Das Verhältnis von Herrscher und Papst und sein symbolischer und ritueller Ausdruck im Früh-/Hochmittelalter


Seminararbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beispiel I (8. Jhdt.): Die Karolinger und die Päpste
2.1 Ponthion 754
2.2 Paderborn 799

3 Beispiel II (11. Jhdt.): Heinrich IV. und Gregor VII.: Canossa 1077

4 Beispiel III (12. Jhdt.): Barbarossa und die Päpste
4.1 Sutri 1155
4.2 Der Frieden von Venedig 1177

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ein Teilthema des Proseminars "Krieg, Unruhe und Fehde im Mittelalter" war die symbolische Konfliktführung und –beilegung. Diese kann unter anderem am Verhältnis von Kaiser und Papst veranschaulicht werden.

Dieses Verhältnis ist ein Thema mit Tradition in der Mittelalterforschung. So veröffentlichte etwa Robert Holtzmann bereits 1928 seine "Untersuchungen zur Geschichte der Beziehungen zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter", wobei er sich dabei neben Quellen auch schon auf einige Sekundärliteratur stützen konnte.[1] Die ebenfalls recht zahlreiche jüngere Literatur zum Thema beschäftigt sich häufig mit einem bestimmten Ereignis und seinen Auswirkungen, z.B. Canossa 1077, oder auch mit einem bestimmten Papst-Kaiser-Verhältnis, etwa Johannes Laudage in "Alexander der III. und Friedrich Barbarossa".

Dem zweiten Aspekt dieser Arbeit, der symbolischen und rituellen Darstellung dieses Verhältnisses, wurde lange Zeit in der Mittelalterforschung wenig Bedeutung beigemessen. Die intensive Erforschung der Funktionen symbolischer und ritueller Kommunikation im Mittelalter ist ein relativ junger Forschungszweig, der jedoch in Münster bereits institutionell als Sonderforschungsbereich 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution" verankert ist.[2] Als Mitglied dieses Sonderforschungsbereichs und Vorreiter für den Bereich Mittelalter kann Gerd Althoff genannt werden, der in den letzten Jahren mehrere Aufsätze und Monographien zu diesem Thema veröffentlichte. Dabei geht es um die Fragen des Verständnisses von Ritualen, ihrer Veränderlichkeit im Laufe des Mittelalters sowie ihrer Bedeutung für die mittelalterliche Herrschaftsordnung.[3] Es soll vor allem die in der Forschung lange vorherrschende Meinung der "Irr- und Vorrationalität" symbolischer Kommunikation im Mittelalter widerlegt und ihre zentrale Bedeutung für das Funktionieren der damaligen Gesellschaft gezeigt werden.[4]

Es kann im Rahmen dieser Arbeit keine Entwicklungsgeschichte der Rituale im Sinne einer genauen Betrachtung, wann und wie sie entstanden sind oder sein könnten, erfolgen, zumal dies auch in der Forschung noch nicht in umfangreichem Maße geschehen ist.[5]

Auch kann nur auf einen Bruchteil der überlieferten Papst-Kaiser-Begegnungen des Mittelalters eingegangen werden, auch wenn jede zur Erläuterung dieses Themas vermutlich etwas beitragen könnte.

Im Folgenden werden fünf Papst-Kaiser-Begegnungen aus drei verschiedenen Phasen des Früh- und Hochmittelalters, und zwar aus dem 8., dem 11. und dem 12. Jahrhundert, näher beleuchtet. Anhand dieser Beispiele sollen das Papst-Kaiser-Verhältnis und seine Veränderungen sowie sein Ausdruck in Symbolen[6] und Ritualen[7] veranschaulicht werden.

2 Beispiel I (8. Jhdt.): Die Karolinger und die Päpste

Zur Zeit der Karolinger wurde die im Westen vorherrschende Zwei-Gewalten-Lehre, nach der auf Erden zwei getrennte höchste Gewalten herrschten, eine weltliche und eine geistliche, zugunsten eines Priester-Königtums verändert. Die Salbung Pippins des Jüngeren[8] zum König 'von Gottes Gnaden' durch den Papst war ein bedeutender Schritt in diese Richtung. Die Aufgabe des Königs, die Kirche nach außen zu verteidigen und nach innen zu festigen, zog den königlichen Anspruch auf ihre Lenkung und Führung nach sich. Karl der Große[9], Sohn Pippins, beanspruchte die Kirchenhoheit "wie kein anderer abendländischer Herrscher"[10]. Im 9. Jahrhundert setzten sich diese Tendenzen fort, die Sakralisierung des Königtums durch die Kirche und die herrscherliche Kirchenhoheit wurden weiter ausgebaut.[11]

Die geistliche und weltliche Gewalt waren zwar nach wie vor eigenständig, wurden jedoch nicht als potenzieller Gegensatz gesehen, sondern als "universale Einheit"[12]. Die Herrschaftszeit der Karolinger und ihrer unmittelbaren Nachfolger, der Ottonen, war also eine Epoche des Mittelalters, in der der weltliche Herrscher einen relativ starke Position gegenüber dem Papst einnahm, und in der das Miteinander der beiden höchsten Gewalten eher friedlicher Natur und nicht von Konflikten geprägt war.

2.1 Ponthion 754

Im Jahr 753 wurde die Stadt Rom durch den Langobardenkönig Aistulf bedroht. Papst Stephan II. (752-757)[13] erhielt vom oströmischen Kaiser Konstantin V. nicht die erhoffte Hilfe und wandte sich daraufhin an den Frankenkönig Pippin, der ihn daraufhin in sein Reich einlud und in seiner Pfalz Ponthion[14] am 6. Januar 754 empfing.[15] Diese Reise Stephans II. wird heute als ein Symbol für die Abwendung des Papsttums von Byzanz und den Beginn seines Bündnisses mit dem Westen gesehen.[16]

Dies war das erste Treffen eines Karolingers mit einem Papst. Wie es sich jedoch genau abspielte, ist nicht leicht zu rekonstruieren, da die Quellen zwar durchaus ausführlich sind, aber starke inhaltliche Unterschiede aufweisen, je nachdem, ob der Autor der päpstlichen oder der königlichen Seite angehörte. Als Quellen für diese Begegnung stehen zwei fränkische Berichte - der eines karolingischen Verwandten und die sog. Metzter Annalen, die im Kloster Chelles entstanden, als die Schwester Karls des Großen dort Äbtissin war - zur Verfügung, sowie von päpstlicher Seite die Vita Stephans II.[17]

In den fränkischen Berichten schickte Pippin dem Papst seinen Sohn Karl entgegen, der ihn bis Ponthion geleitete, wo er vom König ehrenvoll empfangen wurde. Der Papst machte dem König und dessen Großen viele Geschenke. Am folgenden Tag bat er dann auf Knien, mit Asche auf dem Haupt und im Büßergewand um Hilfe gegen den Langobardenkönig. Pippin entsprach der Bitte, indem er dem Papst die Hand reichte und ihn vom Boden aufhob. In der Papstvita wird hingegen berichtet, dass auch der König selbst mit seiner Familie und seinen Großen dem Papst entgegenkam und ihn fast drei Meilen vor Ponthion traf. Dort warf sich der König erst demütig auf den Boden (sog. Prostration) und leistete dann den Strator-Dienst, führte also das päpstliche Pferd ein Stück am Zügel.[18] Zusammen begab man sich dann zur Pfalz Ponthion, wo der Papst den König beim Zusammensitzen im Betsaal um Hilfe bat.[19]

Um aus diesen sehr unterschiedlichen Schilderungen die tatsächlichen Geschehnisse zu rekonstruieren, schlägt Gerd Althoff als eine Möglichkeit vor, beide Seiten zusammenzunehmen und davon auszugehen, dass jede Partei die für sie weniger ehrenvollen Handlungen nicht erwähnt. Als eine andere Möglichkeit nennt er den Vergleich mit anderen Treffen zwischen Herrschern und Päpsten, sowohl vorangegangene als auch spätere. Danach sei die Prostration Pippins sehr wahrscheinlich, da sie den Päpsten bereits zuvor von byzantinischen Kaisern geleistet worden sei.[20]

Beim Strator-Dienst dagegen ist die Antwort nicht so einfach. Vor dem Treffen in Ponthion war dies ein Dienst, den Patrizier sowohl für den Papst als auch für den oströmischen Kaiser leisteten. Pippin war der erste König, der dies tat, und der nächste überlieferte Strator-Dienst eines Herrschers für einen Papst fand erst im Jahr 858 statt.[21] jjj Es wird vermutet, dass die Erwähnung des Strator-Dienstes erst nachträglich in den Bericht der Papst-Vita eingefügt wurde, da dieser Teil "sachlich und sprachlich wie ein Fremdköper wirkt"[22]. Über Gründe für eine solche nachträgliche Änderung kann jedoch nur spekuliert werden.[23]

Hatte Robert Holtzmann 1928 noch angenommen, dieser Strator-Dienst sei wirklich geleistet worden und als Erklärung angeführt, Pippin habe ihn "als der neue Patrizius der Römer" nach byzantinischem Vorbild versehen[24], so glaubt 1999 Achim Thomas Hack an den nachträglichen Einschub und sieht eine plausible Erklärung darin, dass derselbe Verfasser, der die Fälschung über die Konstantinische Schenkung verfasste, in der ebenfalls ein weltlicher Herrscher, Kaiser Konstantin, einem Papst den Strator-Dienst erweist, auch den Satz über den Strator-Dienst in die Vita Stephans II. einfügte. Damit sei auch erklärt, warum in den 100 folgenden Jahren kein solcher Dienst bezeugt sei, und damit seien die Erklärungsversuche eines Robert Holtzmann überflüssig.[25]

Für die Bitte des Papstes im Büßergewand – eine historische Einzigartigkeit, wenn es so geschehen ist, wie in den fränkischen Berichten geschildert – findet Althoff eine Erklärung in der Übertragung einer Bitte an Gott in den weltlichen Bereich. Auch konnte eine derart demonstrative Form der Bitte gefolgt von einem ebenso demonstrativen Hilfsversprechen die Verbindlichkeit der Vereinbarung erhöhen, was angesichts der vielen Gegner dieser Hilfe für den Papst im fränkischen Reich von Nutzen sein konnte.[26]

In jedem Fall ist aber bei diesem wie bei allen Papst-Kaiser-Begegnungen davon auszugehen, dass die auszuführenden rituellen und symbolischen Akte vorher zwischen den Parteien ausgehandelt bzw. abgesprochen waren, um das Gelingen einer solchen Begegnung zu gewährleisten und somit das gewünschte Ergebnis zu garantieren.[27]

[...]


[1] Vgl. Holtzmann, Robert, Der Kaiser als Marschall des Papstes. Eine Untersuchung zur Geschichte der Beziehungen zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter, = Schriften der Straßburger Wissenschaftlichen Gesellschaft in Heidelberg N. F. 8, Berlin 1928

[2] Vgl., Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003, 7 ff.

[3] Vgl. ebenda, 28

[4] Vgl. Althoff, Gerd, „Rituale – symbolische Kommunikation. Zu einem neuen Feld der historischen Mittelalterforschung“, GWU 50 (1999), 140-151, 141 f.

[5] Vgl. Althoff, Gerd, „Die Kultur der Zeichen und Symbole“, FMSt 36/2002 (2003), 1-17, 8

[6] Zur genauen Bedeutung des Begriffs vgl. Engemann, J., Art. Symbol. I. Allgemein. Symbol und Allegorie in der Forschungsgeschichte; kunstgeschichtlicher Aspekt, LexMA 8 (1997), Sp. 351-53 und Leisch-Kiest, M., Art. Symbol. II. Philosophie und Theologie, LexMA 8 (1997), Sp. 353-58

[7] Zu verstehen als "Handlungen komplexer Natur, besser Ketten von Handlungen, [die] von Akteuren in bestimmten Situationen in immer der gleichen oder zumindest sehr ähnlicher Weise wiederholt werden und dies bewußt geschieht, ein Wiedererkennungseffekt bewußt erzielt wird", vgl. Althoff, Gerd, „Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter“, in: Ders. (Hg.): Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter, = Vorträge und Forschungen 51, Stuttgart 2001, S. 157-176, 157

[8] Siehe auch Fleckenstein, J., Art. Pippin III., LexMA 6 (1993), Sp. 2168-70

[9] Siehe auch Fleckenstein, J., Art. Karl (I.) der Große, LexMA 5 (1991), Sp. 956-61

[10] Angenendt, Arnold, "Geistliche und weltliche Gewalt im Mittelalter", in: Geistliche und weltliche Macht: Das Paderborner Treffen 799 und das Ringen um den Sinn von Geschichte, hg. von J. Meyer zu Schlochtern, Paderborn u.a. 2000, 11

[11] Vgl. ebenda, 5 ff.

[12] Vgl. Schieder, Theodor (Hg.), Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. 1: Europa im Wandel von der Antike zum Mittelalter, Stuttgart 19964, 569

[13] Siehe auch Schieffer, R., Art. Stephan II., LexMA 8 (1997), Sp. 116-17

[14] Siehe auch Bur, M., Art. Ponthion, LexMA 7 (1995), Sp. 94

[15] Vgl. Schieder, Theodor (Hg.), Handbuch der europäischen Geschichte, 544

[16] Vgl. ebenda, 544 und Hack, Achim Thomas, Das Empfangszeremoniell bei mittelalterlichen Papst-Kaiser-Treffen, Tübingen 1999, 409

[17] Vgl. Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, 41 ff.

[18] Auch Marschall-Dienst genannt, vgl. Kreiker, S., Art. Marschall, LexMA 6 (1993), Sp. 324-25

[19] Vgl. Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, 45 f.

[20] Vgl. Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, 46 f.

[21] Vgl. ebenda, 47 und Holtzmann, Robert, Kaiser als Marschall, 22 ff.

[22] Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, 46

[23] Vgl. ebenda, 46, Holtzmann, Robert, Kaiser als Marschall, 24 und Hack, Achim Thomas, Empfangszeremoniell, 438 ff.

[24] Vgl. Holtzmann, Robert, Kaiser als Marschall, 22 f.

[25] Vgl. Hack, Achim Thomas, Empfangszeremoniell, 439 f.

[26] Vgl. Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, 44 f. und ders., „Die Kultur der Zeichen und Symbole“, 11 f.

[27] Vgl. Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, 45

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Herrscher und Papst und sein symbolischer und ritueller Ausdruck im Früh-/Hochmittelalter
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Krieg, Unruhe und Fehde im Mittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V136126
ISBN (eBook)
9783640443727
ISBN (Buch)
9783640443499
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Mittelalter, Frühmittelalter, Hochmittelalter, Symbolik, Rituale, symbolische Kommunikation
Arbeit zitieren
Ulrike Busch (Autor), 2005, Das Verhältnis von Herrscher und Papst und sein symbolischer und ritueller Ausdruck im Früh-/Hochmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136126

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