In der Arbeit wurde, die nicht zuletzt durch die PISA Studien wieder aktuell gewordene Frage nach Erklärungen für den mangelnden Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund erneut zu erörtern. Dazu nehme ich auf die neueste
Literatur Bezug, versuche aber gleichzeitig die Debatte auch historisch einzuordnen.
Nach einer historischen Vergewisserung im zweiten Kapitel, geht es im dritten Kapitel um die gängigen Erklärungsmodelle (Kulturkapitaltheorie; Bourdieu, Humankapitaltheorie; Gary S. Becker, primären und sekundären Herkunftseffekte/ Boudon, Theorie rationaler Bildungsentscheidungen; Erikson/Jonsson, Mikrotheoretischer Ansatz; Breen/Goldthorpe, Wert-Erwartungs-Theorie; Esser), die insbesondere „kapitaltheoretischen“ Annahmen machen, noch einmal durch und konfrontiere sie mit der von Gomolla und Radtke vorgelegten Theorie Institutioneller Diskriminierung. Den Höhepunkt der Arbeit stellt das vierte Kapitel dar, in dem ich in sehr filigraner und gut informierter Weise die Reichweite und die Grenze der verschiedenen Erklärungsmodelle gegeneinander abwäge und in einer sehr präzisen Art und Weise die jeweiligen Erklärungsdesiderate benenne. Im abschließenden fünften Kapitel versuche ich mit einem Theorieangebot von Nauck und Diefenbach der Diskussion eine weitere Wendung zu verleihen. Dabei geht es darum, aus den kapitaltheoretischen Ansätzen individuelle Strategien der Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Gegebenheiten des Schulsystems abzuleiten, welche die Positionen der Migranten im Bildungssystem entscheidend mit bestimmen.
Ich versuche mich in meinen Schlussüberlegungen mit einer Integration der verschiedenen Erklärungsansätze, die von hohem Problembewußtsein zeugt und mich als einen
reflektierten Kenner der Debatte ausweist. Ich bewerte die Arbeit insgesamt mit gut (2) (Als Vorlage diente mir das Gutachten meines Professors, welches ich auf die erste Person umgeschrieben habe)
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Bildungsexpansion in der Bundesrepublik Deutschland
1. Die Debatte in den 1960er und 1970er Jahren
2. Die Folgen der Bildungsexpansion
3. Die Wiederentdeckung der Ungleichheit in der Bildungsforschung
4. Die PISA-Studien
III. Die Erklärungsmodelle zu den Disparitäten in der Bildungsbeteiligung in Deutschland
1. Die Kulturkapitaltheorie
2. Die Humankapitaltheorie
3. Die primären und sekundären Herkunftseffekte
3.1 Die Theorie rationaler Bildungsentscheidungen
3.2 Der mikrotheoretische Ansatz
3.3 Die Wert-Erwartungs-Theorie
4. Die institutionelle Diskriminierung
IV. Kritische Würdigung der skizzierten theoretischen Erklärungsmodelle der bundesdeutschen Bildungsbeteiligung
1. Die Erklärungsmodelle der Bildungsbeteiligung und ihre Grenzen
2. Zusammenfassung
V. Einfluss der intergenerativen Transferleistungen auf den Schulerfolg von türkeistämmigen Migranten
1. Versuch der Erklärung von Bildungsdisparitäten durch ein ethnologisches Modellkonstrukt
VI. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Diplomarbeit untersucht die Ursachen für die anhaltenden Bildungsungleichheiten im deutschen Schulsystem, insbesondere mit Fokus auf den Schulerfolg und die intergenerativen Transferleistungen von Kindern aus türkeistämmigen Migrantenfamilien.
- Historischer Kontext der Bildungsexpansion und Bildungsforschung
- Soziologische Erklärungsmodelle wie Kulturkapital-, Humankapital- und Rational-Choice-Theorien
- Mechanismen der institutionellen Diskriminierung im Schulsystem
- Einfluss der sozialen Herkunft und intergenerativer Transmission auf Bildungskarrieren
- Perspektiven für bilinguale Schulangebote und gezielte sprachliche Förderung
Auszug aus dem Buch
3. Die primären und sekundären Herkunftseffekte
Nach Raymond Boudon (1974) ergeben sich ungleiche Bildungserfolge aus den Entscheidungen, die aufgrund einer Abwägung von Kosten und Nutzen verschiedener Bildungsalternativen getroffen werden. Der Entscheidungsprozess variiert je nach Individuum. Unter anderen Parametern ist hier die Entscheidung in Abhängigkeit von der sozialen Lage hervorzuheben (vgl. Kristen 1999: 22f; Kronig 2007: 72f).
Boudons Ansatz unterscheidet zwischen primären und sekundären Sozialisationseffekten. Die primären Effekte beziehen sich auf schichtspezifische Unterschiede die, aus der unterschiedlichen kulturellen Ausstattung der Familien resultieren. Diese Unterschiede in der familiären Sozialisation haben Auswirkungen auf den weiteren Bildungsweg und ergeben „differente Erfolgswahrscheinlichkeiten“ (vgl.: ebd.). Im Mittelpunkt seines Modells stehen jedoch die sekundären Sozialisationseffekte, welche sich auf die Schichtbezogene Stellung der Familie beziehen, und welchen Einfluss diese auf den Entscheidungsprozess haben (vgl.: ebd.). So werden hier der Entscheidungsprozess, beruhend auf der Statusposition, und somit eben auch die Bildungskarriere, zum Akt der rationalen Wahl (Kronig 2007: 73). Auffällig ist, dass trotz gleich bleibender „Leistungsfähigkeiten des Nachwuchses“ das Wahlverhalten der Individuen sich in Abhängigkeit zu der jeweiligen Schicht verhält (Kronig 2007: 72).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik der Bildungsungleichheit und Begründung der Relevanz für Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem.
II. Die Bildungsexpansion in der Bundesrepublik Deutschland: Darstellung der historischen Debatten um Chancenungleichheit und der empirischen Befunde zur Wirkung von Bildungsexpansion und PISA-Studien.
III. Die Erklärungsmodelle zu den Disparitäten in der Bildungsbeteiligung in Deutschland: Vorstellung und Diskussion zentraler Theorien, darunter die Kulturkapital-, Humankapital- und Rational-Choice-Ansätze sowie die Theorie der institutionellen Diskriminierung.
IV. Kritische Würdigung der skizzierten theoretischen Erklärungsmodelle der bundesdeutschen Bildungsbeteiligung: Kritische Analyse der Reichweite, Grenzen und Anwendungsmöglichkeiten der zuvor dargestellten Theorien.
V. Einfluss der intergenerativen Transferleistungen auf den Schulerfolg von türkeistämmigen Migranten: Anwendung eines Modellkonstrukts zur Untersuchung, wie intergenerative Transferleistungen und kulturelles Kapital den Schulerfolg von türkeistämmigen Migranten beeinflussen.
VI. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf notwendige bildungspolitische Maßnahmen wie bilinguale Förderung.
Schlüsselwörter
Bildungsungleichheit, Migration, Bildungsexpansion, PISA-Studien, Kulturkapitaltheorie, Humankapitaltheorie, Rational-Choice-Theorie, institutionelle Diskriminierung, Herkunftseffekte, Schulerfolg, Bildungsentscheidung, intergenerative Transferleistungen, Sozialisation, Habitus, bildungspolitische Maßnahmen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für die anhaltende Bildungsungleichheit im deutschen Schulsystem mit einem spezifischen Fokus auf den Schulerfolg von Kindern aus Migrantenfamilien, insbesondere türkeistämmiger Herkunft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die historische Entwicklung der Chancengleichheit in Deutschland, soziologische Erklärungsmodelle für Bildungserfolge sowie die Mechanismen der institutionellen Diskriminierung an schulischen Übergängen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die theoretische Durchdringung der Bildungsdisparitäten sowie die Frage zu klären, wie intergenerative Transferleistungen (die Weitergabe von Kapital) den Schulerfolg und die Bildungsentscheidungen bei Migrantenkindern beeinflussen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor nutzt eine theoretische Aufarbeitung soziologischer Modelle (z.B. von Bourdieu, Becker und Boudon) sowie die kritische Auswertung empirischer Bildungsstudien wie PISA und PISA-E.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch verschiedene Erklärungsmodelle, deren kritische Würdigung sowie die Anwendung dieser Konzepte auf die spezifische Lebenssituation türkeistämmiger Migranten.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildungsungleichheit, Migration, institutionelle Diskriminierung, intergenerative Transferleistungen und rational-theoretische Entscheidungsmodelle.
Inwiefern spielt Pierre Bourdieus Kapitaltheorie eine Rolle?
Die Kapitaltheorie bildet ein wichtiges Fundament, um zu erklären, wie ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital über Generationen hinweg übertragen wird und somit die schulische Platzierung von Kindern bestimmt.
Was bedeutet institutionelle Diskriminierung im Kontext der Schule?
Das Konzept beschreibt, wie Bildungsinstitutionen durch ihre Organisationsstrukturen, Auswahlverfahren und selektive Selektionsentscheidungen ungewollt (oder systematisch) Barrieren für Migrantenkinder schaffen, anstatt individuelle Defizite auszugleichen.
- Arbeit zitieren
- Markus Teuber (Autor:in), 2009, Migration und schulische Bildung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136075