Die Magisterarbeit "Deutschland, einig Vaterland? Die Verarbeitung von Wende, Mauerfall und Vereinigung" versteht sich als literaturwissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung der Erinnerungskultur der beiden deutschen Teilnationen.
Ausgehend von der Vorstellung der "ungeliebten Einheit", der fortbestehenden Differenzen zwischen "Wessis" und "Ossis", analysiert die Magisterarbeit auf Basis neuester literatur- wie geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, wie Literaten die Ereignisse der Jahre 1989/90 erlebten, in ihren Romanen verarbeiten und wie sie damit zur Mauer in den Köpfen beitragen - politisch wirken. Im Zentrum stehen dabei ebenso literatur- wie motivgeschichtliche Aspekte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Wir sind das Volk“ – Literarische Verarbeitungen der politischen Wende
2.1 „Eine sanfte Revolution ist keine“ – Bilder der DDR-Opposition
2.1.1 „Es war mir unerträglich erschienen, vor die Wahl zwischen zwei Übeln gestellt zu sein“ – Das Bild der Opposition in Christa Wolfs Medea
2.1.2 „Sie hatte den Moment verpaßt, an dem die fröhliche Revolution zu Ende war“ – Das Bild der DDR-Opposition in Thomas Brussigs Helden wie wir und Wie es leuchtet
2.1.3 „Am Ende stehen wir alle mit leeren Händen da“ – Das Bild der DDR-Opposition in Günter Grass’ Ein weites Feld
2.2 „Sie wissen ja, wir können auch anders“ – Die Haltung der ostdeutschen Eliten zur Wende
2.2.1 „Aber dann wählte er, wie es ihm entsprach, die Macht. Und als ihr Mittel die Einschüchterung“ – die Haltung der Eliten zur Wende in Christa Wolfs Medea
2.2.2 „Im Prinzip ändert sich nichts“ – Die Haltung der ostdeutschen Eliten zur Wende in Günter Grass’ Ein weites Feld
2.2.3 „Wir rechneten mit Toten“ – Die Haltung der ostdeutschen Eliten zur Wende in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
2.3 „Ich wusste, daß die Menge der im Westen kursierenden Ostmark zehn Millionen erreichte“ – Das Verhältnis der Westdeutschen zur Wende
2.3.1 „Mal sehn, was geht“ – Das Verhältnis der Westdeutschen zur Wende in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
2.3.2 „Als ich starb, wechselte ein Hund über die Grenze“ – Das Verhältnis der Westdeutschen zur Wende in Thomas Hettches Nox
3. „Wahnsinn“ – Bilder des Mauerfalls und deren Bewältigung
3.1 „Aber wissen möchte man schon, wer den Riegel aufgesperrt hat“ – Der Mauerfall als Medienereignis
3.1.1 „Doch schon implodierte der Raum, den sein Schweigen hatte“ – Der Mauerfall als Medienereignis in Thomas Hettches Nox
3.1.2 „Na, wer hat dem Genossen Schabowski den Spickzettel untergeschoben“ – Der Mauerfall als Medienereignis in Günter Grass’ Ein weites Feld
3.1.3 „Um mehr als eine unspektakulärere Fluchtwelle ging es ihm nicht“ – Der Mauerfall als Medienereignis in Thomas Brussigs Helden wie wir und Wie es leuchtet
3.2 „Wie von einer Katastrophe hingestreckt“ – Auswirkungen des Mauerfalls auf das epische Personal
3.2.1 „Im Film war das anders“ – Auswirkungen des Mauerfalls auf das epische Personal in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
3.2.2 „Man muß neu begrenzen, ins Wuchernde schneiden, tief ins Lebendige hinein“ – Auswirkungen des Mauerfalls auf das epische Personal in Thomas Hettches Nox
3.2.3 „Mehr Sicherheit war kaum zu kriegen“ – Auswirkungen des Mauerfalls auf das epische Personal in Günter Grass’ Ein weites Feld
4. „Wir sind ein Volk“ – Die literarische Verarbeitung der Vereinigung
4.1 „Von diesem Einigvaterland erhoff ich mir wenig“ – Das Verhältnis von Autoren, Erzählern und Figuren zur Vereinigung
4.1.1 „Zwischen Schwarz und Weiß, Recht und Unrecht, Freund und Feind – einfach leben“ – Christa Wolfs nonfiktionales Engagement gegen die Vereinigung
4.1.2 „Sie sangen Deutschland und meinten die D-Mark“ – Das Verhältnis des Erzählers und epischen Personals zur Vereinigung in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
4.1.3 „Er hatte die Augen geschlossen“ – Das Verhältnis des Erzählers und epischen Personals zur Vereinigung in Thomas Hettches Nox
4.1.4 „In Deutschland ändert sich nichts“ – Das Verhältnis der Erzähler und des epischen Personals zur Vereinigung in Günter Grass’ Ein weites Feld
4.2 „Haut mir ab mit Eurem Westfraß!“ – Vorwürfe der Kolonisierung
4.2.1 „Aber ich bitte Dich, Jason, letzten Endes sind es doch Wilde“ – Der Kolonisierungsvorwurf in Christa Wolfs Medea
4.2.2 „So aber war das Märchen bald aus“ – Der Kolonisierungsvorwurf in Günter Grass’ Ein weites Feld
4.2.3 „Gibt’s bei Fontane was darüber?“ – Der Kolonisierungsvorwurf in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
4.3 „So läuft das bei uns“ – Fallbeispiele der nicht vollzogenen Vereinigung
4.3.1 „Wir standen uns als Feinde gegenüber“ – Fallbeispiele der nicht vollzogenen sozialen Vereinigung in Christa Wolfs Medea
4.3.2 „Der Paternoster ist nicht erneuert worden“ – Fallbeispiele der nicht vollzogenen sozialen Vereinigung in Günter Grass’ Ein weites Feld
4.3.3 „Wir müssen auch leben“ – Fallbeispiele der nicht vollzogenen sozialen Vereinigung in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
4.4 „Bleibt zu hoffen, daß Dich Dein Grundmann nicht gleichermaßen nach westlicher Werteskala evaluiert“ – Deutsch-deutsche Paare
4.4.1 „Ich bin mit Jason gegangen, weil ich in diesem verlorenen, verdorbenen Kolchis nicht bleiben konnte“ – Das deutsch-deutsche Paar in Christa Wolfs Medea
4.4.2 „Selbst ihr Parfüm roch profitorientiert“ – Das deutsch-deutsche Paar in Günter Grass’ Ein weites Feld
4.4.3 „Niemand will ihre Geschichte als Unglücksgeschichte hören, ohne Chance auf ein Happy-End“ – Deutsch-deutsche Paare in Thomas Brussigs Wie es leuchtet
4.4.4 „Wie ein ängstliches Kind klammerte sie sich an ihn“ – Das deutsch-deutsche Paar in Thomas Hettches Nox
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung mit der deutschen Wiedervereinigung anhand ausgewählter politischer Romane von Christa Wolf, Thomas Brussig, Günter Grass und Thomas Hettche, um die Wahrnehmung der Wendeereignisse und den Entfremdungsprozess zwischen Ost- und Westdeutschen zu analysieren.
- Literarische Repräsentationen des Mauerfalls als Medienereignis
- Die Darstellung ostdeutscher Eliten und der DDR-Opposition
- Die kritische Reflexion des deutsch-deutschen Verhältnisses nach 1989
- Fallbeispiele für die gescheiterte soziale Vereinigung in den Romanwelten
- Die symbolische Funktion deutsch-deutscher Paare in der Literatur der 1990er Jahre
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Literatur ist selten zeitlos. Ihre Autoren sind soziale Wesen, die nicht losgelöst von ihrer Umwelt im ökonomischen, politischen, kulturellen totalen Vakuum leben. Ihnen wird in ihrer Eigenschaft als Literaten, als Künstler und Intellektuelle gemeinhin ein gutes Gespür für den Zeitgeist und die unter der Oberfläche der Gegenwart wirkenden Prozesse attestiert. Selten bewahrheitete sich diese Annahme mehr als mit Peter Schneiders Episodenroman Der Mauerspringer, in dem die literarisierte Berliner Mauer bereits 1982 fiel, sieben Jahre vor ihrem realen Pendant. Schneider prophezeite, es werde länger dauern, die Mauer in den Köpfen einzureißen, „als irgendein Abrißunternehmen für die sichtbare Mauer braucht“. Er sollte Recht behalten.
Schon sehr bald nach dem 09. November 1989 und dem 03. Oktober 1990 mehrten sich warnende und ernstzunehmende Stimmen, die die Möglichkeit einer sozialen Vereinigung, also des Zusammenwachsens der beiden deutschen Teilnationen, äußerst skeptisch beurteilten. Terence James Reed vermutete 1993: „Nothing, it seems, divides people like unification“. Und Jürgen Schröder konstatierte 1994, die „Wiedervereinigung des geteilten Landes hat ja paradoxer-, aber typischerweise keinen Zuwachs an nationaler Identität, sondern ihre Verstörung mit sich gebracht“. Er beklagte, mit jeder Woche kompliziere sich das Verhältnis zwischen West- und Ostdeutschen, jede Woche bringe neue Untaten des lange totgeglaubten „hässlichen Deutschen“. Mit einem Wort: wir sind schon wieder dabei, uns selbst und das Ausland das Fürchten zu lehren. Zustimmung erhielt er noch im gleichen Jahr von Claudia Mayer-Iswandy. Sie stellte fest, die Nation befinde sich „also im Sturm“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung thematisiert die ungelösten Spannungen und Entfremdungsprozesse zwischen Ost- und Westdeutschen nach der Wiedervereinigung, wie sie von verschiedenen Zeitgenossen und Wissenschaftlern beobachtet wurden.
2. „Wir sind das Volk“ – Literarische Verarbeitungen der politischen Wende: Dieses Kapitel analysiert, wie die DDR-Opposition in den Romanen der vier Autoren dargestellt wird und ob diese als Träger einer „friedlichen Revolution“ glaubwürdig erscheinen.
3. „Wahnsinn“ – Bilder des Mauerfalls und deren Bewältigung: Der Fokus liegt hier auf der medialen Inszenierung des Mauerfalls und dessen massiven Auswirkungen auf die Psyche und Handlungsfähigkeit der literarischen Charaktere.
4. „Wir sind ein Volk“ – Die literarische Verarbeitung der Vereinigung: Hier werden die Vorwürfe der Kolonisierung sowie die Probleme bei der sozialen Vereinigung und die Darstellung von Paarbeziehungen im Kontext der deutsch-deutschen Grenzüberwindung untersucht.
5. Resümee: Das Schlusskapitel fasst zusammen, dass die Autoren die Vereinigung primär kritisch und pessimistisch reflektieren und dabei den historischen Prozess eher dekonstruieren als einen Gründungsmythos zu bestärken.
Schlüsselwörter
Deutsche Wiedervereinigung, Christa Wolf, Thomas Brussig, Günter Grass, Thomas Hettche, Mauerfall, Ost-West-Konflikt, Kolonisierungsvorwurf, Literaturwissenschaft, Transformationsforschung, Wendeliteratur, DDR-Opposition, Identitätssuche, deutsch-deutsche Paare, gesellschaftlicher Umbruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit befasst sich mit der literarischen Verarbeitung der Wende, des Mauerfalls und der deutschen Vereinigung in ausgewählten Werken bekannter ost- und westdeutscher Autoren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Wahrnehmung der friedlichen Revolution, die Rolle der DDR-Eliten, die mediale Inszenierung des Mauerfalls sowie der Vorwurf der Kolonisierung Ostdeutschlands durch den Westen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die politische Positionierung der Autoren zur Vereinigung anhand ihrer Romanfiguren und Erzählweisen aufzuzeigen und zu klären, wie diese den gesamtdeutschen Einigungsprozess reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit orientiert sich methodisch an der Diskursanalyse, um die Texte als Produkte ihrer Entstehungszeit zu verstehen und gesellschaftliche Rückschlüsse auf die Haltung der Autoren zu ziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Bereiche: die Darstellung der DDR-Opposition, die mediale Bewältigung des Mauerfalls und die Konfliktlinien bei der sozialen und wirtschaftlichen Vereinigung, illustriert durch deutsch-deutsche Paarkonstellationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Wiedervereinigung, Wendeliteratur, Kolonisierungsvorwurf, Ost-West-Entfremdung und die Analyse der vier betrachteten Autoren.
Wie bewerten die untersuchten Autoren den Einigungsprozess?
Alle vier Autoren – Wolf, Brussig, Grass und Hettche – stehen dem Prozess der Vereinigung eher skeptisch bis pessimistisch gegenüber und betonen in ihren Werken die bleibenden Differenzen zwischen Ost und West.
Welche Rolle spielen die "deutsch-deutschen Paare" in den Romanen?
Die Paarbeziehungen dienen als Allegorien für die gescheiterte soziale Einheit; die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den Partnern spiegeln die empfundene Unterlegenheit oder Entfremdung der Ostdeutschen wider.
- Citar trabajo
- Michael Hensch (Autor), 2009, Deutschland, einig Vaterland?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137214