Im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es:
„Der schnelle technologische Fortschritt in der Wissensgesellschaft erfordert es, berufliche Fähigkeiten und berufliches Wissen auch nach der Erstausbildung zu erhalten,
anzupassen und zu erweitern. Weiterbildung ist mehr als ein Bildungsprinzip.
Lebensbegleitende Weiterbildung sichert Qualifikation und schützt damit vor dem Verlust
des Arbeitsplatzes“ (CDU Deutschlands/CSU Landesleitung/SPD Deutschlands, 2005, 43).
Diese Aussage der Bundesregierung erscheint schlüssig, lebenslanges Lernen und
Weiterbildung sind von großer Bedeutung für die Erwerbstätigkeit. Aber lässt sich
auch weiter folgern, dass alle Erwerbstätigen oder erwerbsnahen Personen an
beruflicher Weiterbildung teilnehmen? Und falls nein, warum nicht?
Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Für den
Einstieg in die Thematik wird zunächst das lebenslange Lernen skizziert, um
aufzuzeigen, dass lebenslanges Lernen nicht nur ein Schlagwort ist, sondern
Konzepte dahinter stehen. Im Folgenden wird zunächst der Begriff der
Weiterbildung beleuchtet, um dann zu dem Zweig der beruflichen Weiterbildung
zu kommen, um den Gegenstandsbereich zu verdeutlichen. In dem
Zusammenhang erfolgt auch ein Verweis auf sogenannte Megatrends, die zur
Relevanz des lebenslangen Lernens, insbesondere der beruflichen Weiterbildung
als Teil dessen, beitragen.
Beruflicher Weiterbildung kommt ein hoher Stellenwert zu. Dementsprechend
stellt die vorliegende Arbeit die Frage nach der Teilnahme an beruflicher
Weiterbildung.
Wenn man einerseits die Bedeutung der beruflichen Weiterbildung zugrunde legt
und andererseits die Teilnehmerquoten betrachtet, wird eine signifikante
Diskrepanz deutlich.
Wie kann das sein? Wie kommt es zu Weiterbildungsabstinenz bzw. zu
Lernwiderständen hinsichtlich der beruflichen Weiterbildung? Bevor dieser
Fragestellung nachgegangen werden kann, ist es sinnvoll, zunächst auf die
subjektwissenschaftliche Konzeption von Klaus Holzkamp einzugehen, da
hierdurch Lernwiderstände erklärbar werden. Darüber hinaus wird vielfach auf die
subjektwissenschaftliche Lerntheorie bei der Auseinandersetzung mit Lernen und Lernwiderständen in der beruflichen Weiterbildung zurückgegriffen, wie in den
darauffolgenden Ausführungen zu Weiterbildungsabstinenz als Lernwiderstand in
der beruflichen Weiterbildung deutlich werden wird. Die Arbeit schließt mit
einem Resümee.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Konzept des lebenslangen Lernens
2.1 Definitionen des lebenslangen Lernens
2.2 Konzepte und Programme zum lebenslangen Lernen
3 Die berufliche Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens
3.1 Gegenstandsbereich der Weiterbildung/der beruflichen Weiterbildung
3.2 Betriebliche, individuelle und SGB III- geförderte Weiterbildung
3.2.1 Betriebliche Weiterbildung
3.2.2 Individuelle Weiterbildung
3.2.3 SGB III- geförderte Weiterbildung
3.3 Bedeutung und Ziele beruflicher Weiterbildung
4 Teilnahme an beruflicher Weiterbildung
4.1 Weiterbildungsteilname insgesamt und Teilnahme an beruflicher Weiterbildung 1979-2007
4.2 Weiterbildungsbeteiligung nach Schulabschluss und nach beruflichem Abschluss 2007
5 Lernwiderstände verstehen- Die subjektwissenschaftliche Perspektive
5.1 Subjektstandpunkt und Begründungsdiskurs
5.2 Das Bedingtheitsmodell der traditionellen Psychologie
5.3 Lernen nach dem subjektwissenschaftlichen Ansatz
5.4 Lernwiderstände aus subjektwissenschaftlichem Blickwinkel
5.5 Konsequenzen des subjektwissenschaftlichen Ansatzes für Lernprozesse
6 Lernwiderstände in der beruflichen Weiterbildung
6.1 Teilnahme und Nicht-Teilnahme an beruflicher Weiterbildung
6.2 Gering Qualifizierte in der beruflichen Weiterbildung
7 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen der gesellschaftlich geforderten Notwendigkeit des lebenslangen Lernens und der tatsächlich beobachtbaren Weiterbildungsabstinenz. Ziel ist es, durch die subjektwissenschaftliche Konzeption nach Klaus Holzkamp zu erklären, warum Individuen sich gegen Weiterbildungsmaßnahmen entscheiden oder Lernwiderstände entwickeln, wobei ein besonderer Fokus auf der Gruppe der gering Qualifizierten liegt.
- Grundlagen des Konzepts des lebenslangen Lernens
- Strukturen und Bedeutung der beruflichen Weiterbildung
- Analyse der Teilnahmequoten und Bildungsbarrieren
- Theoretische Fundierung von Lernwiderständen durch die Kritische Psychologie
- Spezifische Problematiken von gering Qualifizierten im Weiterbildungssystem
Auszug aus dem Buch
5.1 Subjektstandpunkt und Begründungsdiskurs
Holzkamp geht grundsätzlich vom Standpunkt des Subjekts aus. Dieser Subjektstandpunkt beinhaltet eine besondere Weltanschauung, zu der auch die eigene Person gehört. Holzkamp (1995, 21) weist darauf hin, „daß [sic] diese Perspektive intentionalen Charakter hat, d.h. daß [sic] sich damit das Subjekt mit seinen Absichten, Plänen, Vorsätzen bewusst auf die Welt und sich selbst bezieht.“
Holzkamp bezeichnet die Subjekte auch als Intentionalitätszentren, die wiederum andere Menschen ebenso als Intentionalitätszentren mit ihren eigenen Perspektiven wahrnehmen. Ein Subjekt kann sich und seinen Standpunkt dem anderen verständlich machen, indem es die Gründe für sein Handeln dem Gegenüber nachvollziehbar macht.
Grundsätzlich werden nach Holzkamp (1995) Handlungen also immer vom Standpunkt des Subjektes vorgenommen, die Menschen handeln nach ihren Lebensinteressen, haben ihre Handlungsbegründungen und führen ihre Handlungen somit vernünftigerweise aus. Dementsprechend werden Handlungen grundsätzlich im Begründungsdiskurs vollzogen. Holzkamp fragt danach, warum ein Mensch eine Handlung ausführt, worin diese begründet ist und sieht die Handlung nicht durch äußere Reize verursacht bzw. bedingt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung des lebenslangen Lernens im Kontext politischer Forderungen dar und führt in die zentrale Problemstellung der Diskrepanz zwischen Weiterbildungsbedarf und -abstinenz ein.
2 Das Konzept des lebenslangen Lernens: Dieses Kapitel skizziert lebenslanges Lernen als bildungspolitisches Konzept und beleuchtet verschiedene Definitionen sowie internationale Programme.
3 Die berufliche Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens: Hier wird der Gegenstandsbereich der beruflichen Weiterbildung definiert, in betriebliche, individuelle und geförderte Formen systematisiert und deren Bedeutung erörtert.
4 Teilnahme an beruflicher Weiterbildung: Das Kapitel analysiert statistische Daten zur Weiterbildungsbeteiligung und zeigt Diskrepanzen in Abhängigkeit von Qualifikationsniveau und Schulabschluss auf.
5 Lernwiderstände verstehen- Die subjektwissenschaftliche Perspektive: Dieses zentrale Kapitel führt die subjektwissenschaftliche Konzeption von Klaus Holzkamp ein, um Lernwiderstände als bewusste Handlungen innerhalb eines Begründungszusammenhangs verständlich zu machen.
6 Lernwiderstände in der beruflichen Weiterbildung: Hier werden die theoretischen Erkenntnisse auf den Bereich der beruflichen Weiterbildung übertragen und insbesondere die Situation gering Qualifizierter analysiert.
7 Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert mögliche Zukunftsansätze sowie die Bedeutung von Bildungsberatung.
Schlüsselwörter
Lebenslanges Lernen, berufliche Weiterbildung, Lernwiderstände, Klaus Holzkamp, Subjektstandpunkt, Weiterbildungsabstinenz, gering Qualifizierte, Begründungsdiskurs, Qualifizierungsinitiative, Bildungsbarrieren, intentionales Lernen, expansive Lernprozesse, Arbeitsmarkt, Sozialgesetzbuch III, Bildungsberatung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Spannungsfeld zwischen der gesellschaftlichen Notwendigkeit beruflicher Weiterbildung und der Tatsache, dass viele Erwerbstätige nicht oder nur widerwillig daran teilnehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Konzept des lebenslangen Lernens, die Strukturen der beruflichen Weiterbildung in Deutschland und die theoretische Erklärung von Lernwiderständen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Nicht-Teilnahme an beruflicher Weiterbildung nicht als mangelnde Motivation, sondern als subjektiv begründete Entscheidung im Rahmen der subjektwissenschaftlichen Lerntheorie nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der subjektwissenschaftlichen Lerntheorie von Klaus Holzkamp sowie die Analyse von Daten aus dem Berichtssystem Weiterbildung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Rahmenbedingungen von Weiterbildung, die statistische Analyse der Beteiligungsquoten und die theoretische Vertiefung durch die Kritische Psychologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe lebenslanges Lernen, Lernwiderstände, Subjektstandpunkt und berufliche Weiterbildung.
Warum sind gerade gering Qualifizierte ein Fokus der Untersuchung?
Gering Qualifizierte sind in der formalen beruflichen Weiterbildung besonders unterrepräsentiert und tragen ein erhöhtes Risiko für den Ausschluss vom Arbeitsmarkt, weshalb hier strukturelle und individuelle Hürden besonders relevant sind.
Wie definiert Holzkamp den Begriff "defensives Lernen"?
Defensives Lernen ist laut Holzkamp eine Form des Lernens, die nur zur Sanktionsvermeidung dient, bei der sich das Subjekt nicht inhaltlich mit dem Gegenstand auseinandersetzt, um bloßen Druck oder Strafen abzuwenden.
Welche Konsequenz zieht die Autorin aus dem subjektwissenschaftlichen Ansatz für die Praxis?
Die Arbeit plädiert dafür, Lernbedingungen so zu gestalten, dass sie echte Wahlmöglichkeiten bieten und die Lerninteressen der Individuen berücksichtigen, statt nur auf ein erzwungenes Frage-Antwort-Schema zu setzen.
- Citar trabajo
- Iris Busch (Autor), 2009, Berufliche Weiterbildung als Bestandteil lebenslangen Lernens, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135941