In den letzten 20 Jahren beschäftigte das Thema Gewalt in der Schule verstärkt die Öffentlichkeit (vgl. Hurrelmann & Bründel 2007, S. 7). Spätestens seit dem Amoklauf an einer Highschool in Columbine am 20. April 1999, ist Gewalt an Schulen ein Thema auch in der deutschen Öffentlichkeit (vgl. Siegele 2004, o. S.). Dabei ist historisch eindeutig, dass es noch nie eine gewaltfreie Schule gegeben hat, denn Aggressionen gehören zur menschlichen Grundausstattung. Doch kommen heut zu tage immer mehr Schüler/-innen in die Schule, die psychisch und sozial unsicher und irritiert sind. Sie bringen dabei viele Probleme aus ihrem Umfeld mit in die Schule, was die Schule schnell zu einem Austragungsort der Gewalt macht (vgl. Hurrelmann & Bründel 2007, S. 8). Problematisch war, dass zu beginn der 90er Jahre dem Gewaltzustand an deutschen Schulen kaum angemessene Forschungsbefunde gegenüber standen. Dies änderte sich rasch, nachdem in den Medien immer häufiger über den desolaten Zustand an deutschen Schulen berichtet wurde. Heute liegt eine Vielzahl an Arbeiten vor, sie reichen von Befunden zu Erscheinungsformen von Gewalt bis hin zu Präventionsansätzen (vgl. Holtappels 2006a, S. 7 f.).
Für (angehende) Lehrer/-innen ist das Thema der Gewalt an Schulen von besonders hoher Bedeutung. Sie sind damit täglich konfrontiert und müssen der Gewalt Einhalt gebieten. Doch sind viele Lehrer/-innen sich den Ursachen der Gewalt überhaupt bewusst? Denn nur so können sie die Schüler/-innen und ihr Verhalten verstehen und entsprechend auf sie einwirken.
Angesichts der zunächst vernachlässigten Forschung hinsichtlich der Gewalt an Schulen, stellt sich die Frage, welche grundlegenden Erklärungsansätze und Theorien die wissenschaftliche Literatur hinsichtlich der Gewalt an Schulen bietet. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, mögliche Ursachen für Gewaltentstehung an Schulen, insbesondere Berufsbildenden Schulen, aufzuzeigen. Im Laufe der Arbeit werden dabei wesentliche Theorien erläutert, die, begonnen bei der menschlichen Psyche, Erklärungsansätze für Gewalt bieten. Dafür wird zunächst ein verbales Fundament gelegt, um im Nachstehenden den Ausführungen der verschiedenen Aggressionstheorien folgen zu können.
So werden in Kapitel 2 die grundlegenden Begriffe der Gewalt und der Aggression behandelt. In Kapitel 3 wird konkret auf einige ausgewählte, ursprüngliche Theorien zur Gewaltentstehung eingegangen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DEFINITIONEN DER BEGRIFFE AGGRESSION UND GEWALT
2.1 DEFINITIONEN VON AGGRESSION
2.2 DEFINITIONEN VON GEWALT
3 THEORIEN ZUM ERWERB UND URSACHEN AGGRESSIVEN VERHALTENS
3.1 PSYCHOLOGISCHE THEORIEN
3.1.1 Triebtheorien
3.1.1.1 Triebtheorie aus der Psychoanalyse
3.1.1.2 Triebtheorien aus der Ethologie
3.1.2 Frustrations-Aggressionstheorie
3.1.3 Lerntheorien
3.1.3.1 Klassisches Konditionieren
3.1.3.2 Operantes Konditionieren
3.1.3.3 Lernen am Modell
3.2. SOZIOLOGISCHE ANSÄTZE
3.2.1 Anomietheorie
3.2.2 Soziale Kontrolltheorien
3.2.3 Interaktionistische Theorien
3.2.3.1 Identitätskonzepte
3.2.3.2 Definitions- und Etikettierungsprozesse
4 BEWERTUNG DER THEORIEN ALS MÖGLICHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DIE GEWALTENTSTEHUNG IN DER SCHULE
4.1 BEWERTUNG DER PSYCHOLOGISCHEN ANSÄTZE
4.1.1 Bewertung der Triebtheorien
4.1.2 Bewertung der Frustrations-Aggressionstheorie
4.1.3 Bewertung der Lerntheorien
4.2 BEWERTUNG DER SOZIOLOGISCHEN ANSÄTZE
5 FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, grundlegende psychologische und soziologische Erklärungsansätze für die Entstehung von Gewalt an Schulen – insbesondere unter Berücksichtigung von Berufsbildenden Schulen – aufzuzeigen, um Lehrkräften ein besseres Verständnis für Ursachen und Erscheinungsformen zu ermöglichen.
- Psychologische Triebtheorien und ihre Bedeutung für das schulische Umfeld
- Die Frustrations-Aggressionstheorie und deren Relevanz für schulische Leistungskontexte
- Lerntheoretische Modelle wie klassisches und operantes Konditionieren sowie Lernen am Modell
- Soziologische Ansätze wie die Anomietheorie, Kontrolltheorien und interaktionistische Identitätskonzepte
- Der Einfluss von Stigmatisierungsprozessen auf die Entwicklung von Schülern
Auszug aus dem Buch
3.1.1.1 Triebtheorie aus der Psychoanalyse
Sigmund Freud gilt als einer der ersten Verfechter der Triebtheorie in der Psychoanalyse (vgl. Stangl 2007b, o. S.). In seinem Erklärungsversuch geht er von zwei konträren Trieben im Menschen aus. Zum einen benennt er den Lebenstrieb, von ihm auch als Eros bezeichnet, der die Sexualtriebe sowie die Selbst- und Arterhaltungstriebe umfasst. Zum anderen geht er von einem Todestrieb aus, der ausgelöst durch den Aggressionstrieb, nach der Selbstvernichtung des Individuums strebt (vgl. o. V. 2007a). Beide Triebe, Lebens- und auch Todestrieb, wirken zusammen in einem Spannungsverhältnis, so dass der Mensch trotz des destruktiven Todestriebes leben kann. Normalerweise „(…) lenkt der Eros die Energie des Todestriebes über die Muskelbahnen nach außen (…)“ (Nolting 2004, S. 53), so dass sie in Aggression mündet. „Der Aggressions- oder Destruktionstrieb ist also der abgelenkte Todestrieb des Menschen. Das Lebewesen bewahrt sozusagen sein eigenes Leben dadurch, daß (!) es Fremde zerstört“ (Nolting 2004, S. 53). Da die Normen und Werte der Gesellschaft aggressives Verhalten nicht tolerieren, werden die Aggressionen wiederum nach Innen gegen das eigene Ich gerichtet (vgl. Nolting 2004, S. 54).
„Durch diese Unterdrückung der Ableitung der Aggressionen entsteht dabei unter Mitwirkung des eigenen Gewissens (‚Über-Ich’) ein Schuldgefühl, das sich umso stärker ausdrückt, je mehr sich der Mensch der Aggression gegen andere enthält“ (Kusche 2000, S. 30). Die Aggressionsunterdrückung und die dauerhafte Maßregelung des Über-Ichs wirken sich nach Freud als ungesund und krankmachend aus (vgl. Nolting 2004, S. 54).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung stellt den Kontext von Gewalt an Schulen dar und formuliert die Zielsetzung, wesentliche theoretische Erklärungsansätze für dieses Phänomen wissenschaftlich aufzuarbeiten.
2 DEFINITIONEN DER BEGRIFFE AGGRESSION UND GEWALT: In diesem Kapitel werden die zentralen Begriffe theoretisch erläutert und gegeneinander abgegrenzt, wobei ein Fokus auf der Unterscheidung von Aggression als Impuls und Gewalt als Handlungsform liegt.
3 THEORIEN ZUM ERWERB UND URSACHEN AGGRESSIVEN VERHALTENS: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Übersicht psychologischer Theorien (Trieb-, Frustrations- und Lerntheorien) sowie soziologischer Ansätze (Anomie, Kontrolle, Interaktionismus).
4 BEWERTUNG DER THEORIEN ALS MÖGLICHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DIE GEWALTENTSTEHUNG IN DER SCHULE: Hier wird der theoretische Rahmen direkt auf den Kontext Schule angewandt, um zu analysieren, welche Bedeutung diese Erklärungsmodelle für die Praxis und insbesondere für Berufsbildende Schulen besitzen.
5 FAZIT: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und resümiert, dass Gewalt an Schulen ein komplexes Phänomen ist, das durch das Zusammenspiel verschiedenster Risikofaktoren entsteht.
Schlüsselwörter
Aggression, Gewalt, Schule, Triebtheorie, Frustrations-Aggressionstheorie, Lerntheorie, Anomietheorie, Soziale Kontrolltheorien, Interaktionismus, Stigmatisierung, Sozialisation, Berufsbildende Schulen, Gewaltentstehung, Risikofaktoren, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Ursachen für das Auftreten von Aggression und Gewalt im schulischen Umfeld.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen psychologische und soziologische Erklärungsansätze, die das Verhalten von Schülern in Bezug auf Gewalt und Aggression beleuchten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Hausarbeit?
Das Ziel ist es, mögliche Ursachen für Gewaltentstehung an Schulen, mit einem Fokus auf Berufsbildende Schulen, aufzuzeigen und dabei den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammenzuführen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, bei der bestehende psychologische und soziologische Theorien reflektiert und in den Kontext der Schule übertragen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Darstellung der Ansätze (psychologisch vs. soziologisch) sowie deren kritische Bewertung im Kontext des Schulalltags.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Untersuchung?
Die wichtigsten Schlagworte sind Gewalt, Aggression, Schule, Sozialisation, Stigmatisierung und die verschiedenen erörterten Theoriegruppen.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen Aggression und Gewalt?
Aggression wird als ein inneres Empfinden bzw. ein Impuls definiert, während Gewalt als die daraus resultierende, tatsächlich ausgeführte zerstörerische Handlung verstanden wird.
Warum wird speziell auf Berufsbildende Schulen eingegangen?
Die Autorin betrachtet diese Schulen, da hier Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens mit besonderen Herausforderungen und häufig hohem Leistungsdruck konfrontiert sind, was das Gewaltpotenzial beeinflussen kann.
Welche Rolle spielen Etikettierungsprozesse bei schulischer Gewalt?
Etikettierungsprozesse können dazu führen, dass Schüler durch Lehrkräfte stigmatisiert werden, was ihre Identität negativ beeinflusst und sie in eine Außenseiterrolle drängt, aus der heraus aggressives Verhalten als Bewältigungsstrategie resultieren kann.
- Citar trabajo
- Nina Junge (Autor), 2007, Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt an Schulen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137143