Die Darstellung von dramatischen Liebesgeschichten ist scheinbar so alt wie die Menschheit selbst und kommt nie aus der Mode. Die Erzählung „Inkel und Yariko“ von Johann Jacob Bodmer aus dem Jahre 1756 erzählt eine weitere unglückliche Liebesgeschichte; und ganz dem Zeitgeist entsprechend zwischen einer Eingeborenen und einem Europäer. Das Motiv des/ der edlen Wilden ist zu dieser Zeit nicht neu und wurde schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts in der französischen und englischen Literatur verwendet.
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich aber um eine Zusammenstellung von zwei Autoren. Der zweite Teil von „Inkel und Yariko“ von Salomon Gessner aus dem gleichen Jahr scheint eine Art Fortsetzung der dramatischen Geschichte zu sein. Dabei unternimmt Gessner den Versuch, der zuerst tragischen Geschichte eine positive Wendung zu geben.
In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die Unterschiede zwischen diesen beiden Geschichten zu beleuchten – denn als zwei getrennte Geschichten sollten sie betrachtet werden – und die Intention der beiden Autoren aufzuzeigen. Es wird dabei weniger auf die historische Bedeutung des Begriffes des edlen Wilden noch auf die damit einhergehenden rassischen Argumentationen eingegangen, gleichwohl die damit verbundenen Vorurteile und die beabsichtigte Wirkung der Autoren Thema bleiben. Vielmehr soll der Unterschied zwischen den beiden Stücken – erster und zweiter Teil – herausgearbeitet werden.
Einen guten Überblick über die Bedeutung des vorliegenden Stoffes in der Literatur – speziell für Bühnenstücke – sowie im anthropologischen Gesamtkontext bietet die Doktorarbeit von Isabel Kunz.
Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltsverzeichnis
2. Einleitung
3. Kulturkritik und Liebesgeschichte – eine Textanalyse
3.1. „Inkel und Yariko“ Zusammenfassung
3.2. Bodmers 1. Teil
3.3. Gessners 2. Teil
3.3.1. Charakteranalyse
3.3.1.1. Die „edle Wilde“ Yariko
3.3.1.2. Der „zivilisierte“ Inkel
3.3.1.3. Der „barmherzige“ Befehlshaber
4. Warum ein Happy End nicht immer sein muss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Unterschiede zwischen den Erzählungen „Inkel und Yariko“ von Johann Jacob Bodmer und deren Fortsetzung durch Salomon Gessner. Ziel ist es, die Intentionen beider Autoren sowie deren Umgang mit den Motiven der „edlen Wilden“ und der kulturellen Identität im 18. Jahrhundert herauszuarbeiten.
- Kulturkritische Analyse der „edlen Wilden“-Thematik
- Vergleich der Erzählstrategien (Versmaß vs. Prosa)
- Charakterisierung von Yariko und Inkel in beiden Textfassungen
- Diskussion über die Notwendigkeit von „Happy Ends“ in der Literatur
Auszug aus dem Buch
3.3.1.2. Der „zivilisierte“ Inkel
Inkel wird als ein Jüngling mit einem runden, weißen Gesicht mit lockigen Haaren und scheinbar modischer europäischer Kleidung beschrieben. Der klang seiner männlichen Stimme, wie auch sein Äußeres, wecken Yarikos Interesse. Er stellt also in Erscheinung und Auftreten den überlegenen europäischen Idealtyp dar.
Abgeschieden von seinem zivilisierten Umfeld verliebt er sich in die edle Wilde, unter „normalen“ Umständen undenkbar. Hier zeigt sich auch, dass die Kulisse die Bodmer wählt von entscheidender Bedeutung ist. In Europa – oder europäischen Kolonien – wäre diese Liebe nicht denkbar gewesen.
Der zivilisierte Europäer ist dem primitiven Mädchen ausgeliefert und verliebt sich trotz dieser scheinbaren Unterlegenheit in sie. Erst mit der Berührung seines eigenen Kulturkreises nimmt er wieder die herrische und überlegene Haltung an.
In Bodmers Version der Geschichte verwandelt sich der verliebte Jüngling in einen kaltherzigen, habgierigen und profitorientierten Europäer. Diese kaltherzige Handlung des Verkaufs der vormaligen Geliebten zeigt noch einmal deutlich die Kritik Bodmers an den scheinbar zivilisierten Europäern und verdeutlicht seinen Standpunkt.
Gessner, scheinbar interessiert am menschlichen Charakter und einem guten Ende lässt Inkel eine Wandlung durchleben. Hier erst wird Inkel von Zweifeln und Reue befallen. Er willigt in die – für einen Europäer – unmenschliche Strafe der Sklaverei ein. Aber erst die Reue ermöglicht es ihm, von Yariko erlöst zu werden. Erst nach einer Reinigung und Leuterung durch die selbstauferlegte Strafe lässt Gessner Inkel Yarikos würdig erscheinen. Hier zeigt sich deutlich, dass es Gessner um den Aspekt der Buße und Sühne, schlussendlich aber auch um die wahre Liebe und ein „Happy End“ geht.
Zusammenfassung der Kapitel
2. Einleitung: Diese Einleitung führt in die thematische Gegenüberstellung der zwei Bearbeitungen des Stoffs „Inkel und Yariko“ ein und erläutert den Fokus auf die Differenzen in der Intention der Autoren.
3. Kulturkritik und Liebesgeschichte – eine Textanalyse: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Zusammenfassung beider Teile und analysiert die erzählerischen Mittel sowie die Charakterzeichnungen der zentralen Figuren.
4. Warum ein Happy End nicht immer sein muss: Dieser Abschnitt erörtert die unterschiedlichen literarischen Enden und hinterfragt, inwiefern die gewählten Auflösungen die ursprüngliche Gesellschaftskritik der Vorlage schwächen oder stärken.
Schlüsselwörter
Inkel und Yariko, Johann Jacob Bodmer, Salomon Gessner, Edle Wilde, Literaturanalyse, Aufklärung, Gesellschaftskritik, Kolonialismus, Happy End, Naturzustand, Liebesgeschichte, Charakteranalyse, Sühne, Sklaverei, Epische Dichtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert zwei unterschiedliche literarische Bearbeitungen der Geschichte „Inkel und Yariko“ durch die Autoren Bodmer und Gessner hinsichtlich ihrer kulturkritischen Aussagen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Motiv des „edlen Wilden“, die Gegenüberstellung von europäischer Zivilisation und Naturzustand sowie die literarische Gestaltung ethischer Konflikte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Intention beider Autoren aufzuzeigen und zu untersuchen, wie diese die Deutung des Stoffes und das Verständnis von Gerechtigkeit beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt die Methode der Textanalyse, um inhaltliche und stilistische Differenzen zwischen den beiden literarischen Fassungen herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Zusammenfassung der Erzählungen, der Analyse der Charaktere (Inkel, Yariko, Gouverneur) sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der erzählerischen Form.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Edle Wilde“, „Aufklärung“, „Gesellschaftskritik“ und „Literaturanalyse“ beschreiben.
Wie unterscheidet sich Gessners Ansatz von Bodmers ursprünglicher Version?
Während Bodmer die Geschichte als kritische Gesellschaftsparabel mit tragischem Ende konzipiert, versucht Gessner, den Stoff durch ein „Happy End“ und das Thema der moralischen Läuterung zu versöhnen.
Welche Rolle spielt der Gouverneur in Gessners Fortsetzung?
Der Gouverneur fungiert als „barmherziger Samariter“, der erst durch seine moralische Autorität die Läuterung Inkels und somit das angestrebte positive Ende der Geschichte ermöglicht.
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- Nina Bohr (Autor), 2009, Erzählungsanalyse der Erzählungen Bodmers und Gessners, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137023