Modellierung eines Fragebogens im Rahmen einer Delphi-Studie im Verbundprojekt IT-FoodTrace


Diplomarbeit, 2008
107 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Zielsetzung der Arbeit

2 Das Verbundprojekt IT-FoodTrace

3 Formen der Befragung
3.1 Standardisierungsgrad
3.1.1 Voll-standardisiert
3.1.2 Teil-standardisiert
3.1.3 Nicht-standardisiert
3.2 Kommunikationsform
3.2.1 Mündliche Befragung
3.2.2 Schriftliche Befragung
3.2.3 Telefonische Befragung
3.2.4 Online-Befragung
3.3 Delphi-Befragung als spezielle Form der Befragung
3.3.1 Anwendungszwecke und Einsatzgebiete
3.3.2 Typen von Delphi-Befragungen
3.3.3 Das klassische Delphi-Design

4 Gütekriterien der Befragung
4.1 Objektivität
4.2 Reliabilität
4.3 Validität

5 Formale Kriterien zur Fragebogenmodellierung
5.1 Begriff und Zielsetzungen eines Fragebogens
5.2 Fragenformulierung
5.2.1 Fragenformen
5.2.1.1 Offene Fragen
5.2.1.2 Geschlossene Fragen
5.2.1.3 Halboffene Fragen (Hybridfragen)
5.2.1.4 Direkte Fragen/indirekte Fragen
5.3 Antwortvorgaben und Skalen
5.3.1 Skalenniveaus
5.3.1.1 Nominalskalen
5.3.1.2 Ordinalskalen
5.3.1.3 Intervallskalen
5.3.1.4 Ratioskalen
5.3.2 Skalierungen zur Einstellungsmessung
5.3.2.1 Rating-Skala
5.3.2.2 Likert-Skala
5.3.3 Antworttendenzen
5.4 Aufbau des Fragebogens
5.4.1 Fragensukzession
5.4.2 Funktionsfragen
5.4.2.1 Einleitungs-/Eisbrecherfragen
5.4.2.2 Übergangs-/Überleitungsfragen
5.4.2.3 Filter- und Trichterfragen
5.4.2.4 Kontrollfragen
5.4.2.5 Schlussfragen
5.5 Layout
5.5.1 Einleitungstext
5.5.2 Schlussformel
5.6 Pretest
5.6.1 Aufgaben
5.6.2 Verfahren
5.6.2.1 Pretestverfahren im Feld
5.6.2.2 Kognitive Verfahren
5.6.2.3 Andere Verfahren
5.7 Rücklauf

6 Gestaltungsmöglichkeiten des Delphi-Fragebogens
6.1 Einsatz geschlossener Fragen
6.1.1 Fragetypen
6.1.1.1 Kompetenzfrage bzw. Selbsteinschätzung der Experten
6.1.1.2 Zeitintervalle/Zeitraum der Verwirklichung
6.1.1.3 Bewertung von Szenarien
6.1.1.4 Numerische Schätzfragen
6.1.1.5 Weitere mögliche Fragetypen
6.1.2 Bündelung von Fragetypen
6.2 Einsatz offener Fragen
6.2.1 Offene Fragen in der quantitativen Befragungsrunde
6.2.2 Offene Fragen in der qualitativen Befragungsrunde
6.3 Gestaltung des Feedbacks
6.3.1 Feedback bei Zeitpunkten bzw. –intervallen
6.3.2 Feedback bei der Bewertung von Sachverhalten
6.4 Gestaltung des Layouts

7 Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang A
Anhang B
Anhang C
Anhang D
Anhang E
Anhang F
Anhang G
Anhang H
Anhang I
Anhang J
Anhang K
Anhang L
Anhang M
Anhang N

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ablaufschema Delphi-Befragung

Abbildung 2: Überblick der gebräuchlichsten Skalierungsverfahren

Abbildung 3: Beispiel für eine Likert-Skala

Abbildung 4: Ausschnitt aus dem Fragebogen

Abbildung 5: Auszug aus dem Delphi 98-Fragebogen

Abbildung 6: Graphische Darstellung des Feedbacks als „Dach“

Abbildung 7: Beispiel eines Boxplots

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Formen der Befragung

Tabelle 2: Delphi-Typen

Tabelle 3: Überblick verschiedener Pretestverfahren

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung und Zielsetzung der Arbeit

Die vorliegende Diplomarbeit wurde im Rahmen eines Forschungsvorhabens des Lehrstuhls für Umweltmanagement der Universität Hohenheim erstellt. Dieses For-schungsvorhaben ist ein Teilprojekt des Verbundprojekts IT-FoodTrace, das in Kapitel 2 näher vorgestellt wird.

Das Forschungsvorhaben beinhaltet dabei folgende Fragestellungen als Kernpunkte:[1]

- Welche Effekte entstehen für die einzelnen Anspruchsgruppen entlang der Wertschöpfungskette?
- Wie können diese Effekte strukturiert bzw. kategorisiert werden?
- Wie können die positiven Effekte weiter genutzt werden?
- Wie können negative Effekte verhindert bzw. abgemildert werden?

Aus diesen Fragestellungen ergibt sich als Ziel eine das IT-FoodTrace-Projekt beglei-tende Folgenabschätzung bezogen auf eine „nachhaltige Entwicklung“ der Wertschöp-fungskette von Erzeugnissen tierischer Herkunft.

Diese Folgenabschätzung soll mit Hilfe einer Delphi-Befragung untersucht werden, indem Experten entlang der Wertschöpfungskette anhand eines Fragebogens bspw. die sich ergebenden, möglichen positiven als auch negativen Folgen der IT-FoodTrace-Technologie bewerten bzw. abschätzen sollen. Zur Durchführung der Del-phi-Befragung soll dementsprechend ein Fragebogen modelliert werden, der dann den Experten vorgelegt wird. Zielsetzung dieser Diplomarbeit ist somit die Unterstützung bei der Fragebogenmodellierung im Teilprojekt. Es sollen in diesem Zusammenhang die theoretischen Grundlagen der Fragebogenmodellierung geschaffen werden, die als eine Art „Anleitung“ fungieren und bei der Modellierung des Delphi-Fragebogens hel-fen.

Dazu wurde folgende Vorgehensweise gewählt: Im ersten Schritt (Kapitel 3) werden zuerst verschiedene Formen der Befragung vorgestellt und die Delphi-Befragung als Spezialform der Befragung eingeordnet. Ferner werden Einsatzgebiete und Anwen-dungszwecke, Design und verschiedene Typen von Delphi-Befragungen beschrieben. Kapitel 4 bezieht sich auf Gütekriterien von Befragungen, die nötig sind um die Glaub-würdigkeit einer Befragung zu belegen. Den Hauptteil der Arbeit bilden Kapitel 5 und Kapitel 6. In Kapitel 5 werden allgemeingültige Kriterien zu Fragebogenmodellierung abgeleitet, die auch bei der Modellierung eines Delphi-Fragebogens herangezogen werden sollten. Es wird dort auf die Formulierung von Fragen und Antwortvorgaben eingegangen, auf den grundsätzlichen Aufbau eines Fragebogens und dessen Layout.

Weiterhin werden Pretest-Verfahren vorgestellt, die den Fragebogen auf seine Taug-lichkeit überprüfen und Maßnahmen genannt die die Rücklaufquoten der Befragung erhöhen. Kapitel 5 ist somit das Kernstück dieser Arbeit, denn die dort hergeleiteten Kriterien können auch im Rahmen anderer Befragungen als Anleitung zur Fragebo-genmodellierung herangezogen werden. Kapitel 6 setzt sich mit Gestaltungsmöglich-keiten des Delphi-Fragebogens auseinander und veranschaulicht diese anhand von Beispielen aus bereits durchgeführten Delphi-Befragungen. Das letzte Kapitel fasst dann die Erkenntnisse der Arbeit zusammen und schließt mit einem Fazit ab.

2 Das Verbundprojekt IT-FoodTrace

Das IT-FoodTrace-Projekt[2] ist ein Verbundprojekt der Universität Hohenheim, der Ge­org-August Universität Göttingen und der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Tech-nisch unterstützt wird es von IBM Deutschland GmbH und der Comundus GmbH. Die fachliche Unterstützung stammt vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft sowie von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Das Gesamt-projekt wird gefördert aus den Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und For-schung (BMBF).

Das von dem Forschungsverbund IT-FoodTrace verfolgte Ziel ist die erstmalige Kon-zeption eines nachhaltigen, strukturbruch- und barrierefreien IT-Gesamtsystems.

Den Hintergrund dieses Projekts bildet die IT-gestützte Dokumentation der Wertschöp-fungskette (im Weiteren mit WSK bezeichnet) auf Grund der Lebensmittelrechtlichen Bestimmungen der EU. Dadurch soll eine Nachverfolgung der Primärproduktion bei den KMU und Kleinproduzenten als auch bei der Vermarktung von Landwirtschaftli-chen Gütern durch Großkonzerne ermöglicht werden. Momentan bestehen noch Prob-leme bei der aktuellen Rückverfolgung, v.a. an den Schnittstellen der WSK, so z.B. zwischen Zulieferer und Landwirt oder aber zwischen dem Restaurantbetreiber und dem Konsumenten, da hier nicht alle Faktoren der WSK abgedeckt werden. Um dies jedoch sicherstellen zu können, wird an einer IT-gestützten Datenbank gearbeitet, wel-che eine redundanzfreie Dateneingabe, offene Standards und Schnittstellenlösungen ermöglicht, mit dessen Unterstützung eine Vereinheitlichung von Datenformaten, samt deren Schutz, gewährleistet wird. Ziel dieser Datenbank wird sein, alle Informationen der beteiligten Akteure innerhalb der WSK zu bündeln, sie zu analysieren und darin zu integrieren. So durch sollen gleichzeitig neu]e Qualitätsstandards festgelegt und beste- hende Abläufe optimiert und standardisiert werden. Letztendlich verbessert die Daten-bank die Effizienz innerhalb der WSK und erbringt eine höhere Qualitätssicherheit.

Von den Ergebnissen einer solchen Datenbank profitieren vorerst die an der Lieferkette beteiligten Parteien. Jedoch erhält man diese schneller, da transparente Systemstruk-turen eingeführt wurden, welche auf Basis des Agro Technical Solution Modell (ATSM) basieren. Dieses ist innerhalb der Lieferkette in vielerlei Hinsicht anwendbar und hat sich bereits im Einsatz bewiesen. Es wird zusammen mit bereits bestehenden Syste-men dazu führen, dass die Qualität und die Nutzung der Daten nachhaltig verbessert wird.

Die Resultate des gesamten Forschungsprojekts lassen sich auf der Grundlage der somit erarbeitenden Standards auf andere Lebensmittelketten ausweiten. Am meisten profitiert davon die Qualitätssicherung, welche durch die Generierung wissenschaftli-cher Kennzahlen die Grundlage für einen allgemeingültigen Qualitätsstandard liefert. Außerdem kann der bürokratische Arbeitsaufwand durch das standardisierte Daten-management in den verschiedenen Prozessketten, über die Landes- und Bundesgren-zen hinaus, minimiert werden.

Letztendlich liefert das IT-FoodTrace-Projekt eine lückelose Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette von Fleischwaren. Nichts desto trotz benötigt es eine Gesetzgebung, welche die Rahmenbedingungen festlegt und aufeinander abstimmt.

Die Qualitätsverbesserung erfolgt hauptsächlich auf Grundlage des ATSM Models, welches alle an der Lieferkette beteiligten Parteien über eine offene Plattform integriert. Ziel dieser ist die Zusammenfassung aller Meldepflichtigen Daten, sodass die Auftrag-geber einen genaueren Überblick über die notwendigen Rahmenbedingungen haben. Gleichzeitig wird es den Entscheidungsträgern ermöglicht auf Grund der Aktualität der Daten besser auf Eventualitäten einzugehen.

Insgesamt werden während des ganzen Projekts Messgrößen zur Qualitätsbewertung durch den Verbraucher mit einfließen. Diese subjektiven Daten stellen eine wichtige Größe für die gesamte Lieferkette dar, denn die lückenlose Rückverfolgbarkeit (über ATSM) ermöglicht dem Verbraucher sich jederzeit über den Produktionsprozess zu informieren. Dadurch gewinnt dieser den subjektiven Eindruck, dass er diesen kontrol-lieren und am Prozess der Qualitätssicherung aktiv teilnehmen kann.

Wenn sich diese Rückverfolgbarkeit, ohne Medienbrüche, durchsetzt, wird es ermög-licht betriebsübergreifend eine Qualitätssicherung zu betreiben. Dadurch wird eine komplexe standardisierte Dateneingabe ermöglicht, welche eine kontinuierliche Wei-terentwicklung gewährleisten kann.

Dieses Model kann dann dementsprechend auch auf andere Lebensmittel-Wertschöpfungsketten übertragen werden, da es offen ausgelegt ist.

3 Formen der Befragung

Die Befragung stellt die weitaus am häufigsten angewandte Methode sozialwissen-schaftlicher Datenerhebung dar.[3] Bei der Ermittlung von Wissen, Fakten, Meinungen, Einstellungen und Bewertungen gilt die Befragung als das Standardinstrument empiri-scher Sozialforschung.[4] Neben dem Einsatz in der empirischen Sozialforschung ist die Befragung in der Betriebswirtschaft vor allem in der Marktforschung die am weitesten verbreitete und wichtigste Informationsgewinnungsmethode zur Analyse von bspw. Konsumentenpräferenzen.[5]

Tabelle 1: Formen der Befragung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kromrey, H. (2006), S. 388.

3.1 Standardisierungsgrad

Man unterscheidet Befragungen üblicherweise nach dem Grad ihrer Standardisierung in voll-standardisierte, teil-standardisierte und nicht-standardisierte Befragungen.[6]

3.1.1 Voll-standardisiert

Der voll-standardisierten Befragung liegt ein strikt einzuhaltender Fragebogen vor. In diesem sind die Anzahl und Formulierung der Fragen, ihre Reihenfolge sowie die Ant-wortmöglichkeiten vollständig vorgegeben. Mit der Standardisierung wird das Ziel ver- folgt, von allen befragten Personen, miteinander vergleichbare Antworten auf ein und dieselbe Frage zu erhalten. Die Antwortvorgaben dienen dazu den Sinn der Frage ver-ständlicher zu machen und helfen dabei die Auswertung der Antworten schneller und vollständiger zu erfassen.[7]

Ein Beispiel für eine solche Frage ist:

„Wie viele Stunden am Tag nutzen sie das Internet?“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ohne Antwortvorgaben, hätte man wahllose, miteinander nicht vergleichbare Antwor-ten, wie „gar nicht“, „ich habe kein Internetzgang“, „kommt drauf an...“, usw. erhalten. Hier liegt der Vorteil standardisierter Befragungen; neben der Vollständigkeit und Ver-gleichbarkeit der Antworten, sind die Ergebnisse auch leichter zu quantifizieren. Da keine Fragen hinzugefügt werden können und die Formulierung der Fragen nicht ver-ändert werden kann, weisen die standardisierten Befragungen eine hohe Zuverlässig-keit (Reliabilität, vgl. Kapitel 4.2) auf. Einschränkungen ergeben sich bei der Gültigkeit (Validität, vgl. Kapitel 4.3) der Fragestellung und der Antwortvorgaben, wenn diese nicht die wahre Situation der Befragten erfasst. Durch die Vorformulierung der Fragen und Antwortmöglichkeiten wird der Informationsgehalt beschnitten und es werden teil-weise künstliche Antworten generiert. Standardisierte Befragungen eignen sich deswe-gen eher zur Erfassung bekannter Themengebiete. Durch klare Formulierung der Fra-gen und leicht unterscheidbarer Antwortmöglichkeiten können diese am einfachsten abgedeckt werden.[8]

3.1.2 Teil-standardisiert

Teil-standardisierten Befragungen liegt kein strikt vorformulierter Fragebogen zugrun-de, sondern ein grob strukturiertes Fragenschema. Es wird hauptsächlich mit offenen Fragen (vgl. Kapitel 5.2.1.1) gearbeitet. Dem Interviewer wird die Möglichkeit einge-räumt Befragungssituationen mitzustrukturieren. Zu vorgegebenen Stichworten oder Themen können die Befragten ohne Vorgabe von Antworten oder präzisen Einzelfra-gen Stellung nehmen. Diese Form der Befragung erlaubt somit, Sachverhalte intensi-ver zu erfassen, und zu bestimmten Themen genauer nachzufragen. Der Befragte ist in seinen Antwortmöglichkeiten nicht beschränkt und kann so dazu beitragen verschie-denste Aspekte des Untersuchungsgegenstandes zu beleuchten.[9]

3.1.3 Nicht-standardisiert

Nicht-standardisierten Befragungen liegt auch kein Fragebogen zugrunde sondern höchstens ein Stichwortkatalog. Die erhaltenen Aussagen der Befragung sind unter-schiedlich und nicht untereinander vergleichbar. Nicht-standardisierte Befragungen werden in qualitativen Forschungsvorhaben mit relativ unbekanntem Untersuchungs-gegenstand eingesetzt. Mit dieser Form der Befragung erreicht man eine Stoffsamm-lung von Informationen und Meinungen zu einem bestimmten Themenbereich oder Forschungsziel, die den eigenen Kenntnisstand erweitern können.[10]

3.2 Kommunikationsform

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Kommunikationsform. Hier wird zwischen mündlichen Befragungen, schriftlichen Befragungen, telefonischen Befragungen und internetgestützten Befragungen (Onlinebefragungen) differenziert.[11]

3.2.1 Mündliche Befragung

Die wohl wichtigste mündliche Befragungsart stellt das Interview dar.[12] Dabei ist eine Unterscheidung in wenig bzw. nicht-standardisiertes, teil-standardisiertes und voll-standardisiertes Interview sinnvoll, denn jedes Gespräch stellt eine soziale Situation dar und ist in irgendeiner Weise strukturiert.[13]

Die persönliche Befragung wird auch Face-to-Face-Interview genannt, in dem sich In­terviewer und Befragter gegenüberstehen. Bei mehreren Anwesenden, Befragten spricht man von einem Gruppeninterview. Die Fragen werden vom Interviewer selber vorgetragen und er notiert die Antworten des Befragten. Dabei kommt die soziale Situ­ation des Interviews am stärksten zu tragen[14]. Der Interviewer soll Thema und Befrag-ten neutral gegenüber stehen, einen seriösen Eindruck vermitteln und angemessen gekleidet sein.[15]

Zu den mündlichen Befragungsformen zählen weiterhin nach Kromrey : das Telefonin-terview (siehe Kapitel 3.2.3) , das Leitfadengespräch, das Intensivinterview, das Exper- teninterview, die Gruppendiskussion und das Narrative Interview .[16] Diese sollen hier kurz vorgestellt werden.

Leitfadengespräche, auch als Leitfadeninterview/Tiefeninterview bezeichnet, haben zum Ziel genauere Informationen vom Befragten, mit besonderer Berücksichtigung seiner Perspektive, Sprache und Bedürfnisse, zu erlangen. Dabei liegt ein Augenmerk auf der Erweiterung des Antwortspielraums durch den Befragten und einer angemes-senen Befragung, die auf die spezifischen Probleme und Bedürfnisse des Befragten eingeht. Durch das Vorliegen eines nur grob strukturierten Interviewleitfadens, kann der Interviewer stärker auf den Befragten eingehen. Dadurch erhöht sich der Spielraum des Interviewers, die Fragen zu formulieren, ihre Anordnung zu variieren und Nachfra-gen zu stellen.[17]

Experteninterviews richten sich an Menschen die über den zugrunde liegenden For-schungsgegenstand besondere oder umfassende Erfahrungen und Kenntnisse besit-zen. Da es im Vornhinein nicht feststellbar ist wer als Experte für das Untersuchungs-ziel gelten kann, sind in der Regel teil-strukturierte Befragungen die Voraussetzung zur Identifizierung von Experten.[18]

Narrative Interviews wählen als Interviewtechnik die Erzählform zur Gewinnung von erfahrungsnahen, subjektiven Aussagen über biographische Abläufe und Ereignisse. Die Anwendungen können sich bspw. auf biographische Ereignisketten wie Ausbil-dungs- und Berufsverläufe oder besondere Ereignisse im Lebenslauf beziehen. Die Interviewervorgaben sind dabei noch weniger strukturiert als beispielsweise beim Leit-fadeninterview. Es wird vom Interviewer nur einleitend eine Themenstellung vorgege-ben und der Befragte wird in nichtdirektiver Weise zu Erzählung aufgefordert.[19]

Das Narrative Interview lässt sich in drei Phasen gliedern:

1. Stimulierung durch den Interviewer zu einer Erzählung über einen bestimmten Gegenstand.
2. Die Erzählung des Befragten bildet die Hauptphase. Der Interviewer soll den Erzählfluss unterstützen und wenn möglich nicht fragend Eingreifen.
3. Erst in der Nachfragephase kann sich der Interviewer darum bemühen, noch of-fene Punkte zu klären, und eventuell zu weiteren Erzählsträngen animieren.[20]

Gruppendiskussionen sind dadurch gekennzeichnet, dass eine vom Forscher zusam-mengestellte Gruppe von Personen gebeten wird über ein festgelegtes Thema zu dis-kutieren. Die Gruppe wird dabei von einem der Gruppe nicht angehörigen Diskussions-leiter betreut. Der Diskussionsleiter nimmt dabei nur Wortmeldungen entgegen und sollte sich eigener inhaltlicher Stellungnahmen enthalten. Die Diskussion sollte in der ersten Hälfte sehr locker gelenkt werden, denn hier bilden sich die Grundzüge der Gruppenmeinung. Der Diskussionsleiter kann auf Gegenargumente hinweisen, die Initiative bleibt zunächst der Gruppe überlassen. Es wird bei Gruppendiskussionen nicht nur die Verteilung der individuellen Meinungen untersucht, sondern auch die Ef-fekte von Gruppenprozessen die auf die individuelle Meinungsbildung wirken.[21]

Als wesentliche methodische Probleme der mündlichen Befragung werden von Schnell/Hill/Esser Antwortverzerrungen im Interview genannt. Zu ihnen werden u.a. gezählt:

- Eine explizite Verweigerung einer Antwort.
- Abgabe einer „Weiss-nicht“-Antwort.
- Abgabe einer inhaltlichen Antwort, obwohl keine Meinung abgefragt worden ist.
- Abgabe sozial erwünschter Antworten.
- Reaktionen auf Merkmale des Interviewers.
- Reaktionen auf formale Aspekte von Fragen.
- Reaktionen auf die Abfolge von Fragen.
- Reaktionen auf die Anwesenheit Dritter beim Interview.
- Reaktionen auf den Auftraggeber der Studie.
- Zustimmung zu Fragen unabhängig vom Inhalt der Fragen.

Die meisten der genannten Effekte lassen sich jeweils als Spezialfall der beiden wich-tigsten Formen der Antwortverzerrung auffassen, der Zustimmungstendenz einerseits und der sozialen Erwünschtheit andererseits.[22] Zustimmungstendenz bezeichnet dabei die Zustimmung zu einer Frage ohne Bezug zum Inhalt der Frage, soziale Erwünscht-heit äußert sich darin, dass z.B. Fragen zum Konsum von Suchtmitteln oder extremen politischen Ansichten unwahr beantwortet werden, weil der Befragte ein Bedürfnis nach sozialer Anerkennung haben könnte bzw. seine wirkliche Meinung nicht darlegen möchte.[23]

Zusammenfassend wurden von Möhring/Schlütz Vor- und Nachteile der persönlichen mündlichen Befragung zusammengestellt. Dabei zählen zu den Vorteilen:

- Die Länge der Interviews kann variiert werden.
- Es können offene und komplexe Fragen gestellt werden.
- Fragen können visuell unterstützt werden.
- Vergleichsweise geringe Verweigerungsraten.
- Optimale Motivation durch den Interviewer.

Als Nachteile der persönlichen mündlichen Befragung sehen sie:

- Die hohen Kosten der Erhebung
- Den hohen zeitlichen Aufwand.
- Geringe Kontrollmöglichkeiten, d.h. eine hohe Fälschungsanfälligkeit in Aus-wahlverfahren und der Führung des Interviews.
- Eine eingeschränkte geografische Streuung.
- Starker Einfluss durch den Interviewer, bedingt durch seine Soziodemografie (Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Bildung) und sein Auftreten und Verhalten.[24]

3.2.2 Schriftliche Befragung

Bei der schriftlichen Befragung wird dem Befragten ein Fragebogen vorgelegt, der von ihm selbständig ausgefüllt werden soll. Der fehlende Interviewer hat eine zweifache Wirkung auf die Befragung. Die Befragungssituation wird von ihm nicht beeinflusst je-doch kann der Interviewer andererseits den Befragten weder zur Mitarbeit beim Ausfül-len des Fragebogens motivieren, noch kann er durch Erläuterungen unklaren Sachver-halts helfen.[25]

Die Fragebögen können bei der schriftlichen Befragung einerseits postalisch oder durch einen Boten zugestellt werden. Aufgabe des Befragten ist die Ausfüllung des Fragebogens und anschließende Rücksendung an die Forschungsgruppe bzw. das Institut. Eine zweite Möglichkeit besteht darin, dass der Fragebogen durch den Inter­viewer persönlich überbracht wird. Der Interviewer erläutert den Zweck der Befragung und lässt den Fragebogen zum Ausfüllen beim Befragten. Später wird der Fragebogen vom Interviewer abgeholt, auf Vollständigkeit überprüft und eventuell ergänzt. Vorteil dieser Vorgehensweise gegenüber der reinen postalischen Befragung ist die im Allge-meinen geringere Ausfallquote.[26]

Schriftliche Befragungen eignen sich besonders für die Befragung homogener Gruppen wie z.B. Schulkassen, Betriebsmitarbeiter, bestimmte Zielgruppen, Experten, etc. Die Befragung erfordert eine hohe Strukturiertheit bzw. Standardisierung der Befragungs-inhalte, denn sie verzichtet auf steuerliche Eingriffe eines Interviewers.[27]

Friedrichs nennt in diesem Zusammenhang folgende Vor- und Nachteile der schriftli-chen Befragung:

Zu den Vorteilen zählen:

- Die geringen Kosten, da kein Interviewer anwesend sein muss.
- Den geringen Zeitaufwand.
- Die Möglichkeit auch weit geographisch verstreute Personen zu befragen.
- Kein störender Interviewereinfluss auf die Befragungssituation.
- Die Fragen können besser durchdacht werden, weil der fehlende Zeitdruck eine

stärkere Konzentration auf das Thema der Befragung ermöglicht

Als Nachteile werden von ihm genannt:

- Niedrige Rücklaufquoten.
- Die Erhebungssituation kann nicht kontrolliert werden, z.B. kann nicht nachge-prüft werden wer den Fragebogen ausgefüllt hat.
- Die Ausfälle können nicht klassifiziert werden, z.B. Ausfälle aufgrund von Nicht-Zurücksendung oder Fehler bei der postalischen Zustellung.
- Keine Erläuterung von Fragen durch den Interviewer.[28]

3.2.3 Telefonische Befragung

Die Telefonbefragung wurde bis vor wenigen Jahren noch als schnelle, billige aber qualitativ minderwertige Befragungsmethode abgewertet. Diese Einstellung gegenüber den Telefonbefragungen hat sich inzwischen geändert. Die telefonische Befragung ist inzwischen bei der Markt- und Meinungsforschung die hauptsächliche Methode der Datenbeschaffung.[29] Diese Entwicklung liegt darin begründet, dass sich Erhebungen auf diesem Wege wesentlich schneller und günstiger durchführen lassen als mit einer mündlichen oder schriftlichen Befragung. Auch die hohe Telefondichte in den meisten Industrieländern und die in den letzen Jahren gesunkene Akzeptanz von Interview und postalischen Befragungen tragen dazu bei.[30] Telefonumfragen sind dabei ein geeigne-tes Instrument zur schnellen Erhebung von Trends in der Bevölkerungsmeinung.[31] Interviewereffekte, wie das Erscheinungsbild und Auftreten, spielen im Gegensatz zur mündlichen Befragung keine Rolle, jedoch kann die Befragungssituation wie auch bei der schriftlichen Befragung nicht kontrolliert werden.[32] Die Verweigerungsrate der Be-fragung ist niedriger als bei persönlichen Interviews und falls der zu Befragende zum Zeitpunkt des Anrufs aus Zeitgründen kein Interview geben kann, lässt sich ohne Auf-wand ein neuer Termin vereinbaren.[33]

Als nachteilig kann sich die Tatsache auswirken, dass die situativen Merkmale des Telefoninterviews, d.h. die Begleitumstände nicht kontrolliert werden können. Der In­terviewer hat keinen Einfluss darauf, ob der Befragte völlig auf das Interview konzent-riert ist, er während des Interviews alleine ist oder ob bspw. andere mithören und ihn beeinflussen.[34]

Die Durchführung von Telefoninterviews wird heutzutage fast ausschließlich mit dem Computer-Assisted-Telephone-Interviewing bzw. (CATI)-System durchgeführt. Mit die-ser Technik verringert sich der Erhebungs- und Auswertungsaufwand erheblich. Der Interviewer arbeitet bei diesem System interaktiv am Bildschirm. Ein Programm steuert im Idealfall die eigentliche Durchführung des Interviews und übernimmt alle Verwal-tungsaufgaben.[35]

Dabei werden von entsprechenden Geräten (Auto-Dialer) folgende Funktionen über-nommen:

- Steuerung des gesamten Ablaufs des Interviews.
- Anzeigen von Fehlern und sofortige Rückfragen.
- Übernahme der kompletten Filterführung.
- Ausweis von Zwischenergebnissen.
- Zufallsgesteuerte Rotation von Antwortvorgaben und Statements.
- Auswahl der Telefonnummern, der Zielpersonen, der Ersatznummern bei Fehl-versuchen usw.
- Unmittelbarer Transfer der Daten in die Auswertung.

Der Interviewer wird im Vergleich zu mündlichen Befragungen erheblich entlastet. Durch die Einführung dieser Computerhilfen erhält der mittlerweile stark zunehmende Trend zur Telefonbefragung neue Impulse.[36]

3.2.4 Online-Befragung

Online-Befragungen werden immer häufiger als Alternativform zu postalischen Befra-gungen eingesetzt. Mit der Online- Befragung will man gerade räumlich verstreute Per-sonen erreichen.[37]

Die Online-Befragungen werden vor allem außerhalb der universitären Forschung im-mer populärer. Die Online-Befragung wird grob in zwei Formen unterschieden, bei der sog. „E-Mail-Befragung“ wird der Fragebogen als E-Mail verschickt und wieder als E-Mail zurückgesendet, bei den sog. „Web-Survey“ ist der Fragebogen als Programm auf einem Server gespeichert und wird von dort aus ausgeführt. Der Befragte sieht dann den Fragebogen als ein Formular auf einer Webseite in seinem Browser.[38]

Die Online-Befragung ist prinzipiell mit einer schriftlichen Befragung vergleichbar. Es ist bei der Online-Befragung zusätzlich möglich mit multimedialen Inhalten, wie z.B. Bil-dern, Tönen und audiovisuellem Material zu arbeiten, sofern es sich um einen Web-Survey handelt.[39]

Zu den weiteren Vorteilen von Online-Befragungen zählt Diekman die Schnelligkeit der Durchführung und die zeitgleiche Speicherung der Daten, so dass Auswertungen schon nach kurzer Zeit möglich sind. Weiterhin sind die Kosten einer solchen Befra-gung recht niedrig, da hier auf den Druck und Versand von Fragebögen verzichtet wer-den kann. Auch die Filterführung bei inkonsistenten Antworten ist weitgehend vorpro-grammiert und automatisiert. Die Vorprogrammierung erlaubt auch eine Modularisie-rung des Fragebogens in mehrere Formulare und Variation der Fragen, die dann bspw. bei experimentellen Studien eingesetzt werden kann.[40]

Methodische Probleme sehen Schnell/Hill/Esser vor allem in der Stichprobenziehung, da es bisher keine vollständigen Verzeichnisse von Internet-Nutzern gibt ist die Reprä-sentativität nur schwer zu handhaben, und in der Kooperation der Befragten.[41]

3.3 Delphi-Befragung als spezielle Form der Befragung

Delphi-Befragungen sind eine spezielle Form der schriftlichen Befragung, die das Ziel verfolgen, aus Einzelbeiträgen der beteiligten Personen, durch wiederholte hochstruk-turierte Gruppenkommunikation, Lösungen für komplexe Probleme zu erarbeiten.[42] Kepper charakterisiert die Delphi-Methode als eine „Mischung aus anonymisierter Gruppenbefragung und standardisiertem Einzelinterview.“[43] Als Prognoseinstrument wird die Delphi-Methode von Köhler gesehen: „Die Delphi-Methode ist ein Verfahren, um aus Expertenmeinungen Prognosen zu gewinnen und Konsens und Dissens zwi-schen den Expertenmeinungen deutlich zu machen.“[44] Geschka bezeichnet die Delphi-Methode als ein „ausgeklügeltes Verfahren der schriftlichen Befragung über mehrere Runden bei untereinander anonymen Teilnehmern und einer Ergebnisrückkopplung nach jeder Runde“.[45]

Eine Vielfalt anderer Definitionen der Delphi-Methode lässt sich bei Häder / Häder fin-den[46]. Sie formulieren aus den Übereinstimmungen der verschiedenen Definitionen eine Arbeitsdefinition, die die Delphi-Methode als „ein vergleichsweise stark strukturier-ten Gruppenkommunikationsprozess, in dessen Verlauf Sachverhalte, über die natur-gemäß unsicheres und unvollständiges Wissen existiert, von Experten beurteilt wer-den.“[47] Von diesem Kommunikationsprozess wird ein Ergebnis höherer Qualität erwar-tet als von der Summe der Einzelbeiträge der beteiligten Experten.[48]

3.3.1 Anwendungszwecke und Einsatzgebiete

Die Delphi-Methode hilft, Meinungen und Wissen mehrerer Personen zu einer Frage-stellung zu sammeln und zusammenzufassen. Die Befragten haben dabei die Möglich-keit sich zu Problemfeldern zu äußern, ohne in eine direkte Diskussion verstrickt zu werden oder sich rechtfertigen zu müssen. Dabei kann die Delphi-Methode verschie-dene Zwecke verfolgen. Als Anwendungszwecke werden von Seeger die folgenden Punkte genannt:

- Die Delphi-Methode als direktes Kommunikationsmittel zwischen einem Perso- nenkreis, unabhängig von Raum und Zeit.
- Als Entscheidungsinstrument zur Vorbereitung, Beeinflussung und dem Treffen von Entscheidungen.
- Als Prognoseinstrument zur Vorausbestimmung des Eintretens von Ereignissen und Zuständen und deren Eintrittszeitpunkt.
- Als Problemlösungsinstrument zur Darstellung von Lösungsalternativen und Ableitung von Problemlösungen.
- Als Demokratisierungsinstrument mit der Absicht, Betroffene in den Prozess der aktiven Einflussnahme auf die Umwelt einzubeziehen.
- Als Planungsinstrument in betrieblichen oder bürokratischen Zusammenhän-gen.
- Als Bewertungs- und Urteilsinstrument , das auf unterschiedlichste Objekte und Gegenstände angewendet werden kann.[49]

Die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten, in den Gebieten der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens, der Delphi-Methode wurden von Häder / Häder anhand von Sich-tung verschiedener Delphi-Studien untersucht. Sie identifizierten verschiedene Einsatz-gebiete wie das Bildungswesen, betriebswirtschaftlichen Anwendungen, Tourismus, Politik und Gesundheitswesen.[50]

Zusammenfassend stellten sie fest, dass es sich bei der Delphi-Methode um ein In­strument handelt, welches nicht auf einen bestimmten Anwendungsbereich beschränkt ist, jedoch bevorzugt dazu benutzt wird, Aussagen über Bereiche zu machen, die kos-tenintensive Investitionen erfordern (z.B. in der Telekommunikation) oder deren Er-folgskriterien schwer einzuschätzen sind (z.B. im Bildungswesen und im Umwelt-schutz).[51]

3.3.2 Typen von Delphi-Befragungen

Im Verlauf der Entwicklung der Delphi-Methode wurden ihr viele Zielsetzungen zuge-schrieben.[52] Verbunden mit diesen verschiedenen Zielsetzungen haben sich auch ver-schiedene Typen von Delphi herauskristallisiert. Die Delphi-Methode in verschiedene Typen einzuteilen haben mehrere Autoren versucht.

So unterscheidet Kensis nur zwei Arten von Delphi, das klassische Vorhersage-Delphi und das Strategie-Delphi mit weiteren zahlreichen Untervarianten, weshalb diese Vari-ante besonders schwierig zu beschreiben ist.[53]

Etwas weiter gehen Stauss/Zeigler und definieren ihrerseits drei Typen von Delphi-Befragungen:

1. Numerische Delphi, die der genauen Festlegung eines minimalen Rangs für die Schätzung bzw. Vorhersage eines Problems dienen.
2. Strategie Delphi, welches die Antworten auf gegenwärtige oder zukünftige sozi-ale und politische Probleme sucht und
3. Historische Delphi, die für die Erklärung von vergangenen Entscheidungen ge-nutzt werden.[54]

Angelehnt an bestehende Typologisierungen wurden von Häder vier verschiedene Ty-pen von Delphi-Befragungen herausgearbeitet und beschrieben:[55]

Typ 1: Delphi-Befragungen zur Ideenaggregation

Das Ziel dieses Typs von Delphi-Befragung dient der Aggregation von Ideen um mög-lichst viele verschiedene Vorschläge zur Lösung eines Bestimmten Problems zu erar-beiten. Diese Befragung verzichtet auf die quantifizierenden Runden, wie sie im klassi-schen Delphi-Ansatz durchgeführt werden. Es findet eine ausschließlich qualitative Erhebung von Daten statt. Die so ermittelten Ergebnisse der qualitativen Einschätzun-gen werden den Experten auf geeignete Weise rückgemeldet und dann in einer erneu-ten, weitgehend unstrukturierten Fragestellung, qualitativ erhoben. Bei dieser Delphi-Befragung kommt es darauf an, möglichst viele verschiedene und unterschiedliche Problemlösungsvorschläge zu sammeln. Die zu befragenden Experten sollten, wie auch bei allen anderen Formen von Delphi-Ansätzen, über eine breite Expertise verfü-gen. Der Erfolg einer solchen Delphi-Befragung liegt daher in der Sammlung möglichst vieler unterschiedlicher Ideen, die zur Lösung des zugrunde liegenden Sachverhalts beitragen. Diese Form von qualitativer Delphi-Befragung kann im klassischen Ansatz den quantitativen Wellen vorgeschaltet werden um jene Sachverhalte zu identifizieren, über die im weiteren Verlauf der Delphi-Befragung ein quantifizierendes Urteil eingeholt werden soll.

Typ 2: Delphi-Befragungen für eine möglichst exakte Vorhersage eines unsicheren Sachverhalte bzw. für dessen genaue(re) Bestimmung

Die Zielsetzung bei diesem Typ der Delphi-Befragung besteht in der Klärung einer be-stimmten, noch ungeklärten und diffusen Angelegenheit. Er entspricht dem klassischen Anliegen, welches zunächst von Delphi-Befragungen verfolgt wurde. In den Anfängen der Delphi-Methode ging es vor allem darum, mögliche strategische Angriffsziele sow-jetischer Raketen in den USA zu ermitteln. Diese Forschungskonzepte versuchten oft-mals die Zukunft zu beschreiben und zu determinieren und wurden in der Nachkriegs-zeit mit dem Begriff Forecasting bezeichnet. Bei dieser Vorgehensweise kann das durch die Delphi-Befragung ermittelte Resultat mit dem tatsächlich eingetretenen Sachverhalt im Nachhinein verglichen werden. Somit kann der Erfolg der gesamten Befragung ermittelt und bewertet werden.

Typ 3: Delphi-Befragungen zur Ermittlung und Qualifikation der Ansichten einer Exper-tengruppe über einen diffusen Sachverhalt

Der Schwerpunkt dieser Delphi-Form liegt in der Erhebung und gleichzeitigen Qualifi-zierung von Meinungen einer konkret bestimmbaren Expertengruppe. Die Resultate solcher Delphi-Befragungen werden beispielsweise dazu genutzt, gezielte Schlussfor-derungen für erforderliches Eingreifen abzuleiten. Es soll auf diese Weise auf ein ermit-teltes Problem reagiert werden, oder eine Sensibilisierung gegenüber befürchteten Fehlentwicklungen zu schaffen. Gegenwärtig ist dies das häufigste Anliegen bei der Anwendung von Delphi-Befragungen. Anders als bei Ideenaggregations-Delphis (Typ 1), die rein qualitativer Natur sind, werden bei dieser Form der Delphi-Befragung die ermittelten Expertenmeinungen einer quantifizierenden Bewertung unterzogen. Dabei wird die Mehrheitsfähigkeit der Expertenmeinungen ermittelt und überprüft.

Typ 4: Delphi-Befragungen zur Konsensbildung unter den Teilnehmern

Im Verlauf von Delphi-Befragungen dieses Typs, werden gezielt durch das Feedback Gruppenprozesse ausgelöst, die die Ergebnisse der Befragung qualifizieren sollen. Es existieren daneben auch Delphi-Studien, deren explizites Ziel ist, einen möglichst ho-hen Konsens unter den Teilnehmern zu schaffen. Dabei ist es nötig den Befragungs-prozess zur Konsensbildung so lange fortzusetzen, bis die Streuung der Antworten einen vorher definierten Wert erreicht. Solche Befragungen können sich beispielsweise im Rahmen der Vorbereitung einer demokratischen Entscheidungsfindung als sinnvoll erweisen. Dabei kommt es darauf an, vor der Befragung einen bestimmten, nach ent-sprechenden Kriterien ausgesuchten Teilnehmerkreis mit harmonisierenden Ansichten, zu rekrutieren. Des Weiteren muss der Sachverhalt, der zu diskutieren ist, möglichst genau vorstrukturiert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Häder (2002), S. 36.

3.3.3 Das klassische Delphi-Design

Die Grundidee, die hinter der Delphi-Methode steht, ist die Sammlung von Experten-meinungen zur Problemlösung. Die Experten werden in mehreren Wellen befragt und erhalten nach jeder Welle ein anonymes Feedback der Meinungen der anderen Teil- nehmer. Das klassische Delphi-Design, von dem in der Literatur gesprochen wird, be-steht aus folgenden Schritten:

1. Im ersten Schritt wird die allgemeine Frage- bzw. Problemstellung operationali-siert, mit dem Ziel daraus konkrete Kriterien abzuleiten und diese Kriterien Ex-perten im Rahmen einer quantifizierenden Befragung zur Beurteilung vorzule-gen. Dieser erste Schritt kann entweder mithilfe einer offenen, qualitativen Be-fragung von (externen) Experten bewältigt werden, oder die Aufgabe wird von dem Forschungs- bzw. Monitoring-Team, das die Delphi-Befragung leitet, selbst erledigt.
2. Der zweite Schritt besteht in der Ausarbeitung eines standardisierten Fragebo-gens, der dann den Experten vorgelegt wird. Der Fragebogen hat den Zweck die Experten anonym nach ihren Meinungen zu den interessierenden Sachver-halten zu befragen.
3. Der dritte Schritt äußert sich in der Aufbereitung der Ergebnisse der ersten Be-fragungsrunde durch das Forschungsteam und einer anonymisierten Rückmel-dung an die beteiligten Experten.
4. Im vierten Schritt erfolgt die Wiederholung der Befragung auf der Grundlage der von den Experten gewonnenen Erkenntnisse bis das vorher festgelegte Ab-bruchkriterium (z.B. vorher festgelegte Rundenanzahl) erreicht wird.[56]

Es gibt zwar auch Untersuchungen, bei denen nur auf ausgewählte Elemente des klassischen Designs zurückgegriffen wird, oder Studien, die einzelne Schritte modifizie-ren oder ganz auslassen, jedoch haben sich insgesamt die folgenden Merkmale im Laufe der Entwicklung und Anwendung als typische Charakteristika von Delphi-Studien erwiesen:

- Die Verwendung eines standardisierten Fragebogens.
- Die Befragung von Experten.
- Anonymität der Einzelantworten.
- Die Ermittlung einer statistischen Gruppenantwort.
- Die Information der Teilnehmer über die statistische Gruppenantwort.
- Die (mehrfache) Wiederholung der Befragung.[57]

Die folgende Abbildung soll, in vereinfachter Form, den Ablauf einer klassischen Del-phi-Befragung illustrieren:

Abbildung 1: Ablaufschema Delphi-Befragung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

4 Gütekriterien der Befragung

In der empirischen Sozialforschung stellen Befragungen das am meisten eingesetzte Messinstrument dar (vgl. Kapitel 3). Wenn subjektive Merkmale wie Meinungen, Beur-teilungen, Einstellungen oder Absichten gemessen werden sollen, so ist das nur durch Befragung von Personen möglich. Eine Vielzahl von schwer kontrollierbaren Störfakto-ren, wie z.B. die psychische Verfassung des Interviewten oder räumliche Beeinflus-sungen, bedingen die Problematik des Messens im Bereich der Sozialwissenschaf- ten[58]. Es werden also Gütekriterien benötigt, um die Glaubwürdigkeit einer Befragung zu belegen. In der Regel sind dies die in der empirischen Sozialforschung gängigen Gütekriterien der Objektivität, Reliabilität, und Validität.[59]

4.1 Objektivität

„Die Objektivität von Informationen bedeutet, dass diese frei von subjektiven Einflüssen und damit intersubjektiv nachprüfbar sind.“[60] Mangelnde Objektivität ergibt sich insbe-sondere bei der Durchführung von Befragungen, der Auswertung der Daten sowie der Interpretation der Ergebnisse. Man unterscheidet in diesem Zusammenhang die fol-genden Formen: Durchführungsobjektivität, Auswertungsobjektivität und Interpretati-onsobjektivität , die auf Lienert/Raatz zurückgehen.[61]

Demnach ist ein Messvorgang nach der Durchführungsobjektivität nur dann objektiv, je weniger sich die Auskunftsperson durch unterschiedliche Beeinflussungen, wie z.B. das äußere Erscheinungsbild des Interviewers oder soziale Erwünschtheit seinerseits, in seinem Antwortverhalten beeinflussen lässt.

Auswertungsobjektivität beim Messvorgang ist dann gegeben, wenn bei der Auswer-tung der Messergebnisse ein geringer Freiheitsgrad besteht, d.h. je größer der Stan-dardisierungsgrad der Erhebung ist.

Interpretationsobjektivität wird angenommen, falls bei der Interpretation der Ergebnisse wiederum ein geringer Freiheitsgrad besteht.

Zusammenfassend lässt sich die Objektivität bei standardisierten Erhebungen unprob-lematisch feststellen, bei weniger oder nicht-standardisierten Befragungen ist es dage-gen häufiger erforderlich die Objektivität empirisch zu prüfen.[62]

[...]


[1] Vgl. hierzu und im Folgenden: Klotz (2008), o.S.

[2] Vgl. hierzu und im Folgendem: IT-FoodTrace (2008)

[3] Vgl. Kromrey (2006), S. 358.

[4] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 321.

[5] Vgl. Meffert (2000), S. 155.

[6] Vgl. Kromrey (2006), S. 389.

[7] Vgl. Böhler (2004), S. 86.

[8] Vgl. Böhler,(2004), S. 86f.

[9] Vgl. Kromrey (2006), S. 389.

[10] Vgl. Brosius/Koschel (2001), S. 128.

[11] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 321.

[12] Vgl. Stier (1999), S. 184.

[13] Vgl. Atteslander (2003), S. 146.

[14] Vgl. Möhring,/Schlütz (2003), S. 129.

[15] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 324.

[16] Vgl. Kromrey (2006), S. 388.

[17] Vgl. Friedrichs (1990), S. 224.

[18] Vgl. Atteslander (2003), S. 155.

[19] Vgl. Diekmann (2007), S. 540f.

[20] Vgl. Mayring (2002), S. 74f.

[21] Vgl. Friedrichs (1990), S. 246ff.

[22] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 353ff.

[23] Vgl. Stier (1999), S. 186.

[24] Vgl. Möhring,/Schlütz (2003), S. 130ff.

[25] Vgl. Friedrichs (1990), S. 236.

[26] Vgl. Kromrey (2006), S. 389.

[27] Vgl. Bortz,/Döring (2006), S. 252.

[28] Vgl. Friedrichs (1990), S. 237.

[29] Vgl. Diekman (2007), S. 502.

[30] Vgl. Stier (1999), S. 201.

[31] Vgl. Brosius/Koschel/Haas (2008), S. 119.

[32] Vgl. Mayer (2006), S. 100.

[33] Vgl. Bortz/Döring (2006), S. 239ff.

[34] Vgl. Frey/Kunz/Lüschen (1990), S. 26ff.

[35] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 376.

[36] Vgl. Berekoven/Eckert/Ellenrieder (2006), S. 109f.

[37] Vgl. Bortz/Döring (2006), S. 260.

[38] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 377ff.

[39] Vgl. Brosius/Koschel/Haas (2008), S. 125.

[40] Vgl. Diekman (2007), S. 522f.

[41] Vgl. Schnell/Hill/Esser (2005), S. 385f.

[42] Vgl. Bortz/Döring (2006), S. 261.

[43] Kepper (1994), S. 82.

[44] Köhler (1992), S. 325.

[45] Geschka (1978), S. 32.

[46] Vgl. Häder/Häder (1994), S. 10f.

[47] Häder,/Häder. (1995), S. 12.

[48] Vgl. Häder/Häder (1994), S. 11.

[49] Vgl. Seeger (1979), S. 22f.

[50] Vgl. Häder/Häder (1998), S. 8f. und die dort genannten Delphi-Studien.

[51] Vgl. Häder/Häder (1998), S. 9.

[52] Vgl. Häder/Häder (1994), S. 11ff.

[53] Vgl. Kensis (1995), o. S., zitiert nach Häder/Häder (1998), S. 9.

[54] Vgl. Strauss/Zeigler (1975), o. S., zitiert nach Häder./Häder (1998), S. 10

[55] Vgl. hier und zum Folgendem: Häder (2002), S. 30ff.

[56] Vgl. Häder (2002), S. 24.

[57] Vgl. Häder/Häder (2000), S. 15f.

[58] Vgl. Hammann/Erichson (1994), S. 74.

[59] Vgl. Bortz/Döring (2006), S. 195ff.

[60] Pepels (2004), S. 296.

[61] Vgl. hierzu und im Folgenden: Lienert/Raatz (1998), S. 8f.

[62] Vgl. Bortz/Döring (2006), S. 195f.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Modellierung eines Fragebogens im Rahmen einer Delphi-Studie im Verbundprojekt IT-FoodTrace
Hochschule
Universität Hohenheim  (Institut für Betriebswirtschaftslehre Fachgebiet Umweltmanagement )
Veranstaltung
Umweltmanagement
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
107
Katalognummer
V137161
ISBN (eBook)
9783640444243
ISBN (Buch)
9783640444564
Dateigröße
3622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modellierung, Fragebogens, Rahmen, Delphi-Studie, Verbundprojekt, IT-FoodTrace
Arbeit zitieren
Dipl. oec. Jaroslaw Rokicki (Autor), 2008, Modellierung eines Fragebogens im Rahmen einer Delphi-Studie im Verbundprojekt IT-FoodTrace, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137161

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