Ibsens "John Gabriel Borkman" verschafft uns Einsichten in die Konzeption, unterschiedlichen Auffassungen, Probleme und Situation des Liberalismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.
Dem Niedergang des wertgebundenen Liberalismus, so wie Kant ihn noch ungefähr hundert Jahre zuvor formuliert hatte, steht der Aufstieg eines empirischen, materialistischen und individualisierten Liberalismus entgegen, der sich auf die liberalen Konzeptionen Lockes zurückführen lässt. Statt Kants ethischer Forderungen nach individueller Selbstverpflichtung, Verantwortung und selbstbeschränkter Freiheit entwickelt sich im 19. Jahrhundert eine Lockesche Auffassung des Liberalismus, die individuelles Glücksstreben, unbegrenzte Handlungsfreiheit, Konkurrenzkampf und Privateigentum in den Vordergrund stellt. Die Verbreitung dieser Ideologie begünstigt die enthemmte Entfaltung von Kapitalismus und Industrieller Revolution, zwei Phänomene, die auch in John Gabriel Borkman ihren Ausdruck finden. Das besondere am Drama besteht jedoch nicht im Verweis auf neue wirtschaftliche Grundvoraussetzungen. John Gabriel Borkman weist auf, wie die Ideologie des Kapitalismus von der Geschäftswelt auf die Privatsphäre übertragen wird und somit auch relevant für menschliche Beziehungen wird. Dennoch zeigt uns das Drama wie Lockes Nützlichkeitsideologie zum fatalen Irrglauben führt sobald ökonomische Maßstäbe auch als Kriterien für menschliches Zusammenleben definiert werden. John Gabriel Borkman ist somit nicht als direkte Kapitalismuskritik zu verstehen, sondern eher als Verweis auf die Konsequenzen aus einer falsch ausgelegten Umsetzung einer Idee von Liberalismus, der es nicht nur an der von Kant konzipierten moralischen Dimension mangelt, sondern ausschließlich maximales Gewinnstreben des Individuums in den Vordergrund stellt. Dabei werden die Mitmenschen nicht länger als Zweck an sich, sondern nur noch als Werkzeug zur persönlichen Machtergreifung betrachtet.
Zum anderen erscheint John Gabriel Borkman als Debatte über die bürgerliche Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts und fragt, inwiefern die bürgerlichen Werte, z.B. Chancengleichheit, persönliche Handlungsfreiheit, Gemeinschaft und Gerechtigkeit, wie sie durch die Französische Revolution zum Ausdruck kamen, bereits realisiert waren.
Im Hinblick auf die bürgerlichen Geschlechterverhältnisse geht das Drama auf den theoretischen Widerspruch zwischen Patriarchat und liberaler Gesellschaft ein.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkungen
1.1 Einleitung
1.2 Forschungsstand
1.3 Problemstellung
2 Theoretischer Rahmen
2.1 Das Verhältnis von Liberalismus, Bürgertum und Geschlechterverhältnissen
2.2 Liberale Konzeptionen bei John Locke und Immanuel Kant
2.2.1 Kant und das Verhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung
2.2.2 Lockes und Kants Bedeutung für den Liberalismus
2.3 Liberalismus
2.3.1 Die Prinzipien des Liberalismus
2.4 Folgeerscheinungen: Die Industrielle Revolution
2.4.1 Die Bedeutung des Bank- und Finanzwesens
2.4.2 Liberalismus und industrielle Entwicklung in Norwegen
2.5 Die soziale Bedeutung des Liberalismus
2.5.1 Die Rolle des Bürgertums im 19. Jahrhundert
2.5.2 Bürgerliche Geschlechterverhältnisse
2.5.3 Öffentliche und private Sphäre
3 Methode
4 Analyse
4.1 Liberales Gedankengut und liberalstaatliche Zustände in John Gabriel Borkman
4.1.1 Das Scheitern des Kantischen Liberalismus
4.1.2 Der Aufstieg des empirischen Liberalismus
4.1.3 Liberalstaatliche Zustände
4.1.4 Das Dilemma des Liberalismus
4.1.5 Die internationale Bedeutung Englands
4.2 John Gabriel Borkman im bürgerlichen Kontext des 19. Jahrhunderts
4.2.1 Das Bürgertum
4.2.2 Bürgerliche Wertvorstellungen
4.2.3 Bürgerliche Ideologie
4.3 Geschlechterverhältnisse in John Gabriel Borkman
4.3.1 Das Verhältnis von Patriarchat und Liberalismus
4.3.2 Alternative Konzepte der Selbstverwirklichung und des Geschlechterverhältnisses
4.3.3 Die Bewertung der Geschlechterverhältnisse im klassischen Liberalismus
4.3.4 Einflüsse öffentlicher Strukturen auf bürgerliche Geschlechterverhältnisse
4.4 Ausblick: Das Versagen des Liberalismus
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Henrik Ibsens Drama "John Gabriel Borkman" im gesamtgesellschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts zu analysieren, um das Verhalten der Protagonisten als Reflexion zeitgenössischer Ideologien und Machtstrukturen zu verstehen. Dabei wird insbesondere untersucht, wie sich die liberalen Theorien, die Rolle des aufstrebenden Bürgertums und die restriktiven Geschlechterverhältnisse in den Handlungsweisen und den tragischen Scheitern der Charaktere widerspiegeln.
- Liberalismus und die Ambivalenz des Wirtschaftssystems im 19. Jahrhundert
- Die Rolle und Ideologie des Bürgertums und ihre Auswirkungen auf die individuelle Lebensführung
- Das Spannungsfeld zwischen öffentlicher und privater Sphäre
- Die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen innerhalb der patriarchalen Struktur
- Die Einflüsse von Theorien Lockes und Kants auf den literarischen Kontext
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Das Scheitern des Kantischen Liberalismus
Kants Forderung einer Freiheitsauffassung mit Bindung an eine soziale Verantwortung und der Ersatz der Glückseligkeitsethik durch eine Pflichtethik erfuhr in den Jahrzehnten vor und nach der Wende zum 19. Jahrhundert eine enorme Popularität. Kant forderte die Pflicht zur Selbstüberprüfung nach den Kriterien des Kategorischen Imperativs und Selbstbeschränkung der individuellen Freiheit, Neigungen und Affekte zur Schaffung einer höheren, gemeinschaftlicheren Moral und Kultur.99 Der konkreteste Beweis für Kants gesellschaftlichen Einfluss lässt sich in der richtungsweisenden Erklärung der Französischen Bürgerrechte auftun.
Doch genau an dieser Stelle beginnt der Zerfall von Kants Wertvorstellungen. Die Französische Revolution hatte eine Terrorherrschaft zur Folge, denn die bürgerliche Freiheit offenbarte sich nicht in Toleranz, sondern Maßlosigkeit. Eines der neuerschaffenen bürgerlichen Grundrechte, das Recht auf Eigentum, wurde unter Napoleons Herrschaft zur Rechtfertigung von Terror, in Form der französischen Angriffskriege, herangezogen. Ähnlich verhielt es sich mit dem Freiheitsbegriff. Napoleon erklärte seine Eroberungen im Namen der Befreiung der Völker und seines Kreuzzugs für die Freiheit.100
Auch bei Borkman finden wir das Motiv der Befreiung als Rechtfertigung für persönliche Interessen. Zunächst richtet Borkman seine Befreiungsambitionen auf eine Kindheitserinnerung, die von Borkmans Vater, einem Bergarbeiter, erzählt, der ihn ab und zu in die Grube mitnahm:
Borkman. [...] Der nede synger malmen.
Frida. Ja så, - synger den?
Borkman (nikker). Når den blir løsnet. Hammerslagene, som løsner den, - det er midnattsklokken, som slår, og gjør den fri. Derfor synger malmen – av glede – på sin vis. (204)101
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkungen: Einführung in die Thematik und Einordnung des Dramas in den zeitgenössischen Forschungskontext.
Theoretischer Rahmen: Darstellung der liberalen Grundlagen durch Locke und Kant sowie die Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen wie der industriellen Revolution.
Methode: Erläuterung der literaturwissenschaftlichen und historisch-kontextuellen Herangehensweise zur Deutung des Dramas.
Analyse: Untersuchung des Verhältnisses von Liberalismus, bürgerlicher Ideologie und Geschlechterverhältnissen in Bezug auf die Charaktere des Dramas.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung des Dramas als Spiegel sozialer und ökonomischer Widersprüche des 19. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Henrik Ibsen, John Gabriel Borkman, Liberalismus, Bürgertum, Industrielle Revolution, Geschlechterverhältnisse, John Locke, Immanuel Kant, Macht, Eigentum, öffentliche Sphäre, private Sphäre, Patriarchat, Kapitalismus, Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Ibsen-Drama "John Gabriel Borkman" als Spiegelbild der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ideologischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung liberaler Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Liberalismus als herrschende Ideologie, die Rolle und das Selbstverständnis des Bürgertums sowie die starren Geschlechterverhältnisse und die strikte Trennung von privater und öffentlicher Sphäre.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Handlungsweisen der Protagonisten aus ihrem historischen und soziologischen Kontext heraus zu erklären und zu untersuchen, inwiefern das Drama als Kritik am liberalen Fortschrittsglauben verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse stützt sich auf eine kontextuelle Methode in Anlehnung an den "New Historicism", wobei literarische Texte als historische Dokumente verstanden werden, die mit zeitgenössischen philosophischen und soziologischen Theorien verknüpft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine liberaltheoretische Analyse, die Untersuchung des bürgerlichen Kontexts im 19. Jahrhundert sowie die kritische Auseinandersetzung mit der patriarchalen Geschlechterordnung im Drama.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe sind Liberalismus, Bürgertum, Industrialisierung, Patriarchat, Macht, Kapitalismus und die philosophischen Ansätze von John Locke und Immanuel Kant.
Warum spielt das Bankwesen eine so zentrale Rolle für die Analyse der Figur Borkman?
Borkman verkörpert als gescheiterter Bankier das Dilemma der norwegischen Industrialisierung, in der ökonomische Ambitionen und der Wunsch nach privater und öffentlicher Macht auf ein unterentwickeltes Finanzsystem trafen.
Welche Rolle nehmen die weiblichen Figuren in der Analyse ein?
Die weiblichen Figuren (Gunhild und Ella) werden als Gefangene eines patriarchalischen Systems dargestellt, die ihre eigene Identität fast ausschließlich über den Mann definieren, während Fanny Wilton als einzige eine Emanzipation andeutet.
- Citar trabajo
- Thorben Flügger (Autor), 2006, Liberalismus, Bürgertum und Geschlechterverhältnisse in Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136767