Neue didaktischen Optionen. Gestaltung von gebundenen Ganztagsschulen hinsichtlich der Förderung von Lernschwächeren

Darstellung ausgewählter Aspekte


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erkenntnisinteresse

3 Vorgehensweise

4 Begriffliche Annäherung

5 Zu den neuen Möglichkeiten der Gestaltung von Lernsituationen im Ganztagsschulbetrieb
5.1 Rhythmisierung in der Ganztagsschule
Formen der Rhythmisierung
5.2 Lernen und Förderung
Hausaufgabenbetreuung an der Ganztagsschule
5.3 Integrative Lernförderung im Projektunterricht
Formen des Projektunterrichts und ihre Anwendung in der Ganztagsschule
5.4 Wirkungen ganztägig gestalteter Lernsituationen auf die Bildungschancen benachteiligter Kinder

6 Fazit

7 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In den gegenwärtigen bildungspolitischen Reformbemühungen bildet der Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen einen wesentlichen Kern. Zurück zu führen ist diese Entwicklung unter anderem auf PISA 2000, 2003 und 2006. Die internationalen Vergleichsstudien zeigen deutlich den Bedarf des deutschen Bildungssystems an inneren und äußeren Schulstrukturveränderungen. Der Stellenwert von Bildung in der deutschen Gesellschaft und die Notwendigkeit, dass alle gegebenen Bildungspotenziale genutzt werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn angetrieben durch die Globalisierung und der europäischen Integration sowie der daraus resultierenden Wissensbeschleunigung und begünstigt durch den demographischen Wandel und einem veränderten Familienbild wachsen die Anforderungen an Bildung und Erziehung stetig. Bildung hat nicht nur für jeden einzelnen Bürger im Hinblick auf seine individuelle Berufsperspektive und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eine wichtige Bedeutung, sondern auch für Deutschland als Nation. Schließlich kann Wirtschaftswachstum nur mit qualifizierten Fachkräften gelingen und aufrecht erhalten werden. Demnach muss nicht nur im Rahmen der Zukunftsvorsorge in Bildung investiert werden, um allen Bürgern in Deutschland die Möglichkeit zu geben, ihre Talente und Fähigkeiten entwickeln zu können, sondern auch um die Bundesrepublik Deutschland einen Schritt nach vorne zu bringen.

Die politische Auseinandersetzung um ganztägige Bildung ist nicht neu.[1] Ausgelöst von dem Sputnik-Schock wurde die ganztägige Bildung im Rahmen der Bildungsexpansion nach der Bildungskatastrophe der 1960er Jahre diskutiert. Seit dem PISA-Schock im Jahr 2000 erinnern viele bildungspolitische Defizite an damals: Zu wenig Abiturienten und Akademiker, ein genereller Rückstand des Bildungssystems im internationalen Vergleich und ein Mangel an Lehrkräften, um nur drei Beispiele zu nennen. Heute wie damals werden weitgreifende bildungspolitische Interventionen gefordert. Eine Maßnahme der Bundesregierung ist das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung IZBB“, das den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland in den Jahren 2003 bis 2009 mit vier Milliarden Euro fördert. Bis heute wurden über 6.900 allgemeinbildende Schulen durch das Programm finanziell entlastet. Insbesondere die Grundschulen wechseln in hoher Anzahl von dem Halbtags- in den Ganztagsbetrieb.

PISA 2006 und TIMMS 2007 bestätigen wieder, dass in Deutschland ein starker Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und den Schulleistungen besteht. Ebenso wurden

wieder große migrationbedingte Leistungsunterschiede festgestellt. Damit verschenkt das deutsche Bildungssystem wie kaum ein anderes in Europa interkulturelle Potenziale, deren Bedeutung im Zuge der europäischen Integration und dem daraus resultierenden Leben in Vielfalt gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zweifelsohne in den letzten Jahren in dem Bereich „Bildung und Qualifizierung“ verbessert. Aber es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass andere Nationen eine deutlich höhere Dynamik in dieser Entwicklung aufweisen. Um international konkurrenzfähig zu bleiben, besteht nach wie vor bildungspolitischer Handlungsbedarf.

2 Erkenntnisinteresse

Aus den Defiziten, die das deutsche Bildungssystem aufweist, folgt, dass ein deutlicher Bedarf an mehr pädagogisch gestalteter Lernzeit, an spezifischen Diagnose- und Förderinstrumenten sowie an sozialem Lernen besteht.[2] Es gilt der Bildungsbenachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Schichten wie beispielsweise sozial benachteiligten Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland entgegen zu wirken.

Solche kompensatorischen Bildungsziele sind aber auf Unterrichtsformen angewiesen, die sich aus zeitlich engen Strukturen lösen.[3] So kann beispielsweise ganztägiger Unterricht der Forderung nach spezifischer Förderung besser gerecht werden - da sind sich Bildungsexperten einig, als der Unterricht an Halbtagsschulen. Durch das größere Zeitfenster können Arbeitsformen eingesetzt werden, die den Entwicklungsprozess der Kinder stärker beeinflussen. Kurzum: Die Schulen bedürfen einer neuen Lern- und Lehrkultur mit neuen Methoden sowie neuen Arbeits- und Organisationsformen, die ebenso Kinder aus weniger bildungsorientierten Familien erreichen und nicht nur unter dem Aspekt der Wissens- und Kompetenzvermittlung, sondern auch hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung umgesetzt werden.

Im Hinblick auf Leistungsunterschiede von SchülerInnen und kompensierenden Fördermaßnahmen sind die Grundschulen außerordentlich interessant. Denn zu Beginn der Schullaufbahn können Entwicklungsrückstände leichter diagnostiziert werden und konkrete Maßnahmen wie die Sprachförderung können große Wirkungen erzielen. Bildungsforscher glauben, dass flächendeckende frühe Förderungen die Leistungen der Schüler in der

Sekundarstufe I erheblich beeinflussen.

Diese Überlegungen führen mich zu der Frage, ob die neuen Möglichkeiten der Gestaltung von Lernsituationen im gebundenen Ganzschulbetrieb der Primarstufe die Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Schichten - wie Kinder mit Migrationshintergrund oder sozial benachteiligten Kindern – vor dem Hintergrund, dass sie aufgrund ungleicher Entwicklungsbedingungen häufiger Lernschwierigkeiten aufweisen, begünstigen können, weil die Förderungs- und Integrationsinterventionen die Lernschwächeren in ganztägigen Bildungssettings besser erreichen. Diese gilt es im Verlauf der Arbeit zu diskutieren.

3 Vorgehensweise

Ich beginne meine Darstellung relevanter didaktischer Optionen mit einer begrifflichen Annäherung in Kapitel vier. Es werden die beiden meist diskutierten Varianten ganztägiger Bildung – die offene und gebundene Form – vorgestellt und es wird in ausgewählte Lernformen in der Ganztagsschule eingeführt, denen innerhalb dieser Arbeit Aufmerksamkeit zukommt. Außerdem lege ich das dieser Arbeit zugrunde liegende Verständnis von Didaktik dar. In Kapitel fünf stelle ich Lernsituationen vor, die der Förderung von SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten Rechnung tragen. Dabei beginne ich mit dem äußeren Einfluss auf Unterricht durch die neu gestaltete Rhythmisierung und gehe dann über zu einer inneren Schulreform der Lern- und Förderkonzepte. Diese werden eingangs allgemein vorgestellt und enden in der Darstellung des Handlungsfeldes Hausaufgabenbetreuung. Anschließend wende ich mich einer spezifischen Form der Lern- und Förderkonzepte zu, der integrativen Lernförderung im Projektunterricht. Ich schließe die Darstellung der lern- und förderbegünstigenden Unterrichtssituationen mit einem Überblick über die Wirkungen ganztägiger Bildung auf die Bildungschancen benachteiligter Kinder ab, indem ich drei Studien auf Ergebnisse überprüfe. Im folgenden Fazit in Kapitel sechs erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der zu Beginn gestellten Frage und ein Ausblick auf Anknüpfungspunkte und zukünftige Entwicklungen schließt diese Arbeit in Kapitel sieben ab.

4 Begriffliche Annäherung

In dem öffentlichen Diskurs um die Ganztagsschulen werden insbesondere die offenen und die gebunden Ganztagsschulen thematisiert. In dem „Bericht über die allgemeinbildenden Schulen in Ganztagsform in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland – 2002-2004“ entwickelt die Kultusministerkonferenz eine Definition, die unter Ganztagsschulen im Primarbereich Schulen versteht, die an mindestens drei Tagen der Woche über den Unterricht am Vormittag hinaus ein ganztägiges, mindestens sieben Zeitstunden umfassendes Betreuungsangebot bereitstellt. Darüber hinaus soll für alle teilnehmenden SchülerInnen ein Mittagessen bereit gestellt werden und es soll der Anspruch erfüllt werden, dass die Angebote am Nachmittag unter der Verantwortung und Aufsicht der Schulleitung organisiert und dass sie in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht am Vormittag stehen.

Die Grundschule als offene Ganztagsschule hat von 08:00 bis 16:15 Uhr geöffnet. Am Vormittag erfolgt, wie an Halbtagsschulen, regulär der Unterricht. Nachmittags finden die Mittagessenbetreuung, Freizeitangebote, Hausaufgabenbetreuung und Fördermaßnahmen statt. Für das Nachmittagsangebot gilt somit das Freiwilligkeitsprinzip, das neben den Zusatzangeboten durch ausgebildetes Fachpersonal von Grundschuleltern besonders geschätzt wird.[4] Die Besonderheit von offenen Ganztagsschulen ist die Möglichkeit, die Schule sowohl als Halbtagsschule als auch als Ganztagsschule zu nutzen. Darin lässt sich auch die große politische Zustimmung vermuten. Der Vorteil von offenen Ganztagsschulen ist, dass „bildungsorientierte Eltern das weitgefächerte Kultur- und Qualifikationsangebot am Nachmittag zu schätzen wissen und dass die Bedürfnisse der Eltern, die auf den ganztägigen Betreuungsrahmen für ihre Kinder angewiesen sind, durch diese Schulform erfüllt werden können“[5]. Dem offenen Ganztagsmodell gelingt es jedoch nicht, den straffen Vormittagsunterricht aufzubrechen. Ferner besteht die Vermutung, dass es vorwiegend nicht die SchülerInnen erfasst, die der Förderung bedürfen, wie zum Beispiel Kinder mit migrationbedingten Sprachschwierigkeiten.

Die gebundenen Ganztagsschulen arbeiten wie die offenen Ganztagsschulen von 08:00 bis 16:15 Uhr. Entscheidend ist aber, dass der Fächer- und Zeitrhythmus der Halbtagsschule geändert und der Unterricht unter Berücksichtigung der physiologischen Leistungskurve der Kinder auf den Vor- und Nachmittag verteilt werden kann. Auf diese Weise können die verschiedensten Lernformen realisiert sowie Spiel und Freizeit im Wechsel mit Unterrichtseinheiten angeboten werden. Somit sind Projektarbeit und ganzheitliches Lernen keine Schlagworte mehr, sondern können Bestandteil von Unterricht werden. Daneben bieten sich in gebundenen Ganztagsschulen neue Unterrichtsfächer wie Umweltkunde, Klassenforum, Museumsunterricht an und es werden Unterrichtseinheiten durchgeführt, die an reformpädagogische Handlungsvorschläge lehnen wie beispielsweise Freiarbeit oder die Erstellung eines Wandzeitungsforums. Das selbstbestimmte Lernen, das die Persönlichkeitsentwicklung in erheblichem Maße beeinflusst, kann in dieser Form des Unterrichts verstärkt umgesetzt werden. Den Vorteil im gebundenen Ganztag sehen die Grundschuleltern im höheren Bildungs- und Erziehungsanspruch dieser Schule. Doch zu berücksichtigen bleibt, dass das nicht an allen Schulen der Fall ist. Die Konzepte der unterschiedlichen Schulen unterscheiden sich in diesem Punkt stark.

Im Hinblick auf die neuen didaktischen Optionen, die der Ganzschulbetrieb bezüglich der Integration und Förderung von Kindern mit milieuspezifisch begründeten Entwicklungsrückständen bietet, erscheint die gebundene Ganztagsschule die Schulform zu sein, in der entsprechende Interventionen am besten umgesetzt werden können. Die Begründung liegt darin, dass sie den zeitlichen Rahmen bietet, um erweiterte, lern- und entwicklungsförderliche Unterrichtsformen anzubieten. Bei der didaktischen Gestaltung von Lehr- und Lernsituationen gehe ich von dem Verständnis von Didaktik als Theorie und Wissenschaft vom Unterricht aus, die Friedrich W. Kron wie folgt definiert: „Didaktik in dieser Bestimmung umfasst das weite Wirklichkeitsfeld gesellschaftlich legitimierter, organisierter und auf professioneller Basis durchgeführter Lehr- und Lernprozesse.“[6] Diese recht allgemeine Definition lässt sich gut auf die Arbeit in ganztägigen Bildungssettings übertragen.

Im Verlauf der Arbeit werden einige Lernformen angeführt, die der näheren Erläuterung bedürfen. In den Reformdiskussionen stehen Lernformen im Mittelpunkt, die im Gegensatz zu Lernprozessen stehen, die überwiegend von außen gesteuert sind.[7] So zum Beispiel das selbstgesteuerte, selbstbestimmte und selbstorganisierte Lernen. Gemein haben diese Lernformen, dass sie von einem aktiv lernenden Individuum ausgehen, der seine Lernprozesse selbst initiiert und Verantwortung für das eigene Lernen übernimmt. Sie unterscheiden sich lediglich in dem Ausmaß der Entscheidungsfreiheit des Lernenden im Lernprozess.[8] Neben diesen Begriffen des Lernens fallen zwei weitere: das soziale und ganzheitliche Lernen. Die Forderung nach Ganzheitlichkeit im Lernprozess ist angelehnt an das Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ nach Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Ganzheitliches Lernen impliziert nicht nur kognitive, sondern auch körperliche und emotionale Elemente. Dagegen meint soziales Lernen den Erwerb von emotionalen und sozialen Kompetenzen. Die Lernformen des sozialen und ganzheitlichen Lernens stehen demnach auch wieder in einem engen Zusammenhang. Hinsichtlich der Lernformen, die im Ganzschulbetrieb eingesetzt werden können, lässt sich zusammenfassend sagen, dass sie einen schülerzentrierten Unterricht mit verschiedenartigen Zugängen zu Bildungsprozessen mit sich bringen.

[...]


[1] Vgl. Wahler u.a. (2005), S. 7

[2] Vgl. Höhmann u.a. (2004), S. 256

[3] Vgl. Edelstein (2007), S. 44

[4] Vgl. Appel/Rutz (2003), S. 96 ff.

[5] Ebd., S. 101

[6] Kron (1994), S. 294

[7] Vgl. Edelmann (2000), S. 286 ff.

[8] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Neue didaktischen Optionen. Gestaltung von gebundenen Ganztagsschulen hinsichtlich der Förderung von Lernschwächeren
Untertitel
Darstellung ausgewählter Aspekte
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Begleitforschung zur Entwicklung einer modernen und eigenverantwortlichen Ganztagsschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V136796
ISBN (eBook)
9783640452125
ISBN (Buch)
9783640452309
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Aspekte, Optionen, Gestaltung, Ganztagsschulen, Primarbereich, Förderung, Lernschwächeren
Arbeit zitieren
Kristina Oehmichen (Autor), 2009, Neue didaktischen Optionen. Gestaltung von gebundenen Ganztagsschulen hinsichtlich der Förderung von Lernschwächeren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136796

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