Welches Wissen wollen wir an den Universitäten lernen? Diese Frage stellt sich jeder Generation von Neuem, denn Universitäten sind historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen unterworfen. Sie ändern sich hinsichtlich ihres Angebotes, ihres Selbstverständnisses und ihrer Funktion in der Gesellschaft. Zeitgleich verändern sich auch die Ansprüche an die Universitäten. So ist die „alte“ Elfenbeinturm-Universität vergangener Zeiten heute keine Option mehr – wissenschaftliche Bildung muss sich gesellschaftlich (und meistens auch wirtschaftlich) auszahlen. Universitäten stehen demnach unter einem gewissen Legitimationsdruck, das wissenschaftliche Wissen auch in gesellschaftlich verwertbares Wissen zu transformieren.
Die Bologna-Reform kann als Instrument dieser „neuen“ Universitäten und ihrer Legitimierung betrachtet werden, impliziert sie – wenigstens ihren Intentionen nach – tiefgreifende Änderungen im europäischen Universitätsbetrieb. Die Lehre soll flexibler werden, um den veränderten Ansprüchen an die Universitäten in einer Wissensgesellschaft Rechnung tragen zu können. Ob sich jedoch mit der Reform bzw. ihrer jeweiligen Umsetzung „alles ändert“, oder ob am Ende das meiste dann doch stabiler bleibt als angenommen (und bloss das sprachliche Gewand verändert wurde), bleibt zu untersuchen.
Die vorliegende Arbeit stellt eine solche (explorative) Untersuchung dar, wenngleich sie sich auf den Normen- und Wertediskurs beschränkt. Sie betrachtet ausgewählte Reaktionen auf die Bologna-Reform an der Universität Basel (Schweiz): Die Wegleitung zum Bachelor-Studium Philosophie wird daraufhin analysiert, wie tradierte Vorstellungen des Philosophiestudiums („Stabilität“) mit den Ansprüchen von „Bologna“ („Flexibilität“) zu vereinbaren versucht werden. Ferner wird eine Darstellung der sog. transfakultären Querschnittsfächer betrachtet, sowie eine Stellungnahme des Dekans der Philosophisch-Historischen Fakultät zur Frage, wie die geisteswissenschaftlichen Fächer mit „Bologna“ umzugehen gedenken.
Die Ergebnisse lassen u.a. vermuten, dass sich (wenigstens in Basel) deutlich weniger tiefgreifend ändert als der „Bologna“-Diskurs nahe legen würde. Alte Fächer scheinen sich aber genötigt zu fühlen, ihre Tradition zu verteidigen und dabei zugleich zu betonen, dass sie dennoch „bologna-konform“ sind. Neue Fächer dagegen werben mit ihrer Fähigkeit, auf die gegenwärtige Lage der Universität bestens reagieren und speziell den veränderten Ansprüchen genügen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage und Zielsetzung
1.2 Voraussetzungen, leitende Hypothese und Fragestellungen
1.3 Erkenntnisinteressen und Ziele
1.4 Gegenstandsbereich
1.5 Methodik
2 Begriffe und Instrumente
2.1 Normen
2.2 Werte
3 Analyse/Beobachtung
3.1 Zwischen beruflichen und persönlichen Kompetenzen: …
3.2 Eine Disziplin alleine reicht nicht aus: Transfakultäres Querschnittsprogramm
3.3 Hermeneutische Offenheit und transparente Regelmässigkeit: …
4 Schlussfolgerungen
4.1 Umgang mit dem Umbruch
4.2 Verstärkte Normen von „aussen“
5 Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht explorativ, wie die Bologna-Reform an der Universität Basel als Umbruch wahrgenommen wird und inwiefern sich universitäre Fächer in diesem Prozess zwischen den Anforderungen an Flexibilität und der Notwendigkeit zur Wahrung ihrer Stabilität und Identität verorten. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie Normen- und Werte-Konflikte in verschiedenen Dokumenten der Selbstdarstellung artikuliert und legitimiert werden.
- Konflikt zwischen "Ausbildung" und "Bildung" im akademischen Kontext
- Transformation traditioneller Bildungsbegriffe durch Bologna-Reformen
- Die Rolle von Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen im modernen universitären Diskurs
- Strategien etablierter Disziplinen vs. neuer Programme zur Legitimationssicherung
Auszug aus dem Buch
3.1 Zwischen beruflichen und persönlichen Kompetenzen: Bolognisiertes Philosophiestudium
Die Wegleitung (datiert: 7. Juli 2005) ist ein Dokument des Philosophischen Seminars der Universität Basel, das als erläuternde Ergänzung zur Studienordnung des Studienfaches Philosophie gedacht ist. Es ist ein Material, das zur Klasse der Selbstdarstellung gehört. Das Dokument eignet sich als Material für die Arbeit deshalb, weil: a) gut erreichbar, b) relevant (das Bachelorstudium hängt natürlich mit der Bologna-Reform zusammen), c) adäquat (der Inhalt bietet sich für die Analyse an), d) es stellt ein offizielles Dokument innerhalb der formalen Rahmenbedingungen der Lehre dar, und e) mit dem Material können bestimmte Normen und Werte deutlich dargestellt werden. Jedoch sind nur die ersten paar Seiten des Dokumentes für die Analyse besonders wertvoll, die sich mit der Verortung des Faches und der Bildungsgüter, die das Philosophiestudium befördern können soll, beschäftigen.
Zuerst sollen bestimmte Abschnitte des Dokumentes betrachtet werden, dann eine Übersicht über das Dokument bzw. die relevanten Abschnitte unter der unter 1. und 2. vorgestellten Perspektive dargelegt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in den bildungspolitischen Kontext ein, stellt die leitende Hypothese zur Bologna-Reform als Umbruch vor und definiert den methodischen Ansatz sowie den Untersuchungsgegenstand.
2 Begriffe und Instrumente: Hier werden die theoretischen Grundlagen für die Analyse geschaffen, indem die Begriffe „Norm“ und „Wert“ für die vorliegende Arbeit explizit definiert und in eine soziologische bzw. philosophische Terminologie eingeordnet werden.
3 Analyse/Beobachtung: In diesem Hauptteil werden drei ausgewählte Dokumente (Wegleitung Philosophie, Artikel zu Querschnittsprogrammen, Artikel zur Bologna-Umsetzung) auf ihre normativen und wertebezogenen Diskurse hin untersucht.
4 Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und zeigt auf, wie etablierte Fächer und neue Programme versuchen, durch diskursive Umformungen den Spagat zwischen Flexibilität und Stabilität zu bewältigen.
5 Nachwort: Das Nachwort reflektiert die explorativen Ergebnisse der Arbeit und formuliert den Bedarf an weiterführenden, systematisch fokussierten Untersuchungen.
Schlüsselwörter
Bologna-Reform, Universität Basel, Philosophie, Normen, Werte, Bildung, Ausbildung, Flexibilität, Stabilität, Kompetenzen, Schlüsselqualifikationen, Diskursanalyse, Legitimationsdruck, Wissenschaftssystem, Interdisziplinarität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie universitäre Disziplinen auf den durch die Bologna-Reform ausgelösten Umbruch reagieren und wie sie versuchen, ihre Identität zwischen traditionellen Bildungsansprüchen und neuen Flexibilitätsanforderungen zu bewahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Konflikt zwischen "Bildung" und "Ausbildung", die Rolle von Kompetenzorientierung im Studium sowie die Auswirkungen des Legitimationsdrucks auf die Selbstdarstellung von Universitäten und einzelnen Disziplinen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, explorativ herauszuarbeiten, wie sich Normen- und Werte-Konflikte in universitären Texten manifestieren und welche sprachlichen Strategien genutzt werden, um neue Anforderungen in das bestehende Selbstverständnis zu integrieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer literatur- bzw. textbasierten Analyse. Sie nutzt eine hermeneutische Vorgehensweise, um in offiziellen Dokumenten implizite und explizite Normen und Werte zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifisches Material: eine Wegleitung des Philosophischen Seminars, einen Artikel zu transfakultären Querschnittsprogrammen sowie einen Text zur Umsetzung der Bologna-Deklaration an der philosophisch-historischen Fakultät.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Wesentliche Begriffe sind Bologna-Reform, Stabilität, Flexibilität, Kompetenzen, Norm(SOZ) und Norm(PHIL), sowie die Unterscheidung zwischen der "alten" Bildungsstätte und der "neuen" Ausbildungsstätte.
Inwiefern spielt das Philosophiestudium eine besondere Rolle?
Das Philosophiestudium dient als exemplarisches Beispiel für ein traditionelles Fach, das durch die Bologna-Reform besonders unter Druck gerät, seine Identität und seinen Anspruch auf „Bildung“ gegenüber einer rein instrumentellen "Ausbildung" zu rechtfertigen.
Wie gehen neue Programme mit der Bologna-Reform um?
Neue Programme, wie die transfakultären Querschnittsprogramme, positionieren sich oft als direkte Antwort auf die Bologna-Reform. Sie nutzen den Fokus auf Interdisziplinarität und Schlüsselqualifikationen, um sich als modern und notwendig zu legitimieren.
Wird die Bologna-Reform in der Arbeit rein negativ bewertet?
Nein, die Arbeit betrachtet die Reform wertneutral als einen Umbruchprozess. Sie analysiert, wie dieser Umbruch von den Akteuren sowohl als Herausforderung und Belastung als auch als Chance zur Profilbildung wahrgenommen wird.
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- MA Marcel Mertz (Author), 2006, Bildung zwischen Flexibilität und Stabilität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135515