Georg Büchner gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Autor*innen der Moderne. Leopold Jeßner prägte den Stil des deutschsprachigen Theaters im frühen 20. Jahrhundert. Nichtsdestotrotz steht kaum Forschungsliteratur über Jeßners Inszenierung von "Danton's Tod" zur Verfügung. Die Hausarbeit versucht dabei diese Lücke zu schließen. Auf Basis des Inspizierbuches, da die persönlichen Aufzeichnungen Jeßners verloren gegangen sind, sollte daher die Art und Weise der Inszenierung nachvollzogen und eine mögliche Interpretation Jeßners herausgearbeitet werden. Insbesondere die beiden Deutungsrahmen von "Danton's Tod" als Tragödie oder Ideendrama werden dabei, anhand von Streichungen, Umstellungen und diversen Regieanweisungen zu Bühnenbild, Zwischenrufen und Beleuchtung, betrachtet.
Dabei basiert "Danton's Tod" auf einer realgeschichtlichen Grundlage des Zeitraums der französischen Revolution, welcher nachgehend als "La Terreur" (frz. Der Terror) oder im Deutschen auch als Schreckensherrschaft bezeichnet wurde. Zentrale Figuren des Dramas sind dabei Danton und Robespierre sowie derer Anhänger*innen. Diese treten in einen Konflikt, wobei die Frage im Mittelpunkt steht, inwiefern der Terreur und damit auch die Revolution fortgeführt werden solle. Während Dantons Anhängerschaft ein Ende der Terreur und eine Art hedonistischen Liberalismus vertritt, fordert Robespierre und dessen Mitstreiter*innen eine Fortführung der Revolution mit dem Ziel der absoluten sozialen Gerechtigkeit und moralischen Vollkommenheit.
Neben diesem zentralem politischen Konflikt, welcher durch die Figuren ausgefochten wird, werden jedoch auch die persönlichen Umstände und Erlebnisse, insbesondere Dantons, Julies (Dantons Frau), Camilles (ein Anhänger Dantons), Luciles (dessen Frau) sowie Robespierres dargestellt. Robespierre, welcher die Revolution weiter vorantreiben will, bringt die Dantonisten vor das Revolutionstribunal, von welchem sie schließlich zum Tode verurteilt werden. Der beschriebene Leidensweg Dantons, sowie der Name des Dramas, könnte somit eine klassische Tragödie vermuten lassen. Geschichtstragödie oder Ideendrama? Der Versuch der Einordnung Büchners ersten eigenständigen literarischen Werkes in eine dieser Kategorien scheidet die Rezeption von "Danton's Tod" noch heute.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Streichungen und Umstellungen
2.2 Lichtdramaturgie
2.3 Einschübe und Bühnenbild
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Leopold Jeßners Inszenierung von Georg Büchners „Danton’s Tod“ am Beispiel des überlieferten Inspizierbuches, um zu belegen, dass Jeßner das Stück primär als politisches Ideendrama und nicht als klassische Geschichtstragödie interpretierte.
- Rekonstruktion der Inszenierung durch Szenenstreichungen und Umstellungen
- Analyse der Lichtdramaturgie als Mittel zur politischen Charakterisierung
- Untersuchung des Bühnenbildes und der Inszenierung des „Volkes“
- Einordnung Jeßners als Vordenker des politischen Theaters
Auszug aus dem Buch
2.2 Lichtdramaturgie
Ein definierendes Merkmal der Inszenierung Jeßners ist die Lichtgestaltung. Dabei liegt im ersten Bild die Anmerkung „alles hell“ sowie „Barock Gold“ vor, bei Letzterem kann jedoch nicht ermittelt werden, ob es sich um eine Beschreibung des allgemeinen Bühnenbilds oder der Beleuchtung handelt. Anschließend herrscht eine dialektische Nutzung von blauem und rotem Licht vor. So wird im zweiten Bild, in welchem das Leid des Volkes dargestellt wird und der erste Auftritt Robespierres stattfindet, eine „blau[e]“ Beleuchtung beschrieben. Im dritten Bild, einer Szene im Jakobinerklub, wird diese anschließend „rot“.
Im Gespräch zwischen Danton und Lacroix, bei welchem Dantons Hedonismus und Beziehung zu Marion gezeigt wird, wird anschließend blaues Licht sowie ein „blau[er] Reflektor“ verwendet. Eine Ausnahme stellt die Mitte des Stück dar. Im fünften Bild, in welchem Danton und Robespierre aufeinandertreffen, wurde die Anweisung „nur oben weiß“ gestrichen, anstatt welcher „nur Soufflierkasten“ steht. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass die Beleuchtung nur von diesem kommt und nicht gefärbt ist. Während des Gesprächs wird anschließend die Angabe „wird Dunkel“ gemacht, wobei nach Abgang Dantons und Paris´ eine Dienerin mit Leuchter die Bühne betritt und das Bühnenbild wieder „hell“ wird. Auch das anschließende sechste Bild, ein Gespräch von Camille mit Danton, in welchem Camille versucht Danton vom Handeln zu überzeugen, fällt aus dem blau-rot-Schema. So wurde bei dieser erneut „weiß[es]“ Licht verwendet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Gattungsbestimmung von Büchners „Danton’s Tod“ ein und stellt die Arbeitshypothese auf, dass Jeßner das Stück als politisches Ideendrama inszenierte.
2. Hauptteil: Der Hauptteil untersucht die dramaturgischen Mittel wie Szenenkürzungen, Lichtgestaltung, Bühnenbild und die Funktion von Statisten, um die politische Akzentuierung Jeßners nachzuweisen.
3. Fazit: Das Fazit bestätigt die Arbeitshypothese und unterstreicht, dass Jeßner durch die Tilgung tragischer Elemente zugunsten einer politischen Dialektik maßgeblich zur Entwicklung des politischen Theaters im 20. Jahrhundert beitrug.
Schlüsselwörter
Danton’s Tod, Leopold Jeßner, Inspizierbuch, Ideendrama, Lichtdramaturgie, politische Inszenierung, Georg Büchner, expressionistisches Theater, Bühnenbild, Revolution, Dantonisten, Jakobiner, Szenenanalyse, Theatergeschichte, Politikum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Inszenierung von „Danton’s Tod“ durch den Regisseur Leopold Jeßner in den Jahren 1910-1911 auf Grundlage des erhaltenen Inspizierbuches.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Interpretation des Stücks als politisches Ideendrama, die dramaturgische Bearbeitung des Textes durch Streichungen sowie die visuelle Umsetzung durch Lichtgestaltung und Bühnenbild.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Jeßner durch seine Inszenierung das tragische Geschichtsdrama Büchners in ein politisch-philosophisches Ideendrama transformierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine rekonstruktive Inszenierungsanalyse, bei der das Inspizierbuch als Primärquelle dient und durch theaterwissenschaftliche Sekundärliteratur Kontextualisierung erfährt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es werden strukturelle Texteingriffe (Streichungen/Umstellungen), die symbolische Nutzung von Lichtfarben sowie die Inszenierung des Chors (das Volk) und die Requisiten des Bühnenbildes analysiert.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Politische Regie, farbliche Lichtdramaturgie, Dekonstruktion der Tragik, Inszenierung der Revolution, Ideendrama.
Welche Rolle spielt das Inspizierbuch konkret?
Da Jeßners Regiebuch verloren ging, fungiert das Inspizierbuch als einzige verlässliche Aufzeichnung, die Regieanweisungen, Lichtwechsel und Bühnenanmerkungen dokumentiert.
Wie interpretiert der Autor die „Nerobüste“ im Bühnenbild?
Die „Nerobüste“ wird als bewusste Charakterisierung des Jakobinerklubs gedeutet, welche die Nähe zum „kleinen Mann“ und gleichzeitig die tyrannischen Züge der politischen Akteure verdeutlichen soll.
Warum wird der Fokus auf Blau und Rot in der Beleuchtung gelegt?
Diese Farben dienen als dialektisches Mittel: Blau steht für die Dantonisten, Rot für die Jakobiner und das System der Revolution, wodurch der politische Konflikt visuell im Raum greifbar wird.
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- Niklas Heupel (Author), 2023, Jeßners "Danton's Tod". Eine Inszenierungsanalyse auf Basis des Inspizierbuches, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1371922