Eines der ältesten, von Ökonomen meist respektierten und wichtigsten Prinzipien der Finanzwissenschaft, welches unter dem Fisher-Effekt bekannt ist und auf der klassischen Dichotomie, der strikten Trennung von monetärer und realer Sphäre basiert, besagt, dass erwartete Inflationsraten sich nicht auf die Bestimmung von Realzinsen auswirken, sondern sich direkt proportional in erwarteten Nominalzinsen reflektieren. Hauptannahme der langfristigen Neutralitätsprämisse der Quantitätstheorie des Geldes stellt die Absenz von Geldillusion dar. Von Keynes im frühen zwanzigsten Jahrhundert geprägt und von Fisher 1928 weiterentwickelt, ist unter Geldillusion „…the failure to perceive that the dollar, or any other unit of money, expands or shrinks in value“ zu verstehen. Nach Fama und Schwert kann die Prämisse des Fisher-Effekts auf alle Kapitalanlagen verallgemeinert werden, wobei Finanzökonomen zudem behaupten, dass aufgrund der Eigenschaft von Aktien als Forderung auf Cash Flows von Realkapital, aktuelle Aktienrenditen ebenfalls positiv mit aktueller Inflation variieren und insofern nicht nur als ein mögliches Hedge gegen erwartete, sondern auch gegen unerwartete Inflation fungieren. Angeregt durch die inflationäre Umwelt der 1970iger Jahre zeigt extensive internationale, empirische Forschung zur Untersuchung der Funktion von Aktien als Inflationshedge auf, dass – nach Sharpe’s Worten - nichts weiter von der Wahrheit der traditionellen Auffassung, zumindest in der kurzen bis mittleren Frist, sowie für moderate Inflation entfernt sein kann. Demzufolge besteht eine negative Korrelation von verschiedenen Maßen für aktuelle, erwartete oder unerwartete Inflation mit nominalen sowie realen Aktienrenditen oder auch dem Level von Aktienpreisen, reflektiert in Dividendenrenditen ( ) und Kurs-Gewinn-Verhältnissen ( ), wie Abbildung 1 verdeutlicht. Diese Anomalität beinhaltet nicht nur bedeutende Konsequenzen für die Effizienz von Finanzmärkten, speziell hinsichtlich Aktienmarktkonditionen und Anlageverhalten von Investoren, sondern auch für Geldpolitiken von Zentralbanken, die auf Inflationssteuerung abzielen und demnach „Spillover“ Effekte von Inflation auf Anlagerenditen sowie dessen Rückkopplung in Realökonomien berücksichtigen müssen.
Inhaltsverzeichnis
1. Zusammenhang von Inflation, Geldillusion und Aktienmärkten
2. Kritische Gegenüberstellung von Hypothesen zur Erklärung der empirischen Beziehung zwischen Aktien und Inflation
2.1 Verhaltenswissenschaftliche Erklärungsansätze
2.2 Rationale Erklärungsansätze
3. Analyse des Verhaltens von Investoren unter Geldillusion
3.1 Individuelle Geldillusionseffekte
3.2 Aggregierte Geldillusionseffekte
4. Explorative Untersuchung einer möglichen Geldillusionsinfektion von Investoren
4.1 Vorgehensweise und Ziel sowie kritische Würdigung der Datenqualität
4.2 Untersuchungsergebnisse und theoretische Erklärungen
5. Kritische Diskussion von Geldillusionsimplikationen für Aktienmärkte
5.1 Einflüsse von Geldillusion auf Finanzanalysten
5.2 Prognostizierbarkeit von Aktienmärkten durch Geldillusion
5.3 Geldillusionäre Verzerrungen von Standardkapitalmarktmodellen
5.4 Bull und Bear Markt als Korrektur geldillusionärer Bewertungsfehler
6. Lösungsansätze und Fazit
Anhang A
Anhang B
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern Geldillusion – das Versäumnis, monetäre Größen korrekt in reale Werte zu übersetzen – Aktienmärkte beeinflusst und zu systematischen Fehlbewertungen führt. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob sowohl Privatinvestoren als auch professionelle Finanzanalysten dieser psychologischen Verzerrung unterliegen und welche Auswirkungen dies auf die Markteffizienz und die Prognostizierbarkeit von Aktienrenditen hat.
- Analyse des Einflusses von Inflation auf das Anlegerverhalten und die Aktienbewertung.
- Empirische Befragungsstudie zum Nachweis von Geldillusion bei Privatanlegern und Finanzanalysten.
- Kritische Diskussion der Geldillusionsimplikationen für Standardkapitalmarktmodelle.
- Untersuchung von Bull- und Bear-Märkten als Korrekturmechanismen für geldillusionäre Fehlbewertungen.
- Bewertung der Rolle von Finanzanalysten als Informationsintermediäre bei der Ausbreitung geldillusionärer Tendenzen.
Auszug aus dem Buch
1. Zusammenhang von Inflation, Geldillusion und Aktienmärkten
Eines der ältesten, von Ökonomen meist respektierten und wichtigsten Prinzipien der Finanzwissenschaft, welches unter dem Fisher-Effekt bekannt ist und auf der klassischen Dichotomie, der strikten Trennung von monetärer und realer Sphäre basiert, besagt, dass erwartete Inflationsraten sich nicht auf die Bestimmung von Realzinsen auswirken, sondern sich direkt proportional in erwarteten Nominalzinsen reflektieren. Hauptannahme der langfristigen Neutralitätsprämisse der Quantitätstheorie des Geldes stellt die Absenz von Geldillusion dar. Von Keynes im frühen zwanzigsten Jahrhundert geprägt und von Fisher 1928 weiterentwickelt, ist unter Geldillusion „…the failure to perceive that the dollar, or any other unit of money, expands or shrinks in value“ zu verstehen.
Nach Fama und Schwert kann die Prämisse des Fisher-Effekts auf alle Kapitalanlagen verallgemeinert werden, wobei Finanzökonomen zudem behaupten, dass aufgrund der Eigenschaft von Aktien als Forderung auf Cash Flows von Realkapital, aktuelle Aktienrenditen ebenfalls positiv mit aktueller Inflation variieren und insofern nicht nur als ein mögliches Hedge gegen erwartete, sondern auch gegen unerwartete Inflation fungieren. Angeregt durch die inflationäre Umwelt der 1970iger Jahre zeigt extensive internationale, empirische Forschung zur Untersuchung der Funktion von Aktien als Inflationshedge auf, dass – nach Sharpe’s Worten - nichts weiter von der Wahrheit der traditionellen Auffassung, zumindest in der kurzen bis mittleren Frist, sowie für moderate Inflation entfernt sein kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zusammenhang von Inflation, Geldillusion und Aktienmärkten: Einführung in den theoretischen Rahmen und die Problematik der Aktienbewertung bei Inflation unter Berücksichtigung des Fisher-Effekts.
2. Kritische Gegenüberstellung von Hypothesen zur Erklärung der empirischen Beziehung zwischen Aktien und Inflation: Analyse verhaltenswissenschaftlicher und rationaler Erklärungsansätze für die beobachteten Anomalien.
3. Analyse des Verhaltens von Investoren unter Geldillusion: Erläuterung der psychologischen Mechanismen individueller Geldillusion und deren Auswirkungen auf das aggregierte Marktverhalten.
4. Explorative Untersuchung einer möglichen Geldillusionsinfektion von Investoren: Präsentation der Ergebnisse einer Befragungsstudie unter Privatinvestoren und Finanzanalysten zur Quantifizierung der Geldillusion.
5. Kritische Diskussion von Geldillusionsimplikationen für Aktienmärkte: Vertiefende Auseinandersetzung mit den Auswirkungen auf Finanzanalysten, Marktmodelle und Korrekturphasen wie Bull- und Bear-Märkte.
6. Lösungsansätze und Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse und Aufzeigen von Möglichkeiten zur Eindämmung geldillusionärer Fehlbewertungen.
Schlüsselwörter
Geldillusion, Inflation, Aktienmarkt, Fisher-Effekt, Verhaltensökonomie, Behavioral Finance, Finanzanalysten, Aktienbewertung, Kapitalmarktmodelle, Arbitrage, Fehlbewertung, Framing-Effekt, Nominal Contracting, Markteffizienz, Risikoaversion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wirkung von Inflation und Geldillusion auf Aktienmärkte, insbesondere ob Investoren Schwierigkeiten haben, nominale von realen Größen zu unterscheiden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die psychologischen Aspekte der Finanzentscheidungen, die Validität von Standardmodellen der Aktienbewertung sowie der Einfluss von Inflationserwartungen auf die Aktienrenditen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass eine Geldillusionsinfektion nicht nur bei Privatanlegern, sondern auch bei professionellen Finanzanalysten existiert und systematische Fehlbewertungen auf Aktienmärkten verursacht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Neben einer theoretischen Analyse konkurrierender Hypothesen führt die Autorin eine explorative Befragungsstudie mit Finanzanalysten und Studenten durch, um die Relevanz der Geldillusion in der Praxis zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Geldillusion, die Durchführung und Auswertung einer Befragungsstudie sowie die Diskussion der Auswirkungen auf Modelle wie das "Fed Model" oder das CAPM.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist stark geprägt durch Begriffe wie Geldillusion, Framing-Effekt, Arbitrage, Inflation, Aktienbewertung und Behavioral Finance.
Können Finanzanalysten die Geldillusion durch bessere Ausbildung kompensieren?
Die Ergebnisse legen nahe, dass auch Finanzanalysten anfällig für diese Verzerrungen sind, da sie sich oft auf einfache "Rules of Thumb" verlassen und die komplexe Inflationsanpassung in ihrer täglichen Arbeit vernachlässigen.
Beeinflusst Geldillusion die Effizienz von Aktienmärkten?
Ja, die Arbeit zeigt auf, dass Geldillusion als ein Puzzlestück für ineffizientes Marktverhalten dient und Erklärungsansätze für Fehlbewertungsphasen wie in Bull- und Bear-Märkten liefert.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Inflation und Aktienbewertungsmodellen?
Ja, die Arbeit weist nach, dass gängige Modelle, wie etwa das "Fed Model", die Inflation bei der nominalen Diskontierung oft nicht korrekt berücksichtigen, was zu systematischen Verzerrungen bei der Aktienbewertung führt.
- Quote paper
- Julia Dohrmann (Author), 2009, Auswirkungen von Inflation und Geldillusion auf Aktienmärkten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136012