Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Glauben und Aberglauben, zwischen Religion und Volksmagie, ist in der Frühen Neuzeit nicht ganz einfach. Auch der literarische Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben im ersten Teil von Grimmelshausens Vogelnest bedarf noch einer genaueren Untersuchung. Es ergeben sich die Fragen, ob und inwiefern der Text hier letztlich eine trennscharfe Unterscheidung anbieten kann und inwiefern dieses Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben womöglich auch für die satirischen und lehrhaften (Bekehrungs-)Zwecke des Romans instrumentalisiert wird. Diesem Diskurs über Glauben und Aberglauben mitsamt dem darin enthaltenen definitorischen ‚Vakuum‘ soll diese Arbeit nachgehen. Dazu soll der Glaubens-Aberglaubens-Diskurs zunächst historisch-kulturell kontextualisiert werden, bevor dieser im ersten Teil von Grimmelshausens Vogelnest einer näheren Analyse unterzogen wird. Schließlich wird diese Arbeit ein besonderes Augenmerk auf Grimmelshausens Aberglaubenskritik legen und zu diesem Zweck auch einen knappen Blick in den zweiten Teil des Vogelnest-Romans sowie in Grimmelshausens "Galgen-Männlin" werfen.
Der fiktive Erzähler und Besitzer des Vogelnests macht im ersten Teil von Grimmelshausens Schelmenroman "Das Wunderbarliche Vogelnest" keinen Hehl daraus, dass er seiner Leserschaft etwas "beybringen" möchte; dass es ihm lieb sei, wenn der Leser "demselben was ich ihn hierinn zu lehren bedacht / nachzukommen sich befleist". Was das für Lehren sind, liegt dabei auf der Hand: In einem satirischen Spiel mit den soziokulturellen Umständen der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg verleiht der fiktive Erzähler wieder und wieder dem Postulat ‚christlichen‘ Handelns Nachdruck. Dass bei den erwähnten "sozikulturellen Umständen" im 17. Jahrhundert ein profunder Aberglaube und volksmagische Überzeugungen eine prominente Rolle spielen; dass mit dem unsichtbar machenden Vogelnest gar ein "magischer" Gegenstand zum zentralen Handlungselement wird, führt zu einem interessanten Wechselspiel zwischen Religion und Magie in Grimmelshausens Vogelnest-Roman. Während der Erzähler sich bereits eingangs eindeutig positioniert – er verunglimpft magische Gegenstände, die "extraordinari Gluͤks Stuͤke", als Unglücksbringer – "spielt" der Vogelnest-Roman in der Folge doch auch mit dem Verhältnis von Glauben und Aberglauben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Grimmelshausens Vogelnest und das Spiel mit der Magie – Zwischen Religion und Aberglauben
2. Volksmagie in der Frühen Neuzeit: Von der magischen Aneignung christlicher Heilsangebote
3. Zur Standortbestimmung des Erzählers: Glaube und Aberglaube im Vogelnest
3.1 Gottesfurcht und Bekehrung
3.2 Magische Gegenstände, Elementargeister und deren satirische Funktion – Aberglaube und Aberglaubenskritik
4. Exkurs: Frühaufklärerische Aberglaubenskritik im zweiten Teil des Vogelnests und im Simplicissimi Galgen-Männlin
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Religion, Magie und Aberglauben in Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Werk. Ziel ist es, die satirische Aberglaubenskritik des Autors im Kontext der frühneuzeitlichen Lebensrealität und der spezifischen Erzählstruktur des "Vogelnest"-Romans herauszuarbeiten.
- Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben in der Frühen Neuzeit
- Satyrische Funktionalisierung magischer Gegenstände
- Die Rolle der Bekehrung bei Grimmelshausen
- Intertextuelle Bezüge zum Galgen-Männlin
- Frühaufklärerische Tendenzen in der Aberglaubenskritik
Auszug aus dem Buch
3.2 Magische Gegenstände, Elementargeister und deren satirische Funktion – Aberglaube und Aberglaubenskritik
Das vorige Kapitel hat uns in dessen Ergebnis in eine grundlegende Gegensätzlichkeit des Vogelnest-Romans eingeführt: Der Erzähler möchte seine Leserschaft zu einem gottgefälligeren und christlicheren Leben bewegen, muss sich aber eines magischen und qua seiner teuflischen Herkunft unchristlichen Gegenstands bedienen, um sein moraltheologisches Ziel zu vermitteln. Bergengruen identifiziert das Vogelnest, speziell Raben- und Krähennester, als wiederkehrendes Element in frühneuzeitlichen Hexenprozessakten. Auch das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ verortet Vogelnester und deren unsichtbar machende Wirkung als festen Bestandteil in volksmagischen und abergläubischen Überzeugungen. So erklärt es sich auch, dass der Hellebardier selbst Angst davor hat, dass man ihn „wie die vorige Possessorin“ des „Vogel-Nestes auff einen Scheiterhauffen / als einen Zauberer / im Rauch gen Himmel“ schicken könnte (389).
Der Hellebardier ist sich also der Tatsache wohl bewusst, dass der Gegenstand mittels dessen er ungesehen die Stationen des Romans durchläuft, eigentlich nicht mit der christlichen Ablehnung magischer und abergläubischer Praktiken vereinbar ist – obwohl der Erzähler diesen magischen Gegenstand ja durchaus auch für christlich zu befürwortende Handlungen nutzt. Das Ergebnis ist ein theologischer Dualismus: Während der Hellebardier mal für einen Engel gehalten wird, tritt er anderswo als böser Geist auf (vgl. 372). Göttliches und Teuflisches vereinen sich in ihm; gerade in diesem Gegensatz liegt der vielleicht wichtigste Kern der Satire des Vogelnest-Romans.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Grimmelshausens Vogelnest und das Spiel mit der Magie – Zwischen Religion und Aberglauben: Diese Einleitung führt in die Problematik der schwer trennbaren Begriffe Glaube und Aberglaube im 17. Jahrhundert ein und wirft die Forschungsfrage auf, wie Grimmelshausen dieses Spannungsfeld für seine satirischen Bekehrungsziele nutzt.
2. Volksmagie in der Frühen Neuzeit: Von der magischen Aneignung christlicher Heilsangebote: Das Kapitel beleuchtet das magisch geprägte Weltbild der Frühen Neuzeit, in dem christliche Praktiken und Volksmagie oft in einer Symbiose existierten, was die kirchliche Abgrenzung in der Praxis erschwerte.
3. Zur Standortbestimmung des Erzählers: Glaube und Aberglaube im Vogelnest: Hier wird der Erzähler als intern fokalisierte Figur analysiert, der seine eigene Unsichtbarkeit nutzt, um das Verhalten anderer zu korrigieren und ein christliches Leben zu postulieren.
4. Exkurs: Frühaufklärerische Aberglaubenskritik im zweiten Teil des Vogelnests und im Simplicissimi Galgen-Männlin: Dieser Exkurs erweitert die Untersuchung auf den zweiten Teil des Romans sowie auf das Galgen-Männlin, um die Konsistenz der Aberglaubenskritik bei Grimmelshausen aufzuzeigen.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Grimmelshausen den Aberglauben satirisch nutzt, um die Leser von einer christlichen Vita activa zu überzeugen, wobei er bereits frühaufklärerische Ansätze einer rationaleren Aberglaubenskritik zeigt.
Schlüsselwörter
Grimmelshausen, Vogelnest, Volksmagie, Aberglaube, Frühe Neuzeit, Bekehrung, Moralisatio, Satire, Galgen-Männlin, Religion, New Historicism, Alltagsgeschichte, Teufelsglaube, Frühaufklärung, christliche Tugend
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Magie und Aberglauben in Grimmelshausens Roman „Das Wunderbarliche Vogelnest“ und setzt diese in den Kontext der frühneuzeitlichen Glaubenspraxis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen christlicher Religion und volksmagischen Vorstellungen sowie der erzählerischen Strategie der Moralisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung fragt danach, wie der Erzähler den im Roman zentralen magischen Gegenstand instrumentalisiert, um in einem satirischen Spiel zu beweisen, dass die Abkehr vom Aberglauben notwendig für ein christlich gottgefälliges Leben ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit lehnt sich methodisch an den New Historicism an, indem sie literarische Texte als Teil der gesellschaftlichen und historischen Realität ihrer Entstehungszeit betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl der erste als auch der zweite Teil des Vogelnests sowie das Galgen-Männlin analysiert, insbesondere im Hinblick darauf, wie der Narrativ der Bekehrung mit der Kritik an magischen Gegenständen verknüpft wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Grimmelshausen, Volksmagie, Aberglaubenskritik, Bekehrungsgeschichte und die frühneuzeitliche Grenze zwischen Religion und Aberglauben.
Wie geht der Erzähler mit der Paradoxie des magischen Vogelnests um?
Der Erzähler nutzt den magisch-teuflischen Gegenstand ironischerweise als Werkzeug für christliche Belehrung, entwickelt jedoch parallel dazu eine klare Distanz zum Aberglauben, die in der retroperspektiven Kritik explizit wird.
Welche Rolle spielt das Galgen-Männlin für die Gesamtthese?
Es dient als Vergleichstext, um zu verdeutlichen, dass Grimmelshausens Aberglaubenskritik über den Vogelnest-Roman hinausgeht und in verschiedenen Werken eine konsistente, beinahe frühaufklärerische Haltung einnimmt.
- Quote paper
- Thorben Höppner (Author), 2021, Grimmelshausens "Vogelnest" und "Galgen-Männlin". Gottesfurcht, magisches Weltbild und Aberglaubenskritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1354038