Jean-Jacques Rousseau (geboren 1712 in Genf; gestorben 1778 bei Paris) gilt als einer der
einflussreichsten Philosophen und Schriftsteller der europäischen Aufklärung und als
entscheidender Wegbereiter der französischen Revolution.
Rousseaus 1755 in Amsterdam veröffentlichte „Abhandlung von dem Ursprunge der
Ungleichheit unter den Menschen, und worauf sie sich gründe“1 (discours sur l’origine et les
fondements de l’inégalité parmi les hommes) war seine Beantwortung der von der Akademie
zu Dijon im Jahr 1753 gestellten Preisfrage nach den Gründen der Ungleichheit unter den
Menschen und ob diese im natürlichen Gesetz gegründet sei. Der Diskurs ist eine sehr
vielschichtige Arbeit, die verschiedene Themenkomplexe berührt. So wird sein Werk u. a. als
erster Beitrag der Aufklärung zur Anthropologie betrachtet2, was nicht zuletzt den
geschichtsphilosophischen Ansatz der Abhandlung bestätigt. Daneben stellt Rousseau
Überlegungen zum Ursprung der Sprache an und diskutiert antike und moderne
Naturrechtskonzeptionen, „vor allem die politischen Ideen von Hobbes, Pufendorf und Locke,
die [...] eingehend geprüft und schließlich verworfen werden“3. Im Zentrum seiner Arbeit
steht jedoch eine massive Gesellschaftskritik4, die seine im ersten und preisgekrönten
„Diskurs über die Künste und Wissenschaften“ (discours sur les sciences et les arts; 1750)
entworfenen Gedanken und Argumente aufnimmt, erweitert und detailliert ausarbeitet.
Bereits im Folgejahr seines Erscheinens übersetzte der deutsch-jüdische und in Berlin
ansässige Philosoph Moses Mendelssohn (geboren 1729 in Dessau; gestorben 1786 in Berlin)
– auf die Bitte seines Freundes Gotthold Ephraim Lessing hin – Rousseaus Zweiten Diskurs,
der auch in Deutschland eine starke Rezeption erfuhr, ins Deutsche. Die Übersetzung erschien
1756 anonym in Berlin und wurde von Mendelssohn um das „Sendschreiben an den Herrn
Magister Leßing in Leipzig“ nebst einer Nachschrift und um die Übersetzung von Voltaires
polemischem Kommentar zu Rousseaus Arbeit erweitert. Mendelssohn setzte sich in seinem
Sendschreiben und der dazugehörigen Nachschrift kritisch mit den Überlegungen und
Argumenten Rousseaus auseinander und legte darin seine eigenen Anschauungen über die
menschliche Gesellschaft und den Menschen überhaupt dar, die teilweise denjenigen
Rousseaus diametral entgegenstehen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
HAUPTGEDANKEN DER ABHANDLUNG VON DER UNGLEICHHEIT
MENDELSSOHNS KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT ROUSSEAUS ABHANDLUNG VON DER UNGLEICHHEIT
ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gesellschaftsbild von Jean-Jacques Rousseau in seiner „Abhandlung von dem Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ und analysiert die kritische Gegenposition, die Moses Mendelssohn in seiner Übersetzung und den ergänzenden Schriften einnimmt. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie beide Denker den Prozess der Zivilisation, die Entstehung gesellschaftlicher Ungleichheit und die Rolle des Menschen in der Gemeinschaft bewerten.
- Rousseaus theoretische Konstruktion des „Naturmenschen“ und des Vergesellschaftungsprozesses.
- Die Rolle der „perfectibilité“ als menschliches Potenzial und Triebfeder der Entwicklung.
- Mendelssohns Verteidigung der Geselligkeit als Weg zur menschlichen Glückseligkeit.
- Der Kontrast zwischen Rousseaus Kulturpessimismus und Mendelssohns aufklärerischem Fortschrittsglauben.
- Die Auseinandersetzung mit Eigentum, Recht und politischer Herrschaft.
Auszug aus dem Buch
HAUPTGEDANKEN DER ABHANDLUNG VON DER UNGLEICHHEIT
Der Hauptteil von Rousseaus Diskurs ist in zwei Abschnitte gegliedert; der erste beschäftigt sich primär mit der Konstruktion eines – fiktiven – „Naturmenschen“, während im zweiten Abschnitt der Versuch unternommen wird, den Ausgang des Menschen aus seinem „Naturzustand“ nachzuzeichnen und zu erklären, wie es zur Vergesellschaftung kam, wie die Geschichte der Menschheit ihren Anfang nahm, um so die Entstehung der gesellschaftlichen Ungleichheit zurückzuverfolgen. Die Betonung liegt hierbei auf dem Attribut des „gesellschaftlichen“, da Rousseau gleich zu Beginn des Hauptteils seiner Arbeit einräumt, dass es zwischen den Menschen selbstverständlich immer Ungleichheit gegeben habe, diese sich jedoch auf natürliche, physische Ursachen beschränke und die in „der Verschiedenheit des Alters, der Gesundheit, der körperlichen Stärke, und der Seelenkräfte“ bestehe und auf die sich die gesellschaftliche nicht zurückführen ließe.
Um nun die gesellschaftlich-politischen bzw. „moralischen“ Ungleichheiten unter den Menschen auszumachen, die nach Rousseau in der Regel schädlich, erniedrigend und unnütz sind und diese klar umschreiben zu können, greift Rousseau auf die Rekonstruktion eines „Naturmenschen“ zurück, der aller „übernatürlichen Gaben, die er hat erlangen können“ entkleidet ist. Auf diese Weise versucht er, den wahren, ursprünglichen Menschen dem vergesellschafteten Menschen gegenüberzustellen, der „das Produkt von Veränderungen, Umständen und Fortschritten der menschlichen Gattung sei“.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung stellt Rousseau und Mendelssohn als zentrale Akteure der Aufklärung vor und umreißt die Fragestellung bezüglich Rousseaus Gesellschaftskritik und Mendelssohns kritischer Übersetzung.
HAUPTGEDANKEN DER ABHANDLUNG VON DER UNGLEICHHEIT: Dieses Kapitel erläutert Rousseaus hypothetisches Modell des Naturzustands, den Einfluss der „perfectibilité“ auf den Zivilisationsprozess und seine fundamentale Kritik an der durch Privateigentum geprägten gesellschaftlichen Ungleichheit.
MENDELSSOHNS KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT ROUSSEAUS ABHANDLUNG VON DER UNGLEICHHEIT: Hier wird analysiert, wie Mendelssohn Rousseaus Misanthropie hinterfragt und stattdessen den sozialen Trieb des Menschen sowie das Potenzial der Aufklärung für Emanzipation und gesellschaftlichen Fortschritt betont.
ZUSAMMENFASSUNG: Die Zusammenfassung bilanziert, dass trotz unterschiedlicher Weltanschauungen beide Denker die Notwendigkeit teilen, moralische und politische Schranken als gesellschaftlich gemachte Konstrukte zu demaskieren.
Schlüsselwörter
Jean-Jacques Rousseau, Moses Mendelssohn, Aufklärung, Ungleichheit, Naturzustand, Gesellschaftsvertrag, perfectibilité, Naturrecht, Geselligkeit, Zivilisationskritik, Emanzipation, Menschheitsgeschichte, Gesellschaftsbild, Philosophie, Fortschritt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Gesellschaftsbild von Jean-Jacques Rousseau in seinem berühmten „Zweiten Diskurs“ und stellt dieses dem kritischen Kommentar gegenüber, den der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn in seiner deutschen Übersetzung verfasst hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Prozess der menschlichen Vergesellschaftung, die Entstehung sozialer Ungleichheit, das Konzept des Naturmenschen und die Frage, ob Zivilisation als Fortschritt oder als Niedergang der menschlichen Moral zu bewerten ist.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Rousseaus fundamentale Gesellschaftskritik an der Moderne seiner Zeit mit Mendelssohns Verteidigung der Geselligkeit und Bildung zu kontrastieren und dabei die unterschiedlichen philosophischen Ausgangspunkte beider Denker herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die primär textkritisch und hermeneutisch arbeitet, indem sie die Argumentationslinien Rousseaus mit den zeitgenössischen Einwänden Mendelssohns vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Rousseaus Theorie über den Naturzustand und die Entwicklung der Ungleichheit durch das Eigentum sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit Mendelssohns Einwänden, insbesondere zum Thema Geselligkeit und perfectibilité.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Aufklärung, Ungleichheit, Naturzustand, perfectibilité, Gesellschaftskritik, Emanzipation und die philosophische Differenz zwischen Rousseau und Mendelssohn.
Warum hält Mendelssohn die „perfectibilité“ für so wichtig?
Mendelssohn interpretiert die Fähigkeit zur Selbstvervollkommnung als ein Geschenk der Natur, das zwangsläufig zur Nutzung der Vernunft und damit zur Verbesserung des menschlichen Daseins führen muss, was Rousseaus pessimistischer Sicht entgegensteht.
Inwiefern beeinflusste Mendelssohns eigene Biografie sein Rousseau-Bild?
Als Jude ohne Bürgerrechte im Preußen des 18. Jahrhunderts sah Mendelssohn in Bildung, Geselligkeit und bürgerlicher Integration die einzige Chance für Emanzipation, weshalb er Rousseaus Kulturpessimismus, der die Zivilisation ablehnte, nicht teilen konnte.
Teilen Rousseau und Mendelssohn irgendeine gemeinsame Zielsetzung?
Ja, beide lehnen die Vorstellung ab, dass soziale und politische Ungleichheiten gottgegeben oder natürlich sind; sie sind sich einig, dass es sich um geschichtlich gewachsene Produkte menschlicher Gesellschaften handelt, die kritisch hinterfragt werden müssen.
- Citation du texte
- Nadja Schuppenhauer (Auteur), 2007, Zu Jean-Jacques Rousseaus "Über die Ungleichheit unter den Menschen" in der Übersetzung von Moses Mendelssohn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136088