Das Chinesische Bankensystem im Wandel

Herausforderungen und Lösungsansätze


Masterarbeit, 2007

78 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 AUSGANGSLAGE
2.1 PROBLEMSTELLUNG UND METHODIK
2.2 BEGRIFFSDEFINITIONEN
2.3 AKTUELLE ANALYSE DES BANKENSEKTORS
2.3.1 Überblick über das Bankensystem und die Situation der Banken
2.3.2 Die Reformen seit
2.4 EINFLUSS DER REALWIRTSCHAFTLICHEN VORAUSSETZUNGEN IN CHINA AUF DIE ENTWICKLUNG DES BANKENSEKTORS

3 PROBLEMFELDER DES CHINESISCHEN BANKENSEKTORS
3.1 BANKENINTERNE PROBLEME
3.1.1 Risikomanagement
3.1.2 Produktivität der Investitionen
3.1.3 Notleidende Kredite
3.2 I NSTITUTIONELLE PROBLEME
3.2.1 Eigentümerstruktur der Banken
3.2.2 Regulierung und Aufsicht
3.2.3 Genossenschaftsbanken

4 BEDEUTUNG UND ENTWICKLUNG DER KLEINEN UND MITTELGROSSEN UNTERNEHMEN (KMU) IN CHINA
4.1 DIE KMU UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DIE GESAMTWIRTSCHAFT
4.1.1 Entstehung der KMU
4.1.2 Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Chinas
4.2 FINANZIERUNG DER KMU
4.2.1 Finanzierungsbedürfnisse und –strukturen
4.2.2 Probleme bei der Kreditvergabe an KMU
4.2.3 Informeller Kreditsektor
4.3 KAPITALMÄRKTE IN CHINA
4.4 WIRTSCHAFTSWACHSTUM IN CHINA IM KONTEXT VON BANKEN , KMU UND STAAT

5 LÖSUNGSANSÄTZE FÜR BANKINTERNE PROBLEMFELDER
5.1 ENTWICKLUNG EINES EFFIZIENTEN RISIKOMANAGEMENTS
5.1.1 Analyse der vorhandenen Ineffizienzen
5.1.2 Entwicklung von Anreizsystemen
5.2 S TEIGERUNG DER PRODUKTIVITÄT VON INVESTITIONEN
5.2.1 Analyse der geringen Produktivität von Investitionen
5.2.2 Systeme zur Steigerung der Produktivität
5.3 D ER M ARKT FÜR NOTLEIDENDE K REDITE
5.3.1 Analyse der Herkunft von notleidenden Krediten
5.3.2 Die Asset Management Companies (AMC) und der Markt für Risikoanleihen
5.3.3 Betrachtung der notleidenden Kredite als ganzheitliches Problem

6 LÖSUNGSANSÄTZE FÜR INSTITUTIONELLE PROBLEMFELDER
6.1 EIGENTÜMERSTRUKTUR DER B ANKEN
6.1.1 Analyse der unterschiedlichen Eigentümerstrukturen
6.1.2 Optimierung der Eigentümerstruktur
6.2 R EGULIERUNG UND AUFSICHT
6.2.1 Gründe für Ineffizienzen bei Überwachung und Regulierung
6.2.2 Stärkung der Regulierungsbehörde
6.3 G ENOSSENSCHAFTSBANKEN
6.3.1 Untersuchung der Probleme von Genossenschaftsbanken
6.3.2 Reorganisation und Kommerzialisierung
6.4 M ARKTZUTRITT WESTLICHER B ANKEN UND DEREN B EDEUTUNG FÜR DIE CHINESISCHE WIRTSCHAFT

7 MÖGLICHKEITEN FÜR DIE KMU-FINANZIERUNG
7.1 GRÜNDUNG VON KMU-V ERBÄNDEN
7.2 STÄRKUNG DER K APITALMÄRKTE
7.2.1 Gründung von Börsen für KMU
7.2.2 Venture Capital und Private-Equity-Fonds
7.3 EINFLUSS DER REFORMEN AUF DIE FINANZIERUNGSMÖGLICHKEITEN VON KMUS

8 EVALUATION, WIRKSAMKEIT UND PRIORISIERUNG DER MASSNAHMEN

9 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

INTERVIEWVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[1]

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Wirkungszusammenhang: Banken - Wirtschaftswachstum

Abbildung 2 Finanzierungsstruktur in der chinesischen Wirtschaft

Abbildung 3 Aufteilung des chinesischen Bankenmarktes gemessen an Gesamtaktiven

Abbildung 4 Kennzahlen zur Kapitalisierung

Abbildung 5 Kennzahlen zur Kapitalisierung

Abbildung 6 Kennzahlen zur Profitabilität

Abbildung 7 Kennzahlen zur Profitabilität

Abbildung 8 BIP-Wachstum in China

Abbildung 9 Sparquote

Abbildung 10 Verteilung der von Finanzinstitutionen erhobenen Zinssätze

Abbildung 11 Notleidende Kredite in % der gesamten Kredite

Abbildung 12 Kenngrössen des KMU-Sektors

Abbildung 13 Aufteilung der Volumina im chinesischen Bondmarkt

Abbildung 14 Asian Governance Triangle

Abbildung 15 Einkommensquellen der chinesischen Banken

Abbildung 16 Effizienzindikatoren

Abbildung 17 Effizienzindikatoren

Abbildung 18 Performance der AMC

Abbildung 19 Konzessionen im Bankensektor bei WTO-Beitritt

Abbildung 20 Schema zur Priorisierung der Reformmassnahmen im Bankensektor

1 Einleitung

„Bank lending is and will remain the Chinese economy’s dominant form of financ­ing.” (Hansakul, 2006, S. 2).

Chinas Aufschwung als neues „Power-Haus“ der Weltwirtschaft ist eines der prägendsten und wich-tigsten Ereignisse der letzten Jahre. Nach dem Tod Maos 1976 und der darauf folgenden Abkehr Chi­nas vom maoistischen System der Planwirtschaft hin zu einer „neuen sozialistischen Marktwirtschaft“ waren die Veränderungen in sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen von enormer Dyna-mik geprägt. Da China erst seit knapp 30 Jahren aus einem Bann der Verschwiegenheit hervorgetreten ist, gibt es sehr viele Bereiche, in welchen bisher wenig über die chinesische Kultur bekannt ist.

Trotz der Entwicklung Chinas zu einer modernen Wirtschaftsmacht sind Bankkredite nach wie vor die dominierende Form der Unternehmensfinanzierung. Seit dem Ende des sozialistischen Monobanken-systems und der Etablierung eines mehrstufigen marktwirtschaftlichen Systems wurden einschneiden-de Veränderungen vollzogen. Dennoch dominieren in China die staatlichen Banken den Markt noch immer, so dass sich der Wandel zu einem modernen Finanzdienstleistungssektor in China noch nicht vollzogen hat. Daraus ergeben sich zahlreiche Probleme für die Finanzierung der Wirtschaft. Nur ein moderner und flexibler Bankensektor ist in der Lage, die wachsenden und immer vielfältiger werden-den Bedürfnisse der chinesischen Unternehmen zu befriedigen. Dies gilt im Besonderen für den priva-ten KMU-Sektor, der aufgrund seiner Flexibilität und Innovationskraft in China ein enormes Wachstumspotential aufweist, jedoch aufgrund der spezifischen Risikostruktur nicht mit standardisier-ten Produkten bedient werden kann. Bleibt die Entwicklung der chinesischen Banken stehen, sind diese nicht in der Lage, Produkte und Dienstleistungen in neuen Märkten gewinnbringend anzubieten.

Somit ist eine Weiterentwicklung der Banken unerlässlich, wenn China das Wachstumspotential seiner Wirtschaft nutzen will, um zu einer wirtschaftlich und damit vor allem auch sozial entwickelten Nati­on zu werden.

Diese Arbeit identifiziert die Problemfelder des chinesischen Bankensektors und beschreibt am Bei-spiel der Finanzierung von KMUs geeignete Lösungsmassnahmen, um den chinesischen Bankensektor in einen modernen Finanzdienstleistungssektor zu transformieren. Der Aufbau der Arbeit ist wie folgt: Kapitel 2 führt in die Problemstellung und Methodik ein und gibt einen kurzen Überblick über den Bankensektor in China und dessen Entwicklung. Kapitel 3 identifiziert die bestehenden Problemfelder der Banken. Kapitel 4 beschreibt die Finanzierungsprobleme des KMU-Sektors. In den Kapiteln 5 und 6 werden Reformmassnahmen für den Bankensektor entwickelt und Kapitel 7 beschreibt Alternativen für die Finanzierung von KMU. Kapitel 8 evaluiert die Wirksamkeit und entwickelt eine Priorisierung der Massnahmen. Kapitel 9 schliesst mit einem Fazit.

2 Ausgangslage

2.1 Problemstellung und Methodik

Wie in der Einführung bereits dargestellt worden ist, stellen Bankkredite in China die mit Abstand bedeutendste Finanzierungsquelle für Unternehmen dar und sind damit der massgebliche Motor für das Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft (vgl. Abb. 2). Dennoch bestehen im chinesischen Bankensektor trotz der bisher durchgeführten Liberalisierungen zahlreiche Probleme, welche aus der noch nicht vollständigen Abschaffung des zentralistischen Systems resultieren. Besonders für KMU, die keine Chance haben, an den bisher erst am Anfang der Entwicklung stehenden alternativen Fi-nanzmärkten Kapital zu beschaffen, resultiert daraus ein massiver Mangel an Kapital. Allerdings bie-ten KMU in China oft die attraktivsten Investitionsmöglichkeiten. In dieser Arbeit sollen daher die Probleme des Bankensektors identifiziert werden und anhand des Beispiels der KMU-Finanzierung Lösungsvorschläge erarbeitet werden, welche helfen können, das chinesischen Bankensystem in einen modernen Dienstleistungssektor zu verwandeln.

Theoretisch können Finanzintermediäre das Wirtschaftswachstum durch zwei wesentliche Kanäle beeinflussen: Finanzierung möglichst produktiver Projekte und Kapitalbildung. Die Kapitalbildung sorgt dafür, dass genügend Mittel für Investitionstätigkeiten zur Verfügung stehen, die Produktivität wird durch Identifikation und Investition in produktive Projekte gesteigert[2]. Während die Kapitalbil-dung in China aufgrund der hohen Sparquote und der mangelnden alternativen Anlagemöglichkeiten kein Problem darstellt, ist der Produktivitätsfaktor ein entscheidendes Hemmnis, da v.a. die grossen Staatsbanken bisher keine sophistizierten Schemata zur Vergabe von Krediten besitzen. Diese Proble-me werden in dieser Arbeit analysiert.

Hao (2006, S. 348) zufolge können Finanzintermediäre durch folgende Aktivitäten eine effiziente Kapitalallokation erreichen: besseres Risikomanagement, Identifikation von attraktiven Investitions-projekten, Aufsicht über das Management von Unternehmen und die Förderung des Handels mit Gü-tern und Dienstleistungen. Wie die nachfolgende Analyse zeigen wird, treten in China bei allen diesen Faktoren Probleme auf. Eine nachhaltige Reformierung des Bankensektors kann daher helfen, Kapital effizienter zu allozieren und dadurch den Wohlstand der chinesischen Bevölkerung verbessern.

Abbildung 1: Wirkungszusammenhang: Banken - Wirtschaftswachstum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Levine, 1997, S. 691.

Die obige Abbildung 1 stellt den Zusammenhang zwischen der Wirkungsweise des Bankensektors und dem Wirtschaftswachstum eines Landes dar und zeigt deutlich, dass ein funktionierender Bankensek-tor einen entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ausübt. Dies gilt v.a. in einem Land wie China, in welchem Bankkredite die mit Abstand wichtigste Quelle zur Unternehmensfinan-zierung darstellen.

Levine (1997, S. 691) identifiziert 5 Faktoren, durch welche Banken das Wachstum einer Volkswirt-schaft fördern können:

- „facilitate the trading, hedging, diversifiying, and pooling of risk
- allocate resources, monitor managers and exert corporate control
- mobilize savings
- and facilitate the exchange of goods and services.”

Kapitel 3 macht deutlich, dass keines der 5 Kriterien im chinesischen Bankensektor erfüllt wird. Dies gilt v.a. für die vier dominierenden Staatsbanken (state-owned commercial banks, SOCB bzw. „big 4“). Die oben genannten Kriterien werden in den Kapiteln 5 und 6 herangezogen, um Reformmass-nahmen zu erarbeiten, welche geeignet sind, die Transformation des chinesischen Bankenwesens vo-ranzutreiben und zu gewährleisten, dass die Banken das Wachstum nicht hemmen, sondern ein entscheidender Impulsgeber für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Chinas sind.

2.2 Begriffsdefinitionen

Der folgende Abschnitt liefert eine kurze Definition der wichtigsten Begriffe; bei den verschiedenen Arten von Banken wird vor allem auf die Eigentümerstruktur eingegangen.

Die wichtigsten Banken sind noch immer die vier staatseigenen Banken Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), Bank of China (BOC), China Construction Bank (CCB) und Agricultural Bank of China (ABC), welche mehrheitlich in Staatsbesitz sind und trotz privater Anteilseigner noch immer von der Regierung kontrolliert werden. Ausser der ABC sind mittlerweile alle an der Börse in Hong Kong bzw. weiteren Börsen gelistet und haben ausländische Investoren.

Die zweitgrösste Gruppe sind die Joint-Stock-Banken (joint-stock commercial banks, JSCB). Diese sind mehrheitlich in privater Hand und werden mehr oder weniger privatwirtschaftlich geführt, weisen jedoch einen Minderheitsanteil der Regierung auf, deren Einfluss allerdings deutlich geringer ist als bei den SOCB.

Die städtischen Geschäftsbanken (city commercial banks, CCOMB) sind von der Struktur her ähnlich wie die JSCB, befinden sich jedoch in manchen Fällen mehrheitlich in Staatsbesitz. Sie entstanden v.a. aus einem Zusammenschluss von mehreren städtischen Kreditgenossenschaften. Aufgrund der stark lokal ausgerichteten geschäftlichen Aktivitäten haben Regierungen z.T. starken Einfluss auf die Ge-schäfte.

Die letzte relevante Gruppe sind die Kreditgenossenschaften auf dem Land (rural credit cooperatives, RCC). Diese sind vollständig unter der Kontrolle der Regierung, wenn das Kapital auch zu grossen Teilen von der lokalen Bevölkerung stammt. Ein wirkliches genossenschaftliches Prinzip ist nicht erkennbar. Der übliche Gedanke „one man – one vote“ wurde niemals umgesetzt. Die in dieser Arbeit vorgeschlagenen Reformen zielen ebenfalls nicht darauf ab, ein genossenschaftliches Prinzip einzu-führen, auch wenn die Typenbezeichnung der Banken erhalten bleibt.

Die im Zuge der Abschaffung des Monobankensystems gegründeten Regierungsbanken („policy banks“) sind völlig in staatlicher Hand. Diese operieren nicht im regulären kommerziellen Banken-markt, sondern bieten Dienstleistungen zur Finanzierung von Regierungsprojekten an. Für jede der „big 4“ wurde eine Regierungsbank gegründet, damit jene nach rein kommerziellen Regeln operieren können.

Die Definition von KMU ist trotz der Geläufigkeit des Ausdrucks nicht einfach. Dies liegt daran, dass je nach Wirtschaftszweig in welchem ein Unternehmen tätig ist und auch je nach der Entwicklungsstu-fe eines Landes andere Kriterien angelegt werden müssen. Aus diesem Grund folgt diese Arbeit bei der Definition von KMU in Anlehnung an die von Vogt (2006, S. 160) vorgeschlagenen Kriterien. Die entscheidenden charakteristischen Merkmale von KMU sind demnach:

- Eigentümer sind oft wenige Individuen oder eine Familie, dazu zählen jedoch keine Firmen, welche nur dem Zweck der Beschäftigung der Eigentümer dienen
- die Firmen sind nicht an der Börse gelistet
- ihre wirtschaftlichen Aktivitäten sind aufgrund von schlechter Infrastruktur, geringem Know-How und schwerer Verfügbarkeit von Ressourcen von Unsicherheit geprägt
- sie befinden sich nicht in einer speziell ausgewiesenen Wirtschaftszone Besonders KMU mit diesen Charakteristika weisen die Probleme bei der Finanzierung auf, welche im Verlaufe dieser Arbeit untersucht werden sollen.

Die in dieser Arbeit primär untersuchten Banken sind die kommerziell ausgerichteten Banken, also nicht die Regierungsbanken, da diese staatliche Förderaufgaben wahrnehmen. Der Aufgabenbereich der untersuchten Banktypen liegt somit nicht in der Förderung der sozialen und wirtschaftlichen Infra-struktur des Landes, sondern in einer an marktwirtschaftlichen Prinzipien orientierten Finanzinterme-diation. Eine Verknüpfung mit Förderaufgaben, wie dies in westlichen Bankensystemen durchaus üblich ist, soll in keiner Weise als Ziel der Reformen angesehen werden, da aus der an Planwirtschaft orientierten Vergangenheit ohnehin eine zu grosse Einmischung des Staates in die operativen Geschäf-te der Banken resultiert. Eine strikte Trennung ist aufgrund der grossen Gefahr der Einmischung un-bedingt zu gewährleisten; die kommerziellen Banken Chinas sollen in leistungsfähige Universalbanken transformiert werden. Dies gilt nicht nur für die „big 4“, sondern im kleinen Mass-stab auch für die Genossenschaftsbanken auf dem Land. Die Regierungsbanken, welche diese notwen-digen Förderaufgaben übernehmen müssen, sind nicht detaillierter Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit.

2.3 Aktuelle Analyse des Bankensektors

2.3.1 Überblick über das Bankensystem und die Situation der Banken

Der folgende Abschnitt soll kurz die Bedeutung des Bankensystems für die Finanzierung der chinesi-schen Wirtschaft aufzeigen und die verschiedenen Arten von Banktypen in China analysieren sowie deren Performance aufzeigen. Darauf aufbauend können dann in den folgenden beiden Abschnitten die Problemfelder ganzheitlich abgegrenzt werden.

Im Gegensatz zu Industrieländern und auch vielen asiatischen Schwellenländern finanziert sich die chinesische Wirtschaft vor allem über Kredite von Banken, welche Mitte 2006 86,8% der Mittel zur Verfügung stellten. Mit grossem Abstand folgen auf Bankkredite als Finanzierungsquelle Obligatio-nen (6,4%), Eigenkapital/Aktien (5,6%) und Staatsanleihen (1,4%). Die folgende Graphik (Abb. 2) zeigt diesen Sachverhalt deutlich und stellt für Bankkredite zusätzlich noch einen wachsenden Trend fest. Grund für diesen weiteren Anstieg, der laut Hansakul (2006, S. 2) auch in den kommenden Jahren noch zu beobachten sein wird, ist die stark unterentwickelte alternative Fund-Raising-Infrastruktur in China. Als solche gelten z.B. Kapitalmärkte, Venture Capital, andere Finanzdienstleister etc.

Abbildung 2: Finanzierungsstruktur der chinesischen Wirtschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kredite Regierungsanleihen Obligationen Aktienausgabe Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Hansakul (2006, S. 2).

Die vier staatseigenen Geschäftsbanken weisen mit einem Marktanteil von 53% gemessen an den ge-samten Aktiven im Bankenmarkt den weitaus grössten Anteil aus. Die folgende Abbildung 3 zeigt die gesamte Aufteilung des Bankenmarktes in China Ende 2005, welche in den letzten Jahren relativ stabil war. Einzig das Gewicht zwischen den „big 4“ und den JSCB hat sich leicht zugunsten der letzteren verschoben.

Abbildung 3: Aufteilung des chinesischen Bankenmarktes gemessen an Gesamtaktiven

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Löchel (2006, S. 34).

Die folgenden Abbildungen 4-7 geben einen Überblick über die Kapitalisierung und die Profitabilität verschiedener Banktypen. Aufgrund einer limitierten Datenlage wurden die Berechnungen ohne die Agricultural Bank (ABC) und die Kreditgenossenschaften erstellt. Als Vergleichsparameter dienen Banken aus Osteuropa, welche eine ähnliche historische Entwicklung aufweisen.

Abbildungen 4+5: Kennzahlen zur Kapitalisierung

Liquiditäts grad 2003

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Garcia, S. 310.

Eigenkapitalquote 2003

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Garcia, S. 310.

Insgesamt gesehen schneiden die staatlichen Banken bzgl. Kapitalisierung und Profit generell schlech-ter ab als die JSCB. Auch im Vergleich mit den osteuropäischen Banken weist der chinesische Ban-kensektor eine schlechtere Performance auf. Einzig die Kapitalausstattung ist bei den SOCB besser als bei den JSCB, was jedoch auf umfangreiche Kapitalinjektionen der Regierung zurückgeführt werden kann. Hinsichtlich der Profitabilität sind die Unterschiede zwischen SOCB und JSCB massiv. Wesent-liche Gründe liegen in der Eigentümerstruktur, welche massgebliche Auswirkungen auf die Anreiz-strukturen innerhalb der Banken hat. Eine Folge daraus ist die Tatsache, dass die "big 4" einen immensen Kreditüberhang an Staatsbetriebe aufweisen: Im Jahr 2000 machten diese weniger als 25% des Industrieoutputs aus und beschäftigten nur knapp über ein Drittel der urbanen Arbeitskräfte. Kon-servative Schätzungen kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass Staatsbetriebe (state-owned enterprises, SOE) dennoch 75% des Kreditvolumens erhielten (Boyreau-Debray, 2003, S. 4).

Ein entscheidender Grund, weshalb die JSCB wesentlich besser performen als die CCOMB, obwohl beide eine sehr ähnliche Eigentümerstruktur aufweisen, ist die verstärkte öffentliche Beobachtung der JSBC, welche z.T. zu den grössten Banken des Landes gehören. Dies hindert v.a. Provinzregierungen, die Banken für ihre Entwicklungsprojekte zu missbrauchen.

Fu & Heffernan (2007, S. 35) führten kürzlich eine Studie zur X-Effizienz des chinesischen Banken-sektors durch, bei welcher getestet wurde, wie effizient Banken in China ihre verschiedenen Inputfak-toren in die verschiedenen Finanzprodukte- und Dienstleistungen transformieren. Die Testgruppe bestand aus drei der vier SOCB und zehn der zwölf JSCB. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass der chinesische Bankensektor insgesamt zwischen 40-60% unterhalb des maximalen Potentials operiert. Dabei performten die „big 4“ durchweg schlechter als die JSCB.

Eine Untersuchung von Brown et al. (2005, S. 238ff.) über die technische Effizienz chinesischer Ban-ken ergab, dass die allgemeine Effizienz mit der Liberalisierung zunahm, v.a. jedoch aufgrund von verbesserter technischer Effizienz. Die Kosteneffizienz verbesserte sich nur geringfügig und die Effi-zienz bei der Allokation der finanziellen Ressourcen blieb ebenfalls auf gleichbleibend geringem Ni-veau. Dies lag Brown et al. zufolge v.a. daran, dass die Banken noch immer stark auf den SOE-Sektor ausgerichtet sind, in welchem der Reformprozess seit Jahren zum Stillstand gekommen ist.

Der Wettbewerb im chinesischen Bankensektor nahm in den letzten Jahren während der Fortschrei-tenden Liberalisierung des Bankensektors massiv zu und erreichte bereits Mitte der 90er Jahre nahezu den optimalen Grad der möglichen Wettbewerbsintensität im Markt, also weit vor dem WTO-Beitritt 2001 und der Öffnung des Bankensektors für ausländische Banken. Dies gilt besonders für kleinere Banken (Yuan, 2006, S. 520ff.). Vermehrte Aktivitäten ausländischer Banken durch weitere Öffnung brächten somit keine nennenswerten Effizientvorteile.

Die obigen Darstellungen machen die Notwendigkeit deutlich, die Reformen der „big 4“ voranzutrei-ben, damit diese ihrer Rolle als mit Abstand dominierender Player im chinesischen Bankenmarkt ge-recht werden können. Nur wenn die „big 4“ vollständig an marktwirtschaftlichen Prinzipien orientiert agieren und die übrigen privatwirtschaftlich organisierten Banktypen nachhaltig gestärkt werden, kann das chinesische Bankensystem die Transformation zu einem modernen Dienstleistungssektor erreichen und die wachsenden und immer vielfältiger werdenden Finanzierungsbedürfnisse der chinesischen Wirtschaft befriedigen. Kann diese Transformation nicht erreicht werden und bleiben die Reformen mit den bisher erreichten Erfolgen stehen, kann dies dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum der chine-sischen Volkswirtschaft auf lange Frist empfindlichen Schaden zufügen.[3]

2.3.2 Die Reformen seit 1978

Der chinesische Bankensektor durchlief seit seiner Öffnung 1978 und dem Umbau von einem zentra-listischen und sozialistischen Monobankensystem in ein zunehmend marktwirtschaftlicher orientiertes System drei wesentliche Reformphasen. Die erste von 1978 bis 1994, die zweite von 1995 bis 2001 und die dritte begann mit dem Beitritt Chinas zur WTO 2001.

Im Jahr 1979 trat die Abtrennung von dreien der sog. „big 4“ von der Zentralbank (People’s Bank of China, PBoC) in Kraft. Dies bedeutete, dass die Regierung drei spezialisierte Banken, die bisher Teil der Zentralbank waren, von dieser abspaltete. Es wurden die Agricultural Bank of China (ABC), die Bank of China (BOC) und die China Construction Bank (CCB) gegründet. 1984 folgte die Abspaltung der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC). Damit transferierte die PBoC sämtliche ihrer Aktivitäten im Finanzmarkt auf vier kommerziell orientierte Geschäftsbanken und wurde zu einer, zumindest theoretisch gesehen, unabhängigen und allein für Geldpolitik zuständigen Zentralbank ohne direktes operatives Engagement im Finanzmarkt. Das sozialistische Monobankensystem war damit endgültig abgelöst. Die „big 4“ blieben jedoch auch nach der Abspaltung im Eigentum der Regierung und unterlagen damit deren direktem Zugriff (Lange, 2006, S. 69). Von einer marktwirtschaftlichen Orientierung der Banken kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesprochen werden, da die Banken in keiner Weise nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt wurden und noch immer viele sozi-ale Aufgaben zu übernehmen hatten. Dieser Zustand blieb Lange zufolge noch bis zur zweiten Libera-lisierungsphase 1994 bestehen. Zusätzlich zur Abspaltung der „big 4“ entstanden in China nach und nach auch kleinere Banken und von Banken verschiedene Finanzinstitutionen (Wu, 2005, S. 220).

Der Bankensektor wurde trotz der ersten Liberalisierungsphase noch durch zahlreiche schwerwiegen-de Probleme charakterisiert. Das schwerwiegendste war die Tatsache, dass die rein kommerziellen Transaktionen in Banken nicht strikt von politisch motivierten Aktivitäten getrennt wurden (Lange, S. 69). Dadurch konnten die Banken nicht unter dem Gesichtspunkt der Profitmaximierung wirtschaften. Die Kreditpolitik wurde noch immer vollständig durch die politisch motivierte Verwaltung diktiert. Nach den Reformen 1994 entstand ein vierstufiges Bankensystem, indem zusätzlich zu den „big 4“ drei Staatsbanken gegründet wurden, welche das politisch und strategisch motivierte Kreditgeschäft von den „big 4“ übernahmen. Zusätzlich wurden vermehrt auch weitere Banken, z.T. mit privater Ei-gentümerstruktur, unterstützt, die neben der Zentralbank als oberster Stufe die vierte Stufe bildeten (Li & Ma, 2005, S. 51f.). Zur weiteren Entwicklung der PBoC als Bank mit rein geldpolitischen Aufgaben wurde 1995 das Zentralbankgesetz verabschiedet (Wu, S. 226). Ein grosses Problem waren während dieser Phase der Reform, und sind es bis heute, die „non-performing loans“ (notleidende Kredite, NPL). Zur Lösung dieses Problems führte die Regierung 1998 eine Rekapitalisierung von 270 Mrd. RMB durch und 1999 wurden vier „asset management companies“ (AMC) gegründet, je eine pro Staatsbank, die die NPL zu einem diskontierten Preis übernahmen und damit die Bilanzen der „big 4“ von enormen Risiken bereinigten und eine Rekapitalisierung ermöglichten (McIver, 2005, S. 11/ß). Aufgrund deren Bedeutung wird auf die NPLs in Abschnitt 3.1.3 noch genauer eingegangen.

Die dritte Reformphase begann mit dem Beitritt Chinas zur WTO 2001. Die Verpflichtungen Chinas im Bereich des Finanzsektors waren dabei ausserordentlich weitreichend, da bis Ende 2006 die voll-ständige Öffnung des chinesischen Bankenmarktes, inklusive des landesweiten Geschäftes in RMB, für ausländische Anbieter geöffnet werden musste. Da sich dadurch der Wettbewerbsdruck erhöhen würde, unternahm die Regierung zahlreiche Reformen innerhalb des Bankensystems, um den heimi-schen Bankensektor auch nach der Öffnung zu stabilisieren. Von entscheidender Bedeutung war dabei vor allem die Abspaltung der Chinese Banking Regulatory Commission (CBRC) von der PBoC 2003, die nun die Funktion einer unabhängigen Bankenaufsicht wahrnehmen konnte und dadurch massgeb-lich zur Unabhängigkeit der „big 4“ beitrug. Ausserdem gründete die Regierung die Central Huijin Investment Co., Ltd. (Huijin), eine staatliche Investmentgesellschaft, welche staatliche Devisenüber-schüsse zu den “big 4” transferierte, um die Kapitalreserven zu erhöhen und die NPLs zu reduzieren. Im Gegenzug übernahm Huijin die Hauptanteile an den “big 4”. Eine weitere wichtige Reformmass-nahme war die Verbesserung der corporate governance (Thomas & Ji, 2006, S. 20ff.).

Man sieht deutlich, dass die drei vergangenen Phasen der Liberalisierung eine klare Abkehr vom sozi-alistischen Monobankensystem zu einem marktwirtschaftlich orientierten System bewirkt haben. Pod-piera (2006, S. 4) zufolge war es in einer von ihm durchgeführten Studie jedoch nicht möglich, eindeutige Beweise für eine Kommerzialisierung der Kreditvergabeprozesse der „big 4“ zu erhalten. Kenner des chinesischen Bankensystems sind sich einig, dass darüber hinaus noch immer grosse Prob-lemfelder bestehen, die Chinas Wachstum und die Entwicklung des Bankensektors massiv behindern. Diese werden in den Abschnitten 3.1 und 3.2 genauer untersucht.

2.4 Einfluss der realwirtschaftlichen Voraussetzungen in China auf die Entwicklung des Bankensektors

Das makroökonomische Umfeld, in welchem sich wirtschaftliche Reformen abspielen, hat einen ent-scheidenden Einfluss auf deren Erfolg. Nur wenn die realwirtschaftlichen Bedingungen beachtet wer-den, können Reformen greifen und zielgerichtet wirken.

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit einigen Aspekten der makroökonomischen Entwicklung Chinas, welche auf die Entwicklung des Bankensektors einen entscheidenden Einfluss ausüben.

Ökonomen sind sich einig darüber, dass der entscheidende Faktor für die Stärkung der finanziellen Position der Banken in China ein kontinuierliches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes ist. Die Gründe sind vielschichtig und werden im Folgenden genauer erläutert. Folgende Graphik zeigt die Entwicklung des BIP-Wachstums in China von 1977 bis 2005:

Abbildung 8: BIP-Wachstum in China

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Weltbank (2007).

Wie aus der Abbildung ersichtlich wird, waren die Wachstumsdaten bis ca. 1992 relativ volatil. Die Zahlen spiegeln den in Abschnitt 2.3.2. skizzierten Reformprozess recht gut wider. Die erste Reform-phase von 1978 bis ca. 1994 war charakterisiert durch eine Öffnung Chinas, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Wie am Beispiel der Banken bereits aufgezeigt worden ist, begann der Staat, sich aus der Wirtschaft immer mehr herauszuhalten und zahlreiche Entscheidungen Marktkräften zu überlas-sen. Diese Phase ist gekennzeichnet durch ein im Verlauf der beginnenden 80er Jahre steigendes BIP-Wachstum. Gegen Ende der 80er Jahre wurde die Situation der Staatsbetriebe immer verheerender, was als Hauptgrund für die starke Abnahme des Wirtschaftswachstums gesehen werden kann (Wu, 2005, S. 73). Nach einer Erholungsphase Anfang der 90er, in welcher hauptsächlich erste grundlegen-de marktwirtschaftliche Reformen der Staatsbetriebe durchgeführt wurden, ist der Rückgang des Wachstums eindeutig der verminderten Reformdynamik geschuldet (Lai, 2006, S. 16). Dieser Ab- wärtstrend erholt sich mit dem Beitritt Chinas zur WTO 2001 wieder.

Für die Banken, v.a. für die vier grossen Staatsbanken, ist ein unvermindert hohes Wirtschaftswachs-tum besonders hinsichtlich eines Zusammenhangs entscheidend: Wie an früherer Stelle bereits festge-stellt worden ist, besitzen chinesische Banken noch immer einen sehr hohen Anteil an Non-Performing-Loans. Bin wesentlicher Beitrag zur Reduktion dieses prozentualen Anteils ist der Anstieg der gesamten vergebenen Kredite. Dies war nur möglich, da sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld insgesamt auf einem prosperierenden Weg befand. Sowohl Unternehmen als auch Haushalte hatten höhere Binnahmen, konsumierten mehr und nahmen deutlich mehr Kredite auf. Auch ohne eine aktive Reduktion der absoluten Anzahl an NPL wurde somit eine Verbesserung der Situation erreicht. Bin Abschwächen des Wachstums ist nun v.a aus zwei Gesichtspunkten nachteilig: Zum einen sinkt die generelle Nachfrage nach Krediten und andererseits transformieren wieder mehr ausstehende Kredite zu NPL, v.a. solche an den noch immer wirtschaftlich schwachen Staatssektor. Dies würde den trotz der Reformen noch immer fragilen Bankensektor in neue Stabilitätsschwierigkeiten stürzen. Bin weite-res Problem, welches Podpiera (S. 11) anspricht, ist die Tatsache, dass der chinesische Bankensektor eine stark exponierte Stellung in einigen Industriesektoren (Stahl, Bau etc.) aufweist, welche als „über-investiert“ gelten und daher anfällig für Konsolidierung und/oder Wachstumsschwächen sind.

Der zweite entscheidende Grund, weshalb ein konstantes Wirtschaftswachstum auf momentanem Ni-veau für den Bankensektor von Nutzen sein kann, ist die Tatsache, dass der Regierung als Bignerin der „big 4“ in einem positiven wirtschaftlichen Umfeld deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. In Abschnitt 2.3.2 wurde bereits der Übertrag von NPL auf die Asset-Management-Firmen beschrieben, die mit einer indirekten Rekapitalisierung der „big 4“ verbunden waren. In Abschnitt 5.3.3 wird noch eingehend auf direkte Rekapitalisierung zur Stabilisierung der Bilanzen eingegangen werden. Dies ist jedoch beides nur möglich, wenn der Regierung genügend Binnahmen zur Verfügung stehen. Somit wird deutlich, dass die Sanierung und das Prosperieren der Banken zu einem grossen Teil auch durch allgemeine Massnahmen zur Steigerung des Wirtschaftswachstums erzielt werden können. Diese liegen jedoch nicht im Fokus dieser Arbeit.

Ng & Thorud (2006, S. 1) sehen die Stabilität des Staatshaushaltes v.a. dadurch gefährdet, dass ver-steckte und wenig beachtete Verpflichtungen existieren, die mittelfristig das Haushaltsgleichgewicht stark belasten können. Dies sind v.a. ungedeckte Pensionsansprüche. Bine solche Störung würde auf-grund der in Abschnitt 4.4 aufgezeigten Verflechtung zwischen Banken, Staatshaushalt und Staatsbe-trieben auch den Bankensektor in eine Krise stürzen. Bine solche konnte laut Ng & Thorud bisher v.a. aus drei Gründen verhindert werden: erstens war die chinesische Regierung bisher immer gewillt, SOB und „big 4“ mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen; zweitens sind die chinesischen Auslandsschulden aufgrund der enormen Handelsbilanzüberschüsse gesichert und drittens sind die Kapitalkontrollen, die Kapitalflucht verunmöglichen. Bs ist unschwer zu sehen, dass die ersten beiden Faktoren ebenfalls eng mit der prosperierenden Wirtschaft zusammenhängen.

Lai (S. 16) zufolge konzentriert sich die Debatte zur makroökonomischen Bntwicklung Chinas auf zwei Themengebiete: zum einen die Unzuverlässigkeit der offiziellen Daten und zum anderen der an den Dollar gebundene Wechselkurs des RMB. Der erste Themenkreis stützt sich v.a. auf eine Untersu-chung von Rawski (2001), welcher eigenen Schätzungen zufolge zwischen 1997 und 2001 ein BIP-Wachstum von ungefähr einem Drittel der offiziellen Zahlen erhält. Als Verdachtsmomente führt er v.a. Vergleichsdaten aus anderen asiatischen Staaten während deren wirtschaftlicher Bntwicklung an und stellt fest, dass chinesische Statistiken nach 1998 davon bezüglich Struktur von Inflation, Ener-gieverbrauch, Wachstum des Industrieoutputs etc. deutlich verschieden sind. Als Grund nennt er v.a. den Druck seitens der Regierung auf das „National Bureau of Statistics“ (NBS) und den problemati-schen Informationsfluss innerhalb der verschiedenen Ebenen im NBS. Dies hat sich Lai (S. 16) zufol-ge seit 2003 verbessert. Es zeigt jedoch auch deutlich, dass die Probleme der Banken, welche im Fokus dieser Arbeit liegen, nicht allein dem Vertrauen auf eine prosperierende Wirtschaft überlassen werden können, sondern aktiv angegangen werden müssen. Lai betont, dass der Wachstumsrückgang Ende der 90er rein systeminterne Gründe hatte und ein Aussetzen von marktwirtschaftlichen Refor-men das Risiko von künftigen Wachstumsschwächen beinhalten könnte.

Eine Anomalie in der chinesischen Volkswirtschaft ist die enorm hohe Sparquote, verglichen mit an-deren Entwicklungs- aber auch Industrieländern. Im Jahr 2005 war der Wert in China mit einer Spar-quote von 45,81% des BIP mehr als 60% höher als die Sparquote in der Schweiz. Die folgende Graphik veranschaulicht diesen Zusammenhang:

Abbildung 9: Sparquote

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schweiz Südkorea China

Quelle: Weltbank (2007).

Da der chinesische Bürger Gelder v.a. auf Bankkonten deponiert, hatten die Banken im Wachstums-umfeld der letzten Jahre immer genügend Ressourcen zur Kreditvergabe zur Verfügung. Solange ge-nügend reale Ressourcen zur Verfügung stehen, welche für die wirtschaftlichen Aktivitäten benötigt werden, bestehen in der expansiven Investitionstätigkeit keine makroökonomischen Schwierigkeiten. Ein entscheidendes Problem besteht in China eher darin, dass die Mittel v.a. durch Banken relativ unproduktiv investiert werden, wie in Abschnitt 3.1.2 gezeigt wird.

Dowling & Valenzuela (2004, S. 21ff.) untersuchten die Gründe für das “Wachstumswunder” der asiatischen Tigerstaaten. Während die Faktoren in den einzelnen Staaten z.T. sehr unterschiedlich waren, gab es hinsichtlich der Wirtschaftspolitik ein gemeinsames Muster: Zunächst wurden entspre- chende Massnahmen ergriffen, um die heimische Industrie vor Wettbewerb zu schützen und aufzu-bauen. Der Fokus lag aufgrund der geringen Löhne auf arbeitsintensiven Industrien mit geringen An-forderungen an Know-How. Später veränderte sich der Fokus immer mehr hin zu kapitalintensiven Industrien, als der komparative Vorteil der geringen Löhne mit dem wachsenden Reichtum der Länder abnahm. Zu diesem Zeitpunkt wurde es wichtig, dass das Finanzsystem ebenfalls mit der Veränderung der wirtschaftspolitischen Schwerpunkte mitging, um den Prozess zu unterstützen.

In China tragen momentan arbeitsintensive Exportgüter den weitaus grössten Anteil am Wirtschafts-wachstum (Lai, S. 26). Während es in den übrigen asiatischen Ländern notwendig war, den Fokus rechtzeitig zu verändern, ist es in China durchaus möglich, weiterhin enorme Wachstumsraten getra-gen durch arbeitsintensive Exportgüter zu erreichen. Der Grund liegt schlicht in der schieren Grösse des Landes und dem mittelfristig unerschöpflichen Angebot an günstigen Arbeitskräften. Am sinn-vollsten ist es für die wirtschaftliche Entwicklung Chinas, das Land nicht als homogenes Ganzes zu sehen, sondern spezifische Massnahmen für Landesteile mit unterschiedlichem Entwicklungsstandard zu entwickeln. Für den Bankensektor ist diese Fragmentierung, wie noch gezeigt werden wird, jedoch äusserst ungünstig, so dass bei der Implementierung von Massnahmen bezüglich der allgemeinen Wirtschaftspolitik und bezüglich des Bankensektors das dabei entstehende Spannungsfeld genau be-achtet werden muss. Bricht die Wachstumsgeschwindigkeit in China ein, welche unter Ökonomen keinesfalls als gesichert gilt, steuert der Bankensektor trotz der bisherigen Reformerfolge auf eine schwere Krise zu, welcher bereits heute durch grundlegende Reformen vorgebeugt werden muss.

Ein Aspekt des künftigen Wachstums Chinas ist selbstverständlich auch die Weiterentwicklung des Bankensektors selbst bzw. sämtlicher Finanzintermediäre, welche einen positiven, kausalen und öko-nomisch sehr wichtigen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum ausüben (Hao, S. 361). Diese Ergebnis-se unterstützen die in Abschnitt 4.4 eingeführte Theorie der Dreiecksbeziehung zwischen Staatshaushalt, Banken und Staatsbetrieben, in welchem die Beziehungen nicht einseitig, sondern wechselseitig wirken und daher gemeinsam als integrierte Bestandteile des Systems betrachtet werden müssen. Wirtschaftswachstum und Bankensektor bilden somit ein fragiles wechselseitiges System, welches ein entscheidender Impulsgeber für das Wachstum Chinas sein oder auch ein massives Hemmnis darstellen kann.

3 Problemfelder des chinesischen Bankensektors

Im folgenden Kapitel werden die einzelnen Problemfelder definiert, welche die momentanen Schwie-rigkeiten des chinesischen Bankensektors charakterisieren. Die Analyse dieses Kapitels stellt die Grundlage dar, auf welcher in Kapitel 5 und 6 Handlungsoptionen für den Bankensektor entwickelt werden. Diese sind notwendig, um den chinesischen Finanzsektor, der in starkem Ausmass von den Banken dominiert ist, in ein voll entwickeltes Finanzsystem zu verwandeln. Für die gesamtwirtschaft-liche Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft ist dieser Prozess von ausserordentlicher Bedeu-tung. Als Beispiel dazu werden in Kapitel 4 die Finanzierungsbedürfnisse von chinesischen KMU analysiert. Grund für die vorhandenen Finanzierungslücken sind zu einem grossen Teil vorhandene Schwächen im Bankensystem. Das folgende Kapitel analysiert kurz bisherige Reformphasen und zeigt die Felder auf, welche für eine Weiterentwicklung des chinesischen Bankensektors noch immer ent-scheidende Probleme aufweisen.

3.1 Bankeninterne Probleme

Der folgende Abschnitt analysiert, gestützt auf den oben gelieferten Überblick, Probleme im chinesi-schen Bankenwesen, welche innerhalb der Banken selbst, d.h. nicht im System als solchem liegen. Selbstverständlich sind viele der aufgeführten Probleme das Resultat politisch gesetzter Rahmenbe-dingungen und sind somit eng damit verknüpft. Es werden hier diejenigen Schwierigkeiten als banken-intern bezeichnet und identifiziert, welche aufgrund von vergangenen Reform- und Liberalisierungs-phasen nun durch die Banken selbst angegangen und gelöst werden können, also Bereiche, in welchen die Handlungskompetenz, zumindest theoretisch, von der Regierung auf die Banken transferiert wur-de. Dabei werden hier jedoch nur die Probleme und deren historische Hintergründe identifiziert. Eine detailliertere Analyse, die zur Erarbeitung von Lösungsansätzen notwendig ist, wird in den Kapiteln 5 und 6 durchgeführt.

3.1.1 Risikomanagement

Ein entscheidender Erfolgsfaktor für eine kommerziell orientierte Geschäftsbank ist ein sophistiziertes aber auch funktionierendes und praktisch umsetzbares Risikomanagement. Damit eng verbunden ist die Preisbestimmung für Kredite, also die Ermittlung von Zinssätzen, welche den Eigenschaften eines Kreditnehmers Rechnung tragen.

Vor der Kommerzialisierung der „big 4“ und der Liberalisierung des Bankensektors wurden keine Massnahmen zur Preisbestimmung von Kreditrisiken unternommen. Der Grund besteht in der politisch motivierten Vergabe von Krediten vor der Liberalisierung des Bankensektors und der damit verbunde-nen „weichen Budgetbeschränkungen“, welche ein Screening der Risiken unnötig machten. Podpiera (S. 1) kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die „big 4“ trotz mehreren Phasen der (Zins-) Li-beralisierung noch immer keine differenzierte Beurteilung der Kreditrisiken unternehmen. Ng & Tho-rud (S. 28) stellen weiter fest, dass auch Profitabilität und Zukunftsaussichten der Firmen viel zu wenig berücksichtigt werden und die Vergabe von Krediten vielmehr an der Verfügbarkeit von finan-ziellen Ressourcen orientiert ist.

[...]


[1] 1 RMB = 0,624 CHF (buy), 0,629 CHF (sell), Kurs vom 7. Juni 2007, Bank of China (2007). Der RMB ist fix an den US$ gebunden (1 US$ = 8,11 RMB) und darf maximal +/- 0,3% um den festgelegten Kurs schwanken (TD Bank Financial Group, 2007).

[2] Für die näheren theoretischen Zusammenhänge vgl. Hao (2006).

[3] Hier wird nur ein kurzer Überblick zum besseren Verständnis der Arbeit geliefert. Für eine detailliertere Dar-stellung vgl. z.B. Wu, J. (2006) Kapitel 6.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Das Chinesische Bankensystem im Wandel
Untertitel
Herausforderungen und Lösungsansätze
Autor
Jahr
2007
Seiten
78
Katalognummer
V137056
ISBN (eBook)
9783640450336
ISBN (Buch)
9783640450688
Dateigröße
1304 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chinesische, Bankensystem, Wandel, Herausforderungen, Lösungsansätze
Arbeit zitieren
Mattias Fürstenberger (Autor), 2007, Das Chinesische Bankensystem im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137056

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