Für die Wirksamkeitsevaluation von Musik- und Tanzinterventionen empfiehlt der deutsche Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz keine Instrumente mit konkreten Prüfkriterien. Wie Pflegefachkräfte im Alltag evaluieren, welche Erfahrungen sie machen und welchen Herausforderungen sie sich dabei stellen, wurden mit Hilfe einer Literaturrecherche und Expert*innen-Interviews untersucht.
Die Zahl der Menschen mit Demenz (MmD) liegt in Deutschland aktuell bei rund 1,6 Millionen; pro Jahr erkranken mehr als 300.000 Menschen neu, also durchschnittlich etwa 900 Neuerkrankungen pro Tag, entsprechend gibt es in der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit etwa 51.000 MmD. Ein Viertel aller Bewohner*innen in stationären Pflegeeinrichtungen sind MmD.
Die Verbesserung der Lebensqualität (LQ) ist ein Teilziel der Gesundheitsversorgung; so in § 1 des Fünften Sozialgesetzbuchs (SGB V) festgehalten. LQ wird als Eck-punkt für einen patientenrelevanten Nutzen angegeben. Die LQ von MmD ist eng verbunden mit ihren Beziehungen zu anderen Menschen und impliziert Interaktionen; das bedeutet, dass MmD die Möglichkeit haben, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Durch geeignete Interventionen zur Lebensweltorientierung, Wahrnehmungsförderung, Wertschätzung und Zuwendung mit einer personzentrierten Haltung wird eine Beziehung gefördert.
Die Motivation zur Auswahl dieses Themas ist aus der langjährigen Arbeit mit MmD entstanden. Die Relevanz von Beziehungen für MmD wurde im Laufe dieser Zeit immer deutlicher. Eine Dame mit mittelschwerer oder schwerer Demenz interessiert eher wenig, ob ihre Haare perfekt frisiert sind; ebenso wenig interessiert es einen Herrn mit gleicher Erkrankung, ob seine Krawatte korrekt geknotet ist, oder vielleicht doch? Sie brauchen viel mehr! Sicher ist, sie brauchen Menschen, die sich Zeit für ein Gespräch nehmen oder mit ihnen das noch gut in Erinnerung gebliebene Lied singen. Schon der Titel des Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz (ES) erklärt, worauf es bei MmD ankommt. Es geht um Beziehung und nicht primär um physische Befindlichkeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Thematischer Hintergrund und Problemstellung
1.2 Fragestellungen und Zielsetzung
1.3 Literaturrecherche
1.4 Kapitelübersicht
I. Theoretischer Teil
2. Demenz, Symptome und Verlauf
2.1 Definition von Demenz
2.2 Arten der Demenz
2.3 Symptome und Verlauf der Demenz
3. Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz
3.1 Struktur des Expertenstandards
3.2 Person-zentrierter Ansatz nach Tom Kitwood
3.3 Beziehungsgestaltung und -förderung bei Menschen mit Demenz
4. Evaluation nach Expertenstandard
4.1 Die Pflegefachkraft verfügt über das Wissen und die Kompetenz zur Evaluation beziehungsfördernder und -gestaltender Pflege. (S 5 a)
4.2 Die Einrichtung stellt sicher, dass die Pflegefachkraft sowie andere an der Pflege Beteiligte ihre Beziehungsgestaltung zu den Menschen mit Demenz reflektieren können. (S 5 b)
4.3 Die Pflegefachkraft überprüft laufend die Wirksamkeit der beziehungsfördernden und -gestaltenden Maßnahmen. Sie nimmt in Absprache mit dem MmD, seinen Angehörigen sowie allen an der Pflege Beteiligten gegebenenfalls Änderungen am Maßnahmenplan vor. (P 5)
4.4 Der MmD zeigt Anzeichen für den Erhalt und die Förderung seines Gefühls, gehört, verstanden und angenommen zu werden sowie mit anderen Personen verbunden zu sein. (E 5 a)
4.5 Verlaufsbeobachtungen dieser Anzeichen sind nachvollziehbar dokumentiert und Änderungen im Maßnahmenplan sind bei Bedarf vorgenommen. (E 5 b)
5. Musik und Tanz als Interventionen zur person-zentrierten Beziehungsgestaltung
5.1 Bedeutung von Musik und Tanz
5.2 Wirkung von Musik- und Tanzinterventionen bei Menschen mit Demenz
6. Bedeutung der Beziehungsgestaltung für die Lebensqualität
6.1 Pflegebeziehung
6.2 Lebensqualität
6.3 Messung der Lebensqualität bei Menschen mit Demenz
6.4 Instrumente zur Einschätzung der Lebensqualität
II. Empirischer Teil
7. Untersuchungsdesign
7.1 Methode leitfadengestützter Expert*innen-Interviews
7.2 Interviewleitfaden
7.3 Sampling und Feldzugang
7.4 Ethik und Datenschutz
7.5 Ablauf der Interviews
7.6 Datenauswertung
8. Empirische Ergebnisse
8.1 Einführung des Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen
8.2 Bedeutung und Wirkung von Musik und Tanz als Interventionen zur person-zentrierten Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz
8.3 Wirksamkeitsevaluation von Musik und Tanz bei Menschen mit einer mittelschweren bis schweren Demenz
Beobachtungen / Äußerungen von anderen:
8.4 Zukunftserwartungen und Wünsche von Leitungskräften
9. Diskussion
9.1 Auswirkungen der Erfahrungen mit dem ES auf den Evaluationsprozess
9.2 Musik und Tanz und ihre Wirksamkeitsevaluation
9.2.1 Wirkungen von Musik und Tanz
9.2.2 Evaluation von Musik und Tanz
9.2.3 Methoden der Datenerhebung
9.2.4 Dokumentationsinstrumente für die Evaluation
9.2.5 Dokumentationsauswertung
9.3 Wünsche und Zukunftsaussichten der Befragten
9.4 Limitationen
9.5 Kritische Reflektion und Konklusion
10. Fazit und Ausblick
11. Literaturverzeichnis
12. Anhang
Anhang 1: Literaturrechercheprotokoll
Anhang 2: Kriterien des Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz
Anhang 3: Beobachtungsbogen
Anhang 4: Interviewanfrage
Anhang 5: Informationsblatt
Anhang 6: Einwilligung
Anhang 7: Interviewbeginn
Anhang 8: Interviewleitfaden
Anhang 9: Transkriptionsregeln
Anhang 10: Kodierleitfaden
Anhang 11: Darstellung der Haupt- und Subkategorien
Anhang 12: Transkripte der Interviews
Interview 1
Interview 2
Interview 3
Interview 4
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht im Rahmen einer qualitativen Studie, wie Pflegefachkräfte in stationären Einrichtungen die Wirksamkeit von Musik- und Tanzinterventionen zur Beziehungsgestaltung bei Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Demenz im Alltag evaluieren. Das Ziel besteht darin, den Ist-Zustand der Evaluation in der Praxis zu erfassen, diesen den Empfehlungen des Expertenstandards gegenüberzustellen und Hinweise für eine praxistaugliche Verbesserung zu gewinnen.
- Wirksamkeitsevaluation von Musik- und Tanzinterventionen
- Anwendung des Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Demenzpflege
- Methoden der Datenerhebung und Dokumentation im Pflegealltag
- Erfahrungen und Herausforderungen von Pflegefachkräften bei der Evaluation
- Lebensqualität und Beziehungsgestaltung als zentrale Dimensionen
Auszug aus dem Buch
Wirkung von Musik- und Tanzinterventionen bei Menschen mit Demenz
Von Fischer und Glanzmann (2016) wird die Wirkung der Musikinterventionen auch bei einem hohen Grad an neuronaler Degeneration aufgrund der Ergebnisse der neueren Hirnforschung als möglich angesehen (S. 77).
Im Folgenden werden zunächst drei Studien vorgestellt, die eine positive Wirkung von Musik und Tanz auf die Beziehungsgestaltung von MmD belegen. Die erste ist eine qualitative Beobachtungsstudie von Götell et al. (2009), die sich mit dem Einfluss von Musik auf die Emotionen von MmD beschäftigt. Die zweite ist eine Fallstudie von Kydd (2001), die sich mit der Auswirkung von Musiktherapie eines MmD bei dem Übergang vom häuslichen Umfeld in eine stationäre Einrichtung beschäftigt. Die dritte Studie ist ein Review von Guzmàn-Garcìa et al. (2013), die systematisch Ergebnisse von durchgeführten Studien über Tanzinterventionen für ältere MmD in Pflegeheimen überprüft. Anschließend wird eine aktuelle Studie von Weise et al. (2020) gezeigt, die sich den unmittelbaren Reaktionen von MmD auf individualisierte Musik widmet und einen neuen und in deutscher Sprache entwickelten Verhaltensbeobachtungsbogen vorstellt.
In der qualitativen Beobachtungsstudie The influence of caregiver singing and background music on vocally expressed emotions and moods in dementia care. A qualitative analysis, untersuchen Götell et al. (2009) die These, Musik und Gesang habe einen starken Einfluss auf die menschlichen Emotionen (S. 422). Dieser Effekt wurde in Pflegeeinrichtungen für MmD nachgewiesen (Götell et al., S. 422). Ziel dieser Studie ist es, die Emotionen und Stimmungen zu beleuchten, die in der Kommunikation zwischen Pflegepersonen und Menschen mit schwerer Demenz während der morgendlichen Pflege zum Ausdruck kommen (Götell et al., S. 424). Es wurden drei Situationen verglichen: Die übliche Pflegesituation ohne Musik, die mit Hintergrundmusik und die mit der singenden Pflegekraft; die Teilnehmer*innen waren neun Menschen mit schwerer Demenz, die in einem Pflegeheim in Schweden leben und fünf professionell Pflegende (Götell et al., S. 424). Es wurde eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt unter Verwendung von Videoaufzeichnungen; der Fokus lag auf stimmlich zum Ausdruck gebrachten Emotionen und Stimmungen während der verbalen Kommunikation (Götell et al., S. 425).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt den thematischen Hintergrund der Demenzpflege und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Evaluation von Musik- und Tanzinterventionen.
2. Demenz, Symptome und Verlauf: Vermittelt Grundlagen über Demenzdefinitionen, Formen und die Symptomatik in verschiedenen Stadien.
3. Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz: Erläutert die person-zentrierte Grundhaltung und die Bedeutung der Beziehungsgestaltung.
4. Evaluation nach Expertenstandard: Detailliert die Kriterien zur Evaluation von Maßnahmen sowie Methoden der Beobachtung.
5. Musik und Tanz als Interventionen zur person-zentrierten Beziehungsgestaltung: Belegt die Bedeutung und Wirkung von Musik und Tanz anhand von Studien.
6. Bedeutung der Beziehungsgestaltung für die Lebensqualität: Diskutiert den Einfluss der Pflegebeziehung auf die Lebensqualität und verschiedene Messinstrumente.
7. Untersuchungsdesign: Legt die methodische Vorgehensweise der qualitativen Sozialforschung mit Experteninterviews dar.
8. Empirische Ergebnisse: Präsentiert die gewonnenen Erkenntnisse aus den Interviews und strukturiert diese in vier Hauptthematiken.
9. Diskussion: Kontrastiert die empirischen Ergebnisse mit der theoretischen Literatur und beantwortet die Forschungsfrage.
10. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Entwicklungen in der Praxis.
Schlüsselwörter
Demenz, Beziehungsgestaltung, Pflege, Musikinterventionen, Tanzinterventionen, Wirksamkeitsevaluation, Lebensqualität, Expertenstandard, Beobachtung, Experteninterview, person-zentrierte Pflege, qualitative Sozialforschung, Alltag, Evaluation, Pflegemanagement
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit evaluiert, wie Pflegefachkräfte die Wirksamkeit von Musik- und Tanzinterventionen bei Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen im Alltag prüfen und dokumentieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung, die Anwendung von Musik und Tanz als nicht-medikamentöse Intervention sowie Strategien zur Messung der Lebensqualität dieser Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Ist-Zustand der Evaluation in der Praxis zu beschreiben, methodische Lücken aufzudecken und Hinweise für eine alltagstaugliche Verbesserung der Evaluationsprozesse in Pflegeheimen zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erhebung verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Sozialforschung, bei der leitfadengestützte Experteninterviews mit Leitungskräften in stationären Pflegeeinrichtungen durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Grundlagen (Expertenstandard, Demenzbegriffe, Studien zu Musik und Tanz) als auch die empirische Untersuchung und deren Ergebnisse im Hinblick auf Alltag, Evaluation und Zukunftswünsche der Befragten dargelegt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Schlagworte sind Wirksamkeitsevaluation, Beziehungsgestaltung in der Pflege, Dementia Care Mapping (DCM), Beobachtungsmethoden und Lebensweltorientierung.
Welche Rolle spielen Angehörige bei der Evaluation?
Sie fungieren als Wissensträger über die individuelle Biografie der Menschen mit Demenz und werden von den Leitungen oft in Fallbesprechungen oder informellen Gesprächen einbezogen, wenn eine direkte Rückmeldung durch die Bewohner nicht mehr möglich ist.
Wie gehen die Einrichtungen mit der Dokumentation um?
Die Dokumentation erfolgt meist "by-the-way" im Pflegebericht. Viele Befragte empfinden eine zu detaillierte, schriftliche Dokumentation als zeitaufwändig und wenig praktikabel; sie bevorzugen die fallbezogene Besprechung als Instrument zur Wirksamkeitsprüfung.
- Citar trabajo
- Ana Rudolphi (Autor), 2021, Wirksamkeitsevaluation von Interventionen zur Beziehungsgestaltung in der Pflege nach Expertenstandard. Eine qualitative Studie zu Musik und Tanz bei Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Demenz, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1368434