerte man, dass es genauso viele Götter geben müsste, wie es Völker gab. Es entstand das Vielgöttertum - der Polytheismus, der die „theologische und zivile Unduldsamkeit“ (Rousseau 1977, 196) zur Folge hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Jean-Jacques Rousseau: „Über die zivile Religion“: Das Kapitel analysiert Rousseaus Entwurf eines bürgerlichen Glaubensbekenntnisses und ordnet verschiedene historische Religionstypen in ihr Verhältnis zum Staat ein.
2. EXKURS: Robert N. Bellah: „Civil Religion in America“: Dieser Abschnitt beleuchtet Bellahs Übertragung des Konzepts auf die USA, wobei er religiöse Rituale im politischen Alltag als identitätsstiftende Kraft identifiziert.
3. Offene Fragestellungen: Hier werden die Chancen und Risiken einer religiösen Fundierung liberaler Gesellschaften kritisch diskutiert.
4. Quellenangaben: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetressourcen.
Schlüsselwörter
Zivilreligion, Jean-Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Robert N. Bellah, Politische Religion, Bürgerliches Glaubensbekenntnis, Religiöse Dimension, Souveränität, Amerikanische Tradition, Politischer Diskurs, Moral, Staatsbürger, Polytheismus, Christentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktischen Bedeutung der Zivilreligion, beginnend mit der philosophischen Begründung durch Jean-Jacques Rousseau bis hin zur soziologischen Untersuchung in den USA durch Robert N. Bellah.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Wechselwirkungen zwischen Religion und Politik, die Bedeutung von Moralvorstellungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die symbolische Legitimierung politischer Macht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie Religion als „motivationale Quelle“ für pflichtbewusstes Bürgerhandeln fungiert und wie dieses Konzept in modernen, liberalen Gesellschaften instrumentalisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und ideengeschichtliche Analyse, die zentrale Texte der politischen Philosophie und Soziologie interpretiert und in einen aktuellen Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung von Rousseaus 8. Kapitel im „Gesellschaftsvertrag“ und einen detaillierten Exkurs zu Bellahs Essay „Civil Religion in America“, ergänzt durch eine kritische Reflexion im Schlussteil.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zivilreligion, Gesellschaftsvertrag, politische Moral, staatliche Identität und religiöse Symbolik charakterisiert.
Wie bewertet Rousseau die Rolle des Christentums für den Staat?
Rousseau sieht das Christentum als problematisch an, da es durch die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht zu einer ständigen Uneinigkeit führt und Bürger eher der Kirche als dem Staat verpflichtet.
Welche drei Kategorien von Religion unterscheidet Rousseau?
Er unterscheidet die „Religion des Menschen“ (reiner innerlicher Kult), die „Religion des Bürgers“ (an ein Land gebunden) und die „Priesterreligion“ (Katholizismus), wobei er das bürgerliche Glaubensbekenntnis als notwendige Ergänzung sieht.
Warum ist laut Bellah der Begriff „Gott“ in der amerikanischen Politik oft inhaltsleer?
Bellah argumentiert, dass „Gott“ als gemeinsamer Nenner für alle Amerikaner dient, jedoch aufgrund der unterschiedlichen Auslegungen so allgemein gefasst ist, dass er seine spezifische inhaltliche Kraft verliert.
Welche Rolle spielt die „dritte Zeit der Bewährung“ bei Bellah?
Der Begriff beschreibt Bellahs Sicht auf die Gegenwart, in der die amerikanische Zivilreligion vor der Herausforderung steht, eine globale Verantwortung zu übernehmen und eine weltweite Zivilreligion zu etablieren.
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- Lena Heinrich (Author), 2007, Zivilreligion bei Rousseau und Bellah, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135171