Das zeitgeschichtliche Phänomen eines „zur Kultur Werden der Kultur“ hat Adorno als Symptom beginnenden Zerfalls eines kulturell reflektierten gesellschaftlichen Bewusstseins beschrieben, „denn in der Zurücknahme auf sich selbst“ dichtet Kultur sich ab „gegenüber der Fatalität des Lebensprozesses“ im Versuch, die „Idee der Reinheit“ zu bewahren“. Diese Idee, die nach dem Verlust des Absolutheitsanspruchs der (christlichen) Religion im Säkularisierungsprozess der Neuzeit die Funktion einer metaphysischen Instanz übernimmt, führt bei denen, die sie auf kultureller Ebene repräsentieren, zur Distanzierung von der kontingenzbehafteten Realität sowie zur Fixierung auf ein Verständnis von Kultur als Reservoire vermeintlich zeitlos gültiger Werte und Einsichten. Eng verknüpft mit dem Prozess aber ist ein Weltbild, das sich auf der Ebene gesellschaftlichen Bewusstseins im Widerstand gegen eine, jene „Reinheit“ kontinuierlich in Frage stellende Moderne artikuliert.
Moderne, gesellschaftstheoretisch definiert, ist der von der Aufklärung in Gang gebrachte Prozess der „Enttraditionalisierung“ von Weltbildern im Hinblick auf deren Eigenschaft, „Vertrautheit, Transparenz und Zuverlässigkeit“ im kommunikativen Handeln der Subjekte gewährleisten zu können. Der Vorgang führt im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer Autonomisierung verschiedener Bereiche gesellschaftlichen Lebens und dementsprechend zur Konstituierung multipler, nicht mehr zwangsläufig religiöser und damit ganzheitlich begründeter Weltbildkonstruktionen. In Abgrenzung zu den Lebenswelten der sogenannten „Masse“, wird das Bildungsbürgertum dabei zur bevorzugten sozialen Trägerschicht einer Weltanschauung, deren „reines“, Ganzheitlichkeit ausschließlich auf der Ebene des Kulturellen verwirklichendes Ethos wesentlich bestimmt wird von der nach 1800 in den Rang eines „deutschen Mythos“ auf- gestiegenen literarischen Hochkultur Weimars. Der damit erhobene intellektuelle „Anspruch auf Verallgemeinerung“ eines den Kontingenzen des Sozialen enthobenen, exklusiven Weltbilds aber erlaubt es dem Bildungsbürgertum, den eigenen gesellschaftlichen Status kontinuierlich „nach unten hin abzugrenzen“.
Inhaltsverzeichnis
I. Problemstellung
II. Oper
III. Drama
IV. Rede
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Antimodernismus, Inkommunikabilität und dem Streben nach ganzheitlichen Weltbildern im Werk Hugo von Hofmannsthals, wobei sie insbesondere die künstlerische Strategie analysiert, soziale Konstellationen durch Mythen und eine semantische Aufladung der Sprache einer modernen, als hässlich empfundenen Realität entgegenzustellen.
- Die Analyse von Hofmannsthals Libretti für Richard Strauss als Ausdruck eines regressiven Bildungs- und Weltbildkonzepts.
- Die Untersuchung der "Inkommunikabilität" als zentrales Motiv, das durch eine Dialektik von Reden und Schweigen überbrückt werden soll.
- Die Interpretation von Ehe und sozialer Ordnung als "private Mythen" im Kontext katholischer und konservativer Traditionen.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der "Allegorie des Sozialen" und der Rolle des Autors als Konstrukteur einer "höheren Ordnung der Dinge".
- Die Einbettung von Hofmannsthals Werk in den zeitgenössischen Diskurs der "Konservativen Revolution" und deren ideologische Nähe zu Carl Schmitt.
Auszug aus dem Buch
I. Problemstellung
Das zeitgeschichtliche Phänomen eines „zur Kultur Werden der Kultur“ hat Adorno als Symptom beginnenden Zerfalls eines kulturell reflektierten gesellschaftlichen Bewusstseins beschrieben, „denn in der Zurücknahme auf sich selbst“ dichtet Kultur sich ab „gegenüber der Fatalität des Lebensprozesses“ im Versuch, die „Idee der Reinheit“ zu bewahren. Diese Idee, die nach dem Verlust des Absolutheitsanspruchs der (christlichen) Religion im Säkularisierungsprozess der Neuzeit die Funktion einer metaphysischen Instanz übernimmt, führt bei denen, die sie auf kultureller Ebene repräsentieren, zur Distanzierung von der kontingenzbehafteten Realität sowie zur Fixierung auf ein Verständnis von Kultur als Reservoire vermeintlich zeitlos gültiger Werte und Einsichten. Eng verknüpft mit dem Prozess aber ist ein Weltbild, das sich auf der Ebene gesellschaftlichen Bewusstseins im Widerstand gegen eine, jene „Reinheit“ kontinuierlich in Frage stellende Moderne artikuliert.
Moderne, gesellschaftstheoretisch definiert, ist der von der Aufklärung in Gang gebrachte Prozess der „Enttraditionalisierung“ von Weltbildern im Hinblick auf deren Eigenschaft, „Vertrautheit, Transparenz und Zuverlässigkeit“ im kommunikativen Handeln der Subjekte gewährleisten zu können. Der Vorgang führt im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer Autonomisierung verschiedener Bereiche gesellschaftlichen Lebens und dementsprechend zur Konstituierung multipler, nicht mehr zwangsläufig religiöser und damit ganzheitlich begründeter Weltbildkonstruktionen. In Abgrenzung zu den Lebenswelten der sogenannten „Masse“, wird das Bildungsbürgertum dabei zur bevorzugten sozialen Trägerschicht einer Weltanschauung, deren „reines“, Ganzheitlichkeit ausschließlich auf der Ebene des Kulturellen verwirklichendes Ethos wesentlich bestimmt wird von der nach 1800 in den Rang eines „deutschen Mythos“ aufgestiegenen literarischen Hochkultur Weimars. Der damit erhobene intellektuelle „Anspruch auf Verallgemeinerung“ eines den Kontingenzen des Sozialen enthobenen, exklusiven Weltbilds aber erlaubt es dem Bildungsbürgertum, den eigenen gesellschaftlichen Status kontinuierlich „nach unten hin abzugrenzen“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Problemstellung: Das Kapitel erläutert den theoretischen Rahmen um den Begriff der Moderne und des Antimodernismus, wobei die Rolle des Bildungsbürgertums als Träger einer elitären Weltanschauung kritisch hinterfragt wird.
II. Oper: Hier wird anhand von Hofmannsthals Libretti für Richard Strauss analysiert, wie mythologische Konstruktionen genutzt werden, um soziale Strukturen wie die Ehe als "reine" und gottgegebene Ordnung zu legitimieren.
III. Drama: Dieses Kapitel betrachtet das Drama Der Schwierige, um aufzuzeigen, wie Hofmannsthal mittels der "Magie der Sprache" und dem Motiv des "Blicks" versucht, eine Ordnung jenseits der modernen, zerissenen Gesellschaft zu etablieren.
IV. Rede: Abschließend wird Hofmannsthals politisches Konzept, insbesondere in seiner Münchner Rede, als Teil einer "Konservativen Revolution" und als Versuch der geistigen Erneuerung der Nation gedeutet.
Schlüsselwörter
Hugo von Hofmannsthal, Antimodernismus, Inkommunikabilität, Bildungsbürgertum, Mythos, Moderne, Säkularisierung, Oper, Drama, Sprache, Konservative Revolution, Soziales, Tradition, Deutungshoheit, Metaphysik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Werk Hugo von Hofmannsthals im Hinblick auf seinen antimodernistischen Charakter und analysiert, wie der Autor durch ästhetische Mittel und mythologische Anleihen versucht, eine als verloren geglaubte Ganzheitlichkeit der Welt wiederherzustellen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die Krise der Moderne, die Rolle des Bildungsbürgertums, die Funktion von Sprache und Schweigen (Inkommunikabilität) sowie die Verschiebung sozialer Normen in den Bereich des Metaphysischen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Hofmannsthal soziale Institutionen wie die Ehe durch Rückgriffe auf Mythen und eine "magische" Sprachnutzung von den Zwängen der modernen, rationalen Gesellschaft zu entheben versucht, um eine konservative Sinnstiftung zu betreiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse, die Erkenntnisse der Soziologie, insbesondere von Adorno und Luhmann, sowie politiktheoretische Ansätze, etwa von Carl Schmitt, integriert, um Hofmannsthals Intentionen kontextuell einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen von Hofmannsthals Opernlibretti (Oper), seinem Drama "Der Schwierige" (Drama) und seinen theoretischen Reden (Rede), wobei stets die Strategie der "Entbergung des Geheimnisses" in der Sprache im Mittelpunkt steht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind hierbei Antimodernismus, Inkommunikabilität, Mythos, Bildungsbürgertum, Konservative Revolution, Säkularisierung und die Allegorie des Sozialen.
Wie interpretiert der Autor das Ehe-Modell in Hofmannsthals Werken?
Das Ehe-Modell wird als "privater Mythos" verstanden, der sich der direkten sozialen Zugänglichkeit entzieht und stattdessen eine als heilig oder "rein" stilisierte Ordnung repräsentiert, die auf klassischer Bildung anstatt auf rationalem Diskurs basiert.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der Carl Schmittschen "Politischen Theologie" bei Hofmannsthal bei?
Die Arbeit verweist auf eine deutliche ideologische Nähe, insofern Hofmannsthals Bestreben, ein "geheimnisvolles" Fundament für die Gesellschaft zu begründen, strukturell der Suche Schmitts nach souveränen Autoritäten in einer ansonsten als "schattenhaft" wahrgenommenen, entzauberten Welt entspricht.
- Quote paper
- Dr. Karlheinz Gradl (Author), 2023, Antimodernismus und Inkommunikabilität bei Hugo von Hofmannsthal, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1352220