Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, einen landschaftsplanerischen Beitrag zu liefern, der räumliche Qualitäten der Ostseeinseln Rügen, Hiddensee und Vilm aufzeigt, die für ihre Bewohner und Gäste Identität bildend und geistig erbaulich sind.
Es konnten Eigenarten von Landschaftsräumen ermittelt werden, welche der Landschaftsmalerei zur geistigen Wertschöpfung dienen. Die Identifikation dieser landschaftlichen Qualitäten gelang mit Hilfe räumlicher Analysen wie sie die historische Geographie nutzt und kunsthistorischer Auswertungen. Für planerische Zwecke konnten sie räumlich eingegrenzt werden.
Diese als spirituell zu bezeichnenden Landschaften stellen sich als Teile von Rügen und Hiddensee dar, während Vilm in seinem außergewöhnlichen Gesamteindruck als spirituelle Landschaft gelten kann. In diesen Inselräumen haben Generationen an Landschaftsmalern ihre geistige Nahrung gefunden und ein reichhaltiges Kolorit an Bildern hinterlassen.
Der Landschaftscharakter dieser Gebiete ist an Außenküstenlagen gebunden, an sandige und kuppige Hügellandschaften, die Blicke auf das Wasser zulassen, an hohe Dichten kulturhistorischen Erbes oder kontrastreiche Wechsel von Wald zu Offenland und/oder Wasserflächen. Es sind Spirituelle Landschaften, die sowohl durch naturräumliche Dynamiken gekennzeichnet sein können als auch durch anthropogene Gestaltungen.
Diese Landschaften bewahren ihren Reiz für die Landschaftsmalerei kulturepochal übergreifend und überdauern damit politische Systeme. Sie werden kulturell tradiert und in Gruppen gleichsam an Landschaft Interessierter aufgesucht und dass seit knapp 200 Jahren.
Diese Landschaften sind heute rechtlich durch Naturschutzgebiete gesichert, doch sie sind ebenso für die Kultur herausragende Beispiele immaterial-geistiger Wertschätzung durch den Menschen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Zielsetzung und Fragestellungen
1.2. Methoden und Material
2. Landschaft und kulturelles Erbe
2.1. Vom Begriff der Landschaft
2.2. Kulturlandschaft und Transformationen
2.2.1. UNESCO Cultural landscapes
2.2.2. Cultural landscape studies
2.2.3. Future landscapes
2.3. Projektionen auf Landschaften
2.3.1. Spirituelle Landschaften
2.3.2. Politische Landschaften
2.4. Vom Begriff des kulturellen Erbes
2.4.1. Materielles Kulturerbe
2.4.2. Immaterielles Kulturerbe
2.5. Spirituelle Landschaften als Kulturerbe
3. Die Kulturlandschaften Rügen, Hiddensee und Vilm
3.1. Lage und naturräumliche Gliederung im Ostseeraum
3.1.1. Die naturräumliche Gliederung der Inseln
3.1.2. Naturraumtypen und aktuelle Landnutzungen
3.2. Insellandschaften
3.2.1. Das materielle Kulturerbe der Inseln
3.2.1.1. Funktionsgruppe Siedlung
3.2.1.2. Funktionsgruppe Gewerbe
3.2.1.3. Funktionsgruppe Verkehr
3.2.1.4. Funktionsgruppe Kultur und Erholung
3.2.1.5. Funktionsgruppe Kult und Religion
3.2.2. Räumliche Verteilung kulturhistorischer Landschaftselemente
3.2.3. Dichte kulturhistorischer Landschaftselemente
3.2.4. Das immaterielle Kulturerbe der Inseln
3.2.5. Landschaftsstruktur
4. Spirituelle Landschaften auf Rügen, Hiddensee und Vilm
4.1. Hauptareale künstlerischer Aktivität
4.2. Qualifizierung spiritueller Landschaften
4.2.1. Ahemerobe Sukzession
4.2.2. Abiotische Dynamik
4.2.3. Animistische Projektionen
4.3. Landschaftsprozesse und Ressourcen
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die räumlichen Qualitäten der Inseln Rügen, Hiddensee und Vilm herauszuarbeiten, die für Bewohner und Gäste eine spirituelle, geistig erbauliche Identität stiften. Dabei wird erforscht, welche landschaftlichen Eigenarten für künstlerische Prozesse relevant sind und wie diese in den landschaftsplanerischen Diskurs integriert werden können.
- Qualifizierung von "Spirituellen Landschaften" als mentales kulturelles Erbe.
- Analyse der historischen und aktuellen Landschaftswahrnehmung durch die Landschaftsmalerei.
- GIS-gestützte Kartierung und Quantifizierung kulturhistorischer Landschaftselemente.
- Untersuchung der strukturellen Kontinuität von Landschaftsqualitäten über Kulturepochen hinweg.
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Spirituelle Landschaften
Die Konstituierung einer Kulturlandschaft erfolgt auf der kognitiven, ästhetischen und emotionalen Bewusstwerdung über einen physischen Raum. Die geistige Auseinandersetzung mit einer Landschaft schafft eine Vorstellung über diese im Kopf: „Damit ist die spirituelle Landschaft gemeint. Sie ist ein gedankliches Abbild unserer Umweltwahrnehmung. Sie ist das Bild, das wir gemacht haben, indem wir uns als Wesen in Bezug zur umgebenden realen Landschaft wahrgenommen haben. Die spirituelle Landschaft zeigt uns auch, wie wir diese reale Landschaft „erobern“ und in Besitz nehmen wollen. Unter welchem Aspekt wir dieses Handeln, das urbar machen von Landschaft sehen. Eine spirituelle Landschaft besitzt nämlich immer Ordnungssysteme und Strukturen, je nach Entwicklungsstand (dieser Begriff soll hier wertfrei gelesen werden!) des Menschen. Einmal ist die Struktur schamanistisch geprägt, einmal ist sie aufklärerisch geprägt. Das hat Einfluss darauf, wie wir unserer Natur- und Kulturlandschaft begegnen und diese gestalten“ (WOHOFSKY 2008: 10-11).
Nun könnte angenommen werden, dass Menschen sich immer ein Bild über eine Landschaft machen, egal wo sie sind und aus welchem Lebensmilieu sie kommen und deshalb per se alle Landschaften spirituell sind. Auf der Suche nach den spirituellen Landschaften der Insel Rügen wird der Begriff abweichend von dieser allgemeinen Schlussfolgerung aber in einem engeren, hier eigens definierten Sinne gebraucht:
Die spirituelle Landschaft ist und/oder war für mindestens eine Kulturepoche ein physischer Raum (Thirdspace, Kulturlandschaft) und aufgrund seiner Eigenart (Sense of place/ genius loci) für mehrere Menschen inspirierende und dauerhafte Quelle für eine geistige Tätigkeit (input der Landschaftswahrnehmung), die eine auf die Landschaft bezogene und/oder nur in ihr praktizierbare Handlung evoziert (output der Landschaftswahrnehmung), welche nicht auf eine materielle Wertschöpfung, sondern eine geistige Wertschätzung der Landschaft abzielt. Das Ergebnis dieser Landschaftsreflektion kann sich sowohl in Ritualen, Traditionen und Bräuchen niederschlagen (immateriell), als auch in Werken der Kunst und Literatur, sowie in Architektur und Bauten (materiell), die nachweislich und vorrangig als Austragungsort von Spiritualität und damit verknüpfter Handlungen im Bezug auf die sie umgebende Landschaft dienen/ dienten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Definition der spirituellen Landschaft als mentale Ressource und Vorstellung der Forschungsziele im Untersuchungsgebiet Ostseeinseln.
2. Landschaft und kulturelles Erbe: Theoretische Herleitung des Kulturerbe-Begriffs und dessen Verknüpfung mit Wahrnehmungsprozessen der Kulturlandschaft.
3. Die Kulturlandschaften Rügen, Hiddensee und Vilm: Räumliche Charakterisierung des Untersuchungsgebiets mittels GIS-Analysen von kulturhistorischen Landschaftselementen und Ökotonen.
4. Spirituelle Landschaften auf Rügen, Hiddensee und Vilm: Kunsthistorische Analyse der Landschaftsmalerei zur Identifikation spiritueller Areale und deren Qualifizierung durch landschaftsökologische Prozesse.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse zur spirituellen Bedeutung der Landschaft und Empfehlungen für den landschaftsplanerischen Schutz.
Schlüsselwörter
Spirituelle Landschaft, Kulturlandschaft, Kulturelles Erbe, Rügen, Hiddensee, Vilm, Landschaftsmalerei, Genius Loci, Landschaftsplanung, Geografisches Informationssystem, Ökotone, Landschaftswahrnehmung, Denkmalpflege, Naturraum, Sinnstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der spirituellen Landschaft als Teil des kulturellen Erbes auf den Inseln Rügen, Hiddensee und Vilm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Landschaftsplanung, die Kunstgeschichte der Landschaftsmalerei, kulturgeografische Ansätze zur Wahrnehmung von Raum sowie der Schutz des kulturellen und natürlichen Erbes.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein landschaftsplanerischer Beitrag, der räumliche Identitätsmerkmale aufzeigt, welche für Bewohner und Gäste geistig erbaulich wirken und in Planungsprozesse einfließen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert theoretische Konzepte (UNESCO-Kategorien, Cultural Landscape Studies) mit empirischen Analysen, insbesondere durch die Verschneidung von Kartierungsdaten aus GIS und kunsthistorischen Analysen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Landschaftsbegriffs, die naturräumliche Analyse der Inseln sowie die kunsthistorische Herleitung spiritueller Areale mittels Kartierung von Malmotiven.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Spirituelle Landschaft, Kulturlandschaft, Rügen, Hiddensee, Vilm, Landschaftsmalerei und Genius Loci.
Inwieweit spielt die Landschaftsmalerei eine Rolle?
Die Malerei dient als Nachweis für die kontinuierliche spirituelle Wertschätzung bestimmter Landschaftsausschnitte über einen Zeitraum von etwa 200 Jahren.
Wie unterscheidet sich diese Arbeit vom gängigen Naturschutz?
Die Arbeit erweitert den Fokus des Naturschutzes um die immaterielle Dimension der "geistigen Wertschöpfung" durch den Menschen, statt sich nur auf biologische oder ökonomische Produktivität zu beschränken.
Welche Rolle spielen die Inseln Rügen, Hiddensee und Vilm?
Sie dienen als konkrete Fallstudien, da sie einerseits eine ausgeprägte Tradition in der Landschaftsmalerei aufweisen und andererseits durch ihre naturräumliche Vielfalt ein breites Spektrum an "kulturlandschaftlichen" Szenarien bieten.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung für die Insel Vilm?
Vilm wird aufgrund seines außergewöhnlichen, durch Prozessschutz ungestörten Gesamteindrucks als eine der bedeutendsten spirituellen Landschaften der Region herausgestellt.
- Citation du texte
- Oliver Thaßler (Auteur), 2009, Spirituelle Landschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136484