Der Frage nach dem Anfang kommt im geschichtswissenschaftlichen Diskurs stets eine besondere Rolle zu. Insbesondere die deutsche Geschichte hat eine bemerkenswerte Brandbreite „virtueller Anfangspunkte“ zu bieten. Von populärwissenschaftlichen
Konstruktionen wie der Varusschlacht des neunten Jahres n. Chr. reicht das diesbezügliche Spektrum über kulturelle Ansatzpunkte, wie dem modernen Nationalbewusstsein von Romantik und Französischer Revolution, bis zur Reichsgründung vom 18. Januar 1871.
Auch eine Reihe von mittelalterlichen Ereignissen bieten sich als Beginn deutscher Geschichte an. Klassischerweise galt die Thronerhebung Heinrichs I. im Jahre 919 als „Gründung des Deutschen Reiches“, nicht zuletzt weil im konkurrierenden Gegenkönigtum des Baiernherzogs Arnulf womöglich erstmals der Begriff regnum teutonicum auftaucht. Doch auch das Reich Heinrichs ist nicht ohne Vorgeschichte. In chronologischer
Rückwärtsbewegung kommt man von ihm über das Jahr 911 mit der Wahl des ersten Nicht-Karolingers Konrads I. zum ostfränkischen König zu der Frage, wie denn dieses Gebilde, das zunächst ohne Karolinger, wenig später mit Sachsen an der Spitze regiert wurde und einst tatsächlich ein Reich „deutscher Nation“ werden sollte, entstanden ist. Unstrittig ist, dass es sich hier um Teilungsobjekt des regnum francorum handelt und auch, dass diese Teilung durch einen Vertrag zwischen verschiedenen karolingischen Thronanwärtern im Jahre 843 in Verdun eingeleitet wurde. Ob dessen Teilungsmodalitäten jedoch dem Zufall entsprangen
oder wenn nicht, warum so und nicht anders aufgeteilt wurde, ist Gegenstand historischer Kontroverse.[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Verduner Reichsteilung von 843
a. Teilungsobjekt (Das großfränkische Reich)
b. Teilungsverlauf
c. Ein Teilungsprodukt: Das Deutsche Reich?
III. Theodisca lingua
a. Ursprung im Dunkeln, Mündung im Deutschen
b. Britischer Erstbeleg
c. Fränkische Integrationspolitik
d. Kirchliche Sprachgrenzen
e. Italienische Substantivierung
f. Dichterische Freiheiten
g. Straßburger Eide
IV. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss des Begriffs „theodisca lingua“ auf die Teilung des Frankenreiches und geht der Forschungsfrage nach, inwiefern die Sprache ein konstituierender Faktor für die politische Separierung zwischen dem ost- und westfränkischen Reichsbereich war.
- Analyse des karolingischen Teilungsprozesses und der Rolle der Elite.
- Quellengestützte Untersuchung des Begriffs „theodiscus“ von seinen Ursprüngen bis zum 9. Jahrhundert.
- Betrachtung der Rolle der Sprache im Kontext von Integration und Identitätsbildung.
- Untersuchung der Straßburger Eide als Fallbeispiel für sprachliche Abgrenzung.
Auszug aus dem Buch
g.) Straßburger Eide
Über Hludowici et Karoli Pactum Argentoratense von 842 im Vorfeld der Reichsteilung von Verdun informiert uns der fränkische Geschichtsschreiber Nithard:
“Ergo XVI. Kalend. Marcii Lodhuwicus et Karolus in civitate, quae olim Argentaria vocabatur, nunc autem Strazburg vulgo dicitur, convenerunt, et sacramenta, quae subter notata sunt, Lodhuwicus Romana, Karolus vero Teudisca lingua iuraverunt.“
[Es trafen sich also am 14. Februar Ludwig und Karl in der Stadt, die ehedem Argentaria hieß und nun Straßburg heißt, und schwuren wie unten folgt. Ludwig aber sprach romanisch, Karl Teudisca lingua]
Sinn und Zweck der Szenerie in Straßburg war, den Bund zwischen dem ostfränkisch ambitionierten Ludwig und dem im Westen Herrscheransprüche geltend machenden Karl in der Sprache der jeweils „anderen Seite“ zu beeiden. Der vormals gegnerische Anhang sollte Zeuge des Schwures sein.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, wie die deutsche Geschichte beginnt und welche Rolle das Frankenreich bei der Entstehung von Teilreichen spielt.
II. Die Verduner Reichsteilung von 843: Dieses Kapitel erläutert den Prozess der Reichsteilung unter den Söhnen Ludwigs des Frommen und das Streben nach einer Machtverteilung im Frankenreich.
III. Theodisca lingua: Dieser Hauptteil analysiert die etymologische und politische Entwicklung des Begriffs „theodiscus“ anhand diverser Quellen, von den ersten Belegen bis zu den Straßburger Eiden.
IV. Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert, dass die Sprache zwar nicht die Teilung verursachte, aber als identitätsstiftendes Merkmal deren Verstetigung maßgeblich mitprägte.
Schlüsselwörter
Frankenreich, Reichsteilung, Verdun, Theodisca lingua, Theodiscus, Karolinger, Identität, Sprache, Sprachgrenze, Straßburger Eide, Ludwig der Deutsche, Integration, Gentes, Volksname, Ostfrankenreich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die historische Rolle des Begriffs „theodisca lingua“ (die deutsche Sprache) im Kontext der karolingischen Reichsteilung des 9. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Geschichte der Karolinger, die etymologische Herkunft des Begriffs „theodiscus“, den Prozess der Reichsteilung sowie die Entwicklung ethnischer Identitäten.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, zu klären, ob der sprachliche Begriff ein bewusster Faktor der politischen Teilung des Reiches war oder ob er diese Entwicklung lediglich begleitete.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Analyse historischer Dokumente wie Annalen, Kapitularien und Eidesformeln unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert die Verwendung von „theodiscus“ in kirchlichen und weltlichen Quellen, um die Verschiebung der Wortbedeutung von einem Funktionsbegriff hin zur Selbstbezeichnung zu verstehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Reichsteilung, Frankenreich, Theodisca lingua, Identitätsbildung und Karolinger beschreiben.
Welche besondere Bedeutung kommt den Straßburger Eiden in der Arbeit zu?
Sie dienen als zentrales Fallbeispiel für die Verwendung von Volkssprachen in der politischen Praxis und zeigen die bewusste sprachliche Abgrenzung zwischen den Teilreichen auf.
Was schlussfolgert der Autor bezüglich der Rolle des Volkes?
Der Autor betont, dass das Reich nicht durch das Volk geschaffen wurde, sondern dass sich ein Parallelvorgang staatlicher und ethnischer Entwicklung vollzog, in dem die Sprache als Integrations- und Abgrenzungsmedium fungierte.
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- Arno Barth (Author), 2009, Der Einfluss der „deutschen Sprache“ auf die Teilung des Frankenreiches, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135472