„Die weisen Frauen wurden als Hexen verbrannt, weil sie durch ihr Geheimwissen eine Gefahr für die Kirche darstellten“, „Hexen waren die letzten Bewahrerinnen der magisch-heidnischen Kultur“, „Das uralte Wissen der weisen Frauen wurde durch die Hexenverfolgung ausgelöscht“. Sätze wie diese klingen in den Ohren vieler Hexenforscher vertraut, wenn es um die gegenwärtige öffentliche Meinung zur Rolle der weisen Frauen in den Hexenverfolgungen geht.
Einen nicht unwesentlichen Beitrag zu dieser Meinungsbildung leisteten der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn und der Wirtschaftswissenschaftler Otto Steiger mit ihrem 1979 erstmals erschienen Buch „Die Vernichtung der weisen Frauen. Hexenverfolgung – Menschenproduktion – Kinderwelten – Bevölkerungswissenschaft“. Nicht zuletzt durch die Lobeshymnen des „Spiegel“, der diesem Buch im Jahre 1984 sogar eine Titelgeschichte widmete , fand es eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung.
„Die Vernichtung der weisen Frauen“ bietet eine allumfassende Lösung des - bis dahin ungelösten - großen Rätsels der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen, die keine Fragen mehr offen lässt. Dabei zeichnen die Autoren jedoch ein ungewöhnliches Bild des Hexenglaubens , das die verschiedenen Forschungsansätze, die Historiker bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt haben, in das Reich des Unmöglichen abdrängt.
Haben Heinsohn und Steiger nun tatsächlich „des Rätsels Lösung“ gefunden, lassen sich ihre Behauptungen auch bei näherer Betrachtung aufrechterhalten? Oder sah die Realität in der Frühen Neuzeit doch anders aus?
Die beiden Autoren verbinden in ihrem Werk – so scheint es – Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Bereichen – Bevölkerungsstatistik, Hexenforschung, Geschichte der Hebammen, Staatstheorie, Rechtspraxis, Geschichte des Verhütungswissens und der Abtreibung – miteinander. Ob die Ergebnisse in diesen verschiedenen Bereichen ihre Thesen stützen, oder ihnen widersprechen, gilt es zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE THESE VON HEINSOHN UND STEIGER
2.1 TRADITION DER THESE
3. AUSEINANDERSETZUNG MIT DER THESE HEINSOHNS UND STEIGERS
3.1 HEBAMMEN, VERHÜTUNGSWISSEN UND ABTREIBUNG IN DER FRÜHEN NEUZEIT
3.2 DER HEXEREIBEGRIFF
3.3 ERSCHEINUNGSFORMEN UND AUSMAßE DER HEXENVERFOLGUNGEN
3.4 WIDERSPRUCH ZUM AUFBAU DES FRÜHNEUZEITLICHEN STAATS
4. MEDIZINISCHE UND MAGISCHE HILFE FÜR DAS VOLK – DIE WEISEN FRAUEN UND MÄNNER IN DER REALITÄT
4.1 DIE BERUFE DER VOLKSMAGIER
4.2 DIE ROLLE DER WEISEN FRAUEN UND MÄNNER BEI DER HEXENVERFOLGUNG
4.3 DAS VERHÄLTNIS ZUR BEVÖLKERUNG
5. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die kontrovers diskutierte These von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, die Hexenverfolgungen als staatlich gelenkte Kampagne zur Vernichtung von Geburtenkontrollwissen durch Hebammen interpretieren. Ziel ist es, diese Theorie anhand von historischen Quellen und moderner Forschung auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit hin zu prüfen.
- Kritische Analyse der Theorie von Heinsohn und Steiger zur "Vernichtung der weisen Frauen".
- Untersuchung der Rolle von Hebammen, Geburtenkontrolle und Abtreibung in der Frühen Neuzeit.
- Dekonstruktion des Hexereibegriffs und dessen historischer Einordnung.
- Analyse der tatsächlichen gesellschaftlichen Funktion von weisen Frauen und Männern ("Volksmagier").
- Einordnung der Hexenverfolgung in den Kontext des frühneuzeitlichen Staatsaufbaus und der Bevölkerungswahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Hebammen, Verhütungswissen und Abtreibung in der Frühen Neuzeit
Die Forschung zu Tätigkeit und Wissen der Hebammen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war im Erscheinungsjahr des Buchs von Heinsohn und Steiger noch nicht besonders weit vorangeschritten, so dass es verwundern muss, dass die Autoren bereits damals über ein breites Wissen zu diesem Themengebiet verfügten. Heute kann auf sehr gute neuere Untersuchungen zurückgegriffen werden, die, verglichen mit denjenigen von Heinsohn und Steiger, auf gegenteilige Ergebnisse kommen.
Bemerkenswert ist, dass bis in das 15. Jahrhundert hinein der Begriff „Hebamme“ in den Quellen nur vereinzelt auftaucht und die historische Forschung bis heute die Frage, wann sich das Berufsfeld der Hebamme herauszukristallisieren begann, noch nicht abschließend beantworten konnte. Daher verwundert es doch sehr, dass eine Personengruppe, die zu dieser Zeit nur sehr schwer zu fassen ist, als einzige über das geheime Verhütungs- und Abtreibungswissen verfügt haben sollte.
Hinzu kommt, dass aus medizinhistorischer Sicht die Hilfe zur Empfängnisverhütung und Abtreibung zu einer anderen Spezialisierung als die Geburtshilfe gehörte. Auch lag das Wissen darum nicht allein in den Händen von Frauen; bereits in den frühen Apothekerordnungen wurde Männern der Handel mit Abortiva untersagt, was zeigt, dass sie über Kenntnisse der entsprechende Mittel verfügt haben mussten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thesen von Heinsohn und Steiger sowie Formulierung der Forschungsfrage, ob diese Thesen einer kritischen historischen Überprüfung standhalten.
2. DIE THESE VON HEINSOHN UND STEIGER: Darstellung der zentralen Argumentation, dass Hexenverfolgung primär der Vernichtung von Hebammenwissen über Geburtenkontrolle diente.
3. AUSEINANDERSETZUNG MIT DER THESE HEINSOHNS UND STEIGERS: Kritische Prüfung der Kernbehauptungen durch Untersuchung von Hebammenwissen, Hexereibegriff, Verfolgungsausmaßen und staatlicher Verwaltung.
4. MEDIZINISCHE UND MAGISCHE HILFE FÜR DAS VOLK – DIE WEISEN FRAUEN UND MÄNNER IN DER REALITÄT: Analyse der tatsächlichen Lebens- und Wirkungsweise von Volksmagiern und deren Interaktion mit der ländlichen Bevölkerung.
5. ZUSAMMENFASSUNG: Abschließende Bewertung, dass die Thesen von Heinsohn und Steiger den historischen Gegebenheiten widersprechen und eher politisch als wissenschaftlich motiviert sind.
Schlüsselwörter
Hexenverfolgung, Hebammen, Geburtenkontrolle, Volksmagie, Heinsohn und Steiger, Frühe Neuzeit, Schadenzauber, Abtreibung, Hexereibegriff, Sozialgeschichte, Volksheiler, Geschlechtergeschichte, Obrigkeiten, Historische Forschung, Hexenhammer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der Theorie auseinander, dass die europäischen Hexenverfolgungen eine gezielte Kampagne von Kirche und Staat waren, um das Wissen über Geburtenkontrolle durch die Vernichtung von "Hexenhebammen" zu eliminieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt die Geschichte der Hebammen, den historischen Hexereibegriff, die Bevölkerungsgeschichte der Frühen Neuzeit sowie die soziologische Rolle von Heilern und Volksmagiern in der dörflichen Gemeinschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Behauptungen von Heinsohn und Steiger, dass Hexenprozesse als staatsterroristische Bevölkerungspolitik zu deuten seien, historisch belegbar sind oder ob sie den tatsächlichen Quellen widersprechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-kritische Analyse durchgeführt, bei der die Thesen der Autoren mit neueren Forschungsergebnissen aus den Bereichen Sozialgeschichte, Medizinhistorik und Rechtsgeschichte sowie mit zeitgenössischen Quellen abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Prüfung der Thesen zu Hebammen, zum Hexereibegriff und zu den Ausmaßen der Verfolgungen sowie in eine Rekonstruktion der Rolle von weisen Frauen und Männern als Volksmagier.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Hexenverfolgung, Geburtenkontrolle, Hebammen, Volksmagie, historische Analyse und die Auseinandersetzung mit der These von Heinsohn und Steiger.
Warum wird die Gleichsetzung von Hexerei und Geburtenkontrolle in der Arbeit als falsch bezeichnet?
Die Arbeit zeigt auf, dass der historische Hexereibegriff weitaus komplexer war und sich primär auf Schadenzauber bezog. Zudem waren Verhütungswissen und Abtreibung keine exklusiven Geheimnisse einer kleinen Hebammen-Gruppe, sondern im gesamten Volk verbreitet.
Welche Rolle spielten die "weisen Frauen" tatsächlich im Dorf?
Sie fungierten als geschätzte Volksheilerinnen und Ratgeberinnen, die in der dörflichen Gemeinschaft meist fest integriert waren und oft sogar als Verbündete im Kampf gegen böse Magie oder zur Klärung von Konflikten angesehen wurden.
- Citar trabajo
- Stefanie Leisentritt (Autor), 2009, Frühneuzeitliche Hexenverfolgungen und "Die Vernichtung der Weisen Frauen" von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. Realität oder Fehlinterpretation?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136686