Die vorliegende Hausarbeit entstand auf der Grundlage des vom Verfasser im Rahmen des
Seminars abgehaltenen Referates „L’espace masculin – l’espace photographique et
imaginaire“ zum Roman Le désert mauve von Nicole Brossard. Sie soll sich mit der Rolle der
Fotografie als Ausdrucksmittel in diesem Werk der frankokanadischen Autorin beschäftigen
und die sich dort darbietenden verschiedenen fotografischen Phänomene auf ihre Wirkung
bzw. auf die ihnen zugrundeliegenden Wirkungsabsichten hin untersuchen. Die Kenntnis des
Romans wird zum Verständnis dieser Arbeit vorausgesetzt.
Dazu werden in einem ersten Kapitel die unterschiedlichen im Text auftauchenden
fotografischen Bilder beleuchtet und vor allem mit theoretischen Aussagen Roland Barthes’
zusammengebracht. Darüber hinaus sollen aber auch die Textpassagen des ersten und dritten
Romanteils, die sich mit der einzigen männlichen Hauptfigur, dem homme long,
auseinandersetzen, hinsichtlich ihres fotografischen Charakters ergründet werden. Der zweite
Teil der Arbeit schließlich wird sich mit den fünf, in der Mitte des Romans vorfindbaren
Schwarzweiß-Fotografien auseinandersetzen.
Als Arbeitsgrundlage diente die französische Ausgabe des Werkes aus dem Jahr 1987. Die
daraus entnommenen, die Darlegungen illustrierenden Zitate werden zumeist nicht ins
Deutsche übersetzt. Anderweitige Übersetzungen (vor allem aus der französischen
Sekundärliteratur) wurden vom Verfasser vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 FOTOGRAFIE ALS BEGLAUBIGUNG DER REALITÄT
2.1 Beweise einer zerstörerischen Realität
2.2 Beweise einer entwürdigenden Realität
2.3 Beweise einer getrübten Realität
2.4 Sprache als Fotografie
3 FOTOGRAFIE ALS SCHÖPFUNG EINER NEUEN WIRKLICHKEIT
3.1 Verortung und äußere Form der Bilder
3.2 Beschreibung der Bilder
3.3 Aussagen der Bilder
4 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Fotografie als Ausdrucksmittel im Roman Le désert mauve der frankokanadischen Autorin Nicole Brossard. Dabei wird analysiert, wie fotografische Phänomene und ihre Wirkung auf die patriarchale Realitätskonstruktion eingesetzt werden, wobei insbesondere die theoretischen Ansätze von Roland Barthes zur Anwendung kommen.
- Fotografie als vermeintlich objektives Abbild der Realität in einem patriarchalen System.
- Die Funktion der männlichen Hauptfigur (homme long) und deren symbolische Verbindung zum patriarchalen Denken.
- Die Dekonstruktion traditioneller Fotografie durch künstlerische Manipulationen und Spezialeffekte.
- Die Erschaffung eines "Raums der Befreiung" für Frauen durch das Aufbrechen literarischer und fotografischer Normen.
Auszug aus dem Buch
2.2 Beweise einer entwürdigenden Realität
In Kapitel 2 des ersten und dritten Romanteils betrachtet der homme long Fotografien von nackten Frauen in einem pornografischen Heftchen. Dabei interessiert er sich nicht für die Gesichter der abgebildeten Frauen, sondern sieht nur ihre Geschlechtsteile. Aus der weiteren Beschreibung dieser Szene lässt sich vermuten, dass der Mann masturbiert und zum Orgasmus kommt (es folgt ein Explosionsgeräusch (Teil 1) bzw. eine Explosion der Ringe um die Geschlechtsteile (Teil 3), dann schließt er die Augen).
Die Fotografien verdeutlichen hier eine weitere Realität in der männerdominierten Gesellschaft, in der Frauen als bloße Objekte zur Lustbefriedigung des Mannes dienen. Reduziert auf ihre primären sexuellen Reize bleibt ihre Individualität unbeachtet; ihre Gesichter sind, wie im Falle dieser Fotos, unbedeutend.
Im Hinblick auf die pornografische Fotografie stellt Barthes fest, dass sie vom Betrachter keinerlei Imagination erfordert, weil sie schon alles vorgibt und auf nichts Weiteres verweist (was sie von der erotischen Fotografie unterscheidet). Sie macht das Geschlechtsteil zu ihrem einzigen, unbewegten Objekt, ja zu einem Fetisch. Alle geistige Sinnlichkeit und Spiele der Fantasie bleiben außen vor. Für Brossard ist diese Art von Fotografie daher wohl vor allem ein Sinnbild des zum Teil entwürdigenden und unmenschlichen Umgangs mit weiblicher Individualität innerhalb des patriarchalen Systems.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Rolle der Fotografie in Nicole Brossards Roman zu untersuchen, und erläutert die methodische Herangehensweise unter Einbeziehung von Roland Barthes.
2 FOTOGRAFIE ALS BEGLAUBIGUNG DER REALITÄT: Dieses Kapitel analysiert die traditionelle Auffassung der Fotografie als objektives Beweismittel und zeigt, wie diese zur Darstellung zerstörerischer, entwürdigender und getrübter Realitäten genutzt wird.
3 FOTOGRAFIE ALS SCHÖPFUNG EINER NEUEN WIRKLICHKEIT: Hier wird untersucht, wie die Autorin durch bewusste Manipulationen und Bildkompositionen die traditionelle Deutung der Fotografie aufbricht, um eine neue, feministische Vision zu entwerfen.
4 SCHLUSSBETRACHTUNG: Die Schlussbetrachtung resümiert die Ergebnisse der Analyse und unterstreicht Brossards Beitrag zur Erweiterung von Sicht- und Schreibweisen innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Nicole Brossard, Le désert mauve, Fotografie, Roland Barthes, Patriarchat, homme long, Realitätskonstruktion, Feministischer Roman, Bildanalyse, Dekonstruktion, Literaturwissenschaft, Geschlechterrollen, Medientheorie, Subjektivierung, Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Funktion der Fotografie als zentrales Ausdrucksmittel im Roman Le désert mauve der Autorin Nicole Brossard.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die mediale Darstellung von Realität, die Kritik am patriarchalen Gesellschaftssystem und die künstlerische Befreiung weiblicher Individualität.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Brossard verschiedene fotografische Phänomene und deren Wirkungsabsichten im Roman nutzt, um patriarchale Denkmuster sowohl abzubilden als auch zu dekonstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die insbesondere auf die Medientheorie von Roland Barthes zurückgreift, um den fotografischen Charakter von Textpassagen und Bildsequenzen zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Fotografie als "Beglaubigung der Realität" durch die männliche Figur und die Untersuchung der "neuen Wirklichkeit", die durch die bewusste Manipulation von Fotografien geschaffen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Nicole Brossard, Fotografie, Patriarchat, homme long, Dekonstruktion und feministische Vision.
Warum wird die männliche Figur im Roman nur als „homme long“ bezeichnet?
Die Bezeichnung dient als treffendes Bild für eine anonyme, charakterlose und körperlose Gestalt, die stellvertretend für das patriarchale System steht.
Welche Rolle spielt die "graue Linie" im Roman für die Interpretation?
Die Linie, die das Buch physisch teilt, symbolisiert den Draht, der Realität und Fiktion trennt, und markiert die zentrale Position der "Foto-Akte" im Werk.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2009, Raum für eine neue Wirklichkeit - Betrachtungen zur Fotografie in Nicole Brossards Roman "Le désert mauve" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136921