Demokratie und Personalität - Ethische Grundlagen für die Soziale Arbeit mit PflichtklientInnen


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2008

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Soziale Arbeit mit PflichtldientInnen
Pflichtldientschaft
Hilfeund Kontrolle
Konsequenzen

Ethische Orientierungen im Umgang mit Macht und Kontrolle in der Sozialen Arbeit mit PflichtldientInnen
Demokratieals Lebensform
Personalität

AbschlieBende Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen fir die Soziale Arbeit

Literatur

Einleitung

Nach Meinung von Friedrich Wilhelm Graf, Professor fur Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilian-Universitat Munchen, leben wir in einer Zeit, in der Werte nicht nur Hochkonjunktur haben, sondern zu einem wahren Ethikboom auf konkurrierenden Moralm a rkten geführt haben. Auf diesen mochten die teilnehmenden Unternehmen und Organisationen gleichermaBen die Tugendhelden sein und es werden immer differenziertere Leitbilder entworfen, in denen meist nicht mehr als „...konventionelle Trivialmoral geboten." wird. Eine komplexer werdende Welt generiert immer neue, marktfahige Werte und moralische Bezuge:

„Je mehr der Mensch kann, desto mehr muss er über die Grenzen seines Tuns nachdenken, und dies führt unausweichlich in verst a rkte Moralproduktion. Nie zuvor gab es so viele angewandte Spezialethiken für nahezu alle Sph a ren unserer Kultur."

In modernen Gesellschaften haben wir somit nicht etwa — wie man meinen und an den oft zitierten Werteverfall denken mochte — zu wenige, sondern viel zu viele Werte, die sich wechselseitig zu relativieren drohen, sobald sie durch Moraldebatten zirkulieren. Zu viele Werte schwachen sich gegenseitig ab und eine Inflation an Werten führt zu deren eigenen Entwertung. Laut Graf wirken Werte deshalb nicht, weil immer neues Wertgerede im wahrsten Sinne des Wortes abwertend wirkt1.

Der vorliegende Text befasst sich mit einer spezifischen Sph d re der sozialarbeiterischen Berufskultur: es geht um die Soziale Arbeit mit Pflichtklientlnnen und damit Menschen, die sich nicht freiwillig dazu entschieden haben, zu Klientlnnen der Sozialen Arbeit zu werden. Sozialarbeiterinnen in entsprechenden Praxisfeldern, bspw. der Bewährungshilfe, im MaBregelvollzug oder der forensisch-psychiatrischen Nachsorge, stehen durch die Prägung der Pflichtklientschaft nicht nur vor zahlreichen Herausforderungen, sondern auch vor unbeantworteten Fragen: wie viel Freiwilligkeit muss gegeben sein, dass ich meinen Beruf vor mir selbst, meinem Menschenbild und meiner Klientln gegenüber moralisch rechtfertigen kann? Welchen Kriterien gebe ich den Vorzug, wenn die Interessen meiner Klientln nicht mit denen korrespondieren, die meine beruflichen Auftraggeber an mich herantragen? Welche Anliegen muss ich deshalb zurückweisen und warum?

Diese Fragen konnen natürlich an dieser Stelle nicht beantwortet werden und doch geben sie das Bedürfnis nach ethischer Orientierung angesichts einer verunsichernden Berufspraxis wieder. Im Folgenden wird deshalb die Frage gestellt, was genau in dieser Sozialen Arbeit danach verlangt, sich auf die Suche nach ethische Orientierungen zu begeben, in der Uberzeugung, dass es Ethik und Werte nicht deshalb bedarf, um sich ein weiteres Mal zum Tugendheld auf sozialarbeiterischen Moralm a rkten zu machen. Es bedarf einer Ethik, die sich auf konkretes (Berufs-)Handeln und dessen sittliche Legitimation bezieht.

Es wird untersucht, worauf sich ethische Werte in der Sozialen Arbeit mit Pflichtklientlnnen beziehen müssen und welche berufsethischen Orientierungen es bereits gibt, um eine Ethik der Sozialen Arbeit mit Pflichtklientlnnen zu begründen. Damit soll, ganz im Sinne Grafs, keine Spezialethik geschaffen werden. Es geht vielmehr um Bestandteile einer allgemein verbindlichen Berufsethik und Werte mit einem kulturell und berufsspezifisch begründeten Ursprung, die für dieses Praxisfeld und seine spezifischen Herausforderungen konkret ausgestaltet werden müssen.

Kapitel 1 stellt dar, wodurch eine Soziale Arbeit mit Pflichtklientlnnen gekennzeichnet ist und welche Herausforderungen und Problematiken damit verbunden sind. Vertieft behandelt wird dabei die Prägung durch den scheinbaren Widerspruch aus Hilfe und Kontrolle, welche sich als eine evidente Quelle dieser Herausforderungen erweist. Kapitel 2 diskutiert schlieBlich zwei originäre Werte der Sozialen Arbeit auf ihre Tragfähigkeit für eine Soziale Arbeit mit Pflichtklientlnnen hin, mit dem Ziel, dadurch ethische Grundlagen zu schaffen. Kapitel 3 fast schlieBlich die wichtigsten Ergebnisse zusammen und zieht Schlussfolgerungen für] die Soziale Arbeit als Profession und für die sozialarbeitswissenschaftliche Theorieentwicklung.

Soziale Arbeit mit Pflichtklientlnnen

Pflichtklientlnnen als AdressatInnen Sozialer Arbeit müssen als berufspraktische Realität2 anerkannt werden, stehen häufig aber im Widerspruch zu Berufsbeschreibungen, die Freiwilligkeit und Selbstbestimmung der Klientel als unabdingbare Voraussetzung der Wirksamkeit Sozialer Arbeit auffassen.

Um der eigentlichen Absicht der vorliegenden Arbeit — nämlich die Suche nach grundlegend ethischen Orientierungen — Rechnung zu tragen, wird im folgenden Kapitel in aller Kürze auf die Pflichtklientschaft als solche eingegangen und die damit verbundenen Auswirkungen und quasi Risiken in dem scheinbaren Widerspruch aus Hilfe und Kontrolle verortet, um dadurch erste Orientierungspunkte zu erhalten.

Pflichtklientschaft

Einer Plichtklientschaft liegt stets ein gerichtlicher oder behördlicher Rechtsakt zugrunde, bspw. in Form einer Weisung im Rahmen der Führungsaufsicht. Das Verhältnis der Pflichtklientn zur Sozialarbeiterin ist in ihrem Kern damit zunächst ein Rechtsverhältnis (vgl. Lüssi 1998, 101), ungeachtet der individuellen Motivtionslagen und einzelfallspezifischen Push- und Pullfaktoren, die zur MaBnahme drängen oder trotz der Unfreiwilligkeit, Zwangskontextualität und Fremdinitüertheit Anreize für die Klientn bereitstellen.

Der Sozialarbeiterin ist in diesem Verhältnis rechtlich relevante Macht verliehen. Sie ist in der Lage, bei Nichtbefolgen der Pflicht durchaus drastische, mitunter juristische Konsequenzen herbeizuführen, z.B. im Falle von Klientlnnen unter Führungsaufsicht einen Bewährungswiderruf mit Rückverlegung in das psychiatrische Krankenhaus.

Die auferlegte Pflicht hingegen ist für die Klientn nicht frei aufhebbar bzw. die Inanspruchnahme der Sozialen Arbeit kann nicht ohne weiteres aufgekündigt werden. Aufgrund dieser äuBeren Rahmenbedingungen mangelt es seitens der Pflichtklientln mehr oder weniger an Vertrauen, Problemsicht, Bereitschaft zur Veränderung und Erteilung der moralischen Handlungslegitimation für die problemlosende Rolle der Sozialarbeiterin3 (vgl. Laub 2008a, 25).

Pflichtklientnnen agieren infolge der eingeschränkten Handlungsautonomie gemäB dem Phänomen der sozialpsychologischen Reaktanz4 und legen entsprechende Verhaltensweisen an den Tag, um Freiheit durch offenes Rebellieren bis hin zum subtilen Unterwandern der erzwungenen (Hilfe-)MaBnahme wiederherzustellen5 (vgl. a.a.O., 26).

Diese Reaktanzreaktionen werden ergänzt durch verschiedenste Selbstdarstellungs-strategien der Klientel (z.B. demonstrative Reue, Opportunismus oder einschachterndes Auftreten), um einen erträglichen Umgang mit den verbundenen Stressoren und der als illegitim empfundenen Autorität zu finden (vgl. Rooney 1992, 139-141). Da Pflichtklientschaften häufig mit drohenden Sanktionen und Auflagen einhergehen, eignen sich die KlientInnen Vermeidungs- und Täuschungsstrategien an, f.hlen sich ohnmächtig oder paradoxerweise zu den unerwanschten Verhaltensweisen hingezogen, die mit den Sanktionen eigentlich unterbunden werden sollten (vgl. a.a.O., 95-100).

Allerdings stehen auch die Fachkräfte vor der Herausforderung, einen adäquaten Umgang mit den Prägungen und dysfunktionalen Auswirkungen einer Pflichtklientschaft zu finden und leider gelingt ihnen dies häufig nur unzureichend. Aufgrund von eingeschränkter beruflicher Handlungsautonomie, hoher Fremdbestimmtheit, zahlreicher angetragener Kontrollaufgaben, die nicht mit den eigenen beruflichen Vorstellungen korrespondieren und hohem Verantwortungsdruck mag nicht erstaunen, dass sich auch SozialarbeiterInnen Verhaltensweisen bedienen, die Reaktanzphänomenen gleichen — Fachkräfte „...suchen bsp ! . Schlupflöcher, verzögern unbeliebte Aufträge, fhren diese nur begrenzt aus und unterhöhlen o der delegieren sie." (vgl. Laub 2008a, 27). Es entstehen Gefühle der Hilflosigkeit, Frustration bis hin zur Depression und die Gefahr des Burn-Out, Meidungstechniken, Rollenumdeutungen und entsprechende Selbstdarstellungsstrategien können zur Anwendung kommen. Die SozialarbeiterInnen neigen dann dazu, das regelhafte Reaktanzverhalten der Klientel pur negativ zu besetzen und Sanktionen unter Ausschöpfung der zur Verf.gung stehenden (auch illegitimen) Machtquellen zu ergreifen. Es besteht dann — weiter gedacht — die Gefahr von Herrschaftstrukturen und/oder paternalistischen Abhängigkeitsbeziehungen (vgl. Laub 2008a, 27).

Hilfe und Kontrolle

Viele der oben geschilderten problematischen Gesichtspunkte in der Sozialen Arbeit mit PflichtklientInnen lassen sich auf einen janusköpfigen Wesenskern Sozialer Arbeit zurackführen: auf der einen Seite lässt Soziale Arbeit Individuen Hilfe und Unterstatzung angedeihen, auf der anderen Seite übt sie untrennbar in unterschiedlichen Graden und Formen Kontrolle aus, sanktioniert und überwacht die AdressatInnen, um dadurch gesellschaftliche Interessen zu verwirklichen und das Wohl aller zu fördern.

[...]


1 Graf, Friedrich Wilhelm: Moral, in: Suddeutsche Zeitung Magazin Nr. 25, 20.06.2008.

2 Eine Studie von Harro Kähler zeigt, dass Klientlnnen nur selten freiwilligen Kontakt zu Sozialarbeiterinnen aufnehmen und 30% der untersuchten Einrichtungen einen gesetzlich geregelten Zugang aufweisen (vgl. Kähler 2005, 15-35)

3 In Umkehr der Charakteristika einer freiwilligen Klientschaft. Vgl. hierzu Lüssi 1998, 103-106.

4 Vgl. dazu die Brehm, Jack W.: Theory of the psychological reactance. New York 1966.

5 Bspw. Einhaltung aller Formalia der Hilfe bei gleichzeitiger Untergrabung des eigentlichen „Geistes" oder Ablenkung von den relevanten Problembereichen durch inszenierte Eskalationen in unbedeutenderen Lebensbereichen (vgl. Laub 2008a, 26; Laub 2008b, 12-14).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Demokratie und Personalität - Ethische Grundlagen für die Soziale Arbeit mit PflichtklientInnen
Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V136383
ISBN (eBook)
9783640447190
ISBN (Buch)
9783640446797
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Independent Study im Weiterbildungssstudiengang Master of Social Work.
Schlagworte
Demokratie, Personalität, Ethische, Grundlagen, Soziale, Arbeit, PflichtklientInnen
Arbeit zitieren
Dipl.-Sozialpäd. (FH) Matthias Laub (Autor), 2008, Demokratie und Personalität - Ethische Grundlagen für die Soziale Arbeit mit PflichtklientInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136383

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