Die Debatte um Christa Wolf


Seminararbeit, 2006

34 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Biografisches zu Christa Wolf

2. „Die Debatte um Christa Wolf“ oder „Der erste Literaturstreit im vereinigten Deutschland“ (bearbeitet von Astrid Kleinfeldt)
2.1. Vorgeschichte des Streits (1987)
2.2. Initiation des Streits (1989)
2.3. Eskalation des Streits (1990)
2.4. Reaktionen von Christa Wolf (1987-1991)

3. Die zweite Debatte um Christa Wolf (bearbeitet von Sabine Mische)
3.1. Initiation der zweiten Debatte
3.2. Die Akte von Christa Wolf
3.3. Medienreaktionen auf Christa Wolfs Stasi-Vorgang
3.4. Reaktionen anlässlich des Geschwister-Scholl-Preises
3.5. Reaktionen von Christa Wolf in der zweiten Debatte

Fazit

Literatur

Anhang

Einleitung

Die zugrunde liegende Ausarbeitung mit dem Thema „Die Debatte um Christa Wolf“ gliedert sich in das Seminarthema „Nationale Identität in der deutschen Literatur nach 1989/90“ ein. Schriftsteller wurden und werden immer wieder von der Öffentlichkeit in ihrer Rolle hinterfragt. So zeigt es auch die derzeit aktuelle Diskussion um den angesehenen Schriftsteller Günter Grass. In seinem autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ hat Grass eingestanden, bei der Waffen-SS gedient zu haben, obwohl er sich bisher lediglich als Flakhelfer dargestellt hatte. Grass hat mit seinem öffentlichen Eingeständnis eine Debatte über Verdrängung und Selbst-gerechtigkeit in die Wege geleitet. Laut dem Magazin Spiegel hat die moralische Autorität des Literaturnobelpreisträgers dadurch Schaden genommen. Zentrale Streitpunkte der Debatte sind der Zeitpunkt des Bekenntnisses von Grass, sein jahrelanges Schweigen über seine tatsächliche Mitwirkung während der NS-Zeit und der Vorwurf an Grass, sein Eingeständnis gezielt als PR-Kampagne für sein neues Buch einzusetzen. Zudem findet eine neue Betrachtung und Bewertung seines Werks vor dem H intergrund seines Geständnisses statt.1 Die derzeitige Diskussion um Günter Grass zeigt deutliche Parallelen zu der Debatte um Christa Wolf zur Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands und in den Nachwendejahren. Im so genannten deutsch-deutschen Literaturstreit entfachte sich um die renommierte Schriftstellerin Christa Wolf eine hartnäckige Debatte, die sich über mehrere Jahre hinzog und immer wieder neu aufflammte. Ein Unterschied zur Debatte um Grass besteht in der zeitgeschichtlichen Einordnung: während die Debatte um Christa Wolf deren Verhalten gegenüber dem DDR-Regime diskutiert, erörtert die Grass-D ebatte sein Verhalten gegenüber beziehungsweise unter dem NS-Regime. Beide Debatten haben jedoch die kritische Beurteilung eines Schriftstellers bezüglich seines Verhaltens in einem diktatorischen System gemein.

Christa Wolf, bis zum Ausbruch der Diskussionen eine in beiden deutschen Staaten hoch angesehene Literatin, wurde in der Debatte einer scharfen Kritik unterzogen. In der vorliegenden Arbeit geht es darum, die zentralen Aspekte der Debatte um Christa Wolf herauszustellen und dem Leser vielfältige Betrachtungsweisen des Themas zu eröffnen. Um dies zu erreichen, beginnt die Darstellung mit biographischen Angaben zur Autorin und ihrem Werk. Daran schließt sich der Hauptteil der Arbeit an, der aus zwei Teilen besteht. Der erste thematisiert die erste Debatte um Christa Wolf beziehungsweise den ersten gesamtdeutschen Literaturstreit, welcher durch die Veröffentlichung der Wolf-Erzählung „Was bleibt?“ 1990 ausgelöst wurde. Der zweite Teil befasst sich mit der 1993er Debatte um die Autorin, ausgelöst durch die Veröffentlichung ihrer Stasi-Akte. In der streitbaren Akte wurde Christa Wolf als Informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit geführt. Abschließend soll vor dem Hintergrund der Debatte um Christa Wolf hinterfragt werden, inwiefern von einer gemeinsamen nationalen Identität in der deutsch-deutschen Wendeliteratur die Rede sein kann und ob sich der Literaturstreit eventuell darauf ausgewirkt hat.

1. Biografisches zu Christa Wolf

Christa Wolf wird 1929 geboren und wächst mit ihrem jüngeren Bruder in Landsberg an der Warthe auf, welches im heutigen Polen liegt. „Ich war ein gut erzogenes, aber aufmüpfiges Ki nd“2 sagt sie später. I hre Eltern betreiben dort ein Lebensmittelgeschäft. Am Kriegsende flieht die Familie nach Mecklenburg. 1949 legt Christa Wolf in Thüringen ihr Abitur ab und tritt in die SED ein.3 Von 1949 bis 1953 studiert sie Germanistik, 1951 heiratet sie den Schriftsteller Gerhard Wolf und bringt 1952 ihre erste Tochter zur Welt, vier Jahre darauf die zweite. Von 1953 bis 1959 arbeitet Christa Wolf als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, ab 1955 (bis 1977) ist sie sogar Mitglied im Vorstand. 1958 wird Wolf außerdem Cheflektorin im Verlag Neues Leben; von 1958-1959 ist sie Redakteurin der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur. In dieser Zeit nimmt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erstmals Kontakt zu Christa Wolf auf, woraufhin sie bis 1962 in dessen Akten als „GI“ (Geheime Informatorin) geführt wird.4

1961 wird ihr erstes Prosawerk „Moskauer Novelle“ veröffentlicht. Es findet in der DDR große Beachtung (Auszeichnung mit dem Kunstpreis der Stadt Halle), wird jedoch in der Bundesrepublik nicht veröffentlicht.5 1962 lässt sie sich als freie Schriftstellerin in der Nähe von Berlin nieder. 1963 erscheint ihr erster Roman „Der geteilte Himmel“, der sich mit der Problematik des geteilten Deutschlands auseinandersetzt. Noch im selben Jahr wird Wolf dafür mit dem Heinrich-Mann-Preis sowie mit dem N ationalpreis III. Klasse für Kunst und Literatur ausgezeichnet, ein Jahr später wird die Geschichte verfilmt und macht sie auch in der Bundesrepublik bekannt. Ab 1963 ist sie Kandidatin des Zentralkomitees der SED, aus dem sie 1967 nach einer kritischen Rede ausscheidet. Bereits 1965 hatte sie sich auf einem ZK-Plenum als einzige Rednerin gegen eine neue restriktive Kulturpolitik ausgesprochen, woraufhin weitere Konflikte mit dem SED-Machtapparat folgten.6 Ein Film, den sie zusammen mit ihrem Mann und dem Regisseur Konrad Wolf gemacht hat, wird zensiert und nicht fertig gestellt. Als 1968 ihr zweiter Roman „Nachdenken über Christa T.“ erscheint, wird er zunächst verboten, dann aber in kleiner Auflage gedruckt. Das Buch handelt von der Entfaltung einer individuellen Persönlichkeit innerhalb einer auf Produktivität und Massennormen ausgerichteten sozialistischen Gesellschaft.7 Es wird Gegenstand heftiger kritischer Debatten, da es die „subjektive Authentizität“ betont und leitet eine neue Richtung in der D DR-Literatur ein. Therese Hörnigk bezeichnet es später als eines der Signalbücher jener Zeit.8 Ebenfalls im Jahr 1968 verweigert Wolf ihre Unterschrift unter eine zustimmende Resolution des Schriftstellerverbandes zum Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag. Im Februar 1969 beschließt das MfS das Anlegen eines Operativen Vorgangs (OV) mit der Bezeichnung „D oppelzüngler“ gegen das Ehepaar Wolf9, weil sie „mit konspirativen Mitteln [versuchen], eine Liberalisierung des Kulturschaffens zu erreichen und gegen die Kulturpolitik von Partei und Regierung der DD R tätig zu werden.“10 Ziel des Operativen Vorgangs ist der Nachweis der staatsfeindlichen Tätigkeit, des Weiteren ist davon die Rede, dass die Wolfs teilweise mehrfach auf parteilicher und strafrechtlicher Ebene zur Verantwortung gezogen wurden, jedoch ihre Positionen nicht aufgegeben hätten.11

1972 erscheint der Essayband „Lesen und Schreiben“ im Aufbau Verlag. Das Erscheinen des Bandes wurde 1969 durch den Mitteldeutschen Verlag, in dem Wolfs Werke bis dato erschienen waren, verhindert.12 1974 wird Christa Wolf in die Akademie der Künste der DDR aufgenommen, ab 1981 ist sie ebenfalls Mitglied der gleichnamigen Akademie in West-Berlin. Als 1976 der Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wird, gehören die Wolfs zu den Initiatoren einer umgehenden Protesterklärung gegen seine Ausbürgerung.13 Die Protestresolution gaben sie an die DDR-Nachrichtenagentur ADN, an die französische Nachrichtenagentur AFP sowie an die internationale Nachrichtenagentur Reuters.14 Viele andere Künstler und DDR-Bürger unterzeichnen ebenfalls den Protest. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Resolution beginnen die Repressionen gegen Unterzeichner und Sympathisanten: Ausschluss aus der SED (z.B. Gerhard Wolf, Jurek Becker, Sarah Kirsch), Verhängung von SED-Parteistrafen und Ausspruch „Strenger Rügen“ (z.B. Christa Wolf, Stephan Hermlin), Verschärfung der Überwachung durch die Staatssicherheit (Stasi), gezieltes Streuen von Gerüchten (z.B. dass einige Unterzeichner ihre Unterschrift im Nachhinein zurückgezogen hätten).15 Das Ehepaar Wolf erfährt fortan Gegenkampagnen, Disziplinierungs-maßnahmen und eine demonstrative Überwachung durch die Stasi.16 Letztere verarbeitet Christa Wolf unter anderem in ihrer umstrittenen Erzählung „Was bleibt“ (geschrieben 1979, überarbeitet und erschienen 1990), die als Auslöser für die heftige (Literatur-)Debatte, die 1989/90 im sich vereinigenden Deutschland um ihre Person geführt wurde, gilt. In ihrem Ende 1976 erscheinenden Buch „Kindheitsmuster“ befasst sie sich mit der Geschichte ihrer Generation, den Erinnerungen an das Dritte Reich, um die Ursachen gegenwärtiger Verhaltens-und Denkmuster bloßzulegen.17 In den folgenden Romanen „Kein Ort. N irgends“ (1977) und „Kassandra“ (1983) geht es einerseits um den Zusammenhang gesellschaftlicher Verzweiflung und dem Scheitern in der Literatur, und andererseits um die Darstellung des Geschlechterkonfliktes und der Gefährdung des Friedens durch einen patriarchalisch strukturierten Staat. Obwohl Wolf wegen ihrer von der offiziellen Linie abweichenden Meinungen und Aktionen seit 1968 demonstrativ von dem MfS überwacht wird, darf sie zu Tagungen und längeren Aufenthalten in den Westen reisen (z.B. Gastprofessorin Oberlin College, Ohio, USA; Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Leserreise nach Paris, etc.), um Vorträge zu halten oder Preise entgegenzunehmen.18 Trotz ihrer Enttäuschung und Kritik am SED-Staat wollte Wolf keine Ausbürgerung provozieren; stattdessen zog sie sich weitestgehend aus offiziellen Gremien und Tätigkeiten zurück, um schreibend „den Wurzeln der Widersprüche nachzugehen, in denen unsere Zivilisation (...) steckt.“19. Sie glaube nicht, „daß Literatur auf zentrale politische Entscheidungen einen wesentlichen Einfluß hat. Aber es gibt ja den merkwürdigen psychologischen Mechanismus der Verdrängung und Milderung von Einsichten (...), es gibt die Zähigkeit von Hoffnung.“20. In diesem Sinne ist wohl auch ihr später Austritt aus der SED im Juni 1989 zu deuten. Zusammen mit anderen Schriftstellerkollegen verfasste sie im November desselben Jahres den Aufruf „Für unser Land“, in dem sie sich für die Weiterexistenz der DDR und gegen eine "Vereinnahmung" durch die Bundesrepublik einsetzt. Später bezeichnete sie diese Haltung als naiv.

Zu Beginn der neunziger Jahre war Christa Wolf scharfen Angriffen ausgesetzt und wurde - vor allem von westdeutschen Kritikern und Journalisten – als „Staatsdichterin“ der DDR verleumdet. Auslöser für diese Angriffe war das Erscheinen des Bandes „Was bleibt“ im Jahr 1990, in dem sie ihre eigene Stasi-Überwachung sowie ihr eigenes Verhalten reflektiert. Man warf ihr Heuchelei vor, besonders als 1993 herauskam, dass sie selbst „I M“ (inoffizielle Mitarbeiterin) der Stasi war beziehungsweise als solche geführt wurde. Trotz und gerade wegen dieser Schwierigkeiten schrieb Christa Wolf weiter, veröffentlichte den Roman Medea (1996), die Erzählungsbände

L eibhaftig (2003) und M i t anderem Blick (2005) sowie ihre Tagebucheintragungen von 1960 bis 2000 Ein Tag im Jahr (2003).21 2002 wurde Christa Wolf, neben Günter Grass wohl Deutschlands anerkannteste Schriftstellerpersönlichkeit, mit dem erstmals verliehenen Deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, weil sie sich „mutig in die großen Debatten der D DR und des wiedervereinigten Deutschland eingemischt“ 22 habe, so die Jury.

2. „Die Debatte um Christa Wolf“ oder „Der erste Literaturstreit im vereinigten Deutschland“

Als im Juni 1990 Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“ erschien, entzündete sich daran ein Literaturstreit, der ursprünglich im westdeutschen Feuilleton entfacht wurde, jedoch bald auch auf den politischen Seiten der Zeitungen diskutiert wurde. Der Streit fand eine große öffentliche Aufmerksamkeit und seine Resonanz reichte über deutsche und europäische Grenzen hinaus. Es berichteten die französische Le Monde, der britische Observer und sogar die N ew York Times. In der 1990er Jahreschronik der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) findet sich eine Zusammenfassung: Am 10. Juni 1990 treffen sich auf Einladung der Bertelsmann-Stiftung ost- und westdeutsche Schriftsteller (u.a. Christa Wolf und Stefan Heym), Politiker (u.a. der ehemalige stellvertretende DDR-Kulturminister) und Journalisten.23 Im Mittelpunkt der Debatte steht die Angst vor dem Verlust literarischer Eigenständigkeit und vor dem westlichen Kulturbetrieb.24 Des Weiteren ging es um die Frage, ob die führenden D D R-Schriftsteller eine so genannte „Stillhalteliteratur“ geschrieben hatten, die zwar geringe Kritik übte, aber trotz allem den Staat und seine undemokratische Gesellschaftsordnung stabilisierte. Scharfe Vorwürfe richteten sich vor allem gegen Christa Wolf und Stephan Hermlin, die sich angeblich nicht genug gegen die Verfolgung kritischer Autoren zur Zeit des SED-Regimes ausgesprochen hätten, sich nun aber, nach dem Zusammenbruch des Systems, als Opfer und Widerstandskämpfer darstellen würden.25 Günter Grass und einige andere westliche Intellektuelle waren der Meinung, dass es westlichen Kritikern nicht zustehe, sich in die Vergangenheitsbewältigung der ehemaligen DD R einzumischen.26 Daraufhin entbrennt ein heftiger Streit, der während des ganzen Jahres in den deutschen Zeitungen ausgetragen wird. Bereits aus dieser knappen Schilderung der Ereignisse wird deutlich, dass es in dieser Debatte nicht um die Person Christa Wolf oder ihre Erzählung „Was bleibt“ geht, letztere diente nur als Anlass für einen Streit, in dem es „nicht um die Literatur [geht], sondern um eine exemplarische Abrechnung mit exemplarischen Lebensläufen. Die Schriftsteller sind Stellvertreter.“27 Zumindest ging es in diesem Literaturstreit um weit mehr als nur Literatur; seine Heftigkeit liegt in den politischen Ereignissen des Jahres 1989 und der damit verbundenen Umbruch- und Aufbruchstimmung begründet. In dem Streit ging es anfangs um die literarische Qualität der Wolf-Werke, bald um die literarische Qualität der gesamten DD R-Literatur. Die moralische Integrität der Christa Wolf wurde in Frage gestellt; es wurde über linksintellektuelle Positionen und über die politische und moralische Verantwortung von Schriftstellern und deren Literatur debattiert. Ferner ging es um die Vergleichbarkeit des nationalsozialistischen Regimes mit dem D DR-Regime, dem „zweiten totalitären Sündenfall“ in der jüngeren deutschen Geschichte28.

Warum aber entzündete sich gerade an der Autorin Christa Wolf und ihrer Erzählung „Was bleibt“ ein derartiger Streit? Zunächst einmal nahmen die Kritiker Christa Wolfs Anstoß daran, dass die Erzählung, die am 5. Juni 1990 im Buchhandel erschien, bereits 1979 verfasst worden war, jedoch von der Schriftstellerin im November 1989 überarbeitet und erst dann zur Veröffentlichung gebracht wurde. In der Erzählung geht es um einen Tag im Leben einer Schriftstellerin in der D D R, die von Beamten der Staatssicherheit demonstrativ observiert wird. Die Protagonistin weist eine sehr große Ähnlichkeit mit Christa Wolf auf. Hinzu kam dass es nun, nachdem der totalitäre SED-Staat untergegangen war und es, ähnlich der Situation nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, vorteilhaft war, Gegner oder Opfer des Systems gewesen zu sein, nicht jedoch Mitläufer oder gar Verantwortlicher.29 Wolfs Kritiker interpretierten den Text deshalb als einen Versuch der Autorin, sich den neuen politischen und gesellschaftlichen Umständen anzupassen und ihre eigene Vergangenheit in günstiges Licht zu rücken.30 Bis zu diesem Zeitpunkt war Christa Wolf von der westdeutschen Literaturkritik stets mit größtem Respekt behandelt worden, nun aber sprach man ihrer Person die moralische Integrität und ihrem Werk die literarische Qualität ab.31 Durch den gnadenlosen Umgang mit der Schriftstellerin sahen viele die Befürchtung bestätigt, dass die BRD die ehemalige DDR mit der Selbstherrlichkeit einer Siegermacht kulturell deklassieren, vereinnahmen und um eine eigenständige Identität bringen würde.32

Dass Christa Wolf und ihre Erzählung von Anfang an wenig geeignete Angriffsobjekte waren, um das Versagen ostdeutscher Intellektueller gegenüber dem totalitären SED-Regime und ihr anschließendes Salvierungsverhalten und deshalb Drückebergertum hinsichtlich ihrer Rolle im SED-Staat aufzuzeigen, beweist eine genauere Betrachtung des Textes. Wenn man die Verfasserin und die Protagonistin der Erzählung schon gleichsetzen möchte, dann muss man feststellen, dass gerade sie sich sehr mit der Aufarbeitung der Vergangenheit befasst. Warum ihr literarischer und politischer Widerstand ein gewisses Ausmaß nicht überschreitet, hat sie selbst genau beschrieben, analysiert und kritisiert. Als Figur, mit der eine Autorin sich nachträglich als Opfer der Staatssicherheit darstellen könnte, eignet sich die privilegierte Protagonistin, der die niederste Stufe der Observation, die demonstrative Überwachung zugeteilt ist, überhaupt nicht.33 Sofern Christa Wolf sich hier selbst darstellte, dann als eingeschüchterte, ängstliche, übervorsichtige, konfliktscheue Person, die den Mut der anderen bewundert und ihre eigene Mutlosigkeit kritisiert. Christa Wolf hat während der Ereignisse 1989 und 1990, aber auch schon vorher stets auf kritische Selbstbefragung gedrungen. Ihre Worte vom 28. Oktober 1989 in der Leipziger Erlöserkirche belegen dies:

„Wir müssen unsere eigenen ‚Schwierigkeiten mit der Wahrheit’ untersuchen und werden finden, daß auch wir Anlaß haben zu Reue und Scham. Wir wollen uns doch nicht täuschen lassen: Ehe die Erneuerung unserer Gesellschaft nicht in die Tiefe von Selbstbefragung und Selbstkritik eines jeden einzelnen vorgedrungen ist, bleibt sie symptombezogen, mißbrauchbar und gefährdet.“ 34.

In diesem Sinne kann und sollte ihre im darauf folgenden Monat überarbeitete Erzählung „Was bleibt“ interpretiert werden.

Christa Wolfs Person und Werk war also die falsche Adresse für Kritik an DDR-I ntellektuellen und gerade deshalb eignete sie sich am besten zur Eröffnung der Auseinandersetzungen. Nur Angriffe auf Christa Wolf, die renommierteste Schriftstellerin der ehemaligen D D R, konnten derart engagierte Gegenreaktionen von Verteidigern hervorrufen, gerade weil sie in ständigem Konflikt mit dem SED-Staat stand und eben nicht, weil sie ihn repräsentierte.35 Trotz allem gäbe es für die Angriffe auf ihre Person eine Rechtfertigung: Als Schriftstellerin sei sie eine Person des öffentlichen Lebens und somit legitimer Gegenstand literarischer Kontroversen, argumentiert der Literaturwissenschaftler Dieter Lamping36.37 Deshalb sei es nicht angebracht, von einer „Hetzkampagne“ oder einer „H exenjagd“ zu sprechen, wie Christa Wolfs Verteidiger und sie selbst es taten, schlussfolgert Thomas Anz38. Die zum Teil polemischen Attacken gegen sie blieben frei von Indiskretionen über ihr Privatleben und zielten von Anfang an auf mehr als nur ihre Person.

[...]


1 Vgl. Der Spiegel: „Fehlbar und verstrickt“, N r. 34, 21.08.2006,S. 46-66.

2 Vgl. Böthig, Peter (Hg.): Christa Wolf. Eine Biographie in Bildern und Texten. Luchterhand Verlag, München, 2004. S. 9.

3 Vgl. Böthig, S. 24.

4 Vgl. Böthig, S. 44.

5 Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/WolfChrista/, 03.09.2006.

6 Vgl. http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/c hrista-wolf/, 03.09.2006.

7 ebd.

8 Vgl. Hörnigk, Therese: Christa Wolf. Steidl, Göttingen, 1989. S. 132.

9 Vgl. Böthig, S. 76/77.

10 Böthig, S. 77.

11 Vgl. Böthig, S. 77.

12 Vgl. Böthig, S. 82.

13 Weitere Erstunterzeichner der Petition: Jurek Becker, Sarah Kirsch, Volker Braun, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Günter Kunert, Heiner Müller u.a., Vgl. Böthig, S. 107.

14 Vgl. Böthig, S. 107.

15 Vgl. Böthig, S. 108.

16 Vgl. Böthig, S. 68.

17 Vgl. http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/c hrista-wolf/, 03.09.2006.

18 Vgl. Böthig, S. 110.

19 Böthig, S. 141.

20 ebd.

21 Vgl. Böthig, S. 176ff.

22 http://www.boersenverein.de/de/64712?skip_val=24&list_id=64569&jahr=2002&aktuell=, 03.09.2006.

23 Vgl. Anz, Thomas (Hg.): Es geht nicht um Christa Wolf. D er Literaturstreit im vereinten Deutschland. edition spangenberg, München, 1991. S. 7.

24 Vgl. Anz, S. 8.

25 ebd.

26 ebd.

27 Zitat Uwe Wittstock. Vgl. Anz, S. 10.

28 Vgl. Anz, S. 23.

29 Vgl. Anz, S. 9.

30 ebd.

31 ebd.

32 ebd.

33 Vgl. Anz, S. 24.

34 Zitat Christa Wolf: Auszug aus ihrer Rede zur Würdigung Walter Jankas am 28.10.1989 in der Erlöserkirche zu Leipzig. in: Anz, S. 24/25.

35 Vgl. Anz, S. 25.

36 Dr. phil. Dieter Lamping ist Professor für Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft sowie Vorsitzender des Arbeitskreises Jüdische Studien und des Zentrums für Interkulturelle Studien der Universität Mainz. Vgl. http://www.v-r.de/de/ autoren/152643/, 04.09.2006.

37 Vgl. Anz, S. 25/26.

38 Dr. Thomas Anz ist Professor für Neuere D eutsche Literaturwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Vgl. http://www.staff.uni-marburg.de/~anz/, 04.09.2006.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Debatte um Christa Wolf
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Fakultät I - Bildungs-, Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Nationale Identität in der deutschen Literatur nach 1989/90 (Seminar im Hauptstudium)
Note
2,0
Autoren
Jahr
2006
Seiten
34
Katalognummer
V136666
ISBN (eBook)
9783640448685
ISBN (Buch)
9783640448371
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Co-Autorin: Sabine Mischke
Schlagworte
Christa Wolf, Literaturstreit, Staatssicherheit, IM, Informeller Mitarbeiter, Erzählung Was bleibt, Debatte, Verantwortung, DDR, Schriftsteller, Wendeliteratur, DDR-Literatur, Stillhalteliteratur, Vergangenheitsbewältigung, Nationale Identität, Literarisches Quartett, Literaturkritik, Schriftstellerisches Schaffen und Diktatur, Schirrmacher, Reich-Ranicki
Arbeit zitieren
Astrid Kleinfeldt (Autor)Sabine Mischke (Autor), 2006, Die Debatte um Christa Wolf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136666

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