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Intellektuelle in Russland zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung

Title: Intellektuelle in Russland zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung

Term Paper (Advanced seminar) , 2002 , 28 Pages , Grade: gut

Autor:in: Kirsten Eisermann (Author)

History of Europe - Newer History, European Unification
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Der Begriff Intelligenz steht für Intelligencija, welcher kurz gefasst die Schicht der Gebildeten in Russland bzw. später in der Sowjetunion bezeichnet. Der Begriff Kosmopolitismus ist in diesem Zusammenhang ein Terminus der Sowjetpropaganda und sollte eine, dem spätstalinistischen Nationalpatriotismus entgegengesetzte, Bewegung im Spätstalinismus bezeichnen sollte.

Das Objekt der Untersuchung ist die Intelligenz in der Zeitphase von etwa 1945 bis 1964, wobei der Kosmopolitismus in die Zeit des Spätstalinismus von 1945 bis zu Stalins Tod 1953 fällt und die Entstalinisierung grob in den Zeitraum von 1953 bis 1964 anzusiedeln ist, in welchen auch Chrushchevs Amtszeit fällt.

Wie sieht die Entwicklungsgeschichte der Intelligenz in der Sowjetunion in der Phase des Kosmopolitismus bis zur Zeit der Entstalinisierung aus? Über zwei unterschiedliche Ansätze soll hier eine Antwort gefunden werden. Der erste über die Sowjetische Geschichte wird in zwei zeitliche Phasen getrennt, nämlich 1945 bis 1953 und 1953 bis 1964, und mit Zeitzeugenberichten1 kombiniert. Im 2. Kapitel unter 2.1. erscheinen die Zeitzeugenberichte stark von der Thematik des sowjetischen Antisemitismus geprägt. Dies hat zwei Gründe: 1. der Terminus Antikosmopolitismus steht als Synonym für den sowjetischen Antisemitismus und 2. ist es die jüdische Intelligenz, die zum Thema Kosmopolitismus am ausführlichsten berichtet.

Was waren die Hintergründe der komplexen Beziehungsgeflechte zwischen politischer Macht und Intelligenz? Und wie gestaltete sich ihre Stellung in der Gesellschaft? Dies soll über die zweite Vorgehensweise sichtbar gemacht werden, die den fraglichen Zeitraum unter soziologischem Aspekt untersucht.

Und schließlich: hat die Intelligenz eine tragende Rolle in der Gesellschaft der Sowjetunion zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung eingenommen? Dies soll zum Abschluss zusammenfassend unter Herausstreichung des einen oder anderen strittigen oder unklaren Aspekts dargelegt werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Intelligenz, Partei und Staat im Spätstalinismus von 1945 bis 1953

2.1. Der „Fall der Ärzte“

2.2. Kosmopolitismus und Antisemitismus zwischen 1945 und Stalins Tod 1953

3. Intelligenz, Partei und Staat 1953 bis 1964

3.1. Sowjetische Intellektuelle und politische Macht in der Phase des Poststalinismus

4. Die Positionierung der Intelligenz in der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft zwischen 1945 und 1964

4.1. Die Intelligenz unter den Bedingungen der sowjetischen Gesellschaft (1945-1964)

4.2. Faktoren, die einen Einfluss der sowjetischen Intelligenz auf die Gesellschaft erschwerten

5. Die sowjetische Intelligenz zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung – eine zusammenfassende Bewertung

6. Literatur

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht die gesellschaftliche Rolle und Entwicklung der russischen Intelligenz in der Sowjetunion zwischen 1945 und 1964, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen dem spätstalinistischen Kosmopolitismus und der nachfolgenden Entstalinisierungsphase unter Chruschtschow liegt.

  • Analyse der Interdependenzen zwischen politischer Macht und intellektueller Schicht.
  • Untersuchung des Phänomens des Antikosmopolitismus als Instrument stalinistischer Repressionspolitik.
  • Soziologische Betrachtung der Stellung der Intelligenz innerhalb der sowjetischen Gesellschaftsstruktur.
  • Bewertung des Einflusses politischer Rahmenbedingungen auf die Entfaltung kritischen Denkens.

Auszug aus dem Buch

2.1. Der „Fall der Ärzte“

Im „Fall der Ärzte“ wurde anhand der lange vorher inszenierten und frei erfundene Affäre um die neun Kremlärzte (sechs davon jüdischer Herkunft) sichtbar, wie weit Stalin ging, um seine Machtposition zu festigen. Die Ärzte wurden der Agentenschaft für ausländische Nachrichtendienste bezichtigt, für welche sie Giftanschläge auf hohe sowjetische Funktionäre geplant hätten, wodurch auch Ždanovs Tod zu erklären sei. Doch dies war Teil der antisemitistischen Kampagne, die wohl von Stalin persönlich in Szene gesetzt worden war, um einerseits dem Volk seine Macht und andererseits seinen nahestehenden Funktionären deren Unfähigkeit zu beweisen. Der Historiker Gennadij Kostyrenko berichtet, dass Stalin bei den Untersuchungen zur Ärzteaffäre als unmittelbar aktiv Handelnder und Inszenierender auftrat, nachdem ihm die Bearbeitung des Falles über längere Zeit als zu harmlos erschien.

So wurde also in aller Eile vom Ministerium für Staatssicherheit, dem Wille des Führers gehorchend, nachgewiesen, dass der Spionagedienst der USA und die unter dessen Dach arbeitende „internationale jüdische bourgeois-nationalistische Organisation“ (JOINT) mit den verhafteten Kremlärzten jüdischer Herkunft erfolgreich zusammengearbeitet hatten, um über die Gesundheit der sowjetischen Führer Einfluss zu nehmen. Laut Stalin sollte nicht nur Ždanov umgebracht werden, sondern die gesamte Sowjetführung eliminiert werden. Somit konnte Stalin in der triumphierenden Retterrolle auftreten, als er seinen Mitstreitern vorwarf: „Blinde seid ihr, Katzenjunge, was wird nur nach mir sein – das Land wird zugrunde gehen, weil ihr nicht in der Lage seid, die Feinde zu erkennen!“

Alle Ärzte wurden nach Stalins Tod rehabilitiert. Er starb am 5.März 1953 infolge eines Schlaganfalls. Die Ärzte-Affäre schien über Stalins Machtkampf innerhalb des Kremls hinaus Ausdruck eines ihn drängenden Bedürfnis zu sein, eine Angelegenheit zu Ende bringen zu wollen. Dies kann man wiederum durchaus als Alterungserscheinung des sonst so umsichtigen Despoten deuten, da er hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte, nämlich die Juden und die „alte Stalin-Garde“, die er für unfähig hielt. Das brach ihm wohl das Genick, denn manche vermuten, dass Stalin nicht eines natürlichen Todes starb, sondern Opfer einer Verschwörung durch Berija wurde, was Molotow später bestätigte.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einführung: Definition der zentralen Begriffe „Intelligenz“ und „Kosmopolitismus“ sowie Erläuterung der Untersuchungszeiträume und methodischen Vorgehensweise.

2. Intelligenz, Partei und Staat im Spätstalinismus von 1945 bis 1953: Darstellung der Repressionen, des kulturellen Klimas und der Instrumentalisierung ideologischer Kampagnen durch die stalinistische Führung.

2.1. Der „Fall der Ärzte“: Analyse der inszenierten Affäre gegen jüdische Kremlärzte als Mittel zur Machtfestigung und antisemitischen Diffamierung.

2.2. Kosmopolitismus und Antisemitismus zwischen 1945 und Stalins Tod 1953: Untersuchung der ambivalenten Judenpolitik der Sowjetunion unter Berücksichtigung außen- und innenpolitischer Faktoren.

3. Intelligenz, Partei und Staat 1953 bis 1964: Überblick über den Machtkampf nach Stalins Tod, den Prozess der Entstalinisierung und das kulturelle „Tauwetter“.

3.1. Sowjetische Intellektuelle und politische Macht in der Phase des Poststalinismus: Reflexion über die Schlüsselrolle der Intellektuellen und deren oppositionelle Tendenzen unter Chruschtschow.

4. Die Positionierung der Intelligenz in der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft zwischen 1945 und 1964: Soziologische Einordnung der Intelligenz und ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit.

4.1. Die Intelligenz unter den Bedingungen der sowjetischen Gesellschaft (1945-1964): Betrachtung der Auswirkungen von Bildungsaufstieg, Konformitätsdruck und Bürokratisierung.

4.2. Faktoren, die einen Einfluss der sowjetischen Intelligenz auf die Gesellschaft erschwerten: Identifikation struktureller Hindernisse, die eine zivilgesellschaftliche Partizipation der Intelligenz verhinderten.

5. Die sowjetische Intelligenz zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung – eine zusammenfassende Bewertung: Fazit zur Diskrepanz zwischen Selbstverständnis und realer gesellschaftlicher Funktion der Intelligenz.

6. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Werke.

Schlüsselwörter

Sowjetunion, Intelligenz, Intelligencija, Spätstalinismus, Entstalinisierung, Kosmopolitismus, Antisemitismus, Ärzteverschwörung, Chruschtschow, Tauwetter, Konformismus, Ideologie, politische Repression, soziale Entfremdung, Zivilgesellschaft.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen der sowjetischen Intelligenz und der politischen Macht im Zeitraum von 1945 bis 1964.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Die Untersuchung konzentriert sich auf die Auswirkungen der stalinistischen Repressionspolitik, die Instrumentalisierung des Antisemitismus und die Rolle der Intelligenz im Wandel während der Entstalinisierung.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist zu klären, ob die Intelligenz in der Sowjetunion in diesem Zeitraum tatsächlich eine tragende, kritisch-innovative gesellschaftliche Rolle einnehmen konnte oder ob sie durch äußere Strukturen blockiert wurde.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?

Die Autorin kombiniert eine historisch-chronologische Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte mit einer soziologischen Analyse der Stellung der Intelligenz.

Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?

Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Phasen vor und nach Stalins Tod sowie eine soziologische Untersuchung der Faktoren, die das Handeln der Intelligenz beeinflussten.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?

Wichtige Schlagworte sind Entstalinisierung, Kosmopolitismus, Machtstreben, Konformismus und die soziale Rolle der Intelligenz in der Sowjetgesellschaft.

Welche Rolle spielte der „Fall der Ärzte“ für Stalins Politik?

Der Fall diente Stalin als Mittel, um politische Säuberungen voranzutreiben, antisemitische Ressentiments zu instrumentalisieren und seine Macht gegenüber der alten Parteigarde zu festigen.

Warum konnte die Intelligenz trotz der Liberalisierung unter Chruschtschow keine Zivilgesellschaft etablieren?

Die Arbeit verdeutlicht, dass eine „Klammer“ aus Ideologie, Repression, Bürokratie und tief verwurzelten autoritär-patriarchalen Mentalitäten in den Schichten der Intelligenz eine echte kritische Entfaltung nachhaltig behinderte.

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Details

Title
Intellektuelle in Russland zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung
College
Free University of Berlin  (Osteuropa-Institut)
Course
Interdisziplinäres Colloquium: Die russische Intelligencija-Selbstverständnis und Realität im 20.Jahrhundert
Grade
gut
Author
Kirsten Eisermann (Author)
Publication Year
2002
Pages
28
Catalog Number
V13556
ISBN (eBook)
9783638191869
ISBN (Book)
9783638809733
Language
German
Tags
Intellektuelle Russland Kosmopolitismus Entstalinisierung Interdisziplinäres Colloquium Intelligencija-Selbstverständnis Realität Jahrhundert
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Kirsten Eisermann (Author), 2002, Intellektuelle in Russland zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13556
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