Seit 1950 sind über 4 Millionen Aussiedler aus den osteuropäischen Ländern in die Bundesrepublik Deutschland eingereist, davon allein in den Jahren von 1989 bis 2000 - nach dem Fall des Eisernen Vorhangs - mehr als 2,5 Millionen. Der Höhepunkt wurde 1991 mit fast 400.000 Auswanderern erreicht. Zu den wichtigsten Herkunftsländern der Aussiedlerfamilien gehören seit Anfang der 90-er Jahre die Nachfolgestaaten der UdSSR, vor allem Kasachstan und Russland. Verglichen mit der bundesdeutschen Bevölkerung sind Aussiedler eine deutlich jügere Population, die einen hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen aufweist. So waren von den 1997 zugereisten Auswanderern 36% jünger als 20 Jahre, während dieser Anteil bei der deutschen Bevölkerung im gleichen Jahr nur 21,5% betrug. In den 80-er Jahren galten die jugendlichen Aussiedler noch als eine weitgehend angepasste, unauffällige Zuwanderungsgruppe, die sich schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren konnte. Für die Nachfolger der 90-er Jahre hat sich dieses Bild jedoch weitgehend geändert. Seitdem wird in den Medien zunehmend von In-tegrationsschwierigkeiten der jungen Aussiedler in die deutsche Gesellschaft berichtet. Dabei nimmt vor allem die Diskussion um die Probleme der Kriminalität jugendlicher Aussiedler einen breiten Raum ein. In der Öffentlichkeit und in den Medien gelten die als „junge Russen“ bezeichneten Aussiedler als Sicherheitsrisiko und ihnen wird eine besondere Brutalität, Gewalttätigkeit und Kriminalität zugeschrieben. Selbst Schulen und andere pädagogische Einrichtungen zeigen sich inzwischen ratlos im Umgang mit diesen Jugendlichen und es wird berichtet, dass viele Lehrkräfte sogar froh seien, wenn die jungen Aussiedler gar nicht mehr in der Schule erschienen. Von einer ebensolchen Hilflosigkeit betroffen sind auch Sozialpädagogen, die offen zugeben, dass es auch ihnen kaum möglich ist, Kontakt zu solchen Gruppen junger Aussiedler herzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Integrationsbedingungen in der Bundesrepublik
2.1 Migrationsmotive
2.2 Das Deutschlandbild
2.3 Die Aufnahmebedingungen
2.4 Eingliederungshilfen für jugendliche Aussiedler
3 Soziokulturelle Prägungen u. deren Auswirkung auf die Integrationsprozesse
3.1 Sprache
3.2 Schulische Erfahrungen
3.2.1 Schulischer Erfahrungen im Herkunftsland
3.2.2 Schulische Integration in Deutschland
3.3 Berufliche Erfahrungen
3.3.1 Berufliche Erfahrungen im Herkunftsland
3.3.2 Berufsausbildung und Berufstätigkeit in Deutschland
3.4 Die Bedeutung der Familie
3.4.1 Die Bedeutung der Familie in den Herkunftsländern
3.4.2 Die Bedeutung der Familie im Einwanderungskontext
3.5 Freizeitverhalten jugendlicher Aussiedler
3.5.1 Freizeitverhalten jugendlicher Aussiedler in den Herkunftsländern
3.5.2 Freizeitverhalten jugendlicher Aussiedler im Einwanderungskontext
3.6 Drogenerfahrung
3.7 Gewalterfahrung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Ursachen und Entwicklungsprozesse delinquenten Verhaltens bei jungen männlichen Aussiedlern vor dem Hintergrund ihrer soziokulturellen Prägungen aus den Herkunftsländern und der vorgefundenen Integrationsbedingungen in Deutschland.
- Integrationsbedingungen und Aufenthaltsvoraussetzungen in der Bundesrepublik
- Einfluss der Herkunftskultur auf Sprache und Bildungschancen
- Bedeutung familiärer Strukturen und Erziehungsstile
- Freizeitverhalten und soziale Integration im Einwanderungskontext
- Risikofaktoren wie Drogenkonsum und Gewalterfahrung als Bewältigungsstrategien
Auszug aus dem Buch
3.6 Drogenerfahrung
Viele Drogenberatungsstellen in Deutschland berichten von einem exzessiven Gebrauch der harten Drogen, insbesondere Heroin, durch die Aussiedlerjugendlichen. Ursächlich dafür ist die erhebliche Zunahme des Drogenkonsums und der Drogenproduktion in den Herkunftsländern der Aussiedler. Bedingt durch die sozialen und wirtschaftlichen Krisen seit Beginn der 90-er Jahre ist die Zahl der registrierten Fälle Drogenabhängiger von 29.000 im Jahr 1992 auf 244.000 im Jahr 2000 gestiegen.
Bis zur Auflösung der UdSSR war die Produktion von illegalen Drogen staatlich stark kontrolliert und ihr Gebrauch beschränkte sich aufgrund einer repressiven Verfolgung des Staates nur auf die gesellschaftlichen Randgruppen. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR und einer damit einhergehenden Verschlechterung der Lebensbedingungen in den ländlichen Gebieten wurde der Drogenanbau jedoch zu einer zusätzlichen Einkommensquelle, sodass synthetische Drogen mittlerweile in Russland, der Ukraine und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion stark verbreitet sind.
Das Wissen um die Folgen und Gefahren des Drogenkonsums bei Kindern und Jugendlichen ist noch immer gering und spiegelt sich im Konsumverhalten jugendlicher Aussiedler auch nach der Übersiedlung wider. Zudem setzen die Behörden dort bei der Bekämpfung des illegalen Drogenkonsums oft ausschließlich restriktive Maßnahmen ein, Präventionsprogramme in Schulen oder Hilfsmaßnahmen im Strafvollzug, aber auch die klinische und therapeutische Behandlung sind dagegen immer noch eine Seltenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Kriminalität bei jungen Aussiedlern ein und stellt die Forschungsfrage sowie den Aufbau der Arbeit vor.
2 Integrationsbedingungen in der Bundesrepublik: Das Kapitel analysiert die gesetzlichen Rahmenbedingungen, Motive für die Einreise und die Erwartungshaltungen der Spätaussiedler bei ihrer Ankunft in Deutschland.
3 Soziokulturelle Prägungen u. deren Auswirkung auf die Integrationsprozesse: Dieser Hauptteil beleuchtet die mitgebrachten Erfahrungen aus den Herkunftsländern in den Bereichen Sprache, Schule, Beruf und Familie und untersucht deren Einfluss auf die Integration sowie auf Risikofaktoren wie Drogen- und Gewalterfahrungen.
Schlüsselwörter
Aussiedler, Spätaussiedler, Integration, Kriminalität, Migration, Identität, Herkunftsland, Jugendliche, Sozialisation, Bildung, Familie, Drogenkonsum, Gewalterfahrung, Russlanddeutsche, Erziehung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die schwierigen Integrationsprozesse junger Aussiedler in der deutschen Gesellschaft und untersucht, wie diese mit der Entwicklung von Delinquenz bei dieser Bevölkerungsgruppe in Zusammenhang stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Zu den Schwerpunkten zählen die Migrationsmotive, die schulische und berufliche Integration, die familiären Prägungen, das Freizeitverhalten sowie spezifische Risikofaktoren wie Drogen- und Gewalterfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie und warum sich delinquente Handlungen bei jungen männlichen Aussiedlern entwickeln, unter Berücksichtigung ihrer Herkunftskultur und der Bedingungen in der Aufnahmegesellschaft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Auswertung aktueller Studien, Fachliteratur und Umfrageergebnissen von Instituten wie dem Osteuropa-Institut München basiert.
Was bildet den inhaltlichen Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil setzt sich kritisch mit der These auseinander, dass die Anpassungsschwierigkeiten aus einer Kombination von mitgebrachten soziokulturellen Prägungen und den erschwerten Integrationsbedingungen in den 90er-Jahren resultieren.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind Migration, Spätaussiedler, soziale Integration, Delinquenzprävention, Identitätskonflikte und die Analyse der Lebenssituation im Einwanderungskontext.
Warum wird im Dokument zwischen Aussiedlern und Spätaussiedlern unterschieden?
Diese Unterscheidung ist rechtlich durch das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz begründet, da sie an unterschiedliche Zeitpunkte der Einreise und Aufnahmeverfahren geknüpft ist.
Welche Rolle spielt das Bildungssystem für die Integration der Jugendlichen?
Das Bildungssystem fungiert als wichtige Hürde, da eine fehlerhafte Einstufung und sprachliche Defizite die Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erheblich mindern können.
Inwiefern beeinflusst das traditionelle Rollenverständnis das Verhalten der Jugendlichen?
Ein patriarchales Rollenverständnis, bei dem männliche Stärke und Wehrhaftigkeit hoch angesehen sind, erschwert oft die soziale Anpassung und kann in Konfliktsituationen zu Gewalt als Bewältigungsstrategie führen.
Welche Schlussfolgerung lässt sich aus den Erfahrungen der Sozialarbeiter ziehen?
Die Arbeit betont, dass ein tieferes Verständnis für die biographischen Hintergründe und die soziokulturelle Prägung der Jugendlichen essenziell ist, um als Fachkraft in der Sozialen Arbeit wirkungsvoll auf diese Gruppe zuzugehen.
- Quote paper
- Sabrina Heuer (Author), 2008, Kriminalität bei jugendlichen Aussiedlern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137233