„Das Neue fängt mit der Destruktion des Gegebenen an.“1
Mit jenem Satz aus der Rede H. Krapps zur Verleihung des Büchnerpreises an Heiner Müller
1985 könnte man das Werk Georg Büchners und Heiner Müllers überschreiben. Beide sind
Autoren, die in einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen lebten und arbeiteten,
und die die Eindrücke ihrer Zeit in ihrem literarischen Werk, auch gegen die Widerstände
der Staatsmacht, kritisch verarbeiteten.
Eine skeptische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wirft Fragen auf:
nach (politischer) Macht, Verantwortung, Feind- und Opferbildern, nach dem Geschichtsverständnis,
nach revolutionären Ideen, nach aktivem und literarischem Protest.
Wie die unterschiedlichen Tendenzen in der Büchnerforschung zeigen, entspringen die
Deutungsversuche häufig dem Wunsch, die verschiedenen Phasen undThemen des Schreibens
und die Persönlichkeit des Autors als in sich konsistente und einheitliche Abfolge „mit dem
Schema eines Entwicklungsromans“2 darstellen zu wollen. Inwieweit dies jedoch generell, und
auch aufgrund des Mangels an Dokumenten sowie der Möglichkeit einer sicheren zeitlichen
Einordnung überhaupt möglich ist, bleibt fraglich.
Eine einheitliche Tendenz im Werk Heiner Müllers hingegen ist aufgrund der Vielfalt und
Vielseitigkeit seiner Texte schwer fassbar zu machen.
Dennoch ist sowohl im Leben als auch im Werk beider Autoren die ständige Auseinandersetzung
mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, der Geschichte und dem Umsturz
der bestehenden Ordnung, der Revolution, sichtbar. Eine Beschäftigung mit der Vergangenheit
veranlasste möglicherweise auch die erfahrene Enttäuschung von der Gegenwart und
eine zunehmend repressive Haltung der jeweiligen politischen Systeme. Ob die persönliche
und schriftstellerische Konsequenz daraus allerdings in einer fatalistischen Grundhaltung endete,
soll zu klären versucht werden.
Die Auseinandersetzung Müllers mit Georg Büchners Texten offenbart seine Überzeugung,
dass „die Wunde Woyzeck […] eine offene Wunde“3 ist, die erst dann geschlossen werden
kann, wenn das Opfer gegen seine Unterdrücker aufbegehrt. Inwieweit jene Kritik an Politik,
die bei beiden Autoren stets auch Sozialkritik bedeutet, auch im Werk sichtbar wird, soll im
Laufe der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Georg Büchner
2.1 Georg Büchner: ein Kind seiner Zeit?
2.1.1 Büchner: Abkehr von der Revolution oder konsequenter Revolutionär? – Ein Forschungsüberblick
2.1.1.1 Stimmen für Büchners Abwendung von einem radikal-revolutionären Programm
2.1.1.2 Büchner als konsequenter Revolutionär
2.1.2 Opposition zur bestehenden Ordnung
2.1.3 Politisches und revolutionäres Leben
2.1.3.1 Eindrücke der Revolution in Straßburg
2.1.3.2 Revolutionäre Aktivität in Gießen 1833/34
2.2 Danton’s Tod
2.2.1 Akteure des Stücks
2.2.1.1 Die Dantonisten: Profiteure und Opfer der Revolution zugleich
2.2.1.2 Danton
2.2.1.3 Die Robespierristen
2.2.1.4 Das Volk
2.2.2 Danton’s Tod als politisches Lehrstück?
2.2.2.1 Die Akteure als Spiegel von Büchners sozial-politischen Überzeugungen
2.2.2.1.1 Robespierre und St. Just
2.2.2.1.2 Das Volk als unbekannte Größe
2.2.2.1.3 Danton als ‚Sprachrohr Büchners‘?
2.2.2.2 Die Multiperspektivität der politischen Positionen im Drama
2.2.2.3. Ein Bruch in der einheitlichen Darstellung der Charaktere
2.2.2.4 Demaskierung des politischen Theaters statt einer eindeutigen politischen ‚Lehre‘ – Die Schauspielmetaphorik in Danton’s Tod
2.3 Woyzeck
2.3.1 Woyzeck als tiefgreifende Gesellschaftskritik
2.3.2 Die Figuren als Repräsentanten eines morbiden Klassensystems
2.3.2.1. Der Hauptmann: Das Militär als obsoletes Disziplinierungsinstrument des (Spät-)feudalismus
2.3.2.2 Der Doktor als karrieristischer Wissenschaftler und Vertreter des Frühkapitalismus
2.3.2.3 Die Figur des Woyzeck: ein Paradigma der menschlichen Unfreiheit hinter den Gittern der Gesellschaft
2.4 Werkübergreifende Aspekte
2.4.1 Die Perspektiven der Figuren in Büchners Dramen: Die Vollendung im Tode oder Mord und Totschlag als letzte Rebellion?
2.4.2 Realistische Züge im Werk Büchners
2.4.3 Büchners Werk in Konfrontation mit dem marxistischen Realismusbegriff
3. Heiner Müller
3.1 Leben und schriftstellerische Arbeit in der DDR
3.1.1 Heiner Müllers frühe Entscheidung für den Sozialismus
3.1.2 Kulturpolitik in der DDR: Der Sozialistische Realismus und seine Prinzipien
3.1.3 Vordenker Heiner Müllers: Carl Schmitt
3.2 Der Lohndrücker
3.2.1. Historisches Vorbild: Hans Garbe, ‚Held der Arbeit‘
3.2.2 Die sozialistisch-realistischen Prinzipien der DDR-Kulturpolitik im Lohndrücker
3.2.3 Das dialektische Prinzip Heiner Müllers im Lohndrücker
3.2.4 Antagonistisches Prinzip im Figurenaufbau
3.2.4.1 Balke und seine Gegenspieler
3.2.4.2 Balke
3.2.5 Der dialektische Realismus Heiner Müllers und der „Kampf zwischen Altem und Neuem“
3.2.6 Umkehrung der Werte?
3.3 Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution.
3.3.1 Motivation des Stückes, Titelgebung und Vorlagen.
3.3.2 Dramaturgie des Stückes
3.3.3 Der Auftrag als eine Absage an den Rationalismus der Französischen Revolution
3.3.4 Verlagerung der revolutionären Hoffnungen Heiner Müllers auf das Jenseits Europas
3.3.5 Der Auftrag und der Verrat – das Stück als Appell an den zweifelnden linken Intellektuellen
4. Parallelen zwischen Müller und Büchner
4.1 Weiße und schwarze Revolution
4.2 Dekonstruktion von Heroismus
4.3 Geschichtsbild und Geschichtsfatalismus
4.3.1 Georg Büchner
4.3.2 Heiner Müller
5. Schlussgedanke
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ständige Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen sowie dem Umsturz bestehender Ordnungen im Werk von Georg Büchner und Heiner Müller. Dabei wird analysiert, ob ihre jeweilige schriftstellerische Konsequenz in einer fatalistischen Grundhaltung endete oder ob sie trotz politischer Ernüchterung an einem revolutionären Programm festhielten.
- Analyse politischer Akteure in Büchners Danton’s Tod und Woyzeck
- Untersuchung der sozialistischen Kulturpolitik in der DDR und deren Einfluss auf Heiner Müller
- Dekonstruktion von Heroismus und Geschichtsfatalismus in den Dramen beider Autoren
- Vergleich der revolutionären Ansätze („weiße“ vs. „schwarze“ Revolution)
- Die Rolle des Individuums gegenüber der Geschichte und dem gesellschaftlichen System
Auszug aus dem Buch
Danton’s Tod als politisches Lehrstück?
Ob Danton’s Tod als politisches Lehrstück gesehen werden sollte, beantwortet Büchner zunächst selbst, wenn er sagt: „Der Dichter ist kein Lehrer der Moral“. Dieser könne nur Gegenstände abbilden und wieder auferstehen lassen. Die Lektion ergebe sich für jeden einzelnen unterschiedlich. Diese Aussage kann aber, wie im Folgenden noch erörtert werden soll, nur bedingt angenommen werden.
Um eine Entscheidung darüber zu fällen, ob Büchner mit Danton’s Tod eine politische Absicht verfolgt, ist zunächst zu untersuchen, welche eigenen Anschauungen Büchner die einzelnen politischen Gruppierungen im Stück selbst vertreten lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der Ausgangslage und der Forschungsfrage bezüglich der politischen Haltung von Georg Büchner und Heiner Müller.
2 Georg Büchner: Biographische und historische Einordnung von Büchner sowie eine detaillierte Analyse seiner Dramen Danton’s Tod und Woyzeck.
3 Heiner Müller: Betrachtung der kulturpolitischen Rahmenbedingungen der DDR und Analyse der Werke Der Lohndrücker und Der Auftrag.
4 Parallelen zwischen Müller und Büchner: Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten in Bezug auf Gewalt, Heroismus und das Geschichtsbild beider Autoren.
5 Schlussgedanke: Fazit über die literarische Auseinandersetzung beider Autoren mit der Geschichte und der Resignation.
Schlüsselwörter
Georg Büchner, Heiner Müller, Danton’s Tod, Woyzeck, Der Lohndrücker, Der Auftrag, Französische Revolution, DDR, Sozialistischer Realismus, Revolution, Geschichtsfatalismus, Klassensystem, Determinismus, politisches Theater, Heroismusdekonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die literarische Auseinandersetzung von Georg Büchner und Heiner Müller mit den Themen Politik, Revolution und Geschichtsbild.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die politische Radikalität, das Verhältnis des Individuums zu gesellschaftlichen Umbrüchen und die Frage nach dem Scheitern von Revolutionen.
Was ist die Forschungsfrage der Autorin?
Die Untersuchung versucht zu klären, ob die Auseinandersetzung mit den politischen Systemen bei beiden Autoren zwangsläufig in einer fatalistischen Grundhaltung endete.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturwissenschaft, die biographische Kontexte mit detaillierten Werkanalysen der Dramen verknüpft.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil behandelt Büchners Dramen Danton’s Tod und Woyzeck sowie Müllers Der Lohndrücker und Der Auftrag unter Berücksichtigung ihrer Entstehungszeit.
Was sind die wichtigsten Schlüsselwörter der Studie?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Revolution, Geschichtsfatalismus, Sozialistischer Realismus und politische Sozialkritik.
Welche Rolle spielt Carl Schmitt für Heiner Müller?
Carl Schmitt dient als Vordenker für Müller, insbesondere durch seine Theorie von Freund und Feind, die Müllers Verständnis von radikalen politischen Konflikten prägt.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen "weißer" und "schwarzer" Revolution?
Die "weiße" Revolution wird als intellektuell-theoretische Bewegung von oben beschrieben, während die "schwarze" Revolution als körperbetonter und existentieller Kampf von unten definiert wird.
- Citation du texte
- Nadia Matin (Auteur), 2008, Politik, Revolution und Geschichte bei Georg Büchner und Heiner Müller, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136474