Um die im Mittelpunkt stehende Persönlichkeitskrise betrachten zu können, soll zunächst derjenige Johann Wolfgang Goethe betrachtet werden, der sich in der Lebensphase des mündigen Menschen befindet. Der 1749 in Frankfurt geborene, später bekannteste Deutsche Dichter befindet sich in den späten Dreißigern seines Lebens, es ist davon auszugehen, dass sich sein Charakter entwickelt hat, ebenso wie die innere Festigung seiner selbst, wie auch der „Zusammenschluss des lebendigen Denkens, Fühlens, Wollens mit dem eigenen geistigen Kern“. Es ist bereits einige Jahre her, dass ihm sein Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) ersten internationalen, literarischen Ruhm einbrachte. Goethe arbeitet ebenso lange als geheimer Legationsrat unter Herzog Karl August und verfügt über ein inzwischen stabiles Wertsystem, außerdem hat er wohl als Mittdreißiger Zuverlässigkeit in dem entwickelt, was er übernommen hat, hält Wort und Treue. Man spricht außerdem von dieser Lebenszeit als solche, in „welcher die Produktivkräfte geistiger und vitaler Art am unmittelbarsten strömen.“
Der inzwischen sogar geadelte Dichter aber manövriert sich in eine Krise; das Hofleben in Weimar behagt ihm nicht, Goethe erfährt eine tiefe Enttäuschung darüber, dass ihm die berufliche Selbstverwirklichung in Deutschland anscheinend nicht gelungen ist und fühlt sich in seiner Heimat typisiert. Nach dem bisher doch anregenden Gedankenaustausch mit Charlotte von Stein entwickeln sich zwischen ihnen Spannungen, die er nicht erträgt.
Aus diesen Faktoren resultierend erwacht in Johann Wolfgang Goethe allem Anschein nach das „Verlangen nach einem umfassenden Neubeginn“.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Wertesystem des mündigen Menschen Goethe
2. Die Krise und Italien
3. Phasen kindlicher Entwicklung
3.1 Goethe wird, was man ihm gibt
3.2 Goethe ist, was er will
3.3 Goethe ist, was er sich zu werden vorstellen kann
4. Ergebnis der Italienreise
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen Hintergründe von Johann Wolfgang Goethes Italienreise, indem sie diese als möglichen Bewältigungsversuch einer tiefgreifenden Persönlichkeitskrise interpretiert und mithilfe psychoanalytischer Entwicklungsmodelle nach Freud und Erikson analysiert.
- Analyse des psychischen Zustands Goethes vor Antritt der Italienreise
- Anwendung des entwicklungspsychologischen Modells von Erik H. Erikson
- Untersuchung frühkindlicher Prägungen und potenzieller Entwicklungsstörungen
- Betrachtung des triadischen Persönlichkeitsmodells (Person, Profession, Funktion)
- Evaluation des persönlichen Reifungsprozesses durch die Reise
Auszug aus dem Buch
3. Phasen kindlicher Entwicklung
Wenn man sich einige autobiografische Aussagen aus der „Italienischen Reise“ vor Augen führt, wie etwa Ich habe recht diese Zeit her zwei meiner Kapitalfehler (…) entdecken können. (Italienische Reise, S. 369) oder „Ich liege an dieser Krankheit von Jugend auf krank, und gebe Gott, dass sie sich einmal auflöse.“ (S. 398), so kommt man nicht umhin, dass Goethe sich spätestens auf der Reise selbst des psychischen Faktors bewusst wird, der ihn unter anderem in die Krise geführt haben könnte. Es soll an dieser Stelle schon ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es sich hier nur um mutmaßliche Schlussfolgerungen handelt, die aufgrund der „Mannichfaltigkeit“ dieses Dichters keinen unbedingten Anspruch auf Wahrheit erheben wollen. Ein weiterer Aspekt für diese Klarstellung ist auch, dass über Goethes Kindheit und Jugend nicht allzu viel bekannt geworden ist, es nur aufgrund einiger Quellen und den deutlich gewordenen psychischen Konturen dieser Persönlichkeit, die er als Mittdreißiger erworben hat, möglich sein kann, einige Spekulationen anzustellen.
Als Grundlage für die Lokalisierung potentieller Krisenherde in Goethes Kindheit dient Siegmund Freud und seine Begründung der Psychoanalyse. Da der Blickpunkt aber nicht auf das Kind Goethe direkt zu richten ist, sondern wir von dem sich in der mündigen Phase befindlichen Dichter ausgehen, wird der Aufsatz „Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit“ von Erik H. Erikson hinzugezogen, der sich auf Freud beruft, gleichzeitig aber die Analyse um die psychosoziale und die psychohistorische Dimension erweitert und in erster Linie von dem erwachsenen Menschen ausgeht.
Freud postuliert drei Phasen kindlicher Entwicklung, die vor der Latenzperiode stattfinden und die im Folgenden chronologisch kurz umrissen und durch Eriksons daran angelehnte drei Komponenten seelischer Gesundheit ergänzt werden. Im Anschluss an jede Phase wird ein Bezug auf die Persönlichkeitskrise Goethes versucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Wertesystem des mündigen Menschen Goethe: Dieses Kapitel skizziert die Lebensumstände des reifen Goethes in Weimar und beleuchtet die Faktoren, die ihn in eine tiefe persönliche und berufliche Krise führten.
2. Die Krise und Italien: Hier wird die Flucht Goethes nach Italien als psychische Notwendigkeit zur Genesung und als Ausdruck eines Verlangens nach einem umfassenden Neubeginn analysiert.
3. Phasen kindlicher Entwicklung: Dieser Abschnitt überträgt entwicklungspsychologische Theorien von Freud und Erikson auf Goethes Biografie, um potenzielle Ursprünge seiner Krise in der Kindheit zu lokalisieren.
3.1 Goethe wird, was man ihm gibt: Das Kapitel untersucht die erste Lebensphase im Kontext des Urvertrauens und beleuchtet das schwierige Verhältnis Goethes zu seinen Eltern, insbesondere zum Vater.
3.2 Goethe ist, was er will: Hier steht die Autonomiephase im Fokus, wobei Goethes späteres Verhalten als gestörte Koordination von Festhalten und Loslassen interpretiert wird.
3.3 Goethe ist, was er sich zu werden vorstellen kann: Dieses Kapitel analysiert die Phase der Initiative und diskutiert die Überbeanspruchung des Dichters in den triadischen Bereichen Person, Profession und Funktion.
4. Ergebnis der Italienreise: Abschließend wird die Italienreise als erfolgreicher Heilungs- und Reifungsprozess gewertet, der Goethe eine neue Form der Identitätsbildung ermöglichte.
Schlüsselwörter
Goethe, Italienische Reise, Psychologie, Persönlichkeitskrise, Erikson, Freud, Kindheitsentwicklung, Urvertrauen, Autonomie, Initiative, Psychoanalyse, Lebenskrise, Identitätsbildung, Weimar, Selbstanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Italienreise von Johann Wolfgang Goethe unter einer psychologischen Perspektive und fragt nach den Ursachen seiner persönlichen Krise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Psychoanalyse nach Freud, die Entwicklungsphasen nach Erikson, die Kindheit Goethes und die Auswirkungen seiner beruflichen Überbelastung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, mithilfe entwicklungspsychologischer Modelle zu klären, warum Goethe sich in einer Krise befand und ob die Italienreise als psychologischer Heilungsprozess verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die psychohistorische und psychosoziale Analyse durch die Anwendung der Persönlichkeitsmodelle von Erik H. Erikson und Sigmund Freud auf den Dichter.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch drei Entwicklungsphasen (Urvertrauen, Autonomie, Initiative) und deren mögliche Störungen in Goethes Biografie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Identitätsbildung, Persönlichkeitskrise, Psychoanalyse und die triadischen Elemente Person, Profession und Funktion charakterisiert.
Wie bewertet die Arbeit das Verhältnis zu Goethes Eltern?
Die Arbeit identifiziert eine ambivalente Beziehung zu den Eltern, wobei die Übermutter-Rolle und die Strenge des Vaters als potenzielle Faktoren für die spätere Persönlichkeitsentwicklung diskutiert werden.
Welche Rolle spielt die Italienreise in dieser Untersuchung?
Die Reise wird nicht nur als kulturelle Bildungschance, sondern als bewusste oder unbewusste Flucht und notwendiger, therapeutischer Neuanfang interpretiert.
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- René Ferchland (Author), 2008, Goethe reist nach Italien , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135636