Besondere Rezeptionsbedingungen von Sprechtexten

Sprache und Spreche im den Medien


Referat (Ausarbeitung), 2009
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Die besonderen Rezeptionsbedingungen von Sprechtexten

Gesprochen Sprache

Gesprochene Sprache sind alle mit dem menschlichen Sprechapparat produzierten mündlichen Äußerungen einer Sprache, im Unterschied zur geschriebenen Sprache, der visuell und manuell orientierten Gebärdensprache und der Parasprache. Gesprochene Sprache ist die ursprüngliche und grundlegende Form menschlicher Sprache. In manchen Kulturen gab oder gibt es keine Schriftsprache.

Gesprochene Sprache als spontanes, frei formuliertes Sprechen in nicht gestellten, unbeobachteten Kommunikationssituationen wird in Gesprächen zwischen zwei oder mehreren Beteiligten produziert. Zu den besonderen Produktionsbedingungen der gesprochenen Sprache gehören neben der geringeren Normierung die Situationsgebundenheit, die Interaktivität und die geringere Verarbeitungszeit des Sprechens. Zu den Besonderheiten der gesprochenen Sprache gehören Ellipsenbildung, das heißt Sprechen in syntaktisch unvollständigen Sätzen, die Verwendung von Interjektionen, verschiedene Korrekturphänomene sowie die Hörer- und Sprechersignale, so genannte Gliederungssignale.

Gesprochenes und geschriebenes Deutsch sind Varianten eines Sprachsystems. Zunächst basiert auch unsere gesprochene Sprache auf den morphologischen und syntaktischen Regeln der Schriftsprache, in der Mehrzahl der Fälle kann eine gewisse Einhaltung von Regeln in puncto Grammatik und Syntax verzeichnet werden; Bestimmte standardisierte Wortfolgen wie Subjekt, Prädikat und Objekt werden eingehalten. Da die gesprochene Sprache jedoch unter anderen Bedingungen entsteht, gibt es eine Reihe von Besonderheiten, die mit dem natürlichen Spracherwerb erlernt wurden und während des Sprechvorgangs nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Sie beruhen insbesondere auf der Wahrnehmung der Sprechsituation (anwesende Personen, fokussierbare Objekte etc.).

Die gesprochene Sprache ist ein flüchtiges Medium. Daraus ergeben sich eine geringere Vorausplanungskapazität auf der Sprecherseite und die Notwendigkeit, den Beitrag in der laufenden Interaktion zu verankern, ohne durch Unterbrechungen das Rederecht zu verlieren. Es werden andere Anforderungen an das Verstehen und Verstandenwerden gestellt, als an einen schriftsprachlichen Text, der ohne Zeitdruck verfasst und beliebig oft gelesen werden kann. Das spontane Gespräch ist interaktiv, der Hörer ist am Zustandekommen des Sprecherbeitrags durch Rückmeldungen (z.B. durch Interjektionen wie „hm“ oder durch Mimik) beinahe ebenso beteiligt wie der Sprecher selbst. Die „Redekonstellation“, das heißt in welchem Zusammenhang ich mit wem spreche, ist genau so prägend für die Kommunikation wie Alter, Rang, Geschlecht, Dialektraum, Einstellung und Verhalten der Sprechenden

„Wahrnehmungsfenster“ und Korrekturphänomene

Ein Sprecher verfügt über eine nur geringe Vorausplanungskapazität. Der zeitliche Rahmen bewegt sich im Bereich von etwa 3 Sekunden. Hirnforscher und Psychologen sprechen hier von einem „Wahrnehmungsfenster“, innerhalb dessen eine Integration von Reizen stattfinden kann. Sequentielle (zeitlich nacheinander ablaufende) Informationen wie sie beim Sprechen vermittelt werden, können als gleichzeitig wahrgenommen werden.

In diesem Zeitraum gelingt (abgesehen von einigen wenigen rhetorisch geschulten Menschen, die über ein großes Repertoire „vorgestanzter“ Formulierungen verfügen) selten ein Satz „mit Punkt und Komma“. Dem Sprecher liegt im Allgemeinen zu Beginn seiner Äußerung noch keine endgültige syntaktische Struktur vor. Somit entsteht häufig die Notwendigkeit, das bereits eingeleitete Sprechen abzubrechen. Gedanken werden neu strukturiert, um dann neu zu beginnen (Satzabbruch) oder bestehende Konstruktionen werden in andere überführt, so dass man mit gutem Recht von einer „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (wie Heinrich von Kleist es formulierte) sprechen kann.

Eine mündliche Äußerung kann im Gegensatz zur Schriftsprache durch Korrekturen nicht mehr zurückgenommen werden, doch lässt sich der Weg der Sprachproduktion zurückverfolgen. Da es hier häufig zu Redundanzen kommt, erfüllen auch Korrekturen einen wichtigen kommunikativen Zweck: Disambiguierung (Schaffung von Eindeutigkeit), Präzisierung und Spezifizierung, inhaltliche Abschwächung oder Distanzierung.

Kleine Geschichte der Sprache und „Spreche“ in den (Funk-)Medien

In der historischen Entwicklung der Funknachrichten gab es lange Zeit keine umfassenden Kommunikationstheorien. Die Verständlichkeitsforschung war noch nicht ausgeprägt und begann erst in den 50er und 60 er Jahren. Bis dahin waren das Klassenbewusstsein, die Eitelkeit und der Profilierungsdrang sehr ausgeprägt.

(Ein Herr Dr. Weigelt muss auch wie ein „Herr Doktor“ reden!)

Bis Mitte der 60er Jahre galt in Deutschland der Satz der Schriftsprache als Norm auch für die gesprochene Sprache. Erst dann kam es zu sprachlichen Verbesserungen durch Ergebnisse der Rezeptionsforschung. Weitergehende Änderungen traten erst ein, als die Redakteure selbst mit ihren Nachrichten konfrontiert wurden und Verständlichkeitstests mit ihnen machte. Dies führte zu konzeptionellen Verbesserungen:

- Die Nachrichtenzeit wurde gekürzt => Kürzung der Beiträge
- Die Einführung von Magazinen, welche den alltäglichen Sprechstil der Hörer aufgriffen
- Die Einführung von O-Tönen/Korrespondentenberichten/Dialogen (Gast/Moderator)

Im Zuge der „kommunikativ - pragmatischen Wende“ in der Linguistik, die unter der Einwirkung pragmatischer und soziolinguistischer Theorien zustande kam, wurden zu Beginn der 70er Jahre die Besonderheiten der gesprochenen Sprache gegenüber der Schriftsprache rehabilitiert. Eine große Rolle spielte hierbei auch die Kommunikationstheorie der Gruppe um Paul Watzlawick, nach der jede Kommunikation eine Einheit von Inhalts- und Beziehungsaspekt darstellt. Eine Erkenntnis, der sich auch die Sprachwissenschaft auf Dauer nicht verschließen konnte. Hier waren es speziell die Gliederungssignale, die als ein kommunikatives Element ausgemacht wurden, nachdem sie zuvor bei der Verschriftung gesprochener Texte als störend galten und regelmäßig getilgt wurden.

Lexikalische (durch Laute repräsentierte) Hörer- und Sprechersignale, wie zum Beispiel „äh“, „öh“, „also“ und „nicht wahr“ sorgen in der mündlichen Kommunikation dafür, dass die Portionierung einer Äußerung in kleinere Einheiten möglich gemacht und die Beziehung von Sprecher und Hörer hinsichtlich der Redeübernahme (turn - taking) und der Sicherung des Rederechts geregelt wird. Neben diesen lexikalischen Gliederungssignalen und der inhaltlichthematischen Gliederung sind es vor allem prosodische Elemente, das heißt Stimmsenkung und -erhöhung, gefüllte und ungefüllte Pausen, die eine Binnengliederung der Sprecherbeiträge in kleinere kommunikative Einheiten bewirken. Viele psychotherapeutische Richtungen kritisieren das „uneigentliche Sprechen“, was den Gebrauch von Einleitungsfloskeln wie „Ich meine...“, „ich denke, dass…“ etc. betrifft. Hier ist anzumerken, dass es sich meist nicht um eine referentielle (inhaltlich bezogene) Verwendung solcher Floskeln handelt. Es wird lediglich der Versuch gemacht, das Rederecht zu behaupten. Der redundante Teil der Äußerung wird dabei an den Anfang gestellt, so dass bei der Vergabe der Informationen das Rederecht als gesichert gelten kann. Bei Erzählungen, die eine längere Aufmerksamkeit erfordern, erscheinen so genannte Episodenmarken als Einleitung: „Weißt Du, was mir gestern passiert ist?“, „Hast du schon gehört?“. Hier signalisiert der Sprecher, dass er mit der Bereitschaft seiner Zuhörer rechnet, ihm für einen größeren Zeitraum das Wort zu überlassen. Oft ist mit einem falschen Signal schon die Grundlage für eine gestörte Kommunikation gesetzt. Wer im Freundeskreis seine Sätze mit „Pass mal auf…“ einleitet, kann bei Fremden missverstanden werden, die die Floskel: „Passen Sie mal auf!“ als Drohung oder Belehrung empfinden könnten.

Sprachwandel - Tendenzen zur Mündlichkeit

Der Sprachwandel oder die Sprachdynamik bezeichnet die Veränderung oder Entwicklung einer Sprache und wird in der Historischen Linguistik und der Soziolinguistik erforscht. Als wesentliche Triebkräfte des Sprachwandels werden Analogie, Entlehnung und Lautgesetz angesehen. In den (Funk-) Medien gibt es seit einigen Jahren die Tendenz zur Mündlichkeit. Die (Sprecher-)Texte sind nicht mehr exakt vorformuliert und bieten so den Sprechern und Moderatoren die Möglichkeit zur individuellen Formulierung. Die Sprache in den Medien passt sich zunehmend der Sprache ihrer jeweiligen Zielgruppen, also der Sprache der

„Gesellschaft“ bzw. des „Volkes“ an.

Einflüsse auf die Entwicklung zur Mündlichkeit

1. Sprachwandel => „Invisible-Hand-Phänomen“ (Keller)

2. Evolutionäre, innovative und ökonomische Faktoren (von Polenz)

3. Gesellschaftliche Gründe (Baron)
a) Rückgang des Klassenbewusstseins
b) geringerer gesellschaftlicher Drang, in eine höhere Klasse aufzusteigen
c) Auflösung der kausalen Grenze zwischen Bildung und finanziellem Erfolg

4. Mediale Einflüsse (bsp.: Email; Internet)

Der Redakteur UND der Hörer unterliegen diesen Einflüssen!!

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Besondere Rezeptionsbedingungen von Sprechtexten
Untertitel
Sprache und Spreche im den Medien
Hochschule
Fachhochschule Gießen-Friedberg; Standort Gießen  (Technische Redaktion & Multimediale Dokumentation)
Veranstaltung
Texten für das gesprochen Wort
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V135264
ISBN (eBook)
9783668354166
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleine Geschichte der Sprache und Spreche in den (Funk-)Medien, Sprachwandel, KISS, Pyramiden-Prinzip (Leadsatz), Sprechregeln nach Rossi, Rezeption & Rezeptionsbedingungen, Verständlichkeit, Mündlichkeit, Aufbau von Nachrichten
Arbeit zitieren
Sascha Hammel (Autor), 2009, Besondere Rezeptionsbedingungen von Sprechtexten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135264

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