Die Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis erzählt die Geschichte einer Gruppe von Christen, Vibia Perpetua, Revocatus, Felicitas, Saturninus, Secundulus und Saturus, die wegen ihres Glaubens zum Tod durch Tiere verurteilt wurden. Dieses Todesurteil wurde am siebten März 203 nach Christus in Karthago vollstreckt. Dabei steht in der 21 Kapitel umfassenden Passio das Tagebuch der Römerin Vibia Perpetua im Mittelpunkt, das sie während ihrer Haft verfasste. Die junge Frau, die aus einem vornehmen Haus stammt und klassisch gebildet, wie auch standesgemäß verheiratet ist, berichtet in ihren Aufzeichnungen überwiegend von ihren Auseinandersetzungen mit ihrem Vater und erzählt ihre Visionen nach, die sie während der Haft empfängt. Aber auch ihre Konfrontation mit dem nahenden Tod und ihre Ängste und Sorgen um ihren Sohn – er ist noch ein Säugling – und um ihre Familie werden von ihr thematisiert. Zudem berichtet sie von ihrer Taufe im Gefängnis, denn zum Zeitpunkt der Verhaftung sind die Christen noch im Katechumenenstand. Den zweiten Teil der Passio bilden die Aufzeichnungen eines weiteren Häftlings – Saturus – der sich den Behörden nach der Verhaftung der anderen freiwillig stellt. In der von ihm aufgezeichneten Vision verarbeitet er, wie zuvor Perpetua, das kommende Martyrium. Daran anschließend berichtet der Redaktor von einer zweiten weiblichen Gefangenen namens Felicitas. Sie ist zum Zeitpunkt der Gefangennahme im achten Monat schwanger und bangt, da Schwangere nach römischem Recht nicht hingerichtet werden dürfen, nicht mit ihren Freunden, sondern zu einem späteren Zeitpunkt, hingerichtet zu werden. Doch zwei Tage vor der Hinrichtung gebiert sie ein Mädchen.Der Redaktor schließt mit dem Bericht der Hinrichtung ab. Demnach werden die Märtyrer zuerst von den Tieren zerfleischt und erhalten anschließend, da sie den Kampf mit den Tieren überlebt haben, durch Gladiatoren mit dem Schwert den Gnadenstoß. Fraglich ist, ob die Hinrichtung der Märtyrer einen Teil einer reichsweiten Christenverfolgung darstellte. Einerseits wird der zu dieser Zeit regierende Kaiser Septimius Severus als den Christen gewogen dargestellt, andererseits soll er im Jahre 202 den Übertritt zum Christentum verboten haben, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Unbestritten indessen ist, dass es zu Beginn des dritten Jahrhunderts besonders in Karthago und Alexandria zu zahlreichen Ausschreitungen kam, in dessen Rahmen viele Märtyrer hingerichtet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis
2 Quellenlage
3 Perpetua
3.1 Die Tochter
3.1.1 Perpetuas Verhältnis zur Mutter
3.1.2 Perpetua und ihr Vater
3.1.2.1 Erste Begegnung mit dem Vater
3.1.2.2 Zweite Begegnung mit dem Vater
3.1.2.3 Dritte Begegnung mit dem Vater
3.1.2.4 Vierte Begegnung mit dem Vater
3.1.2.5 Die Figur des Vaters in Perpetuas Visionen
3.2 Die Schwester
3.2.1 Die zwei Brüder Perpetuas
3.2.2 Dinocrates
3.3 Die Mutter
3.4 Die Ehefrau
3.5 Die Christin
4 Felicitas
5 Perpetua und Felicitas: Der Umgang mit Weiblichkeit in der Arena
6 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschlechterverhältnisse in der Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis mit dem Ziel, die frühste erhaltene Autobiographie einer Frau unter Berücksichtigung antiker Normen und Rollenbilder zu analysieren. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie Perpetua als Akteurin innerhalb ihrer Familie und gegenüber staatlichen Autoritäten agiert und wie der christliche Glaube ihre Selbstwahrnehmung sowie ihr Handeln beeinflusst.
- Analyse der Dynamik im Vater-Tochter-Verhältnis und dessen Spiegelung in den Visionen.
- Untersuchung der Rolle von Perpetua als Mutter und Ehefrau sowie deren Abwesenheit bzw. Präsenz im Text.
- Reflexion über die Darstellung von Weiblichkeit und die bewusste Transformation in männlich konnotierte Rollen während des Martyriums.
- Untersuchung der rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen für christliche Frauen im antiken Karthago.
- Interpretation der Passio als literarisches Dokument der Selbstbehauptung einer Frau.
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1 Erste Begegnung mit dem Vater
Das Tagebuch Perpetuas beginnt mit einem Treffen zwischen Perpetua und ihrem Vater (Kapitel 3.1 – 3.4). Vibius versucht, seine Tochter zu dem von ihr verlangten öffentlichen Opfer zu überreden. Doch Perpetua weigert sich:
„Pater, inquam, vides verbi gratia vas hoc iacens, urceolum sive aliud? Et dixit: Video. Et ego dixi ei: Numquid alio nomine vocari potest quam quod est? Et ait: Non. Sic et ego aliud me dicere non possum nisi quod sum, Christiana. Tunc pater motus hoc verbo mittit se in me ut oculos mihi erueret, sed vexavit tantum et profectus est victus cum argumentis diaboli. Tunc paucis diebus quod caruissem patrem, domino gratias egi et refrigeravi absentia illius.”
Diese erste Streitsequenz zwischen Perpetua und ihrem Vater zeigt eindrucksvoll, wie sehr Perpetua Vibius verbal überlegen ist. Vibius möchte sein Kind aus Liebe vor dem sicheren Tod retten, doch kann er sie mit Worten nicht erreichen. Rhetorisch gewandt erklärt sie ihrem Vater, dass so wenig ein Krug Becher oder Rode heißen könne, sie den sich selbst auferlegten Namen Christen vernachlässigen wolle. Perpetuas Vater kennt keine Argumente gegen ihre Beweisführung, sie macht ihn mit ihrem Vortrag sprachlos. Da er ihr mit Worten nicht entgegnen kann, stürzt er sich auf sie und begegnet ihrer Rede mit Gewalt. Perpetua hat ihren Vater verbal besiegt. Er ist ihr rhetorisch nicht gewachsen, was Perpetua durchaus erkennt, wenn sie schreibt, ihr Vater zöge sich geschlagen zurück. Wahrend Perpetua in dieser Sequenz männliche Qualitäten zeigt, fällt ihr Vater in die konventionelle Rolle einer Frau. Vergleichbare Szenen, in denen eine Frau einem Mann rhetorisch überlegen oder gleich auf ist, sind aus der Antike nur Wenige überliefert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis: Einleitung in das historische Umfeld und die Struktur des Dokuments, das das Tagebuch der Perpetua als Kernstück einer frühen christlichen Passio identifiziert.
2 Quellenlage: Diskussion über die Authentizität und die verschiedenen Verfasser der Passio, wobei die Unterscheidung zwischen dem Redaktor, Perpetua und Saturus im Vordergrund steht.
3 Perpetua: Untersuchung der Lebensumstände Perpetuas und ihrer zentralen Rolle innerhalb der Erzählung sowie ihrer verschiedenen Identitäten als Tochter, Schwester, Mutter, Ehefrau und Christin.
4 Felicitas: Analyse der Rolle von Felicitas als zweite weibliche Gefangene und Sklavin, insbesondere unter dem Aspekt ihrer Schwangerschaft und der rechtlichen Implikationen.
5 Perpetua und Felicitas: Der Umgang mit Weiblichkeit in der Arena: Deutung der symbolischen Vorbereitung auf den Kampf, den Rollenwechsel zur Männlichkeit und das Verhalten im Moment der Hinrichtung.
6 Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der widersprüchlichen Charakterbilder Perpetuas und die Bedeutung ihres Tagebuchs als frühes autobiographisches Zeugnis.
Schlüsselwörter
Perpetua, Felicitas, Passio, Martyrium, Geschlechterverhältnisse, Christentum, Autobiographie, Antikes Karthago, Vater-Tochter-Beziehung, Visionen, Weiblichkeit, Römische Rechtssprechung, Märtyrerliteratur, Identität, Vibia Perpetua.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die in der "Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis" dargestellten Geschlechterverhältnisse und analysiert, wie die Protagonistin Perpetua innerhalb eines patriarchalen Systems agiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die familiären Konflikte, die Bedeutung der religiösen Identität als Christin und die Transformation weiblicher Rollenbilder hin zu einer dominanten, männlich konnotierten Stärke im Martyrium.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das Tagebuch der Perpetua als frühstes Beispiel einer weiblichen Autobiographie historisch-kritisch einzuordnen und dabei die damaligen gesellschaftlichen Normen kritisch zu reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche und historische Quellenanalyse, um den Text der Passio im Kontext antiker Geschlechterrollen und der römischen Rechtsgeschichte zu interpretieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der sozialen Rollen Perpetuas (Tochter, Mutter, Ehefrau) sowie die Interpretation ihrer Visionen, die ihre psychologische Entwicklung und ihr Verhältnis zu ihrem Vater widerspiegeln.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind hier vor allem "Geschlechterverhältnisse", "Martyrium", "frühchristliche Autobiographie", "Perpetua" und "Rollenbild".
Warum spielt die Figur des Vaters eine so prominente Rolle in Perpetuas Aufzeichnungen?
Der Vater stellt den stärksten Widerstand gegen Perpetuas Glaubensentscheidung dar. Seine ständige Präsenz zeigt das Ringen zwischen familiärer Loyalität und religiöser Hingabe.
Wie verändert sich Perpetuas Wahrnehmung ihrer Geschlechterrolle im Laufe des Textes?
Perpetua legt im Laufe der Erzählung – insbesondere bei der Vorbereitung auf den Kampf in der Arena – ihre weibliche Scham ab und übernimmt "männliche" Eigenschaften, um ihre Stärke und Entschlossenheit für den Glauben zu betonen.
- Citation du texte
- Julia Leschhorn (Auteur), 2006, Geschlechterverhältnisse in der Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135459