" Der Bauernhof ist wie der Rüstungsbetrieb ein Bestandteil der Front ". Dies ist eine der Parolen, die von der NS - Propaganda in den Frühjahrsaufrufen zu den " Kriegserzeugerschlachten " von 1939 bis 1945 an die Landbevölkerung gerichtet wurden. Rüstung und Ernährung waren wichtige Pfeiler, die den Kampf und den Sieg Deutschlands tragen sollten.
Diese Arbeit über die "Landwirtschaft im Jahre 1944", die ohne die freundliche Mithilfe der Familien von der Malsburg und von Carlowitz so hätte nicht entstehen können, wird sich einerseits mit der wichtigen Bedeutung der Landwirtschaft im Nationalsozialismus beschäftigen, andererseits mit dem Alltagsleben der Landbevölkerung im Krieg, speziell im Jahr 1944. Um ein Bild von der ländlichen Situation im Jahr 1944 zu entwerfen, wird das Alltagsleben anhand einiger Beispiele aus verschiedenen Regionen des damaligen Deutschlands beschrieben.
Seit der Niederlage und Vernichtung der 6. Armee bei Stalingrad am 1./2. Februar 1943 und nach dem Scheitern der Operation "Zitadelle" am 13. Juli 1943, als bei Kursk und Orel ein sowjetischer Frontvorsprung zu einem großangelegten Zangenangriff genutzt werden sollte, begann das Zurückweichen der deutschen Ostfront nach Westen. Mit dieser Niederlage verlor Deutschland seine Position auf dem afrikanischen Kontinent an die westlichen Alliierten. Durch die deutsche Niederlage in Nordafrika verschafften sich die Alliierten eine strategisch günstige Ausgangsposition, um die "Festung Europa" von Süden anzugreifen.
Das Gesetz des Handelns befand sich seit Mitte 1943 auf Seiten der Alliierten, die von Süden und Osten die von den Deutschen besetzten Gebiete zurückeroberten. Im Januar 1944 war die Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung gedämpft, längst waren die Zeiten vorbei, als die Siegesfanfaren aus dem Volksempfänger erklungen und die Sondermeldungen von großen Siegen berichteten. Nun wurden Begriffe wie "Frontrücknahme" oder "Ausweichgefechte" gehört und tagtäglich berichtete man von anglo-amerikanischen "Terrorangriffen" auf das Reichsgebiet, die die Deutschen nach der Ansicht des Reichspropagandaministers Goebbels noch härter und entschlossener gegen den gemeinsamen Feind vereinen sollte. Weiterhin wird sich diese Arbeit nicht nur mit der Landbevölkerung selbst beschäftigen, sondern sie wird übergreifend auch den Stellenwert der Landwirtschaft in der nationalsozialistischen Ideologie und Gesellschaft beschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 "Blut und Boden" - Die Bedeutung der Landwirtschaft in der nationalsozialistischen Ideologie
2.2 Alltagsleben auf landwirtschaftlichen Betrieben und Gutshöfen im Kriegsjahr 1944 - Eine mikrohistorische Betrachtung -
2.2.1 Lage der Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft
2.2.2 Kriegswirtschaftliche Anforderungen an die Landbevölkerung
2.2.3 "Wiegeschwein" und Schwarzschlachtung - Unterschlagung und Betrügereien im ländlichen Leben -
3. Schluß
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung der Landwirtschaft für das nationalsozialistische Regime sowie den Einfluss des Zweiten Weltkriegs auf den Alltag der Landbevölkerung im Jahr 1944 anhand mikrohistorischer Fallbeispiele.
- Die ideologische Verknüpfung von "Blut und Boden" und der Landwirtschaft.
- Die Lebensbedingungen und der Einsatz von Kriegsgefangenen in landwirtschaftlichen Betrieben.
- Kriegswirtschaftliche Vorgaben und ihre Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung.
- Phänomene wie Schwarzschlachterei und Schwarzmarkt als Reaktionen auf staatliche Einschränkungen.
- Die mikrohistorische Analyse von Gutshöfen als abgeschlossene soziale Systeme.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Lage der Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft
Im Mai 1939 waren in der deutschen Landwirtschaft über 11 Millionen Frauen und Männer beschäftigt. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges änderte sich diese Kräftebilanz: Mitte des Jahres 1939 waren 120 000 ausländische Arbeitskräfte in der Landwirtschaft im Einsatz. In den Kriegsjahren 1940 bis 1944 arbeiteten über 7 Millionen ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene in der gesamten deutschen Kriegswirtschaft. Diese wurden in den Bereichen eingesetzt, wo die meisten männlichen Arbeitskräfte für die deutsche Wehrmacht abgezogen wurden. Die Landwirtschaft und die Industrie waren die beiden wirtschaftlichen Bereiche, in denen die meisten ausländischen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen zum Einsatz kamen.
Der Einsatz von Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft erfolgte bereits im Ersten Weltkrieg. Im gesamten Deutschen Reich wurden von 1914 bis 1918 45% aller Kriegsgefangenen, etwa 735 000, zumeist Russen und Serben, in der Landwirtschaft eingesetzt. Die Erfahrungen, die das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg machte mit dem Einsatz von Kriegsgefangenen, wurden in einer Dienstanweisung des OKW festgehalten. Diese Dienstanweisung trägt den Leitsatz, daß "der Feind Feind bleibt" und daß jegliche Fraternisierung unter Strafe verboten sei. Unmittelbar nach dem Beginn des Polenfeldzuges wurde ein System geschaffen, bei dem die polnischen Kriegsgefangenen aus den großen Kriegsgefangenenlagern in kleinere Gefangenenlager aussortiert wurden, um sie dann bei Bedarf den landwirtschaftlichen Betrieben direkt zuzuführen. Der immer höher werdende Bedarf an zu rekrutierenden Soldaten für die Wehrmacht führte dazu, daß die landwirtschaftlichen Betriebe einen gravierenden Arbeitskräftemangel zu verzeichnen hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ideologische Einordnung der Landwirtschaft als Teil der "Front" und skizziert den Aufbau der Untersuchung zur ländlichen Situation im Kriegsjahr 1944.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die nationalsozialistische Agrarideologie, den Einsatz von Zwangsarbeitern auf Gutshöfen sowie die Auswirkungen der Kriegswirtschaft und illegaler Praktiken auf das ländliche Leben.
3. Schluß: Das Fazit stellt fest, dass die landwirtschaftliche Versorgung trotz massiver Ressourcenmängel durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern bis zum Kriegsende aufrechterhalten werden konnte.
Schlüsselwörter
Landwirtschaft, Kriegsjahr 1944, Mikrohistorie, Nationalsozialismus, Blut und Boden, Kriegsgefangene, Kriegswirtschaft, Schwarzschlachtung, Ernährungssicherung, Gutshof, Zwangsarbeiter, Agrarpolitik, Richard Walter Darré, Herbert Backe, Ernährungskrise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation der deutschen Landwirtschaft im letzten Kriegsjahr 1944 unter besonderer Berücksichtigung mikrohistorischer Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die NS-Agrarideologie, der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen, die kriegswirtschaftliche Steuerung der Ernährung und der ländliche Alltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen ideologischen Anforderungen und der praktischen Realität auf deutschen Gutshöfen während der Endphase des Zweiten Weltkriegs aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine mikrohistorische Betrachtungsweise gewählt, die durch den Rückgriff auf Zeitzeugeninterviews, Familientagebücher und zeitgenössische Dokumente gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die ideologische Bedeutung von "Blut und Boden", die praktische Organisation der Arbeitskraft durch Kriegsgefangene und das Phänomen der Schwarzschlachtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär mit Begriffen wie Landwirtschaft, Kriegswirtschaft, NS-Ideologie und Kriegsgefangene charakterisieren.
Wie funktionierte das System der "Wiegeschweine" auf Gutshöfen?
Dabei handelte es sich um eine Form der Unterschlagung, bei der ein besonders mageres Schwein für die staatliche Abrechnung gewogen wurde, um die Ablieferungsquote zu drücken, während ein schwereres Tier schwarz geschlachtet wurde.
Warum war der Arbeitseinsatz von sowjetischen Kriegsgefangenen oft ineffizient?
Aufgrund der unmenschlichen Behandlung und des extrem schlechten Ernährungszustandes waren viele der Gefangenen gesundheitlich geschwächt oder durch Krankheiten arbeitsunfähig.
- Quote paper
- Michael Karl (Author), 1994, Landwirtschaft im Kriegsjahr 1944 aus mikrohistorischer Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135306