Entwicklung eines Interviewleitfadens für das Nachwuchstraining im Schwimmen


Diplomarbeit, 2007

123 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS:

ABBILDUNGSVERZEICHNIS:

TABELLENVERZEICHNIS:

1 EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIELSETZUNG DER ARBEIT
1.2 AUFBAU DER ARBEIT

2 GRUNDLAGEN DES NACHWUCHSTRAININGS
2.1 DER LANGFRISTIGE LEISTUNGSAUFBAU
2.2 DAS NACHWUCHSTRAINING IM SCHWIMMEN
2.2.1 Das Grundlagentraining
2.2.2 Das Aufbautraining
2.3 VIELSEITIGKEIT IM NACHWUCHSTRAINING
2.4 KRAFTTRAINING IM NACHWUCHSTRAINING
2.5 ALTERSGEMÄßHEIT IM NACHWUCHSTRAINING
2.6 PERIODISIERUNG IM NACHWUCHSTRAINING
2.7 WETTKAMPF IM NACHWUCHSTRAINING
2.8 INDIVIDUELLE TRAININGSGESTALTUNG IM NACHWUCHSTRAINING
2.9 ZUSAMMENFASSENDE BETRACHTUNG DES NACHWUCHSTRAININGS

3 UNTERSUCHUNGSMETHODE
3.1 GRUNDLAGEN DER QUALITATIVEN SOZIALFORSCHUNG
3.2 DER UNTERSUCHUNGSPLAN
3.2.1 Erhebungsverfahren qualitativer Analysen
3.2.2 Dokumentationsverfahren qualitativer Analysen
3.2.3 Die qualitativen Auswertungsmethoden
3.2.4 Gütekriterien

4 DIE METHODE DER VORLIEGENDEN UNTERSUCHUNG
4.1 DIE SPEZIELLEN FORSCHUNGSFRAGEN
4.2 ERSTELLUNG DES INTERVIEWLEITFADENS
4.3 AUSWAHL DER INTERVIEWPARTNER
4.4 DURCHFÜHRUNG DER INTERVIEWS
4.5 AUSWERTUNG DER INTERVIEWS
4.5.1 Die Transkription der Interviews
4.5.2 Die Paraphrasierung der Interviews
4.5.3 Das Kodieren und der thematische Vergleich der Interviews
4.5.4 Die soziologische Konzeptualisierung

5 AUSWERTUNG UND DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE
5.1 EINLEITUNGSFRAGEN
5.2 DIE VIELSEITIGKEIT
5.2.1 Die Rolle der Vielseitigkeit im Kinder- und Jugendtraining
5.2.2 Der Einsatz anderer Sportarten vor und neben dem Schwimmtraining
5.2.3 Der Einsatz anderer sportlicher Aktivitäten im Nachwuchstraining
5.2.4 Andere sportliche Aktivitäten im Jahresverlauf
5.2.5 Nichtschwimmspezifische Übungen im Wasser
5.2.6 Allgemeine und spezielle Inhalte im Kinder- und Jugendtraining
5.2.7 Differenzierung der Athleten in die unterschiedlichen Disziplinen
5.3 DER LANGFRISTIGE LEISTUNGSAUFBAU
5.3.1 Der langfristige Leistungsaufbau in der Praxis
5.3.2 Praktische Probleme bei der Umsetzung des LLA
5.3.3 Inhaltliche Differenzierung zwischen dem Kinder- und Jugendtraining
5.3.4 Das Training der konditionellen Fähigkeiten im Jahresverlauf
5.4 DAS KRAFTTRAINING
5.4.1 Anteil des Krafttrainings am gesamten Trainingsaufbau
5.4.2 Grundsätze des Krafttrainings im Nachwuchsbereich
5.4.3 Krafttraining im Wasser
5.5 DER WETTKAMPF
5.6 DIE ALTERSGEMÄßHEIT
5.6.1 Die Trainierbarkeit im Altersverlauf
5.6.2 Beachtung der Inhomogenität der Trainingsgruppe
5.7 DIE INDIVIDUELLE TRAININGSGESTALTUNG
5.8 DIE PERIODISIERUNG

6 BEWERTUNG DER STUDIE ANHAND DER GÜTEKRITERIEN

7 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

ANHANG I: DER INTERVIEWLEITFADEN

LITERATURVERZEICHNIS:

Danksagung:

An dieser Stelle möchte ich mich bei all den Menschen bedanken, die mir geholfen haben diese Arbeit zu erstellen, die mit Rat und Tat zur Seite standen oder in Gesprächen neue Anstöße gaben.

Als erstes möchte ich mich bei meinem Betreuer Prof. Dr. Andreas Hohmann und seinem Assistenten Dr. Mark Pfeiffer bedanken, die sich immer Zeit für meine Fragen nahmen.

Ein besonderer Dank gilt Dr. Ingo Breuer, der einen großen Beitrag zum Gelingen meiner empirischen Auswertung beigetragen hat und dessen Zeit ich in langen Telefonaten ausgiebig in Anspruch nahm.

Abschließend gilt mein Dank besonders meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Bruder und Annett, die immer Zeit für mich hatte.

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis:

ABB. 1: STRUKTUR DES LANGFRISTIGEN LEISTUNGSAUFBAUS IM NATIONALEN TRAININGSSYSTEM DEUTSCHLANDS

ABB 2: VIELSEITIGKEIT ALS GRUNDLAGE DER ALLGEMEINEN UND SPEZIELLEN AUSBILDUNG

ABB 3: VERÄNDERUNG DES ANTEILS VON ALLGEMEINER UND SPEZIELLER AUSBILDUNG

ABB 4: PERIODISIERUNGSSCHEMA DES NACHWUCHSTRAININGS

ABB 5: SYSTEMATISIERUNG QUALITATIVER INTERVIEWFORMEN

ABB 6: NACHVOLLZIEHBARKEIT DER DATENERHEBUNG

Tabellenverzeichnis:

TAB. 1: STUFEN DES TRAININGSAUFBAUS IM SPITZENSPORTORIENTIERTEN TRAINING

TAB. 2: MODELL GÜNSTIGER PHASEN DER TRAINIERBARKEIT (SENSIBLE PHASEN)

TAB. 3: EIGENER UNTERSUCHUNGSABLAUF

TAB. 4: INTERVIEWTRANSKRIPTION UND DIE DAZUGEHÖRENDE PARAPHRASE

TAB. 5: DIE KODIERUNG UND DER THEMATISCHE VERGLEICH DER INTERVIEWS

1 Einleitung

„Wer einen einigermaßen geübten Blick hat, sieht auf Anhieb, wie viel Arbeit Schwimmer in ihren Sport gesteckt haben. Mit Waschbrettbauch, Muskelber- gen auf dem Oberkörper und hagerem Gesicht […]“ (www.faz.de, Zugriff am 27.06.2006), so beschrieb der faz-Autor das Auftreten Helge Meeuws bei den Deutschen Meisterschaften 2006. Liest man den Artikel aufmerksam weiter, wird man bald überrascht von der folgenden Aussage: „[…] er (Helge Meeuw, Anmerk. des Autors) absolvierte - erstmals in seiner Laufbahn, wie es heißt - systematisch Krafttraining.“ (www.faz.de, Zugriff am 27.06.2006). Diese Aus- sage ist doch sehr erstaunlich, da Helge Meeuw schon seit seiner Jugend auch international in der Spitze mitschwimmt, und in der neueren Literatur Krafttraining auch schon im Kindes- und Jugendalter als sinnvoll angesehen wird.

Daran anknüpfend stellt sich nun die interessante Frage, inwieweit die theore- tischen Trainingsempfehlungen auch in der Praxis ein- und umgesetzt werden. Dies beschränkt sich dabei nicht allein auf den Einsatz von systematischem Krafttraining, sondern erstreckt sich über das ganze Feld der grundlegenden Trainingssystematik.

1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Das Nachwuchstraining steht in den letzten Jahren besonders im Fokus der Betrachtungen, da sich der Leistungssport in vielen Bereichen weiterhin unge- brochener Popularität erfreut (Dietze, 1999, S. 4). Die fortschreitenden Leis- tungssteigerungen im Hochleistungssport sind nicht allein auf die steigenden Verbesserungen im System des Hochleistungstrainings zurückzuführen, son- dern auch auf einen höheren Effekt der langfristigen, systematischen und ziel- gerichteten Vorbereitung in den unterschiedlichen Etappen des Nachwuchs- trainings (Rost, 2002, S. 71). Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, gibt es im „[…] Bereich des Leistungssports […] schon seit Jahren eine Dis- kussion darüber wie denn nun das optimale Nachwuchstraining auszusehen hat“ (Schröder, 2002, S. 46).

Es scheint somit an der Zeit zu sein, die in der Literatur gegebenen Empfeh- lungen in der Praxis zu überprüfen. Hier soll in der vorliegenden Arbeit ein ers- ter Schritt getan werden. Dabei sollen die von den Trainern in der Praxis an- gewandten Prinzipien, Inhalte und Methoden in Erfahrung gebracht werden, um anhand dieser einen ersten Einblick in das angewandte Training der Trai- ner zu gewinnen.

Die der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegende Sportart ist das Sportschwimmen. Hierbei muss jedoch noch betont werden, dass in dieser Arbeit v.a. das Nachwuchstraining im Hinblick auf ein Hochleistungstraining betrachtet wird, die anderen Problemfelder wie Theorie und Methodik des Schulsports, des Freizeitsports, der körperlichen Bildung und Erziehung u.a.m. stehen nicht im Blickpunkt (Thieß, 1997, S. 50).

Die Kernfrage, welche im Rahmen dieser Diplomarbeit geklärt werden soll lau- tet also:

Inwieweit werden die theoretischen Trainingsempfehlungen der Lite- ratur in Hinblick auf die Grundprinzipien, Ziele, Inhalte und Metho- den im praktischen Training von Schwimmtrainern in Deutschland ein- und umgesetzt?

Grundsätzlich ist erst einmal zu klären, was die Literatur für das Nachwuchs- training allgemein und besonders auch im Hinblick auf das Sportschwimmen empfiehlt. Somit ist der erste Schritt den Stand der Literatur zu recherchieren und zu erörtern. Daraus sollen dann einerseits die grundlegenden Empfehlun- gen der Literatur und die noch problematischen Gebiete zum Thema Nach- wuchstraining im Schwimmen herausgearbeitet werden. Folglich lautet die ers- te Frage, welche im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden soll:

Welches sind die grundlegenden theoretischen Empfehlungen für das Nachwuchstraining in Deutschland?

Da das praktische Vorgehen der Trainer anhand einer empirischen Methode untersucht werden soll, sind zunächst noch die Grundlagen der empirischen Forschung zu behandeln. Dabei wird die qualitative von der quantitativen Forschungsmethode abgegrenzt und begründet, weshalb das qualitative Paradigma die gewählte Untersuchungsmethode ist. Dies leitet über zur nächsten Frage, die im Laufe der Arbeit beantwortet werden soll:

Welche Untersuchungsmethoden existieren und was ist das pas- sende Untersuchungsdesign für die eigene Untersuchung?

In dem abschließenden empirischen Teil der Diplomarbeit wird versucht, durch leitfadengestützte Experteninterviews einen ersten Einblick in die Trai- ningspraxis einiger Schwimmtrainer in Deutschland zu erhalten. Da es sich im Rahmen dieser Diplomarbeit um eine Vorstudie handelt, können dabei keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden, in welchem Umfang die Trai- ner in der Praxis den theoretischen Vorlagen und Empfehlungen der Trai- ningslehre folgen. Es soll folglich zuerst ein Weg aufgezeigt werden, wie ein sinnvolles Untersuchungsdesign auszusehen hat und welche Methoden bei der Auswertung dafür in Frage kommen. Die Ergebnisse liefern somit aus- schließlich einen ersten Trend für die Gruppe der untersuchten Trainer und in welche Richtung sich darauf aufbauende Untersuchungen bewegen können.

1.2 Aufbau der Arbeit

Wie bereits erwähnt bildet das Nachwuchstraining, speziell das Nachwuchstraining im Schwimmen, die Grundlage dieser Arbeit. Wie im Kapitel 1.1 schon angedeutet, ist die Dokumentation des praktischen Schwimmtrainings anhand eines leitfadengestützten Experteninterviews und ein erster Vergleich der Trainingspraxis mit den in der Literatur gegebenen Trainingsempfehlungen das Ziel dieser Arbeit. Dazu ist es unersetzlich zuerst den Stand der Literatur zu recherchieren. Die Formulierung und Analyse des Problems muss zu Beginn der Arbeit theoretisch abgehandelt werden, da zentrale Aspekte des Interviewleitfadens daraus resultieren (Mayring, 1999, S. 52).

Infolgedessen wird in Kapitel 2 das Nachwuchstraining im Schwimmen in Deutschland anhand einer umfassenden Literaturrecherche dargestellt. Hier- bei ist es das Ziel, sowohl die grundlegenden Prinzipien als auch die in der Literatur als unklar dargestellten Punkte zusammenfassend darzulegen. In Kapitel 3 wird dann kurz auf die grundlegenden Forschungsdesigns empiri- scher Forschung, der qualitativen und der quantitativen Forschung, eingegan- gen. Daran anschließend wird das qualitative Paradigma näher erläutert, wo- bei auf die einzelnen Schritte des Untersuchungsplans, das Erhebungs-, Do- kumentations- und Auswertungsverfahren eingegangen wird. Anschließend daran wird in Kapitel 4 die Methode der vorliegenden Untersu- chung dargestellt. Bevor dabei der Ablauf der Untersuchung näher beschrie- ben wird, wird detaillierter auf die angewendete Untersuchungsmethode ein- gegangen, da diese im qualitativen Auswertungsparadigma immer individuell an das Forschungsdesign und die Fragestellung der durchgeführten Untersu- chung angepasst werden muss (Gläser & Laudel, 2006, S. 42ff). Nach der Darstellung und Auswertung der Ergebnisse in Kapitel 5 wird noch die Qualität der Studie anhand der allg. Gütekriterine bewertet, bevor die Arbeit mit einer Zusammenfassung und dem Ausblick in Kapitel 7 abgeschlossen wird.

2 Grundlagen des Nachwuchstrainings

„Das Kind ist kein Miniaturerwachsener, und seine Mentalität ist nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ von der des Erwachsenen verschieden, so dass ein Kind nicht nur kleiner, sondern auch anders ist“ (Claparède, 1937, S. 13). Schon diese vor 70 Jahren gemachte Aussage verdeutlicht, dass sich das Nachwuchstraining grundsätzlich vom Hochleistungstraining Erwachsener unterscheiden muss (Martin, Nicolaus, Ostrowski & Rost, 1999, S. 20). Fraglich ist dabei, welche Zeitspanne das Nachwuchstraining umfasst.

Nach Martin et al. (1999, S. 16) umfasst es allgemein die Zeitspanne, welche benötigt wird, um die sportartspezifischen Anschlussleistungen für die Auf- nahme in C-, B- oder A-Kader zu erreichen. Es muss jedoch angemerkt wer- den, dass hier in den verschiedenen Sportarten ein großer Unterschied im Be- zug auf das chronologische Alter verzeichnet werden kann. In einem Großteil der Sportarten fällt das Nachwuchstraining in das Kindes- und Jugendalter (Martin & Rost, 1996, S. 6), wobei mit dem Kindesalter „[…] formal die Lebensphase von der Geburt bis zum 14. Lebensjahr“ (Martin et al., 1999, S. 13) gemeint ist. Das Jugendalter schließt noch das vollendete 18. Lebensjahr mit ein (Martin, 1982, S. 257).

In Sportarten jedoch, welche einen frühen Leistungshöhepunkt aufweisen, kann das Nachwuchstraining auch schon im frühen Jugendbereich beendet sein, da schon hier Leistungen erzielt werden, welche im internationalen Spitzenbereich anzusiedeln sind. Dazu gehört beispielsweise das Geräteturnen, Eiskunstlaufen aber auch das Schwimmen (Martin & Rost, 1996, S. 6). Darüber hinaus muss bei der Abgrenzung des Nachwuchstrainings das jeweilige Trainingsalter berücksichtigt werden. Zusätzlich befinden sich Kinder und Jugendliche noch mitten im Entwicklungsprozess, welcher nicht bei allen Nachwuchsathleten gleich verläuft (Martin, 1988, S. 13). Daraus wird deutlich, dass der Zeitraum des Nachwuchstrainings sehr unterschiedlich und letztlich nur individuell zu bestimmen ist (Martin, 1982, S. 257).

Wie oben bereits erwähnt, muss sich die Gestaltung des Nachwuchstrainings grundsätzlich vom Hochleistungstraining (HLT) unterscheiden. Während das Hochleistungstraining, vereinfacht gesagt, das Ziel hat, die Leistungsfähigkeit des Athleten maximal auszubilden, so hat das Nachwuchstraining vorrangig eine „[…] Voraussetzungsfunktion mit perspektivischem Charakter“ (Martin et al., 1999, S. 20). Darüber hinaus ist es ebenfalls für die Talenterkennung und -förderung zuständig. Auf diesen Aspekt wird im weiteren Verlauf der Arbeit nicht weiter eingegangen, da dies ein komplexes und eigenständiges Themengebiet darstellt.

Ziel des Nachwuchstrainings ist somit nicht die Ausprägung maximaler Leis- tungen, sondern die inhaltlichen Aufgaben der unterschiedlichen Etappen zu erfüllen (siehe Kapitel 2.1). Doch hier zeigen sich schon die ersten Probleme. Gemäß Schröder (2002, S. 46) gibt es eine anhaltende Diskussion wie das optimale Nachwuchstraining auszusehen hat. Während auf der einen Seite Vielseitigkeit, Werteorientierung und „[…] Sport als die schönste ‚Nebensache der Welt […]‘“ (Schröder, 2002, S. 46) gefordert werden, wird anschließend die Qualität der Nachwuchsarbeit des Trainers häufig allein an den Medaillen und den damit errungenen Erfolgen der Kinder und Jugendlichen gemessen. Nie- mand fragt im Nachhinein, ob diese Erfolge auch durch kindgerechte Metho- den erreicht wurden (Schröder, 2002, S. 46f).

Hier ist bereits der nächste Problempunkt in Bezug auf das Kinder- und Ju- gendtraining erreicht. So wird in der Theorie im Hinblick auf die Gestaltung des Nachwuchstrainings viel gefordert und empfohlen. Diese Forderungen sind jedoch teilweise wenig empirisch abgesichert, obwohl sie in der Literatur schon weit verbreitet und verallgemeinert wurden. Dies gilt gemäß Hirtz (2002,S. 69) v.a. für die so genannten kritischen oder sensiblen Perioden und das beste motorische Lernalter (siehe dazu auch Kapitel 2.5).

Einige grundlegende Prinzipien sind jedoch in der Literatur unwidersprochen. So formulierte Hirtz (2002, S. 69f) als allgemeine Forderungen an das Nach- wuchstraining, dass mit ihm hinreichend früh begonnen werden soll und eine rechtzeitige Spezialisierung stattfinden muss. Hierbei ist das Anforderungspro- fil der jeweiligen Sportart zu beachten, darüber hinaus auch der richtige Ein- satz von allgemeinen, unspezifischen Inhalten auf der einen Seite und den speziellen Inhalten der gewählten Sportart auf der anderen Seite (Martin et al., 1999, S. 183f). Außerdem sollte es die Entwicklungsbesonderheiten berück- sichtigen und fördern. Da Reifungsprozesse im Kindes- und Jugendalter auch tätigkeitsgebunden sind, müssen solche Aufgaben gestellt werden, die die Entwicklungsprozesse positiv beeinflussen. Zu beachten sind dabei auch Zeit- abschnitte, in denen die Lernfähigkeit unterschiedlich ausgeprägt ist.

Hirtz(2002, S. 69ff) fordert außerdem, die grundsätzliche Individualität der mo- torischen Entwicklung zu berücksichtigen, wobei dies enorm erschwert wird durch die hohen intra- und interindividuellen Unterschiede in den unterschied- lichen Entwicklungsprozessen von Kindern und Jugendlichen. Abschließend soll noch betont werden, dass eine Betrachtung des Nach- wuchstrainings aus rein trainingswissenschaftlicher Sicht ein systematisches Kinder- und Jugendtraining nicht legitimieren kann. Auf diese Problematik soll hier nur in soweit eingegangen werden, als dass zusätzlich auch pädagogi- sche Grundfragen zu beachten sind. Darüber hinaus können die erbrachten sportlichen Leistungen von hochtalentierten Jugendlichen nicht mit denen Gleichaltriger verglichen werden. Daraus folgt, dass die Frage nach der Alters- und Kindgemäßheit in dieser Gruppe nicht einfach zu beantwortet werden kann (Martin et al., 1999, S. 19). Weineck (2004, S. 99) betont wiederum, dass ein körperliches Training von Kindern insgesamt zwar zu befürworten ist, da der Bewegungsdrang von Kindern und Jugendlichen ausgesprochen ausge- prägt ist, jedoch sollte ein Leistungstraining in diesem Alter noch nicht unein- geschränkt durchgeführt werden.

Es wurde in diesem Kapitel verdeutlicht, dass das Nachwuchstraining v.a. ein allgemeines Voraussetzungstraining sein sollte, dessen komplexe, leistungs- prägende und sportartspezifische Inhalte mit dem Alter zunehmen. Die Trai- ningsziele und -inhalte verändern sich somit im Laufe der Ausbildung, folgen dabei aber immer der Logik einer perspektivischen Leistungsentwicklung (Rost, 2002, S. 80).

Darüber hinaus wurde dargelegt, dass das Nachwuchstraining ebenfalls sys- tematisch und langfristig angelegt sein sollte, sich aber grundlegend in den Zielen, Inhalten und Methoden vom Erwachsenentraining unterscheidet. Dies ist vor allem einer Reihe von psychischen, physischen und psychosozialen Veränderungen und Entwicklungsbesonderheiten geschuldet, welche bei Kin- dern und Jugendlichen in der Wachstumsphase vorliegen (Weineck, 2004, S. 100).

2.1 Der langfristige Leistungsaufbau

Wie in Kapitel 2 skizziert wurde, ist das Nachwuchstraining ein Vorausset- zungstraining mit dem Ziel, langfristig sportartspezifische Höchstleistungen zu erbringen. Sportliche Höchstleistungen können jedoch nur dann erbracht wer- den, wenn die dafür notwendigen Grundlagen schon im Kinder- und Jugend- training gelegt werden (Weineck, 2004, S. 56). Da die einzelnen Fähigkeitsbe- reiche (z. B. Schnelligkeitsfähigkeit, koordinative Fähigkeit, motorische Lernfä- higkeit u.a.m.) im Verlauf der Ontogenese unterschiedlich trainierbar sind und die Lerngeschwindigkeit teilweise von den motorischen Vorerfahrungen ab- hängt, ist es notwendig, den langfristigen Leistungsaufbau (LLA) zu strukturie- ren (Martin et al., 1999, S. 185; Hohmann et al., 2002, S. 170). Somit lässt sich folgern, dass der LLA ein ganzheitlicher Prozess ist, mit dem Ziel Spitzen- leistungen im HLT zu erzielen (Rost, 2002, S. 71).

Die ersten Ansätze für die Gliederung des LLA richteten sich noch nach dem kalendarischen Alter und somit wurde der LLA in ein Kinder-, Jugend- und Er- wachsenentraining gegliedert. Doch schon Thieß (1966, S. 5ff) nahm eine Strukturierung nach dem Grundlagen-, Aufbau- und Hochleistungstraining vor, wobei seine Gliederung inhaltlich-methodisch bestimmt war, da er es als un- zweckmäßig empfand, vom Jugendtraining allgemein zu sprechen.

Das Lebensalter als Strukturierungsgrundlage war aufgrund der Konzentration auf inhaltlich-methodische Unterschiede in den einzelnen Sportarten nicht mehr tragbar (Martin et al., 1999, S. 188). Aufbauend auf dieser Strukturierung wurden in den folgenden Jahren viele Vorschläge für weitere Aufgliederungen dieser Struktur vorgenommen. Aufgrund von Übergangsproblemen vom Auf- bau- zum Hochleistungstraining wurde dann nach vielen Diskussionen Anfang der 80er Jahre erstmals das Anschlusstraining (AST) mit einbezogen. Ab- schließend wurde dem GLT dann noch eine allgemeine Grundausbildung vor- geschaltet, die als motorisches Basistraining definiert wird (Joch, 1992, S. 19ff). Heute wird der LLA in drei Stufen unterteilt, welche allgemein anerkannt sind, wobei die Stufe Nachwuchstraining noch einmal in die Trainingsabschnit- te Grundlagen- (GLT), Aufbau- (ABT) und Anschlusstraining (AST) aufgeglie- dert wird (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Stufen des Trainingsaufbaus im spitzensportorientierten Training (nach Rudolph, 2004, S. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Struktur liegt u.a. die Erkenntnis von Schnabel, Harre und Borde (1994, S. 403f) zugrunde, dass ein Großteil der entwickelten Modelle folgende Gemeinsamkeiten aufweisen:

- Der LLA ist ein mehrstufiger Entwicklungsprozess.
- Grundlage ist eine vielseitige Grundausbildung mit einem breiten motorischen Angebot, welches Leistungsvoraussetzungen schaffen soll.
- Ziel ist das Erreichen von sportartspezifischen Höchstleistungen.

Anhand dieser Struktur soll bei der Planung des LLA versucht werden, über mehrere Jahre einen systematischen Trainingsprozess so zu gestalten, dass solche Leistungsvoraussetzungen geschaffen werden, die notwendig sind, um die spezielle Leistungsfähigkeit schrittweise zu erhöhen. Es wird somit im Grundlagentraining mit allgemeinen Leistungsvoraussetzungen begonnen, um dann kontinuierlich immer speziellere Leistungsvoraussetzungen in das Training zu integrieren (Hohmann et al., 2002, S. 168).

Pechtl, Ostrowski und Klose (1993, S. 14) verbanden das oben gezeigte Schema der Ausbildungsetappen mit den allgemein notwendigen Trainingsjah- ren um die nächste Etappe zu erreichen und den Kaderbereichen. Damit schu- fen sie das meistverwendete Systematisierungsschema der Nachwuchsförde- rung in Deutschland.

Die meisten Rahmentrainingspläne der unterschiedlichen Sportverbände folgen diesem Schema (Hohmann et al., 2002, S. 169; Krug, Hoffmann, Naumann, Rost & Schlegel, 2005, S. 271).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Struktur des langfristigen Leistungsaufbaus im nationalen Trainingssystem Deutschlands (nach Pechtl, Ostrowski & Klose, 1993, S. 14).

Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass diese Systematisierung ei- nen idealtypischen Verlauf darstellt, der in der Praxis nur in den seltensten Fällen so umgesetzt werden kann. Darüber hinaus muss auch angemerkt werden, dass die einzelnen Etappen nicht als feste Einheit betrachtet werden dürfen und daher fließende Veränderungen im Trainingsaufbau angestrebt werden müssen (Conzelmann & Schneider, 2000, S. 9). Für jede Sportart kann sich folglich eine andere Zeitstruktur ergeben, da sich sowohl das Einstiegs- als auch das Höchstleistungsalter sportart(en)spezifisch unterscheiden (Martin et al., 1999, S. 192ff; Platonov, 2004, S. 18).

Kritisch beurteilt werden muss an dieser Systematisierung außerdem, dass sie weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, denn auf Verallgemei- nerungen des Erfahrungswissens von Trainern und Plausibilitätsüberlegungen (Krug et al., 2005, S. 280). Dies ist aus Sicht der Trainingswissenschaften durchaus als problematisch anzusehen, da keine empirischen Befunde existie- ren, welche die Empfehlungen zu Trainingsschwerpunkten und -intensität in den einzelnen Etappen oder auch dem Trainingsbeginn oder die etappenspe- zifischen Trainingsumfänge aufgrund dieses Modells verifizieren (Hohmann et al., 2002, S. 169).

Jedoch lassen sich einige objektive Faktoren herausarbeiten, welche die Dau- er und Struktur des Trainingsprozesses bis zum Erreichen der Höchstleistung und die Alterszonen der Etappen eingrenzen. Dies können sowohl innere Fak- toren sein wie die Struktur der Wettkampfleistung, das Alter des Trainingsbe- ginns, die Lage des Höchstleistungsalters, individuelle und geschlechtliche Besonderheiten der Athleten, als auch äußere Faktoren wie z. B. die Entwick- lung der Sportart (Rost, Ostrowski, Renner, Köhler & Klose, 1992, S. 11).

In den Folgenden Abschnitten werden die einzelnen Etappen des LLA der Sportart Schwimmen zusammenfassend vorgestellt.

Schwimmen zählt zu den zyklischen Ausdauersportarten mit einem je nach Streckenlänge variierenden Anteil an azyklischen Bewegungen (Start/Wende), in der vergleichsweise früh Höchstleistungen erbracht werden. Ein eindeutiges Höchstleistungsalter lässt sich nicht festlegen. In der Literatur wird es zwi- schen 16-21 Jahren bei den Frauen und 18-23 Jahren bei den Männern (Komar-Olmen, 1993, S. 43; Rudolph et al., 2006, S. 4) angegeben.

Die Dauer der Gesamtentwicklung bis zum Erreichen der Höchstleistung wird, sowohl bei Mädchen als auch bei den Jungen, in der mit Literatur durchschnittlich ca. 10 Jahren angegeben. Um die Inhalte für die einzelnen Etappen des Nachwuchstrainings festzulegen, wird grundsätzlich, unabhängig von der Sportart, die maximale Leistung im Höchstleistungsalter festgelegt. Ausgehend von dieser Leistungsvoraussetzung wird dann von oben nach unten gehend bestimmt, welche Anforderungen in den jeweiligen Trainingsetappen zu realisieren sind (Thieß, 1997, S. 50).

Aufgrund der Lage des Höchstleistungsalters und der durchschnittlichen Trai- ningsdauer sollte mit dem Schwimmtraining zwischen acht und neun Jahren begonnen werden. Aufgrund dieser Informationen lässt sich dann ein Rah- menmodell des LLA zum Erreichen der individuellen Höchstleistung ableiten.

Im Folgenden werden die einzelnen Etappen stichpunktartig skizziert. In den Kapiteln 2.2.1 und 2.2.2 wird dann noch ausführlicher auf das GLT und das ABT eingegangen, da diese beiden Etappen für den Verlauf der weiteren Arbeit relevant sind.

Ziele des Grundlagentrainings (GLT):

- Schaffung einer breiten konditionellen Basis, vielseitige athletische Aus- bildung mit Schwerpunkt auf Abwechslung und Spiel, Erwerb der Schwimmtechniken bis hin zur teilweisen Feinformung, vielseitige ak- zentuierte Ausbildung der koordinativen Fähigkeiten.

Ziele des Aufbautrainings (ABT):

- Vielseitige schwimmspezifische Ausbildung, Vervollkommnung der Schwimmtechniken, vielseitige Ausbildung in allen Schwimmarten, aber die Grundlagen für die spätere Spezialisierung sollten gelegt werden, Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit bekommen eine neue Qualität.

Ziele des Anschlusstrainings (AST):

- Zunehmendes spezielles Training, zunehmende Spezialisierung auf ei- ne Strecke oder Schwimmart, Ausprägung der Leistungsvoraussetzun- gen für das Hochleistungstraining.

Ziele des Hochleistungstrainings (HLT):

- Ist die letzte Etappe des LLA. Das Ziel ist hier, die höchstmögliche Aus- prägung der individuellen sportartspezifischen Leistungsfähigkeit zu er- reichen (Komar-Olmen, 1993, S. 45; Rudolph, 2006, S. 10ff; Martin et al., 1999, S. 192).

Jedamsky (2006, S. 52f) verweist nochmals ausdrücklich darauf, dass diese Etappenstruktur nicht an das kalendarische Alter geknüpft ist sondern oftmals sehr unterschiedlich verläuft. Die Verweildauer der Athleten in den unter- schiedlichen Etappen wird somit durch den individuellen Entwicklungsstand gesteuert (Wilke & Madsen, 1997, S. 29). Trotz großer Abweichungen im Alter können Athleten später ein sehr gutes Niveau erreichen (Schröder, 2002, S. 47).

Eines der Hauptprobleme des LLA besteht aktuell in den meisten Sportarten in der immer größer werdenden Differenz zwischen Einstiegsleistung bei Trai- ningsbeginn und den abschließenden Höchstleistungen (Ostrowoski, 2000, S. 130). Diese Tendenz kann auch beim Schwimmen bei den Senioren und Juni- oren beobachtet werden. Die Folge ist, dass innerhalb der gleichen Ausbil- dungszeit ein höheres Niveau der Leistungsfähigkeit vorbereitet und ausge- prägt werden muss (Rost, Pfeiffer & Ostrowski, 2001, S. 11). Diese Entwick- lung hängt sowohl stark mit der steigenden Effektivität des Hochleistungstrai- nings im Seniorenalter zusammen, als auch gleichermaßen mit einem verbes- serten Nachwuchstraining.

Um das Kapitel des LLA abzuschließen, soll an dieser Stelle die Definition des LLA von Schnabel, Harre und Borde (1994, S. 404) folgen:

„Der langfristige Leistungsaufbau ist ein zielbestimmt gesteuerter Entwicklungsprozeß der sportlichen Leistungsfähigkeit und der Leistungsbereitschaft vom Beginn des leistungs- sportlichen Trainings bis zum Erreichen sportlicher Höchstleistungen. Er wird als einheitlicher Prozeß in inhaltlich akzentuierten und systematisch aufeinander aufbauenden Ausbildungsetappen sportartspezifisch konzipiert und realisiert!“

2.2 Das Nachwuchstraining im Schwimmen

In diesem Kapitel sollen kurz einige Besonderheiten des Nachwuchstrainings im Schwimmen genannt werden, bevor in den nächsten Kapiteln dann explizit auf die beiden für diese Arbeit relevanten Etappen des LLA, das Grundlagentraining und das Aufbautraining, näher eingegangen wird.

Da die Sportart Schwimmen einen frühen Zeitpunkt der Hochleistungsphase aufweist, ist dem Nachwuchstraining im LLA ein besonderer Stellenwert bei- zumessen. Hier werden die Grundlagen gelegt, welche dem Athleten spätere Höchstleistungen erlauben (Komar, 1995, S. 7). Dieser Abschnitt des LLA muss somit gesondert betrachtet werden, da er einige Besonderheiten auf- weist.

Da im Bereich des Nachwuchstrainings weniger Fördermaßnahmen existieren und Trainer somit größtenteils ehrenamtlich arbeiten, herrscht darüber hinaus bei den Sportlern auch häufig noch Unklarheit über die spätere Spezialsportart (Dietze, 1999, S. 4). Deshalb haben die Trainer noch die zusätzliche Aufgabe, individuelle Entwicklungspotentiale zu erkennen und zu fördern (Weineck, 2004, S. 58). Speziell die Tatsache, dass hier meist ehrenamtliche Trainer tä- tig sind führt dazu, dass bei den Übungsleitern/Trainern dahingehend noch Defizite bestehen, obwohl gerade in dieser Etappe der Grundstein für evtl. spätere Erfolge gelegt wird (Abt, Basner, Böcker, Hotfilder & Nuyen, 1995, S. 13).

Dies ist jedoch nicht nur ein Problem der teilweise fehlenden Qualifikation, sondern häufig fehlt auch schlicht die Zeit für ein optimales Nachwuchstraining (Frerichs, 1996, S. 26). Basierend auf dieser Tatsache fordert Dietze (1999, S. 9ff) ein Nachwuchstraining, welches sich noch weniger als bisher üblich an den Schwimmzeiten orientiert und zusätzlich Voraussetzungen für weiter Sportarten (u.a. Triathlon, Wasserball) schafft.

Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass, obwohl das Nachwuchstraining die grundlegenden Leistungsvoraussetzungen schafft, in einigen Punkten, wie z. B. der empirischen Absicherung der Trainingsempfehlungen, noch Defizite vorliegen.

2.2.1 Das Grundlagentraining

Das GLT steht am Anfang einer jeden Sportlerlaufbahn. Es schließt sich der allgemeine Grundausbildung (AGA) an und ist der Beginn eines systemati- schen Trainings. Da ein systematisches Training mit Kindern unter sieben Jah- ren noch nicht sinnvoll ist, wird im Schwimmen der Trainingsbeginn des GLT ab dem achten Lebensjahr empfohlen (Wilke & Madsen, 1997, S. 31; Conzelmann & Schneider, 2000, S. 11), wobei das konkrete Alter von der Be- endigung der AGA abhängt (Komar, 1995, S. 10). Da sich Mädchen und Jungen in dieser Etappe des LLA noch größtenteils im gleichen Entwicklungsstadium befinden, die körperliche Differenzierung beginnt erst ab dem 9.-10. Lebensjahr, muss hier trainingsmethodisch noch keine Differenzierung vorgenommen werden (Rudolph, 2004, S. 10).

Insgesamt ist dieser Altersabschnitt geprägt durch ein ungestümes Bewegungsverhalten, großes Sportinteresse, ein gutes psychisches Gleichgewicht und eine optimistische Lebenseinstellung. Darüber hinaus werden neue Bewegungen zwar schnell erlernt, allerdings fehlt es noch an der Fähigkeit diese auch längerfristig zu fixieren (Weineck, 2004, S. 113). Grundsätzlich sollte in jeder Sportart darauf geachtet werden, die Nachwuchsathleten hier nicht durch kurzfristiges Erfolgsdenken zu „verheizen“ (Frey & Hildebrandt, 1994, S. 139). Dies erfolgt oft durch ein zu hohes Trainingspensum und ungeeignetes Training, wie z. B. tägliches Training, zu häufige Wettkämpfe, zu frühe Spezialisierung etc. (Frey & Hildebrandt, 1994, S. 139f).

Das GLT ist unter zwei Aspekten zu betrachten, der sportartgerichteten allgemein-vielseitigen Grundausbildung und der sportartgerichteten speziellvielseitigen Ausbildung (Komar, 1995, S. 10f). Begonnen wird mit der Charakterisierung der allgemein-vielseitigen Grundausbildung, bevor auf die speziellvielseitige Ausbildung im Sportschwimmen näher eingegangen wird. Im Vordergrund des GLT stehen allgemein die folgenden Ziele:

- Verbesserung der Belastungsverträglichkeit.
- Schaffung umfassender Leistungsvoraussetzungen für die langfristige und systematische Entwicklung von Höchstleistungen.
- Erkennung und Förderung von Talenten.
- Grundsätzliche Erhöhung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähig- keit.
- Vorbereitung wesentlicher Leistungsvoraussetzungen in alters- und entwicklungsgemäßer Form, um in den nächsten Etappen des LLA zu bestehen (Eich 1993; Dietze, 1999; Komar, 2000; Rudolph, 2004). Diese Schwerpunkte der Trainingsetappe sollten kindgerecht und v.a. auch spaßbetont vermittelt werden, u.a. durch die Einbeziehung von Elementen aus anderen Sportarten (Kautz, 1999, S. 71), sodass eine positive Grundeinstel- lung zum Wettkampfsport geschaffen wird (Rudolph, 2004, S. 10). Um die oben genannte Ziele zu erreichen, sollten sportartübergreifend alle physischen Leistungsfaktoren wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweg- lichkeit verbessert werden, möglichst mit einer breiten Palette an Trainingsmit- teln (Frey & Hildebrandt, 1994, S. 142). Diese Fähigkeiten sind im GLT Schwimmen deshalb von Bedeutung, da die Ausdauer die grundlegende Ei- genschaft für den effektiven Einsatz von Kraft- und Schnelligkeitsfähigkeiten sowie der Umsetzung der richtigen Technik ist und die Schnelligkeit in diesem Alter aufgrund der günstigen neuromuskulären Entwicklungen besonders gut trainiert werden kann. Bei der Kraftfähigkeit sollte eine harmonische Entwick- lung aller Körperpartien sichergestellt werden, um damit Verletzungen vorzubeugen. Abschließend ist das Beweglichkeitstraining von fundamentaler Bedeutung, da das Training der konditionellen Fähigkeiten diese in gewissem Maße negativ beeinflusst (Komar, 2000, S. 33f).

Ein weiterer Schwerpunkt des GLT sollte der erweiterten Schulung der koordinativen Fähigkeiten gewidmet sein, da sie die Voraussetzungen für die qualitativ hochwertige Ausführung von Bewegungen darstellen (Komar, 2000,S. 34). Dieses Lernen und Üben vielfältiger schwimmtechnischer Bewegungsabläufe (sog. Techniktraining) nimmt bis zu 60-70 % der gesamten Trainingszeit ein (Wilke & Madsen, 1997, S. 22).

Oft weist die Literatur das Schulkindalter (7.-12./13. Lebensjahr) als das beste motorische Lernalter aus. Neuere Untersuchungen zeichnen jedoch ein etwas differenzierteres Bild. Aus ihnen geht hervor, dass die motorischen Lernfortschritte in den unterschiedlichen Altersgruppen etwa vergleichbar und somit weniger vom Alter, als vielmehr von den motorischen Vorerfahrungen abhängig sind. Dies betrifft jedoch wiederum nicht alle Bewegungen. Während einfache Bewegungsabläufe ohne besondere konditionelle Anforderungen von Kindern und Jugendlichen schneller gelernt werden, haben ältere Vorteile bei dem Erlernen von Bewegungsabläufen, welche entweder umfangreiche koordinative Vorerfahrungen voraussetzen oder andere konditionelle Voraussetzungen erfordern (Conzelmann, 1998, S. 312ff).

Allgemein sollte bei der speziellen Ausbildung im GLT ein Schwerpunkt auf dem Erwerb und der Präzisierung der grundlegenden Techniken der jeweiligen Sportart liegen, sowie dem Training spezieller Schnelligkeitsformen. Zusätzlich ist bei den Ausdauersportarten die „Entwicklung technischer Voraussetzungen mit optimaler Vortriebswirkung“ (Martin et al., 1999, S. 276) ein Muss. Bezogen auf das Sportschwimmen heißt das, dass alle vier Wettkampf- schwimmarten inklusive der Starts und Wenden gelernt und durch häufiges Üben der korrekten Bewegungsabläufe gefestigt werden sollten (Wilke & Mad- sen, 1997, S. 21). Weitere Aufgaben im Bereich Koordination und Technik sind die Verbesserung der Grundfertigkeiten (tauchen, atmen, springen, glei- ten und fortbewegen) zur Verbesserung des Wassergefühls. Insgesamt ist es in dieser Ausbildungsetappe wichtig, ein großes Repertoire an koordinativen Fähigkeiten auszubilden. Dies dient der Verbesserung aktu- eller und erleichtert das Erlernen neuer Schwimmtechniken (Rudolph, 2004, S. 11). Bei den konditionellen Fähigkeiten liegt der Trainingsschwerpunkt bei der (schwimmerischen) aeroben Grundlagenausdauer und der Schnelligkeit, wo- bei diese Fähigkeitsbereiche immer im Zusammenhang mit der technischen Vervollkommnung trainiert werden sollten (Eich, 1993, S. 106). Die konditio- nellen Ziele werden also mit technischen Akzenten trainiert (Rudolph, 2004, S. 12). Darüber hinaus sollten noch grundlegende technische und technisch- taktische Fertigkeiten aus anderen Sportarten gelernt werden und neben dem Landtraining (z. B. Fußball, kleine Spiele, Krafttraining etc.) sollten auch erste Wettkämpfe aus dem Training heraus bestritten werden (Eich, 1993, S. 106; Rudolph, 2004, S. 11f).

Insgesamt wird zu Beginn des GLT der allgemeinen Ausbildung verstärkt Zeit gewidmet. Mit fortlaufender Ausbildung nehmen dann die speziellen Inhalte mehr Raum ein. Beide sollten allerdings unter der Prämisse der Vielseitigkeit trainiert werden (Abt et al., 1995, S. 58). Die Ausrichtung in welchem Verhältnis diese beiden Ausbildungsinhalte eingesetzt werden sollten richtet sich etwas allgemein nach dem „Prinzip der rechtzeitigen zunehmenden Spezialisierung“ (Martin et al, 1999, S. 256f).

Abschließend sollte noch angemerkt werden, dass das GLT neben der AGA und dem Aufbautraining (ABT) als Lerntraining im LLA eine enorme Bedeu- tung hat, da Versäumnisse, Fehler etc. im motorischen Lernprozess später nur mit unvergleichlich höherem Zeitaufwand ausgeglichen werden können (Martin et al., 1999, S. 284).

2.2.2 Das Aufbautraining

Das Aufbautraining (ABT) schließt direkt an das GLT an und beginnt im Schwimmsport bei Mädchen durchschnittlich mit 11-12 Jahren, während es bei Jungen aufgrund der langsameren Entwicklung erst mit dem 12.-14. Lebensjahr einsetzt. Die Verweildauer in diesem Ausbildungsabschnitt beträgt gewöhnlich zwei bis drei Jahre (Kautz, 1999, S. 72).

Wie im Verlauf der Arbeit schon häufiger betont, sollte auch zwischen dem GLT und dem ABT keine strikte Trennung sondern ein fließender Übergang herrschen. Zu Beginn des ABT sind die Nachwuchsathleten noch von einer großen Begeisterungsfähigkeit und einem großen Bewegungsdrang geprägt, welcher in Verbindung mit der guten motorischen Lernfähigkeit zu großen Leistungssprüngen führen kann (Rudolph, 2004, S. 13). Mit Einsetzen der Pu- beszenz können jedoch koordinative Stagnationserscheinungen auftreten, be- dingt durch die Verschlechterung des Last-Kraft-Verhältnisses. Trotzdem ver- bietet es sich in diesem Abschnitt von einer motorischen Krise zu sprechen, wie es früher oft getan wurde. Bedingt durch die hormonellen Veränderungen und die auffallende Größen- und Gewichtszunahme ist dafür ein Kraft- und Ausdauertraining von hoher Effektivität (Weineck, 2004, S. 116).

Besondere Vorsicht sollte bei der Beurteilung der sportlichen Leistung herr- schen. Da diese in diesem Altersabschnitt nicht ohne Rücksicht auf das biolo- gische Alter korrekt einzuschätzen ist, kann es leicht zu gravierenden Fehlein- schätzungen kommen. Unter biologischem Alter versteht man den aktuellen biologischen Entwicklungsstand des Athleten (Nicolaus & Pfeiffer, 1998, S. 28). Das richtige Einschätzen des biologischen Alters ist somit eine wichtige Voraussetzung, wobei grundsätzlich große intraindividuelle Entwicklungsun- terschieden vorliegen können, Mädchen aber grundsätzlich „[…] in dieser Ausbildungsetappe einen ‚biologischen Vorlauf‘[…]“ (Rudolph et al., 2006, S. 13) vorweisen.

Auch dem ABT liegen die zwei Inhaltsschwerpunkte, allgemeine Ausbildung und spezielle Ausbildung, zugrunde (Martin et al., 1999, S. 276). Im Folgenden werden wie im GLT die Ziele und Inhalte der allgemeinen Ausbildung im ABT dargestellt.

Primäres Ziel des ABT ist es die Grundlagen, welche im GLT erworben wur- den, weiterzuführen und auszubauen. Dies jedoch mit einer stärkeren Orien- tierung auf die Leistungsvorrausetzungen der gewählten Sportart (Weineck, 2004, S. 58). Die Vielseitigkeit bleibt zwar auch hier das dominierende Prinzip (Rudolph, 2004, S. 7), aber es vollzieht sich allmählich eine stärkere Orientie- rung auf die sportartspezifischen Anforderungen (Jedamsky, 2002, S. 2).

Ziel ist es, langfristig die Voraussetzungen zu schaffen welche nötig sind, um über das AST die Belastungen im HLT zu verkraften. Um dies zu erreichen müssen die Trainingsparameter Umfang und Intensität gesteigert werden, allerdings immer unter Beachtung der altersspezifischen Veränderungen (Weineck, 2004, S. 58) und speziell im Schwimmen immer in Verbindung mit einer optimalen technischen Ausführung (Rudolph, 2004, S. 7).

Aufgrund der schon angesprochenen hormonellen Veränderungen wird in der Literatur gefordert, v.a. die konditionellen Fähigkeiten Kraft und Ausdauer zu verbessern, da dies in diesem Ausbildungsabschnitt mit großem Erfolg ver- bunden ist (Komar-Olmen, 1993, S. 51). Aber auch die allgemeine Schnellig- keitsschulung aus dem GLT erfährt eine Fortführung (Martin et al., 1999, S. 276), genauso wie die Verbesserung der Koordination. Bezogen auf das Schwimmen sollten beide Fähigkeitsbereiche auch durch schwimmunspezifi- sche Inhalte verbessert werden, wie z. B. durch Spiele, Turnen, Leichtathletik u.a.m. Ziel ist es hierbei, durch die Integration vieler unterschiedlicher Bewe- gungsmuster bei den Athleten die Fähigkeit zu schnellem motorischen Lernen und Umlernen zu schaffen (Rudolph, 2004, S. 12) und neben dem ansteigen- den systematischen Training den Athleten weiterhin den Spaß am Training zu erhalten (Maglischo, 1993, S. 263).

Auch Abt et al. (1995, S. 72) empfiehlt beim Landtraining in dieser Ausbildungsetappe wie im GLT vorwiegend die koordinativen Fähigkeiten und die Schnellkraft zu schulen. Hinzugefügt wird bei ihm noch ein kraftausdauerorientiertes Training mit allgemeinen Mitteln. Zusätzliches Ziel im Schwimmen ist darüber hinaus, dass die durch das zunehmende spezifische Training auftretenden Dysbalancen ausgeglichen werden und somit ein harmonisches Wachstum aller Muskelgruppen gefördert wird.

Das Beweglichkeitstraining sollte weiterhin beibehalten werden, wobei es durch einige Spezialübungen für das Schwimmen eine inhaltliche Erweiterung erfährt. Grundlage sowohl für das Kraft- als auch für das Beweglichkeitstrai- ning ist die optimale und nicht die maximale Entwicklung (Rudolph et al., 2006, S. 16f).

Sportartübergreifend sollten bei der spezifischen Ausbildung vor allem die Stabilisierung der sportlichen Technik mit Orientierung an Leitbildern sowie die „Umsetzung von Technik und konditionellen Leistungsvoraussetzungen in Elemente der disziplinspezifischen Wettkampffähigkeit“ (Martin et al., 1999, S. 276) im Vordergrund stehen.

Bezogen auf das Schwimmen heißt das, dass die Feinform aller Schwimmtechniken erarbeitet wird, inkl. der Starts und Wenden (Kautz, 1999, S. 72). Jedoch gibt es in dieser Ausbildungsetappe noch keine Hauptschwimmart. Dies bedeutet, dass sowohl alle Lagen als auch alle Strecken von den Athleten weiterhin gleich trainiert werden (Rudolph, 2004, S. 12). Gegen Ende des ABT entscheidet sich der Athlet schließlich für eine spezielle Schwimmart oder Distanz, so dass hier erste Grundlagen in Richtung einer endgültigen Spezialisierung gelegt werden.

Eine Leistungsverbesserung wird hauptsächlich durch die Verbesserung der aeroben Ausdauer und der Schnelligkeit erreicht, wobei die Grundlagenausdauer immer als Lerntraining, also in Verbindung mit einer optimalen Technik trainiert werden sollte (Rudolph, 2004, S. 13ff). Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit werden nun auch mit intensiveren Inhalten trainiert (Jedamsky, 2002, S. 2f), wie z. B. die spezielle Kraftausdauer mit Paddels oder dem Widerstandsbrett und die schwimmerische Grundlagenausdauer mit intensivem Intervalltraining (Wilke & Madsen, 1997, S. 41f). Insgesamt wird das Training also immer strukturierter, nimmt an Intensität zu und nähert sich somit dem Erwachsenentraining mehr und mehr an, auch wenn noch weniger Kilometer pro Trainingseinheit absolviert werden. Eine zweite Trainingseinheit pro Tag sollte ebenfalls noch nicht eingeführt werden.

Eine Ausnahme können stark akzelerierte Athleten bilden, meistens Mädchen, die gegen Ende des ABT „[…] evtl. schon auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind […]“1 (Maglischo, 1993, S. 263). Diese Gruppe sollte nicht zurückgehalten werden, sondern zur weiteren Förderung ihrer Leistung am Erwachsenentraining teilnehmen (Maglischo, 1993, S. 263). Eine weitere Leistungssteigerung sollte durch die Periodisierung des Trai- ningsjahres erreicht werden, wobei eine Dreifachperiodisierung die optimale Wahl darstellt (siehe 2.7). Das so gewonnene höhere Leistungsniveau ist an- hand von einem Wettkampfhöhepunkt nachzuweisen, womit Wettkämpfe auch eine immer bedeutendere Stellung einnehmen (Komar-Olmen, 1993, S. 51ff). Auch wenn das Wettkampfjahr mit solch einem Hauptwettkampf abschließt, wird dieser nicht in besonderer Form vorbereitet (z. B. Tapering) und es sollte auch nicht auf Grundlage des Wettkampfkalenders periodisiert werden (Ru- dolph et al., 2006, S. 16f).

2.3 Vielseitigkeit im Nachwuchstraining

Schröder (2002, S. 63f) vermerkt zu dem Thema Vielseitigkeit, dass dies im Nachwuchsleistungssport wohl der am häufigsten und kontroversesten diskutierte Begriff ist und alles „[…] zu referieren was zu diesem Begriff geschrieben wurde sprengt den Rahmen jeder Arbeit.“ Aufbauend auf dieser Aussage ist es das Ziel dieses Kapitels, einen kurzen Überblick in dieses viel diskutierte Thema zu geben.

Es soll damit begonnen werden, für den Begriff Vielseitigkeit ein Begriffsver- ständnis herzustellen, um ihn dann anschließend zu definieren. Vorweg muss hier noch kritisch angemerkt werden, dass viele Feststellungen und Empfeh- lungen in der Literatur nicht auf empirisch fundierten Erkenntnissen beruhen, sondern Ableitungen aus der Trainingspraxis oder Trainererfahrungen sind. Grundsätzlich lassen sich die Trainingsinhalte in eine allgemeine und spezielle Ausbildung unterscheiden (Martin et al., 1999, S. 253). Im Zusammenhang damit wird der Begriff Vielseitigkeit jedoch häufig mit einem unterschiedlichem Begriffsverständnis verbunden. Oft wird in der Literatur proklamiert, dass Viel- seitigkeit nur in Verbindung mit der allgemeinen Ausbildung geschult werden kann, oder sie wird als Gegenpol zur Spezialisierung verstanden. Darüber hin- aus wurden auch inhaltliche Ausbildungsreihen wie „Vielseitigkeit steht vor Spezialisierung“ (Martin et al., 1999, S. 254) oder „Vielseitigkeit versus Spezia- lisierung“ (Martin et al., 1999, S. 254) propagiert. Dies erweckt den Anschein, dass die Spezialisierung eine Vielseitigkeit verhindert.

Betrachtet man das Ganze genauer, gilt jedoch das Prinzip: „Vielseitigkeit ist eine inhaltliche Forderung für die ‚allgemeine’ und ‚spezielle’ Ausbildung“ (Mar- tin et al., 1999, S. 254). Vielseitigkeit steht somit nicht als Antonym für Spezia- lisierung, sondern ist eine inhaltlich-methodische Forderung für das Training insgesamt und zeigt sich somit sowohl im allgemeinen als auch im speziellen Training (Bauersfeld & Schröter, 1979, S. 38; siehe dazu auch Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Vielseitigkeit als Grundlage der allgemeinen und speziellen Ausbildung (nach Martin et al., 1999, S. 254).

Infolgedessen lässt sich die Vielseitigkeit definieren als ein:

„[…] Trainingsmethodisches Prinzip, das Breite und Vielfalt sowohl der sportlichen Leistungsgrundlagen und -voraussetzungen als auch der angewendeten Trainingsinhalte und Trainingsmethoden fordert“ (Schnabel & Thieß, 1993, S. 925).

Nun stellt sich die Frage, weshalb die Vielseitigkeit ein so fundamental gefordertes Prinzip im Nachwuchstraining ist. Grundsätzliche Einigkeit herrscht in der Literatur, dass die Vielseitigkeit des sportlichen Nachwuchstrainings die Leistungsentwicklung im Hochleistungsalter fördert (Wilke & Madsen, 1997, S. 17). Das Prinzip der Vielseitigkeit im Training sichert somit die notwendige breite Basis im Nachwuchstraining, auf der aufgebaut werden kann, um spätere spezifische Höchstleistungen zu erbringen (Jedamsky, 2006, S. 1). Abt et al. (1995, S. 23) bezeichnet diesen Grundsatz als:

„[…] nach dem heutigen sportwissenschaftlichen Erkenntnisstand die als unabdingbar anerkannte Maxime für einen entwicklungsgemäßen, somit kindgerechten und auf größtmöglichen langfristigen Erfolg ausgerichteten Aufbau sportlicher Leistung.“

Darüber hinaus begründet sich die Vielseitigkeit wie folgt:

- Sie kommt den Bewegungsbedürfnissen und der Ontogenese von Kin- dern entgegen und verhindert Monotonie im Training.
- Nachwuchstraining ist auch ein Erkennungs- und Voraussetzungstrai- ning; die Vielseitigkeit kommt dem nach.
- Vielseitigkeit verhindert muskuläre Dysbalancen und stärkt das harmo- nische Wachstum aller Körpersysteme.
- Einiges deutet darauf hin, dass die strukturelle Gleichförmigkeit von Trainingsinhalten eine mögliche Ursache für die vorzeitige Leistungs- stagnation ist.
- Hohe drop-out Quoten in der Jugend haben wahrscheinlich oftmals ihre Ursache in zu geringem vielseitigem Training im Nachwuchsbereich.
- Je öfter die gleichen Reize im Training gesetzt werden, desto mehr ver- lieren sie im Laufe der Zeit an Wirksamkeit. Folglich sollten spezielle Mittel nicht schon im Nachwuchstraining abgenutzt werden, sondern erst mit höheren Trainingsalter eingesetzt werden (Martin et al., 1999, S. 254f; Nicolaus, 2002, S. 108; Frey & Hildebrandt, 1994, S. 142; Hoh- mann et al., 2002, S. 170).

Es kann oft beobachtet werden, dass durch eine frühe Spezialisierung schnell ein hohes Niveau im Kinder- und Jugendalter erreicht wird, was jedoch genau- so häufig mit einem frühen Leistungsstillstand und Motivationsproblemen ein- hergeht (Conzelmann & Schneider, 2000, S. 16). Auch Rost et al. (1992, S. 18ff) weisen darauf hin, dass es durch eine verfrühte Spezialisierung zu einer Verkürzung der Ausbildungszeit kommt. Damit ist gemeint, dass dem Sportler nicht genügend Zeit gegeben wird, dass sich die Anpassungsprozesse best- möglich entwickeln, da er die Phase der optimalen Möglichkeiten noch nicht erreicht hat.

Die fortwährende Leistungsentwicklung, welche weiterhin in den verschiedens- ten Sportarten in den letzten Jahren beobachtet werden konnte, lässt jedoch die Frage aufkommen, ob Spitzenleistungen noch erbracht werden können, wenn im Nachwuchstraining weiterhin an einer allgemeinen und vielseitigen Ausbildung festgehalten wird. Rost et al. (1992, S. 18ff) kam hierbei zu dem Ergebnis, dass weniger ein früher Trainingsbeginn als vielmehr eine frühzeiti- ge Spezialisierung leistungsbegrenzend wirkt, da gegen wesentliche Grund- prinzipien des langfristigen Leistungsaufbaus verstoßen wird, was sich vor- nehmlich im Widerspruch zwischen der Trainingsbelastung und der psycho- physischen Entwicklung äußert. Eine frühzeitige Höchstleistung, meist einher- gehend mit einer frühen Spezialisierung, ist somit kein Garant für spätere Me- daillen (Rudolph, 1999, S. 15).

Was kann man also vorläufig für das Nachwuchstraining fordern? Der optimale Ansatz liegt zwischen dem Verzetteln und der Frühspezialisierung. Dies bedeutet, dass neben einer dominierenden Früh- oder Hauptsportart andere, ausschließlich sinnvolle Ergänzungs- und Ausgleichssportarten betrieben werden sollten (Frey & Hildebrandt, 1994, S. 144).

Das Verhältnis zwischen allgemeiner und spezieller Ausbildung verhält sich somit zeitlich wie in Abb. 3 dargestellt, wobei das Verhältnis u.a. auch vom Charakter der Sportart und der Zielstellung beeinflusst wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Veränderung des Anteils von allgemeiner und spezieller Ausbildung (nach Martin et al., 1999, S. 257).

Es stellt sich natürlich nun die Frage, wie die Vielseitigkeit in das Nachwuchstraining im Schwimmen integriert werden kann. Einerseits stellt die Vielseitigkeit im Schwimmen einen wichtigen Baustein für das Nachwuchstraining dar, da im Schwimmen die Gefahr des bloßen Kachelzählens allgegenwärtig ist. Andererseits kann durch die verschiedenen Schwimmstile und Strecken auch relativ leicht für ein vielseitiges Schwimmtraining gesorgt werden.

Vielseitigkeit im Schwimmen fordert auch ein Landtraining, welches in Deutschland grundsätzlich ca. ⅓ - ¼ des Trainingsumfangs einnehmen sollte (Schröder, 2002, S. 57). Aber es bedeutet auch, dass schwimmspezifische Bewegungsmuster mit möglichst vielseitigen Bewegungserfahrungen gelehrt werden, was viele Übungs- und Spielformen gerade in den unteren Ausbildungsstufen einschließt (Abt et al., 1995, S. 24).

Abschließend muss noch kritisch angemerkt werden, dass in der Literatur keine exakten Angaben gemacht werden, wie nun das genaue Verhältnis zwischen allgemein und spezieller Ausbildung aussehen sollte, sondern es existieren nur allgemeine, durch keine empirischen Befunde überprüfte Empfehlungen (z. B. Martin et al., 1999, S. 258).

2.4 Krafttraining im Nachwuchstraining

Krafttraining hat das Ziel, die funktionellen und strukturellen Eigenschaften des Muskels so zu verändern, dass das Kraftniveau gesichert ist, welches für die allgemeinen und sportartspezifischen Bewegungsleistungen nötig ist (Martin et al., 1999, S. 329).

Somit spielt das Krafttraining auch im Bereich des Kinder- und Jugendtrainings eine wichtige Rolle. Aufgrund der engen Beziehung zwischen Kraft, Bewe- gungsfertigkeiten und den -techniken, ist es unumgänglich schon im Nach- wuchstraining mit einem Krafttraining zu beginnen. Ein früher Beginn ist auch notwendig, wenn die individuelle Höchstleistung in den Folgejahren erreicht werden soll. Das Krafttraining dient folglich der Leistungsoptimierung, darüber hinaus jedoch auch der Haltungs- und Verletzungsprophylaxe (Weineck, 2004, S. 376ff). Allerdings ist die Überzeugung, dass Krafttraining auch im Nachwuchstraining einen positiven Effekt hat noch relativ neu. Bis vor einiger Zeit herrschte die Meinung vor, dass Kinder vor der Pubertät vom Krafttraining nicht profitieren. Dass dies nicht der Realität entspricht, ist inzwischen in vielen Studien nachgewiesen worden (Blimkie & Sale, 1998, S. 193ff, Ozmun, Mikesky & Surburg, 1994, S. 510ff). Durch Krafttraining im Kindesalter werden Kraftzuwächse erreicht, welche deutlich über denen des biologischen Zuwachses liegen (Maglischo, 1993, S. 259).

Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: Während Krafttraining bei Ju- gendlichen und Erwachsenen zu einem deutlichen Zuwachs des Muskelum- fangs führt (Hypertrophie), geschieht dies bei Kindern kaum, was v.a. an dem vergleichsweise niedrigen Testosteronspiegel liegt (Maglischo, 1993, S. 260). Der Kraftzuwachs bei Kindern rührt somit nicht von einer Vergrößerung des Muskelquerschnitts her, sondern von der verbesserten neuromuskulären Aktivation (Bar-Or, 2002, S. 49f), oder in anderen Worten, einer verbesserten intra- und intermuskulären Koordination (Wilke & Madsen, 1993, S. 26).

Hier muss noch ergänzt werden, dass die Muskelentwicklung bei Jungen und Mädchen bis ca. zum 13. Lebensjahr ähnlich verläuft. Erst danach kann bei den Jungen eine wesentlich stärkere Zunahme der Muskelmasse verzeichnet werden, was sich durch die Erhöhung des Hormons Testosteron erklären lässt (Blimkie & Sale, 1998, S. 207).

Inhaltlich sollte das Krafttraining im Kindertraining (7-12/13 Jahre) schwerpunktmäßig aus einem Schnellkrafttraining und einem funktionalen oder prophylaktischen Krafttraining bestehen. Während das Schnellkrafttraining nach Martin et al. (1999, S. 334) v.a. aus „[…] hohen Beschleunigungsleistungen bei azyklischen und zyklischen Übungsanforderungen […]“ besteht, hat das funktionale Krafttraining zum Ziel, den gesamten Halte- und Stützapparat gleichmäßig zu stärken. Somit werden auch trainingsbedingte muskuläre Dysbalancen ausgeglichen und es wird ihnen vorgebeugt.

Der Hauptaugenmerk des Krafttrainings im Jugendalter, also im ABT, liegt an- fänglich auch bei den vielseitig-allgemeinen Kraftvoraussetzungen mit dem Ziel der Verbesserung der Schnellkraftfähigkeiten, des Energieflusses im Muskel durch Kraftausdauermethoden und der Maximalkraft (Martin et al., 1999, S. 339ff). Gegen Ende des ABT wird dann mit dem speziellen Krafttrai- ning begonnen, das zum Ziel hat, die sportartspezifischen Kraftfähigkeiten zu erweitern. So können sich die speziellen sportartspezifischen Kraftanforderun- gen herausbilden, ohne die wegen dem Fehlen der Kraft ein Fertigkeits- oder Technikerwerb nur bedingt möglich wäre (Martin et al., 1999, S. 345f).

Im Folgenden werden nun kurz die Empfehlungen für die Ausbildungsabschnitte GLT und ABT zusammengefasst und einige beachtenswerte Grundsätze bei der Durchführung von Krafttraining im Nachwuchsbereich erwähnt. Grundsätzlich fordert Hoffmann (1998, S. 390) das Athletiktraining in diesem Altersabschnitt stärker zu beachten, da seine Wirkung auf die Schwimmleistung noch häufig unterschätzt wird.

Im GLT beschränkt sich das Krafttraining auf die Kräftigung des Muskelkorsets mit dem Ziel, das muskuläre Gleichgewicht beizubehalten (Rudolph, 2004, S. 13). Wichtig ist in diesem Alter die Beachtung der Tatsache, dass die Knochen noch weniger druck- und biegefest und deshalb geringer belastbar sind (Weineck, 2004, S. 377).

Der Forderung Eichs (1993, S. 116), dass im GLT ein Krafttraining nur ohne Zusatzgewichte durchgeführt werden sollte, kann so nicht zugestimmt werden. Dies liegt einerseits daran, dass auch das eigene Körpergewicht eine zu hohe Last darstellen kann, wie beispielsweise der Klimmzug (Rudolph et al., 2006, S. 17), andererseits belegen Untersuchungen, dass Kinder durchaus mit Gerä- ten trainieren können. Dabei müssen sie jedoch gut überwacht und die folgen- den Grundsätze beachtet werden: ca. 8-12 Wdh. und „[…] kein Maximalkraft- training, da dies unfunktionale Hebetechniken fördert und somit die Wahr- scheinlichkeit vergrößert, Gelenke und Muskeln zu verletzen“2 (Maglischo, 1993, S. 261).

Auch im ABT steht das Krafttraining im Zeichen des Ausgleichs muskulärer Dysbalancen, bedingt durch die Zunahme des Trainings und dem harmonischen Wachstum aller Organsysteme. Weiterhin soll die Schnellkraft und hier insbesondere die Sprungkraft geschult werden.

Sowohl im GLT als auch im ABT sollte versucht werden, das Krafttraining in Spielform den Kindern näher zu bringen. Die Spaßkomponente sollte weiterhin eine wichtige Rolle spielen und möglichst in Verbindung mit einer koordinativen Schulung stehen. Ausreichende Pausen sind zur Sicherung des Baustoffwechsels (Wachstum) ebenfalls eine Grundvoraussetzung (Rudolph et al., 2006, S. 16f).

Abschließend lässt sich sagen, dass das Krafttraining im Nachwuchsbereich immer unter der Prämisse: „[…] nicht maximal, sondern nur optimal […]“ (Weineck, 2004, S. 392) durchgeführt werden sollte.

2.5 Altersgemäßheit im Nachwuchstraining

Unzweifelhaft ist, dass Wachstum, Reifung und die motorische Entwicklung die Ziele und Inhalte des LLA im Kindes- und Jugendalter maßgeblich beeinflussen. Somit ist das Thema der Altersgemäßheit im Nachwuchstraining schon lange ein Problembereich, welcher die Trainingswissenschaft intensiv beschäftigt (Hirtz, 2002, S. 69).

Besondere Beachtung muss hierbei den sog. sensitiven oder sensiblen Pha- sen gewidmet werden, welche in der Literatur sehr kontrovers diskutiert wer- den. Hohmann et al. (2002, S. 170) bezeichnet sie als „[…] diejenigen Le- bensabschnitte, in denen die Nachwuchssportler lern- und anpassungsfähiger sind und auf Trainingsreize intensiver reagieren als in anderen Zeiträumen.“ War die Existenz solcher Phasen in den 80er Jahren noch unbestritten, geriet die „[…] heile Welt der Modelle sensibler Phasen […]“ (Conzelmann, 2002, S. 77) mit der Veröffentlichung des Beitrags von Baur (1987) in große Unord- nung. Seitdem können zwei konträre Auffassungen in der Literatur festgestellt werden. Sie drehen sich hauptsächlich um die Frage, ob das späte Schulkindalter tatsächlich das Alter der besten motorischen Lernfähigkeit dar- stellt und ob diese danach deutlich abnimmt (Willimczick, Meierarend, Poll- mann & Reckeweg, 1999, S. 44). Unter motorischer Lernfähigkeit versteht man allgemein das Bewegungslernen (Joch & Hasenberg, 1993, S. 3) und somit unter der motorischen Entwicklung die Entwicklung der Fähigkeit sich zu bewegen.

Während Martin et al. (1999) und teilweise Hirtz (z. B. Hirtz & Ockhardt, 1986) von ihrer exakten Datierung in der Ontogenese ausgehen, lehnen andere Autoren die Existenz solcher Phasen vehement ab (z. B. Bauer, 1987; Joch & Hasenberg, 1991, 1993; Willimczick et al. 1999).

Die Befürworter der sensiblen Phasen stützen sich allgemein v.a. auf folgende Annahmen:

- Die Trainierbarkeit konditioneller und koordinativer Fähigkeiten unter- scheidet sich im Verlauf der Ontogenese.
- Es wird angenommen, dass das späte Schulkindalter das beste motori- sche Lernalter in der Kindheit ist.

Diese Annahmen basieren, genauso wie die z.T. sehr detaillierten Modelle, oftmals jedoch lediglich auf Praxiserfahrungen (Conzelmann, 2002, S. 78). Auch Martin et al. (1999, S. 152) leitet daraus sein Modell der günstigen Pha- sen der Trainierbarkeit ab (siehe Tab. 2). Auch wenn solche Modelle in der Praxis einen hohen Nutzen aufweisen, da sie anschaulich sind und konkrete Handlungsanweisungen für die Trainer liefern, müssen sie in vielerlei Hinsicht kritisch betrachtet werden. Conzelmann (2002, S. 78) nennt folgende Kritik- punkte:

- In der angegebenen Exaktheit sind die sensiblen Phasen noch nicht empirisch nachgewiesen.
- Es existiert eine uneinheitliche Definition und Operationalisierung des Begriffs.
- Die Modelle datieren die sensiblen Phasen nach dem kalendarischen Alter, obwohl dieses oftmals sehr stark vom biologischen Alter abweicht und sensible Phasen mit dem biologischen Alter verknüpft sind. Zusätz- lich liegen noch erhebliche interindividuelle Entwicklungsunterschiede vor (Hirtz, 2002, S. 70).

Tab. 2: Modell günstiger Phasen der Trainierbarkeit (sensible Phasen) (Martin et al., 1999, S. 152).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einen weiteren Kritikpunkt liefert Joch (1998, S. 392ff) in seinem Artikel „Zeitpunkt(e) der Spezialisierung für den Sprint“. Hier greift er als Beispiel die sensible Phase für die Schnelligkeit heraus, welche traditionell (siehe Tab. 2) zu jenen Fähigkeiten gehört, die früh ausgebildet werden sollten. Anhand der bestehenden Literatur fasste Joch (1998) die Empfehlungen der verschiedenen Autoren mit dem folgenden Ergebnis zusammen:

„Die Uneinheitlichkeit ist augenfällig und verwirrend: alles scheint jederzeit möglich zu sein; alle Alterszeitpunkte zwischen sieben und 18 Jahren sind als Zeitpunkte ‚besonders markanter Zuwachsraten‘ vertreten“ (Joch, 1998, S. 394).

Hier ist allerdings kritisch anzumerken, dass Joch (1998) bei seiner Auflistung nicht zwischen der Schnelligkeit mit einem hohen koordinativen Anteil und der Schnelligkeit mit einem hohen Kraftanteil unterscheidet. Während erstere eher den koordinativen Fähigkeiten zugerechnet wird und somit die sensible Phase früher vorliegen sollte, zählt die zweite eher zu den Kraftfähigkeiten mit einem entsprechend späteren Zeitpunkt der sensiblen Phase.

Die Autoren anderer Untersuchungen (z. B. Willimczik et al., 1999, Joch & Ha- senberg, 1991; 1993) widersprechen diesem Modell der motorisch günstigen Phasen und verweisen auf ihre Untersuchungsergebnisse. Die von ihnen un- ternommenen Untersuchungen widerlegen ohne Ausnahme die These von dem besten motorischen Lernalter vor der Pubertät. Sie weisen sogar darauf hin, dass die Lerneffektivität nach der Pubertät eher zunimmt (Willimczik et al., 1999, S. 55).

Wie lassen sich diese konträren Ergebnisse nun begründen? Willimczik et al. (1999, S. 56f) nennt als einen Grund, dass z. B. Hirtz und Ockhardt (1986) ihre Aussage des besten motorischen Lernalters hauptsächlich an der Entwicklung der Koordination festmachen. Fraglich erscheint heute aber, ob die Gleichset- zung der motorischen Lernfähigkeit mit der Koordination überhaupt zulässig ist. Des Weiteren begründet Willimczik et al. (1999, S. 58) seinen Ansatz, dass in späteren Jahren eine höhere motorische Lernfähigkeit vorliegt, damit, dass die Athleten dann „[…] auf ein größeres Repertoire motorischer (und sensori- scher) Erfahrungen zurückgreifen können“ (Willimczik et al., 1999, S. 58).

Es lässt sich somit verallgemeinert feststellen, dass ältere Kinder durchschnitt- lich bessere Lernresultate aufweisen als jüngere, da sie über die größeren Lernerfahrungen verfügen, was aber nicht heißen soll, das motorisches Ler- nen nicht in allen Altersabschnitten durchaus gut möglich sein kann. Sowohl hohe als auch geringe Lernresultate wurden in allen Altersabschnitten erreicht, wobei gute Resultate in höherem Alter häufiger auftraten (Joch & Hasenberg, 1993, S. 3ff). Darüber hinaus konnte beobachtet werden, dass neben diesen interindividuellen Unterschieden auch generelle Geschlechtsunterschiede zum Vorteil der Jungen auftraten (Joch, Hasenberg & Auerbach, 1990, S. 42). Hier muss kritisch angemerkt werden, dass in der Literatur teilweise von unter- schiedlichen Zeitspannen ausgegangen wird und sich so einige Ergebnisse, welche sich auf den ersten Blick widersprechen, letztendlich auf unterschiedli- che Altersabschnitte zurückzuführen sind. So kann das späte Schulkindalter durchaus das beste motorische Lernalter in der Kindheit sein, ohne damit der Aussage zu widersprechen, dass bessere Lernerfolge im späteren Alter durchaus noch möglich sind (Hirtz, 2002, S. 70).

Aufgrund dieser uneinheitlichen Literaturlage empfiehlt Conzelmann (2002, S. 79) sich von dem Begriff der sensiblen Phasen zu lösen, da er in der Trainingswissenschaft etwas anderes beschreibt als in der Verhaltensbiologie und empfiehlt stattdessen den Begriff der trainingsgünstigen Zeiträume. Trotz der insgesamt recht uneinheitlichen Literaturlage werden einige Befunde bezüglich sensibler Phasen autorenübergreifend geschildert:

- Motorische Fähigkeiten sind in der gesamten Lebensspanne positiv be- einflussbar und Perioden, in welchen motorische Fähigkeiten aus- schließlich beeinflussbar sind, existieren nicht.
- Die Beeinflussbarkeit der einzelnen motorischen Fähigkeiten unter- scheidet sich auch unabhängig vom Alter, so ist z. B. die Ausdauer bes- ser zu beeinflussen als die Schnelligkeit.
- Die Beeinflussbarkeit einzelner motorischer Fähigkeiten kann durchaus im Altersverlauf variieren. Während z. B. die aerobe Ausdauer relativ entwicklungsneutral und somit in jedem Lebensalter gut auszuprägen ist, entwickelt sich die Maximalkraft, besonders bei Männern, im Ju- gend- und frühen Erwachsenenalter deutlich besser (höherer Testosteronspiegel) als im Kindes- oder späten Erwachsenenalter (Conzelmann, 2002, S. 79f).

Abschließend soll noch angemerkt werden, dass trotz einiger strittiger Fragen, für das Training in der vorpuberalen Phase keine grundlegenden Änderungen vorgenommen werden müssen. Wird auf der einen Seite ein vielseitiges Training in der Kindheit gefordert, weil in diesem Alter am besten gelernt wird, fordert dies die andere Seite, da ein „[…] vielfältige[s] Fertigkeitsangebot […] die Voraussetzung für eine hohe motorische Lernfähigkeit in späterer Zeit“ (Willimczik et al., 1999, S. 59) darstellt.

2.6 Periodisierung im Nachwuchstraining

Die Verbesserung der sportlichen Leistung ist einem Entwicklungsprozess un- terworfen, welcher über einen längeren Zeitraum geplant werden muss, um durch ständige Verbesserung einen Leistungsanstieg zu erreichen (Eich, 1999, S. 58). Da die erworbene Form nicht das ganze Jahr über stabil zu hal- ten ist, wird sie normalerweise in einem gewissen Zyklus erworben, über einen Zeitraum gehalten und anschließend z.T. wieder verloren. Ziel dieser systema- tischen Abfolge von Belastung und Erholung ist es, diese unterschiedlichen Perioden so anzuordnen, dass die Topform mit dem Wettkampfhöhepunkt in Einklang gebracht wird.

Der Trainingsprozess weist also keinen geradlinigen und kontinuierlichen Ver- lauf auf, sondern lässt die Leistungsfähigkeit in einem eigenen Rhythmus mit unterschiedlichen Inhalten, Beschleunigungen und Verzögerungen, entwickeln (Martin et al., 1999, S. 236; Frey & Hildebrandt, 1994, S. 151; Hohmann et al., 2002, S. 168). Neben der Unterteilung des LLA in die in Kapitel 2.1 geschilder- ten Etappen wird der Trainingsprozess nochmals innerhalb eines Jahres in verschiedene, auf lange Sicht sich zyklisch wiederholende Perioden unterteilt (Weineck, 2004, S. 61). Man unterscheidet dabei grundsätzlich folgende drei Perioden, welche zusammen einen sog. Makrozyklus bilden (Wilke & Madsen, 1997, S. 227):

- Die Vorbereitungsperiode dient der Entwicklung der sportlichen Form.
- Die Wettkampfperiode dient der Weiterentwicklung der sportlichen Form und Umsetzung dieser in Wettkampfergebnisse.
- Die Übergangsperiode dient der aktiven Erholung mit teilweisem Verlust der sportlichen Form (Martin et al., 1999, S. 236).

Je nach Sportart und Anzahl der Hauptwettkämpfe wird dieses Modell unter- schiedlich oft im Jahresverlauf wiederholt. Man spricht dann von Einfach-, Zweifach- oder Dreifachperiodisierung (Weineck, 2004, S. 62f). Die einzelnen Trainingszyklen sind dabei „[…] relativ abgeschlossene, sich wiederholende Folge[n] von Trainingsperioden, Trainingsetappen [und] Trai- ningswochen […]“ (Martin et al., 1999, S. 236). Somit wiederholen sich die Zyklen, allerdings mit einer anderen Gestaltung von Belastungen und Inhalt. Matwejew (1978; 1981), auf den dieses System der Periodisierung zurück- geht, verweist darauf, dass die Belastungsanforderungen sich wellenförmig entwickeln sollten (vgl. Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Periodisierungsschema des Nachwuchstrainings (nach Weineck, 2004; S. 65)

Martin et al. (1999, S. 236) weist jedoch darauf hin, dass der wissenschaftliche Beweis für diese praktischen Erfahrungen noch nicht restlos erbracht wurde.

[...]


1 Originalzitat: “[…] may be swimming at the peak of their career […]” (Maglischo, 1993, S. 263)

2 Originalzitat: „[…] should not include maximum lifts because they encourage improper lifting techniques and increase the likelihood of injuring joints and muscles.“ (Maglischo, 1993, S. 261)

Ende der Leseprobe aus 123 Seiten

Details

Titel
Entwicklung eines Interviewleitfadens für das Nachwuchstraining im Schwimmen
Hochschule
Universität Bayreuth  (Institut für Trainings- und Bewegungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
123
Katalognummer
V135415
ISBN (eBook)
9783668086036
ISBN (Buch)
9783668086043
Dateigröße
1846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, interviewleitfadens, nachwuchstraining, schwimmen
Arbeit zitieren
Jonas Kurtz (Autor), 2007, Entwicklung eines Interviewleitfadens für das Nachwuchstraining im Schwimmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135415

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