Die derzeitige Diskussion um Günter Grass zeigt deutliche Parallelen zu der Debatte um Christa Wolf zur Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands und in den Nachwendejahren. Im so genannten deutsch-deutschen Literaturstreit entfachte sich um die renommierte Schriftstellerin Christa Wolf eine hartnäckige Debatte, die sich über mehrere Jahre hinzog und immer wieder neu aufflammte. Ein Unterschied zur Debatte um Grass besteht in der zeitgeschichtlichen Einordnung: während die Debatte um Christa Wolf deren Verhalten gegenüber dem DDR-Regime diskutiert, erörtert die Grass-Debatte sein Verhalten gegenüber beziehungsweise unter dem NS-Regime. Beide Debatten haben jedoch die kritische Beurteilung eines Schriftstellers bezüglich seines Verhaltens in einem diktatorischen System gemein.
Christa Wolf, bis zum Ausbruch der Diskussionen eine in beiden deutschen Staaten hoch angesehene Literatin, wurde in der Debatte einer scharfen Kritik unterzogen. In der vorliegenden Arbeit geht es darum, die zentralen Aspekte der Debatte um Christa Wolf herauszustellen und dem Leser vielfältige Betrachtungsweisen des Themas zu eröffnen. Um dies zu erreichen, beginnt die Darstellung mit biographischen Angaben zur Autorin und ihrem Werk. Daran schließt sich der Hauptteil der Arbeit an, der aus zwei Teilen besteht. Der erste thematisiert die erste Debatte um Christa Wolf beziehungsweise den ersten gesamtdeutschen Literaturstreit, welcher durch die Veröffentlichung der Wolf-Erzählung „Was bleibt?“ 1990 ausgelöst wurde. Der zweite Teil befasst sich mit der 1993er Debatte um die Autorin, ausgelöst durch die Veröffentlichung ihrer Stasi-Akte. In der streitbaren Akte wurde Christa Wolf als Informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit geführt. Abschließend soll vor dem Hintergrund der Debatte um Christa Wolf hinterfragt werden, inwiefern von einer gemeinsamen nationalen Identität in der deutsch-deutschen Wendeliteratur die Rede sein kann und ob sich der Literaturstreit eventuell darauf ausgewirkt hat. (...)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Biografisches zu Christa Wolf
2. „Die Debatte um Christa Wolf“ oder „Der erste Literaturstreit im vereinigten Deutschland“ (bearbeitet von Astrid Kleinfeldt)
2.1. Vorgeschichte des Streits (1987)
2.2. Initiation des Streits (1989)
2.3. Eskalation des Streits (1990)
2.4. Reaktionen von Christa Wolf (1987-1991)
3. Die zweite Debatte um Christa Wolf (bearbeitet von Sabine Mische)
3.1. Initiation der zweiten Debatte
3.2. Die Akte von Christa Wolf
3.3. Medienreaktionen auf Christa Wolfs Stasi-Vorgang
3.4. Reaktionen anlässlich des Geschwister-Scholl-Preises
3.5. Reaktionen von Christa Wolf in der zweiten Debatte
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Debatten um die Schriftstellerin Christa Wolf im Kontext der deutschen Wiedervereinigung. Ziel ist es, die zentralen Aspekte dieser kontroversen Auseinandersetzungen herauszuarbeiten, die sowohl die literarische Qualität als auch die moralische Integrität der Autorin sowie die Verstrickung ostdeutscher Intellektueller mit dem DDR-Staat thematisierten.
- Biografische Einordnung von Christa Wolf und ihrem literarischen Wirken.
- Analyse des ersten gesamtdeutschen Literaturstreits nach 1990.
- Untersuchung der zweiten Debatte infolge der Stasi-Akten-Enthüllungen.
- Reflexion über die moralische Verantwortung von Schriftstellern in diktatorischen Systemen.
- Diskussion zur Rolle von Literatur im Prozess der nationalen Identitätsfindung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Vorgeschichte des Streits (1987)
Die Vorgeschichte der Debatte um Christa Wolf, die 1990 eskalierte, begann bereits im Juli des Jahres 1987. Damals erschien in der Welt eine Rezension zu Wolfs 1986 erschienenem Werk „Die Dimension des Autors“ mit dem provokanten Titel „Die Dimension der Heuchelei“. Der Rezensent Hans Noll, der 1984 aus der DDR in die BRD übergesiedelt war, greift Christa Wolf scharf an. Er wirft ihr Scheinheiligkeit vor, weil ihr die Amoralität des politischen Systems der DDR zwar bewusst war, ihre Kritik am SED-Staat aber immer „wohltemperiert“ und „parteilich“ blieb. Dadurch habe sie sich dem Staat zur Verfügung gestellt und seiner Kulturpolitik zu einer intellektuellen Aura verholfen. Noll bezeichnet sie deshalb als „Staatsschriftstellerin“, was in der 1990er Debatte vor allem von Marcel Reich-Ranicki und Ulrich Greiner wieder aufgegriffen wird.
Als weiteren Beleg für Wolfs Heuchelei führt Noll ihr angeblich opportunes Verhalten in der „Biermann-Affäre“ an. Sie habe zwar damals die Protesterklärung gegen die Ausbürgerung des Liedermachers unterzeichnet, sie dann später aber auf Drängen der Partei wieder zurückgezogen. Auch diese Behauptung greift Marcel Reich-Ranicki in seinem Artikel „Macht Verfolgung kreativ? Polemische Anmerkungen aus aktuellem Anlass: Christa Wolf und Thomas Brasch“, der am 12. November 1987 in der FAZ erscheint wieder auf. Daraufhin kommt es zu prompten Stellungnahmen von Christa Wolf und ihrem westdeutschen Verlag. Der damalige Luchterhand-Geschäftsführer erklärt – vier Tage später und ebenfalls in der FAZ –, dass Christa Wolf „zu keiner Zeit ihre Unterschrift unter die Biermann-Petition von 1976 zurückgezogen“ habe. Die FAZ kommentiert dies mit dem Hinweis, dass Wolf ihre Unterschrift möglicherweise nicht in aller Form zurückgezogen hat, wohl aber – und man beruft sich hier auf Zeugenaussagen – ihr Verhalten vor der Parteiorganisation als schuldhaft eingestanden und Selbstkritik geübt hat.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Hinführung zum Thema, Einbettung in den Literaturstreit und Zielsetzung der Arbeit.
1. Biografisches zu Christa Wolf: Überblick über das Leben, das Werk und das politische Agieren von Christa Wolf bis zur Wende.
2. „Die Debatte um Christa Wolf“ oder „Der erste Literaturstreit im vereinigten Deutschland“: Analyse der ersten großen Literaturdebatte von 1990, ausgelöst durch die Erzählung „Was bleibt“.
2.1. Vorgeschichte des Streits (1987): Beleuchtung der frühen Kritik an der Person und dem Verhalten von Christa Wolf.
2.2. Initiation des Streits (1989): Darstellung der Rolle von Literaturkritikern wie Marcel Reich-Ranicki bei der Entfachung des Streits.
2.3. Eskalation des Streits (1990): Untersuchung der heftigen Auseinandersetzungen infolge der Veröffentlichung von „Was bleibt“.
2.4. Reaktionen von Christa Wolf (1987-1991): Zusammenstellung der Reaktionen und Stellungnahmen der Autorin auf die öffentliche Kritik.
3. Die zweite Debatte um Christa Wolf: Beschreibung der Debatte, die durch die Entdeckung der Stasi-Verstrickung ausgelöst wurde.
3.1. Initiation der zweiten Debatte: Hinführung zum Thema Stasi und der persönlichen Situation von Christa Wolf.
3.2. Die Akte von Christa Wolf: Analyse des Inhalts der IM-Akte und der Stasi-Vorgeschichte der Autorin.
3.3. Medienreaktionen auf Christa Wolfs Stasi-Vorgang: Darstellung der öffentlichen und medialen Kritik nach Bekanntwerden des Stasi-Vorgangs.
3.4. Reaktionen anlässlich des Geschwister-Scholl-Preises: Analyse der Forderungen nach Aberkennung von Preisen aufgrund der Enthüllungen.
3.5. Reaktionen von Christa Wolf in der zweiten Debatte: Darstellung der persönlichen Verteidigung und öffentlichen Reaktionen der Autorin.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Debatten und deren Bedeutung für die deutsche Literatur nach der Wiedervereinigung.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Literaturstreit, DDR-Literatur, Stasi, IM-Akte, Wiedervereinigung, SED-Staat, Literaturkritik, Politische Verantwortung, Nationale Identität, Was bleibt, Moralische Integrität, Schriftstellerverband, Kulturbetrieb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Debatten um die Schriftstellerin Christa Wolf, die im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands entstanden sind und die moralische sowie politische Rolle ostdeutscher Intellektueller hinterfragten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Auseinandersetzung um die literarische Qualität ostdeutscher Werke, die Rolle der Stasi in der DDR-Kulturszene und die moralische Integrität der Autorin.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Dynamik der Literaturstreite und die gesellschaftliche Wahrnehmung Christa Wolfs vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte nach 1989/90 transparent zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Literaturanalyse, die auf primären und sekundären Quellen basiert, um die zeitgenössische Presselandschaft und die dokumentierten Reaktionen aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Abschnitte: die erste Debatte von 1990 rund um das Werk „Was bleibt“ sowie die zweite Debatte 1993, die durch den Bekanntwerden von Christa Wolfs inoffizieller Tätigkeit für die Stasi ausgelöst wurde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Christa Wolf, Literaturstreit, Stasi-Verstrickung, moralische Autorität, DDR-Literatur und gesamtdeutsche Identität.
Wie reagierte Christa Wolf selbst auf die Vorwürfe?
Wolf reagierte überwiegend mit Zurückhaltung, öffentlicher Reflexion in Reden oder Briefen und einem weitgehenden Rückzug aus öffentlichen Gremien, wobei sie die Vorwürfe oft als einseitig oder polemisch zurückwies.
Inwiefern beeinflussten die Enthüllungen ihre literarische Reputation?
Die Enthüllungen führten zu einer massiven Infragestellung ihres Status als „moralische Instanz“ und lösten heftige Kontroversen darüber aus, ob und wie Kunst von der moralischen Haltung des Autors getrennt werden kann.
- Quote paper
- Astrid Kleinfeldt (Author), Sabine Mischke (Author), 2006, Die Debatte um Christa Wolf, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136666