„Was sind das eigentlich für Leute? Russen, Deutsche, Kasachen ...?“ „Warum kapseln die sich so ab?“ „Warum sind die so aufsässig?“ Dies sind Fragen, die Lehrer sich im Umgang mit russischsprachigen Schülern und Schülerinnen häufig stellen. Dies weist auf zwei Probleme hin: Zum einen besteht bei den Lehrern ein Informationsdefizit. Obwohl an deutschen Schulen nun schon fast zwei Jahrzehnte verstärkt Übersiedler aus der GUS unterrichtet werden, scheint zumindest ein Teil der Lehrer sich nur wenig mit deren biografischen Voraussetzungen auseinandergesetzt zu haben. Die vielen Fragen von Lehrern zeigen zum anderen einen offensichtlichen Informationsbedarf. Unter diesen beiden Prämissen – Informationsbedarf und Informationsdefizit – wurde diese Arbeit verfasst. Präsentiert werden die Ergebnisse einer Untersuchung, die erforschte, wie russischsprachige Übersiedler ihre Situation an einer deutschen Schule wahrnehmen.
Obwohl national und kulturell höchst unterschiedlich geprägt, finden sich bei den untersuchten Schülern deutliche Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel das durchlaufene, relativ einheitliche sowjetische oder postsowjetische Schulsystem. Dieses prägte entscheidend die Wahrnehmung der deutschen Schule durch die jungen Übersiedler.
Eine schwierige Frage ist die, wie sich die Übersiedler selbst definieren. Daher wird u. a. untersucht, welchen Nationalitäten sich die Respondenten zuordnen. Die verschiedenen Bedingungen, die das unterschiedliche Nationalbewusstsein in den Herkunftsländern der Übersiedler prägen und definieren, werden ausführlich dargestellt.
Die deutsche Sprache stellt an der Schule eines der größten Probleme für die Übersiedler dar. Das Kapitel „Sprachverwirrung ...“ untersucht daher die sprachlichen Voraussetzungen, unter denen die Übersiedler nach Deutschland kommen sowie die Bedingungen, unter denen sie hier die deutsche Sprache erlernen sollen.
Die Beschreibung der Wahrnehmung der deutschen Schule in Kapitel „Die Schule hier ist doch ein Kindergarten!“ bildet den Schwerpunkt dieses Buches. Hier wird die schulische Vergangenheit der Übersiedler sowie ihre Grundeinstellung gegenüber der Schule dargestellt. Im Anschluss wird die allgemeine Wahrnehmung der deutschen Schule sowie die Einstellung zu Lehrern und verschiedenen Schülergruppen eingehend untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DEFINITIONEN
2.1 Deutsche
2.2 Ausländer
2.3 Übersiedler
2.3.1 Kontingentflüchtlinge
2.3.2 Aussiedler
2.3.3 Russen und andere
3 DAS „GENO“ – EIN GANZ BESONDERES GYMNASIUM
4 NUMERISCHE FAKTEN
5 DAS IDENTITÄTSPROBLEM – DEUTSCHER, RUSSE, JUDE ODER KASACHE?
6 SPRACHVERWIRRUNG – WELCHE SPRACHEN SPRECHEN DIE ÜBERSIEDLER?
6.1 Sprachliche Voraussetzungen
6.2 Die Sprachsituation in Deutschland
6.3 Warum sprechen sie Russisch?
6.4 Auswege aus der sprachlichen Sackgasse?
7 DIE SCHULE HIER IST DOCH EIN KINDERGARTEN!
7.1 Der schulische Hintergrund der Übersiedler
7.2 Allgemeine Einstellung zur Schule und Erwartungen an die Schule
7.3 Schule in den Augen der Übersiedler
7.3.1 Leistungsanforderungen
7.3.2 Lehrbücher und der Umgang mit ihnen
7.3.3 Außerschulisches Angebot
7.3.4 Ist der Übergang in die deutsche Schule zu erleichtern? – Schlüsse aus der Analyse der Schulwahrnehmung durch die Übersiedler
7.4 Lehrer in den Augen der Übersiedler
7.4.1 Unterrichtsstil
7.4.2 Verbales Lehrerverhalten
7.4.3 Nonverbales Lehrerverhalten
7.4.4 Spezielles Verhalten der Lehrer gegenüber Übersiedlern
7.4.5 Müssen sich die deutschen Lehrer anpassen? – Schlüsse aus der Analyse der Lehrerwahrnehmung durch die Übersiedler
7.5 Mitschüler in den Augen der Übersiedler
7.5.1 Übersiedler unter sich
7.5.2 „Russen“ und „Deutsche“
7.5.3 „Russen“ und „Türken“
7.5.4 Mögliche Wege zu einem besseren interkulturellen Verständnis unter Schülern
8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer quantitativen Befragung von 180 Schülern am Gymnasium Genovevastraße in Köln-Mülheim, wie russischsprachige Übersiedler ihre Situation in der deutschen Schule wahrnehmen, um ein bei Lehrern bestehendes Informationsdefizit zu beheben und Integrationsansätze aufzuzeigen.
- Biografische Hintergründe und schulisches Sozialisationsumfeld der Übersiedler.
- Die Sprachsituation und die Bedeutung der russischen Sprache im Alltag der Jugendlichen.
- Wahrnehmung und Einstellung zur deutschen Schule, zu Lehrern sowie zu Mitschülern.
- Die Identitätsproblematik im Kontext von Herkunft, Nationalität und Integration.
- Ableitung von Ansätzen für ein verbessertes interkulturelles Verständnis an der Schule.
Auszug aus dem Buch
7.3.1 Leistungsanforderungen
17 % der Respondenten empfinden die Leistungsanforderungen in der deutschen Schule höher als die Leistungsanforderungen ihrer früheren Schulen in der GUS.; 16 % sehen keinen Unterschied. 66 % der befragten Schüler empfinden die Anforderungen an deutschen Schulen als geringer, und das, obwohl sie hier schlechtere Noten haben als in ihrer alten Heimat. Der sprachliche Hintergrund dieser scheinbar paradoxen Situation wurde oben schon diskutiert.
Interessant ist eine Differenzierung nach Fächern, denn hier gibt es große Unterschiede in der Wahrnehmung der Übersiedler. Abbildung 8 verschafft einen Überblick darüber, in welchen Fächern nach Meinung der Übersiedler welches Schulsystem anspruchsvoller ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Diese Einleitung beschreibt den Ausgangspunkt der Untersuchung und begründet den Bedarf an einer empirischen Erforschung der Situation russischsprachiger Übersiedler am Gymnasium Genovevastraße.
2 DEFINITIONEN: In diesem Kapitel werden die für die Arbeit zentralen Begriffe wie Deutsche, Ausländer und die heterogene Gruppe der Übersiedler definiert und abgegrenzt.
3 DAS „GENO“ – EIN GANZ BESONDERES GYMNASIUM: Dieses Kapitel stellt die spezifische Schule mit ihrem multikulturellen Umfeld und den besonderen Förderangeboten für Aussiedler vor.
4 NUMERISCHE FAKTEN: Hier werden die soziodemografischen Eckdaten der untersuchten Schülergruppe, wie Alter, Geschlecht und Herkunft, präsentiert.
5 DAS IDENTITÄTSPROBLEM – DEUTSCHER, RUSSE, JUDE ODER KASACHE?: Dieses Kapitel analysiert das komplexe Nationalbewusstsein und die Identitätsfindung der jungen Übersiedler vor dem Hintergrund ihrer Herkunftsgeschichte.
6 SPRACHVERWIRRUNG – WELCHE SPRACHEN SPRECHEN DIE ÜBERSIEDLER?: Hier wird die Rolle der deutschen und russischen Sprache untersucht, insbesondere warum trotz Bildungsangeboten häufig Russisch dominiert.
7 DIE SCHULE HIER IST DOCH EIN KINDERGARTEN!: Dieser Hauptteil analysiert die Wahrnehmung des deutschen Schulsystems durch die Schüler, ihre Einstellung zu Lehrern und die sozialen Beziehungen unter den Mitschülern.
8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Forschungsergebnisse zusammen und diskutiert Möglichkeiten für eine zukünftige Verbesserung der interkulturellen Situation an der Schule.
Schlüsselwörter
Übersiedler, Russlanddeutsche, Kontingentflüchtlinge, Schule, Interkulturelles Verständnis, Sprachsituation, Identität, Integration, Gymnasium Genovevastraße, Russland, GUS, Sprachförderung, Schulleistungsanforderungen, Identitätsproblem, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht, wie russischsprachige Übersiedler ihre Situation an einem deutschen Gymnasium wahrnehmen und welche Auswirkungen ihre biografische Sozialisation in der ehemaligen Sowjetunion auf ihre schulische Integration hat.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Untersuchung behandelt das Identitätsproblem der Jugendlichen, die Rolle der Sprache, die Wahrnehmung des deutschen Lehrverhaltens sowie die sozialen Beziehungen zwischen den verschiedenen Schülergruppen.
Was ist das primäre Ziel des Forschungsvorhabens?
Das Ziel ist es, bei deutschen Lehrern das bestehende Informationsdefizit hinsichtlich der Hintergründe russischsprachiger Schüler abzubauen und auf Basis der Ergebnisse Ansätze für ein besseres interkulturelles Verständnis zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine quantitative Fragebogenbefragung von 180 Schülern, ergänzt durch Experteninterviews und eigene langjährige Beobachtungen aus dem Referendariat.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der schulischen Vergangenheit der Übersiedler, ihrer Grundeinstellung gegenüber der Schule, der Einschätzung von Leistungsanforderungen sowie der Beurteilung von Lehrern und Mitschülern.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Übersiedler, interkulturelles Verständnis, Sprachverwirrung und Identitätsproblem geprägt.
Warum sprechen viele Übersiedler an der Schule noch immer Russisch?
Die Studie zeigt, dass dies neben emotionalen Gründen der Pubertät auch an der Solidarität innerhalb der Peergroups, der Wohnsituation in Übergangswohnheimen und der Sprachbarriere gegenüber hiesigen Jugendlichen liegt.
Wie bewerten die Übersiedler die deutschen Lehrer im Vergleich zu Lehrern in der GUS?
Die Schüler empfinden deutsche Lehrer oft als freundlicher, aber auch als undiszipliniert oder inkompetent, da der lockere Unterrichtsstil von ihrem gewohnten autoritären Schulbild abweicht.
- Quote paper
- Karsten Müller (Author), 1999, Schulschock - Wie junge russischsprachige Übersiedler eine deutsche Schule wahrnehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137008