Die Anwendung von Achtsamkeitsprogrammen zur Entwicklung individueller Achtsamkeit in Organisationen wurde bereits ausführlich untersucht. Im Mittelpunkt dieser Arbeit sollen die Prinzipien und die Anwendung der kollektiven Achtsamkeit stehen. Die Forschungsfrage für diese Arbeit lautet daher: Inwieweit kann die Einführung kollektiver Achtsamkeit für Organisationen von Nutzen sein? Zur Beantwortung der Fragestellung werden im folgenden Kapitel die positiven Effekte und Grenzen von individueller Achtsamkeit in Organisationen aufgezeigt. Danach wird der begriffliche und konzeptionelle Rahmen der kollektiven Achtsamkeit beschrieben. Im Kapitel 3 werden Studienergebnisse und im Kapitel 4 ein Beispiel aus der systemischen Organisationsberatung vorgestellt. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, diskutiert und ein Ausblick gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Achtsamkeit in Organisationen
2.1 Individuelle Achtsamkeit in Organisationen
2.2 Achtsames Organisieren, kollektive Achtsamkeit und organisationale Achtsamkeit
2.3 Zuverlässige Hochrisikoorganisationen als Vorbild
2.4 Fünf Prinzipien der kollektiven Achtsamkeit
3 Kollektive Achtsamkeit in der Praxis
4 Anwendung in der systemischen Organisationsberatung
5 Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Nutzen der Einführung kollektiver Achtsamkeit in Organisationen, um in komplexen und unsicheren Umfeldern eine verlässliche Leistungserbringung zu gewährleisten. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie prinzipienbasiertes Achtsamkeitstraining von der individuellen auf die kollektive Ebene transferiert und durch systemische Beratung in Organisationsprozesse integriert werden kann.
- Prinzipien der kollektiven Achtsamkeit (nach Weick & Sutcliffe)
- Abgrenzung von individueller und organisationaler Achtsamkeit
- Praktische Anwendung und Messbarkeit in Hochrisikoorganisationen
- Rolle der systemischen Organisationsberatung bei der Einführung
- Förderung von Sicherheitskultur und Resilienz durch Achtsamkeit
Auszug aus dem Buch
2.4 Fünf Prinzipien der kollektiven Achtsamkeit
Bei der Konzentration auf Fehler wird die kontinuierliche Aufmerksamkeit auf jede Abweichung gerichtet, die eine mögliche Fehlentwicklung zur Folge haben könnte und auf weitere Fehler im System hindeuten könnten. In einer HRO ist man sich dessen bewusst, dass Menschen ein begrenztes Wissen über die Situation, die Umwelt und das eigene Team haben. Fehler, die nicht gemacht werden sollen, werden vorhergesehen und definiert (Weick & Sutcliffe, 2015, S. 46).
Das zweite Prinzip ist die Abneigung gegen Vereinfachungen. Erwartungen und die Tendenz zur Vereinfachung führen zur Vernachlässigung von wichtigen Informationen, so dass folgenreiche Abweichungen entstehen können. Mit Achtsamkeit entsteht eine Offenheit für eine größere Vielfalt an Informationen und Interpretationen, die vorher noch nicht bedacht worden waren. Ein nuanciertes Verständnis des Kontexts wird durch häufiges Hinterfragen, ob bestehende Annahmen angemessen sind, entwickelt.
Dadurch können zuverlässige Alternativen berücksichtigt und vielfältigere und aussagekräftigere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden (Weick & Sutcliffe, 2015, S. 62-71).
Bei der Sensibilität für betriebliche Abläufe werden die Erkenntnisse aus den ersten beiden Prinzipien in den gegenwärtigen betrieblichen Prozess der Organisation integriert. Sensibilität ist die bewusste Aufmerksamkeit für das tatsächliche Handeln im Moment unabhängig von der Absicht oder der Konzeption. Die Mitarbeitenden verstehen ihr Wirken als aktiv dem Prozess der Organisation dienend und in komplexer Wechselwirkung mit den anderen Mitarbeitenden (Weick & Sutcliffe, 2015, S. 84 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung benennt die zunehmende Komplexität und Unsicherheit für heutige Organisationen und führt das Konzept der kollektiven Achtsamkeit als mögliche Lösung für ein stabileres Sicherheitsmanagement ein.
2 Achtsamkeit in Organisationen: Dieses Kapitel differenziert zwischen individueller Achtsamkeit im buddhistischen beziehungsweise klinischen Sinne und den für Organisationen relevanten Formen wie achtsamem Organisieren und kollektiver Achtsamkeit.
3 Kollektive Achtsamkeit in der Praxis: Hier werden wissenschaftliche Fragebögen zur Messung von Achtsamkeit vorgestellt sowie empirische Studien diskutiert, die den positiven Zusammenhang zwischen achtsamen Organisationsprozessen und Sicherheitskennzahlen belegen.
4 Anwendung in der systemischen Organisationsberatung: Das Kapitel erläutert die praktische Implementierung von kollektiver Achtsamkeit durch systemische Beratungsprozesse anhand eines Fallbeispiels eines ThyssenKrupp-Entwicklungsprojekts.
5 Diskussion: Die Diskussion fasst die Ergebnisse zusammen, beleuchtet Implementierungshürden wie den Bedarf an langfristiger Organisationsentwicklung und kritisiert teils zu enge Fokussierungen auf das Topmanagement.
Schlüsselwörter
Kollektive Achtsamkeit, Achtsames Organisieren, Hochrisikoorganisationen, Organisationsentwicklung, Systemische Beratung, Sicherheitsmanagement, Resilienz, Sicherheitskultur, Teamlernen, Sensemaking, Fehlermanagement, Risikokultur, Prozessorientierung, Komplexitätsbewältigung, Mindfulness Organizing Scale.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit hauptsächlich?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Übertragung des Konzepts der kollektiven Achtsamkeit auf Organisationen, um deren Zuverlässigkeit und Anpassungsfähigkeit in komplexen Umfeldern zu erhöhen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf den fünf Prinzipien nach Weick & Sutcliffe, der Messung dieser Prinzipien durch Tools wie die "Mindfulness Organizing Scale" sowie der praktischen Implementierung durch systemische Beratung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den Nutzen und die Anwendbarkeit kollektiver Achtsamkeit als proaktives Instrument für Sicherheitsmanagement und Organisationsentwicklung zu ergründen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender Konzepte sowie die Auswertung empirischer Studienergebnisse zu kollektiver Achtsamkeit und deren Korrelation mit Sicherheitskulturen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Begriffsabgrenzung, HRO-Prinzipien) und die anwendungsorientierte Perspektive, inklusive der Darstellung eines realen Beratungs-Fallbeispiels.
Was prägt das Profil dieser Arbeit (Keywords)?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie kollektive Achtsamkeit, systemische Organisationsberatung, Resilienz und proaktives Sicherheitsmanagement aus.
Warum wird das Konzept der Hochrisikoorganisationen als Vorbild herangezogen?
HROs dienen als Modell, da sie aufgrund ihrer kritischen Arbeitsumgebungen (z.B. Kernkraftwerke) besonders ausgefeilte Mechanismen entwickelt haben, um Fehler frühzeitig zu erkennen und unerwartete Ereignisse einzudämmen.
Welche Rolle spielt die "ThyssenKrupp"-Fallstudie für das Verständnis?
Die Fallstudie illustriert, dass die Einführung kollektiver Achtsamkeit kein reiner Wissensimport ist, sondern einen langwierigen, durch Coachings begleiteten Lernprozess erfordert, der tief in die Organisationsstruktur eingreift.
- Arbeit zitieren
- Kathrin Loewe (Autor:in), 2022, Kollektive Achtsamkeit in Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1369923