Code-Switching zwischen Niederdeutsch und Standarddeutsch in einer ostfriesischen Familie


Magisterarbeit, 2008
80 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Transkriptionszeichen nach GAT

Einleitung

1 Ostfriesland

2 Niederdeutsch
2.1 Die gesprochene Varietät
2.2 Der Ort Osteel
2.3 Phonetische Merkmale im Ort Osteel
2.3.1 Kurzvokale
2.3.2 Langvokale
2.3.3 Diphthonge und Triphthonge
2.3.4 Konsonanten
2.3.5 Frikative
2.3.6 Andere Konsonanten

3 Formen des Varietätenwechsels
3.1 Code-Switching
3.2 Metaphorisches Code-Switching
3.3 Code-Shifting
3.4 Transfer
3.5 Code-Mixing

4 Analyse
4.1 Das Korpus
4.2 Code-Switching mit sozialer Symbolik
4.3 Code-Switching und Belehrung eines Laien
4.4 Code-Switching und Gesprächsorganisation
4.5 Code-Switching und Wiederholung
4.6 Code-Switching und Adressatenspezifik
4.7 Code-Switching und Zitieren
4.8 Code-Switching und Modalität
4.9 Code-Switching und Beurteilung einer Aussage
4.10 Code-Switching und Face-bedrohender Akt
4.11 Code-Switching und Aspekte des Selbst
4.12 Analyse eines längeren Beispiels
4.13 Die schwierigen Fälle
4.13.1 Fall 1
4.13.2 Fall 2
4.13.3 Fall 3

5 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Transkriptionszeichen nach GAT

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

„Code Switching ist aus mindestens zwei Griinden fur die Linguistik von beson-derem Interesse. Es gibt erstens Aufschluss über den Sprachgebrauch und zweitens über die Entwicklung eines sprachlichen Systems."[1] Dabei geht es darum, Sprache in ihrem alltäglichen Gebrauch zu betrachten und daraus Funktionen des Code-Switchings he-rauszufiltern und sei es die Erkenntnis, dass es keine Funktion gibt. Für die Analyse ge-sprochen sprachlichen Materials sind neben der linguistischen Betrachtungsweise ge-nauso die ethnographischen Gesichtspunkte von Bedeutung. Durch ethnographisches Hintergrundwissen können Funktionen leichter oder überhaupt erst erkannt und inter-pretiert werden.[2]

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich Code-Switching zwischen Nieder-deutsch und Standarddeutsch in einer ostfriesischen Familie. Obwohl ich diese Familie sehr gut kenne und mir die Gepflogenheiten der Familienmitglieder geläufig sind, war es nicht immer leicht Funktionen für Code-Switching auszumachen. Ohne dieses eth-nographische Wissen wäre die Interpretation einiger Textbeispiele gar unmöglich gewe-sen. Andere dagegen laufen nach altbekannten Mustern ab, sodass auch ohne ein Wis-sen über die sozialen und kulturellen Hintergründe eine korrekte Interpretation möglich ist. Dies wird in Kapitel 4 dieser Arbeit sicherlich deutlich werden.

Doch zunächst werde ich im ersten Kapitel eine kurze geographische Einordnung Ost-frieslands geben, um deutlich zu machen, in welchem Gebiet des niederdeutschen Sprachraumes die Untersuchung stattfand. Das ist entscheidend für die gesprochene Va-rietät der Familie. Denn das ostfriesische Niederdeutsch ist auf einem friesischen Subs-trat entstanden und hat entscheidende Einflüsse aus dem Niederländischen erfahren. Diese zwei Merkmale werde ich im zweiten Kapitel genauer beleuchten, bevor ich auf die phonetischen Merkmale im Wohnort der Familie eingehen werde. Ich stütze mich dabei auf die Arbeit von Gertrud Reershemius (2004), die eine detaillierte Untersu-chung im 20 Kilometer entfernten Campen gemacht hat. Das Kapitel 2.3 dieser Arbeit habe ich aus ihrer Untersuchung übernommen und entsprechend der gesprochenen Va-rietät der untersuchten Familie angepasst. Das betrifft vor allem die Diphthonge. Der Diphthong /öu/ in löum,glauben`, föult,f•hlt` ist ein typisches Merkmal für die Krummhörn und den Raum Emden. Im Brookmerland, also dort wo die untersuchte Familie lebt, wird dieser Diphthong mit einer Gleitbewegung vom langen mittleren of-fenen /ö/ zum langen mittleren geschlossenem /ü/ also /öü/ (löüm, föült) realisiert. Der Diphthong /eä/ kommt in der Region zwar vor, aber seltener als im Dorf Campen. Er wird in Osteel meist als /iä/ zum Beispiel in ziägn,sagen` ausgesprochen.

Nach dieser kleinen Einführung in die gesprochene Varietät werde ich in Kapitel 3 kurz auf die verschiedenen Formen des Varietätenwechsels eingehen und anhand aus-gesuchter Beispiele illustrieren. In den Kapiteln Code-Shifting und Codde-Mixing habe ich auf Beispiele aus der Literatur zurückgegriffen.

Der Hauptteil meiner Arbeit besteht aus der Analyse ausgewählter Beispiele aus meinen Aufzeichnungen. Dabei werde ich zuerst die eindeutigen Fälle zuordnen und interpretieren. Hierbei habe ich nicht nur die Funktion, mit der das Kapitel überschrie-ben ist, herausgearbeitet, sondern auf weitere Funktionen hingewiesen, wenn diese zu erkennen waren. Anhand eines längeren Beispiels werde ich dann die unterschiedlichen Funktionen nochmals exemplarisch herausarbeiten, um dann in einem letzten Kapitel die schwierigen Fälle zu untersuchen.

Die Aufnahmen habe ich nach dem Gesprächsanalytischen Transkriptionssystem (GAT) verschriftet und eine standarddeutsche Übersetzung der Niederdeutschen Äuße-rungen unter die jeweilige Zeile gesetzt, um die Beispiele verständlich zu machen. Sämtliche Namen sind von mir geändert worden, um die Anonymität der untersuchten Familienmitglieder zu gewährleisten.

1 Ostfriesland

Die niederdeutschen Sprachaufzeichnungen wurden in einer Familie in Ostfries-land gemacht. Die Region liegt im nordöstlichen Zipfel Deutschlands, gehört zum Bun-desland Niedersachsen und wird im Westen durch die Meeresbucht Dollart und im Os­ten durch den Jadebusen eingegrenzt. Vor der Küste Ostfrieslands befinden sich die sie-ben ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog, und Wangerooge.[3] Etwa 465 000 Menschen leben auf einer Fläche von 3142 Quadratki-lometer, das sind im Schnitt 148 Menschen pro Quadratkilometer (zum Vergleich: deutschlandweit sind es 231 Menschen pro Quadratkilometer).[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Übersichtskarte von Ostfriesland. Reershemius (2004) S.13

2 Niederdeutsch

Das Niederdeutsche in Norddeutschland hat eine Geschichte, die mehr als eintau-send Jahre alt ist.[5] Sie beginnt mit dem Heliand Epos, einem „gewichtigen Textzeugen" aus dem 9. Jahrhundert[6] und teilt sich in das Altniederdeutsche oder Altsächsische von 750 bis 1150, das Mittelniederdeutsche von 1150 bis 1600 und das Neuniederdeutsche ab 1600.[7] Entscheidend für die Entwicklung des Niederdeutschen ist die Zeit der Hanse und die damalige Verkehrssprache, die so genannte Hansesprache. Sie wurde jedoch kaum gesprochen und verbreitete sich nur als geschriebene Sprache, „so daB mit der Aufnahme des Hochdeutschen im Norden diese Sprachtradition jäh abbrach. Damit war der norddeutschen Zweisprachigkeit der Weg vorgegeben."[8] Das Niederdeutsche wurde vom Hochdeutschen immer mehr verdrängt zunächst als Schriftsprache und „mit der sich entwickelnden Standardsprache kam es immer mehr zu einer Ablösung auch der niederdeutschen Sprache, zunächst in der öffentlich-offiziellen mündlichen Kommuni-kation, in unserem Jahrhundert dann zunehmend auch in der privaten-familiären."[9] Stellmacher weist darauf hin, dass das Niederdeutsche im Gedächtnis der Sprachge-meinschaft den Status der eigenständigen Sprache nie verloren hat, obwohl dieser nicht mehr gegeben ist.

2.1 Die gesprochene Varietät

Ostfriesland hat eine große niederdeutsch sprechende Gemeinschaft und gehört zum Kerngebiet des niederdeutschen Sprachraumes.[10] Hier hat der Dialekt feste Funk-tionen im Alltag, aber dennoch sprechen immer weniger vor allem junge Sprecher aktiv Niederdeutsch.[11] Stellmacher vermerkt die hohe Zahl der Sprecher mit passiven Sprachkompetenzen und sieht darin ein Potenzial der Reaktivierung.[12] Issakson Biehl trägt in ihrem Aufsatz Projekte und Aktivitäten ostfriesischer Organisationen zusam-men, die diese Reaktivierung leisten sollen.[13]

Das in Ostfriesland gesprochene Niederdeutsch ist geprägt durch ein friesisches Substrat. Erst im 15. Jahrhundert ging das Friesische zum Niederdeutschen über.[14] Schriftliche Dokumente wurden erst spät überliefert, da Schreiben eher den Geistlichen vorbehalten war und in der übrigen Gesellschaft nur geringe Verbreitung fand. Mittel-niederdeutsch wurde zu der Zeit für Handelsbeziehungen mit anderen Regionen eine wichtige Verkehrssprache und mit den Seeräuber-Allianzen, die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts von den friesischen Häuptlingen gepflegt wurden, kamen immer mehr Menschen in die Region, die sich auf Niederdeutsch verständigten. Die Besatzung der Hanse war ebenfalls ein wichtiger Faktor, der das Niederdeutsche zuerst als Urkunden-sprache und dann als gesprochene Sprache etablierte. „Dass man in Emden im 15. Jahr-hundert noch friesisch gesprochen hat", gilt „als unwahrscheinlich".[15] An der verbalen Pluralendung -en lasst sich ablesen, dass „dieses iibernommene Niederdeutsch das han-sische Schriftmittelniederdeutsch" war.[16] Die friesische Sprache wurde fast völlig ver-drangt. „Erhalten hat sie sich lediglich in einem Reliktgebiet des oldenburgischen Sater-landes".[17] Im heutigen Niederdeutsch ist das friesische Substrat hauptsächlich in den Eigennamen sowie den Flur- und Ortsbezeichnungen zu erkennen.[18] „Im Bereich der Morpho-Syntax sind neben der Morphologie einzelner Verben wie zum Beispiel düren (dürfen) vor allem die mit h- anlautenden Formen des Personalpronomens hum (ihm/ihn) und hör (ihr/sie) bemerkenswert, die als Spuren des Friesischen betrachtet werden."[19] Das Mittelniederdeutsche konnte sich aber nicht lange als Schriftsprache halten, denn „mit dem Jahre 1600 schon war das Niederdeutsche als amtliche Schrift-sprache so gut wie abgetan"[20] und wurde vom Hochdeutschen abgelost. Die „evangeli-sche Geistlichkeit", die auf Hochdeutsch korrespondierte, trug ihren Anteil dazu bei.

Ein weiterer Einfluss auf das Niederdeutsche in Ostfriesland kam aus der nieder-ländischen Sprache. Nach der Reformation waren Katholiken, Calvinisten und Refor-mierte gleichermaßen in dem Landstrich vertreten, ohne dass sich eine Konfession durchsetzen konnte. Zur Zeit des Achtzigjährigen Krieges (1568 bis 1648), in dem die

Niederlande um ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpften, kamen viele gut situierte Niederländer nach Ostfriesland und sorgten in der Stadt Emden und der umliegenden Region für wirtschaftlichen Aufschwung. Die daraus entstehenden wirt-schaftlichen, politischen und religiösen Beziehungen dauerten bis ins 19. Jahrhundert an und wirkten sich auch auf die Sprache aus. Im 17. Jahrhundert wurde das Niederländi-sche im Südwesten Ostfrieslands sogar zur Amtssprache und somit auch zur Schrift-sprache.[21] Sprachliche Relikte aus dieser Zeit sind zum Beispiel „einige hAufig verwen-dete und für den Bereich der Morpho-Syntax zentrale Lexeme wie das Adverb noojt (niemals) oder das Zahlwort twalf (zwölf), die im Südwesten der Region gesprochen werden".[22] Sie unterscheiden diese gesprochene Varietät von den übrigen in Ostfries-land.

Es gab also zwei Schriftsprachen im Raum Ostfriesland: das Hochdeutsche im Nordosten und das Niederländische im Südwesten. Gesprochen wurde weiterhin Nie-derdeutsch. „Diese Situation doppelter Diglossie [...] dominierte die Region annAhernd zweihundert Jahre",[23] bis schließlich Ende des 19. Jahrhunderts das Niederländische als Schriftsprache aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde. Hochdeutsch wurde immer mehr auch die Sprache des Alltags vor allem in der städtischen Bildungsschicht. Von den Städten ging die Verdrängung des Niederdeutschen im gesamten norddeutschen Gebiet als gesprochene Sprache aus. Dennoch behielt sich die ländliche Bevölkerung die niederdeutsche Sprache als Nahsprache bei, wenn auch mit immer weniger werden-den aktiven Sprechern.

Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg drängte die Land-wirtschaft an den Rand und industrielle Zweige wie Auto und Schiffbau, die sich vor allem in der Stadt Emden ansiedelten, wurden die größten Arbeitgeber in der Region. Das Dorfleben mit seinen kleinen Läden, Postämtern, Schulen, Handwerksbetrieben und Kneipen verlagerte sich immer mehr in die Städte, in denen vorwiegend Standard-deutsch gesprochen wurde. Seit den siebziger Jahren wurden Dialekte zunehmend aus dem Unterricht verbannt und auch Eltern sprechen weniger Dialekt mit ihren Kindern um ihnen spätere Schwierigkeiten in der Schule zu ersparen.[24] Bis in die heutige Zeit ist eine negative Einstellung zum Dialekt vertreten. Seit einigen Jahren scheinen sich die Menschen auf den Wert der niederdeutschen Sprache zu besinnen. Lesungen, Gottes- dienste, Medien, Immersionsunterricht in der Schule und viele andere Projekte im öf-fentlichen Leben versuchen die Varietät wieder ins gesellschaftliche Leben zu rücken.[25]

2.2 Der Ort Osteel

Die Aufzeichnungen wurden in Osteel gemacht. Der Ort liegt etwa 20 Kilometer nordöstlich von Emden in der Samtgemeinde Brookmerland. Vermutlich wurde der Ort nach der Julianenflut 1164 am Rande eines Hochmoores besiedelt. Die Siedler betrieben hauptsächlich Landwirtschaft. Das bedeutendste Bauwerk ist die Warnfriedkirche, die im 13. Jahrhundert gebaut wurde. Osteel gehörte Anfang des 19. Jahrhunderts einige Jahre zu Holland. Der Ort hat eine Grundschule, eine Bäckerei und zwei Elektroge-schäfte. Einkäufe, Arztbesuche und ähnliche Dinge werden im Nachbarort oder in der zehn Kilometer entfernten Stadt Norden gemacht. Die Region lebt heute überwiegend vom Tourismus. Viele ältere Gäste verschlägt es hierher um ihren Lebensabend nahe der Küste zu verbringen. Das hat natürlich auch Folgen für das Niederdeutsche in der Region.[26]

2.3 Phonetische Merkmale im Ort Osteel

Das Vokal Inventar hat elf qualitative Oppositionen. Es gibt neun Primärvokale: /i e ä a o il ö u a/. Drei Vokale erscheinen nur in der Kurzform: /e/, /o/ und /ö/. Von diesen erscheint /o/ lediglich in unbetonter Position, während /e/ nur in betonter Position vor-kommt. Die anderen Vokale haben Längenposition. Die offenen Phoneme /a ä å/ zeigen

Längenposition ohne qualitative Unterschiede: al = [al] ,schon`, und aal = [a:l] ,alle`, ,alles`. Die geschlossenen Phoneme /i u u/ haben alternierende qualitative Realisierun-gen, die mit Länge korrelieren, wobei die kurzen Laute zentraler sind: [i] - [I], [y] — [Y],

[u:] - [U]; zum Beispiel iis = [is] ,Eis`, is = [Is] ,ist`. Es gibt zwei zusätzliche Vokale.

Der erste ist [o:] und ist Teil des Diphthongs [ooi], der zweite ist [e:] und kann als lan-ges Phonem /ee/ betrachtet werden. Es erscheint jedoch nur in Stammpositionen vor /r/ reern,weinen`, peern,Birnen`, eerst,erst`. Der Konsonant /r/ dagegen wird in nicht-

vokalischer Position als ein zentraler Kurzvokal [E] realisiert: [hã:E] h ii r,Haare`. Die Teilassimilation von /ee/ = [e:] zu [E] führt zu einem geschlossenen, mittellangen Vokal

von zentraler Färbung , zum Beispiel [e ˜ %]. Der daraus resultierende Hiatus wird oft durch einen subtilen Gleitlaut [j] überbrückt: [RejoEn], [RejEn] ,[ Re:En] reern,weinen`.

2.3.1 Kurzvokale

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.2 Langvokale

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.3 Diphthonge und Triphthonge

Ostfriesisches Niederdeutsch hat ein erstaunlich großes Inventar an Diphthongen und Triphthongen. Es gibt insgesamt 17 Diphthonge und 2 Triphthonge. Die größte Gruppe zeichnet sich durch die Tendenz von vorderen, offenen-mittleren und offenen sowie von hinteren Positionen hin zu einer vorderen geschlossenen Position /i/ aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Parallel zu dieser Formation gibt es eine andere Gruppe von Diphthongen, die zur geschlossenen hinteren Position /u/ tendieren und ihren Ausgangspunkt bei den vorde-ren offenen-mittleren, offenen und hinteren offenen-mittleren Vokalen haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine weitere Gruppe von Diphthongen beginnt in geschlossenen und offenen-mittleren Positionen und endet im Zentrum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schließlich gibt es drei weitere Diphthonge.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.4 Konsonanten

Verschlusslaute — bilabial /p, b/, alveolar /t, d/ und velar /k, g/ — zeigen Stimmpo-sition in vorvokalischer Position:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Normalerweise gibt es nur stimmlose Verschlusslaute in finaler Position, aber Stimmhaftigkeit wird in Positionen beibehalten, die vokalische Flexionsendungen erset-zen.

2.3.5 Frikative

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.6 Andere Konsonanten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Formen des Varietätenwechsels

In der Sprachwissenschaft wurde der Begriff Code-Switching lange überordnend für verschiedene Sprachwechselphänomene verwendet. In den fünfziger Jahren galt Co­de-Switching als defizitär. Später gab es spezifischere Untersuchungen und seit den siebziger Jahren dehnte sich die Forschung zum Thema Varietätenwechsel weiter aus. Aus soziolinguistischer Perspektive führten 1972 Blom/Gumperz anhand des Sprachge-brauchs einer norwegischen Dorfgemeinschaft vor Augen, dass die soziale Situation und die soziale Identität eine entscheidende Rolle für die Verwendung von Standard-sprache oder Dialekt spielt. Myers Scotton (1993) geht von einem Hierarchieverhältnis zwischen den Sprachen aus. Sie führt aus, dass die soziale Bedeutung von Sprachen mit bestimmten Notwendigkeiten zusammenhängt und die Wahl der jeweilig gesprochenen Sprache in jeder Situation angemessen erfolgt.

1980 untersucht Shana Poplack grammatische Aspekte des Sprachwechsels und stellt in ihrem Aufsatz „Sometimes I'll start a sentence in English Y TERMINO EN ESPANOL" die Theorie auf, dass es innerhalb des Varietätenwechsels allgemein giilti-ge, immer wiederkehrende Regeln gibt, die immer eingehalten werden. Sie stellt fest: „code-switching is a verbal skill requiring a large degree of linguistic competence in more than one language".[27] Sprecher, die zwei Sprachen in hohem Maß beherrschen, sind in der Lage innerhalb syntaktischer Einheiten zu wechseln. Das ist bei Sprechern, die nur in einer Sprache kompetent sind, anders, denn diese wechseln oft an syntakti-schen Rändern.

Konversationsanalyse und Kontextualisierungsansatz, die von Gumperz (1982) und Auer (1986) vorangetrieben wurden, gaben der Erforschung von Code-Switching Phanomenen neue Impulse. „Ausgehend von der empirischen Erkenntnis, dass iiber-geordnete Aspekte einer Gesprächssituation das Sprachverhalten nie total steuern, son-dern dass immer lokale Aushandlungen möglich sind, rekonstruieren sie die mit einem Sprachwechsel jeweils lokal hergestellte interaktive soziale Bedeutung".[28]

In den Jahren danach bis in die heutige Zeit wurden die unterschiedlichen Formen des Varietätenwechsels unterschiedlich benannt.

Ich möchte nun die wichtigsten Begriffe kurz vorstellen und anhand eines Text-beispiels illustrieren.

3.1 Code-Switching

Als Code-Switching bezeichnet man üblicherweise den alternierenden Gebrauch von zwei oder mehr Varietäten innerhalb einer Gesprächsfolge.[29] Dabei können Code-Switches an Satzgrenzen (intersentenziell), innerhalb von Sätzen (intrasentenziell) oder mit dem Wechsel des Sprechers auftreten. Ein solcher Varitätenwechsel geschieht ab­rupt im Gegensatz zum Code-Shifting. Als klassisches Beispiel für Code-Switching gilt das Zitieren anderer Personen.[30] In dem folgenden Beispiel erzählt Renke eine Bege-benheit vom Wochenende, in der er in eine Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von „Punks" und einem als „Faschisten" bezeichneten jungen Mann geriet. Die Be-zeichnungen „Punks" und „Faschist" sind als Kategorien zweier sozialer Gruppen zu verstehen, die sich gegenseitig bekämpfen, wobei Renke der ersteren Gruppe angehört. In diesem Ausschnitt beschreibt er die aggressive verbale Provokation des „Faschisten", die in einer physischen Auseinandersetzung zu Enden droht:

Beispiel 1: „Faschist"

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

hing das alles schön auf

Das Zitat leitet Renke in Zeile 01 im Dialekt ein und unterstreicht dabei schon die Streitsucht des „Faschisten", der zuvor von den „Punks" nur angesehen worden ist, in-dem Renke den Akzent auf HÄI legt. Er, der „Faschist" ist es, der die Auseinanderset-zung provoziert, weil er - und nun folgt das Zitat im Standarddeutsch — die an ihm vor-beilaufende Gruppe grundlos verbal attackiert. Das rhythmische Sprechen und die leicht gepresste Stimme verdeutlichen die stereotypische Melodie einer Provokation. Mit dem Varietätenwechsel stellt Renke das Zitat heraus, das er mit prosodischen Mitteln mög-lichst wirklichkeitsnah wiedergibt. Hier schwingt eine negative Wertung dieser Provo-kation im Zitat mit, die bereits in der Einleitung der Redewiedergabe zu erkennen ist. Der weitere Ablauf ist dann wieder im Dialekt erzählt und beschreibt die Handlungen des Akteurs (häi) in Form einer ritualisierten körperlichen Auseinandersetzung (Jacke ausziehen, Hemd aufknöpfen, alles geordnet aufhängen bevor es zur Handgreiflichkeit kommt).

3.2 Metaphorisches Code-Switching

Bei Blom/Gumperz (1972) taucht der Begriff des metaphorischen Code-Switchings auf. Der Wechsel in eine andere Sprache oder Varietät hat eine soziale Be-deutung und wird als sprachliches Bauteil vom Sprecher bewusst eingesetzt um auf den jeweiligen Zusammenhang hinzuweisen. Es gibt zwei Formen des Code-Switchings, das situative Code-Switching (situational switching), das eine Situation neu definiert und eine direkte Beziehung zwischen der jeweiligen Situation (Thema, Gesprächspartner, Ort) und dem Wechsel voraussetzt und es gibt das metaphorische Code-Switching, das viel mehr implizite Anspielungen in sich birgt und für den Adressaten schwieriger zu entschlüsseln ist als das situative Code-Switching.[31] Der neu geschaffene Rahmen, in den die Sprecher beim situativen Code-Switching wechseln, ist leicht zu erkennen und spiegelt sich nur lexikalisch wieder. Aussprache und Morphologie ändern sich dabei nicht.[32] Der Kontextualisierungshinweis ist hier meist eindeutig von den Beteiligten als solcher zu identifizieren. Beim metaphorischen Code-Switching möchte der Sprecher meist eine Einstellung zum Gesagten also eine veränderte Gefühlslage vermitteln. Die Variante, in die gewechselt wird, bekommt „'metaphorisch' konnotative Bedeutun-

gen"[33], die als solche vom Adressaten verstanden werden müssen um angemessen dar-auf reagieren zu können.

Im folgenden Beispiel fahren Frerk und seine Mutter im Auto nach Hause. Frerk, der der Fahrer ist, wird von der Mutter darauf hingewiesen, dass hier nicht schneller ge-fahren werden darf als 30 Km/h. Die Bemerkung kommt überraschend in einer Erzäh-lung über die Schulleistungen der älteren Tochter, die ein Lehrer nicht anerkannte. Als die Mutter das Schild im Vorbeifahren entdeckt, gibt sie den Hinweis sofort an Frerk weiter. Eine typische Reaktion von der Mutter, die üblicherweise mit ihrem Mann im Auto fährt, der häufig solche Hinweisschilder übersieht.

Beispiel „daatich"

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Hinweis DAAtich ist hier als Setting-Talk zu verstehen. Die Begründung für ihren Hinweis liefert die Mutter erst nach einer längeren Pause in Standarddeutsch. Die Apokope des [t] in nich in Zeile 02 ist als gesprochen sprachliches Element zu deuten und nicht als dialektalverschobene Aussprache, da nicht im ostfriesischen Nieder-deutsch als näi realisiert wird. Der Varitätenwechsel markiert hier die Eindringlichkeit des Gesagten. Die Mutter ermahnt ihren Sohn mit dem Hinweis auf die Geschwindig-keitsbegrenzung und verweist auf die mögliche Konsequenz bei Nichteinhalten der Vorschrift, die sie durch Akzentuierung deutlich heraushebt. Die Angst davor angehal-ten zu werden, unterstreicht sie durch den Varietätenwechsel.

Ein weiters Beispiel ist einer Gesprächssituation entnommen, in der Renke einen Vortrag über die Tempelritter hält.

Beispiel „tempelritter"

RE hisTORisch überliefert is dat däi TEMpelritter,> .hh (.)

Die Basissprache Renkes ist Niederdeutsch. Um seinem Adressaten deutlich zu machen, dass seine folgenden Äußerungen einen geschichtlichen Bezug haben und er die Rolle des Dozierenden übernimmt, switcht er ins Standarddeutsche. Die Formel hisTORisch überliefert signalisert, dass jetzt etwas kommt, dass sich auf wissen-schaftlichen Fakten gründet und deshalb schwer zu widerlegen ist. Eine genauere Ana­lyse des gesamten Gesprächsauschnitts findet sich in Kapitel 4.12.

3.3 Code-Shifting

Code-Shifting bezeichnet das „allmähliche[] Gleiten auf dem Standard/Dialekt Kontinuum"[34], bei dem sich die Sprechweise nach und nach einer anderen Variante an-nähert. Code-Shifting lässt sich veranschaulichen, „wenn man sich zu jeder tatsächlich geäußerten Form die möglichen Ausdrucksalternativen für einen Sprecher, der etwa über Bs Repertoirbereich verfügt, denkt. Ändern sich Anzahl und Typ dieser Aus-drucksalternativen in Richtung auf den Dialekt- oder Standardpol, so hat sich der Spre-cher auf den Standard bzw. Dialekt zubewegt."[35] Das folgende Beispiel, das einem Te-lefonat zwischen zwei Antiquitätenhändlern entnommen ist, stammt aus Auer (1988) und verdeutlicht den Shifting Prozess.

Beispiel „antiquitätenhän G ler"

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier liegt die Äußerungseinheit nahe am Standardpol auf der zweiten Stufe. Im weiteren Gesprächsverlauf nähert sich der Sprecher immer mehr dem Dialektpol an, bis er sich mit der letzten Äußerung, du woaßt vui zvui, auf diesem befindet.

[...]


[1] gais.ids-mannheim.de/information/glossar/code-switching.pdf

[2] Vgl. Schwitalla (1986); Deppermann (2001)

[3] Dies ist die geographische Einteilung des Gebietes, das die Landkreise Friesland und Wilhelmshaven mit einbezieht. Dem Saterland kommt eine Sonderrolle zu, denn es gehört aus kulturhistorischer und sprach-geschichtlicher Sicht zwar zu Ostfriesland, wurde aber vom Bistum Münster beeinflusst und das übrige Ostfriesland vom Bistum Bremen. Diese Absonderung ist bis heute erhalten und spiegelt sich im Erhalt des Saterfriesischen wider, eine Varietät der ostfriesischen Sprache, die nicht zu verwechseln ist mit dem ostfriesischen Platt, das der niedersächsischen Sprache angehört. (Vgl. Marron C. Fort: Niederdeutsch und Friesisch zwischen Lauwerzee und Weser)

[4] Industrie- und Handelskammer Emden (Stand: 31.12.2006)

[5] Lindow (1998) S. 17

[6] Stellmacher (1995) S. 4

[7] Vgl. Lindow (1998) S. 17

[8] Stellmacher (1995) S. 5

[9] Ebd.

[10] Vgl. Lindow (1998)

[11] Reershemius (2004) S.14

[12] Vgl. Stellmacher (2000) S. 105

[13] Vgl. Isaksson Biehl (1999)

[14] Vgl. Ahlsson (1964)

[15] Reershemius (2004) S.22

[16] Sander (1982) S. 55

[17] Ebd.

[18] Vgl. Remmers (1994; 1995; 1996); Rogby (1967)

[19] Reershemius (2004) S. 23

[20] Meyer (1983) S.39

[21] Vgl. Bulicke (1979) S.15 f.

[22] Reershemius (2004) S. 26

[23] Ebd. S. 27

[24] Vgl. Reershemius (2004)

[25] Vgl. Isaksson Biehl (1999); Janssen (2006)

[26] Vgl. Reershemius (2004) Kapitel 3

[27] Poplack (1980) S. 615

[28] Keim (2007) S. 321

[29] Vgl. Auer (1999) S. 1

[30] Vgl. zum Beispiel Stellmacher (1977), Salewski (1998), Schwitalla (1995?), Knöbl (2006)

[31] Vgl. Blom/Gumperz (1972) S. 424 f.

[32] Vgl. Blom/Gumperz (1972) S. 431

[33] Schwitalla (2006) S. 49

[34] Auer (1986) S. 119

[35] Auer (1986) S. 102

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Details

Titel
Code-Switching zwischen Niederdeutsch und Standarddeutsch in einer ostfriesischen Familie
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
80
Katalognummer
V136043
ISBN (eBook)
9783640456208
ISBN (Buch)
9783640455898
Dateigröße
1363 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Code-Switching, Niederdeutsch, Standarddeutsch, Familie
Arbeit zitieren
Frank Jakobs (Autor), 2008, Code-Switching zwischen Niederdeutsch und Standarddeutsch in einer ostfriesischen Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136043

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