In der vorliegenden Arbeit wird die Rolle des Militärs in der Entwicklung des politischen Systems der Türkei vom Zeitpunkt der Staatsgründung im Jahre 1923 bis heute analysiert. Dabei wird diese Entwicklung unter der Prämisse betrachtet, dass die moderne Türkei seit der Staatsgründung einen „langen Weg nach Westen“ eingeschlagen hat. Angesichts dieser Tatsache wird demokratischen Fort- beziehungsweise Rückschritten und der Rolle, die das Militär bei jenen gespielt hat, besondere Beachtung geschenkt. Die Arbeit gliedert sich in insgesamt acht Kapitel., die sich an den (für das Militär und das politische System der Türkei) gravierendsten Ereignissen und Einschnitten in der über 80-jährigen Staatsgeschichte orientieren. Im ersten Kapitel soll die (ideologische) Grundlage der Streitkräfte dargelegt werden, die fest im 1923 installierten kemalistischen Staatsklassenregime verwurzelt sind. Das zweite Kapitel behandelt die Zäsur, die die außen- und innenpolitischen Wandlungen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs im Jahre 1945 darstellen. Das Militär spielt in dieser Phase – und daher auch in diesem Kapitel – eine unauffällige Rolle, dennoch ist es unerlässlich, diesen historischen Abschnitt darzulegen, da er in Hinblick auf die Demokratieentwicklung in der Türkei eine maßgebliche Rolle spielt und daher prägend und mitbestimmend für das spätere Verhalten des Militärs und den Militärputsch von 1961 ist.
Die folgenden vier Kapitel bilden eine thematische Einheit: Sie widmen sich allesamt explizit den drei militärischen Interventionen, wobei hier besonders deren Entstehung und Folgen, weniger ihr Ablauf, von Interesse sein soll. Basierend auf der Kenntnis der sich wechselseitig beeinflussenden Entwicklung des politischen Systems der Türkei und des Militärs, widmen sich die letzten beiden Kapitel der heutigen Situation und wagen zudem einen kleinen Ausblick auf die zukünftige Rolle des Militärs, vor allem angesichts des sich beschleunigenden Beitrittsprozesses zur Europäischen Union, der auch medial sehr kontrovers diskutiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wo liegen die Wurzeln des zeitgenössischen türkischen Militärs?
3. Die Türkei nach 1945: Demokratisch wider Willen?
4.1 Wie kam es zur ersten Militärintervention 1960?
4.2 Was waren die Folgen der Intervention von 1960?
4.3. Der Putsch von 1971: Ein Rückschritt in der demokratischen Entwicklung?
4.4 Der Putsch von 1980: Die Hochphase militärischen Autoritarismus?
5. Welche Rolle spielt das Militär heute?
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Rolle des Militärs in der politischen Entwicklung der Türkei von der Staatsgründung 1923 bis in die Gegenwart, wobei der Fokus auf dem spannungsreichen Verhältnis zwischen demokratischen Prozessen und militärischem Eingreifen liegt.
- Historische Identitätsbildung des türkischen Militärs als Hüter des kemalistischen Staates.
- Analyse der militärischen Interventionen von 1960, 1971 und 1980 sowie ihrer sozio-ökonomischen Hintergründe.
- Die Transformation des Militärs von einer progressiven zu einer den Status quo bewahrenden Kraft.
- Der Einfluss des Militärs auf die demokratische Entwicklung und die Verfassungsgestaltung.
- Die heutige Rolle der Streitkräfte im Kontext der EU-Beitrittsbestrebungen und des politischen Islam.
Auszug aus dem Buch
4.2 Was waren die Folgen der Intervention von 1960?
Die militärische Intervention von 1960 zog sowohl für das politische System der Türkei, als auch für das Militär selbst, erhebliche Veränderungen nach sich.
Zuallererst bekam die Türkei eine neue Verfassung. Verantwortlich dafür war eine verfassungsgebende Versammlung, die „mit seismographischer Exaktheit das derzeitige soziale Kräfteverhältnis wider[spiegelte]. [...] Das Gleichgewicht zwischen dem Kleinbürgertum und der Industriebourgoisie kristallisiert sich sich in einem einmaligen verfassungsrechtlichen System der gegenseitigen Kontrolle (checks and balances!).“ (Serozan 1986. S.52). Diese Versammlung stellte einen erheblichen Demokratiegewinn für die Türkei dar, “since only a minority of its members were chosen by the military.“ (Hale S.137). Die Verfassung, die von dieser Versammlung verabschiedet wurde, stellte mit ihren erwähnten checks and balances, die sich unter anderem in zwei separaten Kammern und einem Verfassungsgericht niederschlugen, und den in ihr angeführten Grundrechten, die teilweise vom Grundgesetz übernommen worden waren, eine der liberalsten und fortschrittlichsten Verfassungen dieser Zeit dar. Allerdings wurde in ihr auch der Einfluss des Militärs konstituiert. Ihm wurde das Recht eingeräumt, in wichtigen, die nationale Sicherheit betreffenden Fragen, mitzubestimmen. „Der Nationale Sicherheitsrat war die hierfür vorgesehene politische Institution.“ (Serozan 1986. S.55).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, die den Einfluss des Militärs auf die Demokratieentwicklung der Türkei von 1923 bis heute unter Berücksichtigung historischer Zäsuren untersucht.
2. Wo liegen die Wurzeln des zeitgenössischen türkischen Militärs?: Untersuchung der Entstehung der türkischen Armee im Befreiungskrieg und deren Rolle als Sicherheitsgarant und Hüter der kemalistischen Prinzipien.
3. Die Türkei nach 1945: Demokratisch wider Willen?: Analyse der politischen und gesellschaftlichen Wandlungen nach dem Zweiten Weltkrieg und der zunehmenden Etablierung einer Opposition zum kemalistischen System.
4.1 Wie kam es zur ersten Militärintervention 1960?: Darstellung der wirtschaftlichen Krisen und politischen Konflikte, die das Militär zum Eingreifen veranlassten, um die demokratische Entwicklung vermeintlich zu sichern.
4.2 Was waren die Folgen der Intervention von 1960?: Erläuterung der verfassungsrechtlichen Änderungen sowie des ideologischen Wandels innerhalb des Militärs hin zu konservativeren Positionen.
4.3. Der Putsch von 1971: Ein Rückschritt in der demokratischen Entwicklung?: Analyse der reaktionären Ausrichtung der Intervention von 1971, motiviert durch innere Unruhen und systemkritische Bewegungen.
4.4 Der Putsch von 1980: Die Hochphase militärischen Autoritarismus?: Untersuchung der vollständigen Machtübernahme durch das Militär zur wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung im Zeichen eines autoritären Systems.
5. Welche Rolle spielt das Militär heute?: Betrachtung des „Soft-Putsches“ von 1997 und der heutigen Rolle des Militärs im Spannungsfeld zwischen Islamismus und EU-Beitritt.
6. Schlusswort: Synthese der Ergebnisse, wonach das Militär eine zentrale, wenn auch paradoxe Rolle als Hüter des Staates im Kontext der türkischen Demokratieentwicklung einnimmt.
Schlüsselwörter
Militär, Türkei, Kemalismus, Demokratie, Intervention, Putsch, Säkularismus, Verfassung, Politik, Islamismus, Reformen, Modernisierung, Nationale Sicherheit, Staatsgründung, Zivilgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss des Militärs auf die politische Entwicklung der Türkei, von der Gründung des Staates 1923 bis in die Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Rolle des Militärs als Hüter des kemalistischen Staates, die Analyse der militärischen Interventionen (1960, 1971, 1980, 1997) und die Auswirkungen auf das türkische Demokratieverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Militär durch seine Identität als Mitgründer des Staates sowohl demokratische Prozesse ermöglicht als auch im Namen der „Ordnung“ eingeschränkt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse politikwissenschaftlicher Literatur, welche die Entwicklung des politischen Systems der Türkei anhand markanter Einschnitte und Militärinterventionen nachvollzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch in die Phasen von der Staatsgründung über die Nachkriegszeit bis hin zu den verschiedenen Militärinterventionen und der aktuellen Rolle des Militärs im 21. Jahrhundert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Kemalismus, Demokratiedefizit, militärischer Autoritarismus, Laizismus und die Rolle des Nationalen Sicherheitsrates.
Inwiefern hat sich das Motiv der Militärinterventionen im Laufe der Jahrzehnte gewandelt?
Während frühe Interventionen noch einen progressiven Anspruch verfolgten, wandelte sich das Militär zunehmend zu einer reaktionären Kraft, die primär den Status quo, den Laizismus und die Interessen der Industriebourgeoisie gegen „Störungen“ von außen oder innen verteidigte.
Warum wird der Putsch von 1980 als Hochphase des Autoritarismus bezeichnet?
Weil das Militär hier erstmals die gesamte Regierungsgewalt übernahm, die Verfassung grundlegend undemokratisch änderte und systematisch Grundrechte einschränkte, um eine von außen (IWF) geforderte Wirtschaftspolitik durchzusetzen.
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- Alkimos Sartoros (Author), 2007, Die Rolle des Militärs in der Entwicklung der Türkei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136815