Die vorliegende Hausarbeit wird sich mit dem Motiv des Kindsmords in Goethes "Faust. Der Tragödie Erster Teil" beschäftigen. Hierbei werden zuerst eine kurze Darstellung der historischen Wirklichkeit, bezüglich des Kindsmordes zur Goethezeit, und die differenziert verarbeiteten Werke, die in dieser Zeit entstanden sind, miteinander verglichen. Daraus resultierend wird aufgezeigt, wie die Kindsmordproblematik in der Literatur aufgegriffen und zu ihren Gunsten verwendet wurde. Hierzu wird ebenso die Rechtsgrundlage zu der Entstehungszeit des Werkes beleuchtet, um aus dieser ein besseres Verständnis für die Reaktion durch die Literatur hervorzurufen.
Die Fragestellung lautet wie folgt: Welche Bedeutung haben die lückenhafte Darstellung der Kindsmordthematik und die Hinführung zu dieser in Goethes "Faust" für das Gesamtwerk und wie lassen sich diese begründen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Kindsmord in historisch-sozialer Realität und literarischer Wirklichkeit
2.1 Die historische Wirklichkeit des Kindsmordes
2.2 Die literarische Tradition
3. Präzise Textanalyse in Goethes „Faust“ in Bezug auf den Kindsmord
4. Einbezug von Forschungsliteratur
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Kindsmordmotiv in Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie Erster Teil“. Dabei wird analysiert, wie trotz zahlreicher Aussparungen und einer unterschwelligen Informationsvergabe das Thema für das Gesamtwerk eine zentrale Bedeutung erlangt und wie Goethe seine Rezipienten aktiv in den Prozess der Bedeutungsbildung einbindet.
- Vergleich zwischen historischer Kindsmord-Realität im 18. Jahrhundert und literarischer Verarbeitung.
- Analyse der spezifischen Dramaturgie Goethes hinsichtlich Informationsvergabe durch Leerstellen und Andeutungen.
- Untersuchung der sozialen Funktion des Kindsmordmotivs in Werken der Sturm-und-Drang-Epoche.
- Erläuterung der Rolle von Nebenfiguren als Spiegel der zeitgenössischen Gesellschaft bei der Thematisierung von Scham und Schuld.
Auszug aus dem Buch
3. Präzise Textanalyse in Goethes „Faust“ in Bezug auf den Kindsmord
Nach dem die historische Wirklichkeit des Kindsmords und die literarische Darstellung des Kindsmordmotivs dargestellt worden sind, soll dieses Kapitel explizit die literarische Umsetzung des Motivs in Goethes Faust. Der Tragödie Erster Teil untersucht werden. Exemplarisch werden in diesem Teil ausgewählte Szenen beleuchtet und analysiert, um aufzuzeigen, wo Rezipienten explizite Hinweise erhalten, welche dramatische Entwicklung Gretchen durchmachen musste, ehe sie in der letzten Szene erfahren, dass sie ihr eigenes Kind getötet hat. Für die meisten Rezipienten werden die Verse „Meine Mutter habe ich umgebracht, Mein Kind habe ich ertränkt!“ die wohl relevantesten für die Kindsmordthematik sein. Wobei dem aufmerksameren Leser bereits zu einem früheren Zeitpunkt bewusst gewesen sein mag, dass die Geschichte um Gretchen kein glückliches Ende nehmen wird. Eine Chronologie dieser Ereignisse soll in diesem Kapitel folgen.
Auch wenn die präzise Textanalyse nach Stellen im Text suchen wird, die das Kindsmordmotiv anschneiden, so scheint es mir wichtig, jeweils einen kurzen zusammenfassenden Abschnitt zu verfassen, um die genauere Ortung des aktuellen Standes im Buch zu rekonstruieren. Es steht außer Frage, dass die Zusammenhänge nur dann mit Sinn gefüllt werden können, wenn wenigstens die wichtigsten Charakteristika der handelnden Figuren aufgezeigt werden. Ähnlichkeiten zu den Werken aus dem vorigen Kapitel finden sich zwangsläufig durch die Darstellung bestimmter Figuren. Diese Nebenfiguren dienen vorrangig dazu, die zeitgenössische Gesellschaft abzubilden. Hierzu gehören zweifelsfrei Marthe Schwerdtlein, Lieschen, Bärbelchen, Gretchens Mutter und Gretchens Bruder Valentin.
In der Gretchentragödie konzentriert sich Goethe auf die Wunden, die die ungewollte Schwangerschaft Gretchens in ihrer Seele hinterließ. Ihre Ängste, Nöte und Sorgen erschüttern den Rezipienten hier mehr, als es die nüchternen Fakten der Tat tun würden. Für Faust ist sie bloß eine Episode in seinem Drang nach Lebensgenuss und Welterkenntnis. Gretchen jedoch liebt Faust selbstlos und gibt sich ihm hin. Die damit verbundene Schuld und ihre Folgen muss sie allein tragen, ähnlich wie die Kindsmörderinnen in den bisher aufgezeigten Werken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt den Rahmen der Untersuchung ab, indem sie auf die Diskrepanz zwischen historischer Realität und literarischer Fiktion hinweist und die zentrale Forschungsfrage nach der Bedeutung der lückenhaften Kindsmord-Darstellung in „Faust“ formuliert.
2. Der Kindsmord in historisch-sozialer Realität und literarischer Wirklichkeit: Dieses Kapitel vergleicht die sozialhistorischen Fakten des Kindsmordes mit dessen literarischer Tradition in Werken der Epoche, wobei insbesondere die Rolle des Vaters oder der männlichen Umgebung als Repräsentanten gesellschaftlichen Drucks hervorgehoben wird.
3. Präzise Textanalyse in Goethes „Faust“ in Bezug auf den Kindsmord: Anhand ausgewählter Schlüsselszenen wird die Entwicklung Gretchens nachgezeichnet und aufgezeigt, wie Goethe das Motiv durch Andeutungen und das bewusste Auslassen von Informationen strategisch in den Handlungsverlauf einfließen lässt.
4. Einbezug von Forschungsliteratur: Dieses Kapitel verdeutlicht das für die damalige Zeit neuartige Theaterkonzept Goethes, das den Zuschauer zum aktiven Mitdenken anregt und somit die Basis für eine moderne Form der Dramaturgie bildet.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Goethe durch seine „Bewusstseinsdramaturgie“ und den spielerischen Umgang mit Leerstellen seiner Epoche weit voraus war und somit die Einzigartigkeit seines Werkes für die Weltliteratur begründete.
Schlüsselwörter
Kindsmord, Goethes Faust, Gretchen, Literarische Tradition, Gesellschaftskritik, Leerstellen, Dramenanalyse, Sturm und Drang, Schuld, Scham, Rezeptionsästhetik, Aufklärung, Dramaturgie, Informationsvergabe, Handlungsverlauf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Kindsmordmotiv in Goethes „Faust. Der Tragödie Erster Teil“ und vergleicht dieses mit historischen Fakten sowie anderen literarischen Werken der Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis von historischer Wahrheit zu literarischer Fiktion, die Rolle des gesellschaftlichen Drucks auf Frauen im 18. Jahrhundert sowie die Dramaturgie der Informationsvergabe bei Goethe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, welche dramaturgische Bedeutung die lückenhafte Darstellung des Kindsmordes für das Gesamtwerk hat und wie Goethe diese Lücken einsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine präzise Textanalyse der „Faust“-Szenen in Kombination mit einem historisch-vergleichenden Ansatz, der durch Forschungsliteratur (insbesondere zu Ulbricht, Buck und Schößler) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-soziale Kontextualisierung, eine Übersicht über die literarische Tradition, eine detaillierte textanalytische Untersuchung von Szenen wie „Marthens Garten“ oder „Am Brunnen“ sowie eine Reflexion der Vermittlungsinstanzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kindsmord, Leerstellen, Rezeptionsästhetik, Gesellschaftskritik, Gretchen-Tragödie und Dramenanalyse.
Inwiefern unterscheidet sich Goethes Vorgehen von Zeitgenossen wie Wagner?
Während zeitgenössische Autoren das Kindsmordmotiv meist explizit in den Vordergrund stellen, arbeitet Goethe unterschwellig mit Andeutungen und Leerstellen, um die Fantasie und das aktive Mitdenken des Publikums zu fordern.
Welche Rolle spielt die Figur des Bruders Valentin in diesem Zusammenhang?
Valentin fungiert als eine Art Ersatzvater, der die Familienehre gegenüber Gretchen verteidigt, und dient Goethe dazu, den immensen sozialen Druck, unter dem Gretchen steht, zu verdeutlichen.
Warum konnte das Motiv des Kindsmordes zur Entstehungszeit des Werkes kaum offen präsentiert werden?
Grund hierfür waren die existierenden Vorstellungen von Theater als öffentlichem Ereignis sowie die strenge Zensur, die eine solch explizite Darstellung des Vergehens und der daraus folgenden Hinrichtung auf der Bühne erschwerte.
- Arbeit zitieren
- Sakir Takak (Autor:in), 2020, Die Kindsmordproblematik in Goethes "Faust. Der Tragödie Erster Teil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1365549