Handelskredite stellen eine der wichtigsten externen Finanzierungsquellen vieler Unternehmen dar. In den meisten OECD Ländern machen sie circa ein Drittel der gesamten Verbindlichkeiten von Unternehmen aus. Obwohl Handelskredite vor diesem Hintergrund für Unternehmen von großer Relevanz sind, wird die Handelskreditentscheidung theoretisch noch nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Frage, weshalb Handelskredite – trotz des verglichen mit dem Kreditmarkt hohen impliziten Zinssatzes – Anwendung finden, ist noch nicht vollständig geklärt.
In der vorliegenden Arbeit werden Aussagen abgeleitet, welche Unternehmen aufgrund ihrer Risikostruktur vermehrt Handelskredite aufnehmen bzw. vergeben. Diese risikopolitische Sichtweise von Handelskrediten kann erklären, weshalb sich viele Handelskredittheorien dem Anschein nach widersprechen. Die Ursache liegt in der unterschiedlichen Risikopolitik von Unternehmen und ist somit von den einzelnen Unternehmenscharakteristika abhängig.
Die vorliegende Arbeit ist wie folgt aufgebaut. In Kapitel 2 werden zunächst die Bergriffe des Handelskredits und der Risikoallokation definiert. Anschließend werden in Kapitel 3 verschiedene Handelskredittheorien vorgestellt. Alle diese Theorien haben gemeinsam, dass sie die Existenz von Handelskrediten mithilfe von Marktunvollkommenheiten erklären. Darauf aufbauend wird in Kapitel 4 ein Literaturüberblick über bisherige empirische Ergebnisse gegeben. Hierbei werden auch die bei den empirischen Studien auftretenden Schwierigkeiten beschrieben. In Kapitel 5 werden die im Zusammenhang mit der Vergabe von Handelskrediten auftretenden spezifischen Risiken beschrieben, aus denen sich die Notwendigkeit eines Risikomanagements herleitet. Im weiteren Verlauf werden die Möglichkeiten des Managements von Handelskreditrisiken sowie deren Auswirkungen auf die Handelskreditentscheidung des Unternehmens beschrieben. Aus diesen Ergebnissen lassen sich Aussagen ableiten, welche Unternehmen aufgrund von risikopolitischen Aspekten vermehrt Handelskredite aufnehmen bzw. vergeben. Der Schlussteil (Kapitel 6) fasst die Ergebnisse zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1 DIE BEDEUTUNG DER HANDELSKREDITE UND IHRE RISIKEN
2 ERLÄUTERUNGEN DER BEGRIFFE HANDELSKREDIT UND RISIKOALLOKATION
2.1 Der Handelskredit
2.1.1 Berechnung des impliziten Kreditzinssatzes
2.1.2 Einordnung des Handelskredits in die Organisation des Unternehmens
2.2 Risikoallokation bei Handelskrediten
3 THEORETISCHE MODELLE ÜBER HANDELSKREDITE
3.1 Vollkommener Güter- und Kapitalmarkt
3.2 Unvollkommener Gütermarkt und vollkommener Kapitalmarkt
3.2.1 Preisdiskriminierung (Brennan, Maksimovic, Zechner, 1988)
3.2.2 Preisbildung auf oligopolistischen Märkten (Schwartz, Whitcomb, 1978)
3.2.3 Transaktionskosten (Ferris, 1981)
3.3 Vollkommener Gütermarkt und unvollkommener Kapitalmarkt
3.3.1 Ungleicher Soll- und Habenzins auf dem Kapitalmarkt (Emery, 1984)
3.3.2 Zugang zum Kapitalmarkt (Schwartz, 1974)
3.4 Unvollkommener Gütermarkt und unvollkommener Kapitalmarkt – Informationsökonomische Modelle
3.4.1 Handelskredite als Signal der Kreditwürdigkeit (Smith, 1987)
3.4.2 Vorteile in der Wiederinbesitznahme und der Veräußerung (Frank, Maksimovic, 2005)
3.4.3 Handelskredite als Instrument zur Erlangung von Bankkrediten (Biais, Gollier, 1997)
3.4.4 Informationen über die Produktqualität (Lee, Stowe, 1993)
3.4.5 Liquiditätsversicherung und Durchsetzbarkeit von Ansprüchen (Cunat, 2007)
3.4.6 Vorteile in der Finanzierung durch Unternehmen (Peterson, Rajan, 1997)
4 EMPIRISCHE ÜBERPRÜFUNG EINZELNER THEORIEN
4.1 Empirische Ergebnisse zu einzelnen Theorien
4.1.1 Unvollkommener Gütermarkt und vollkommener Kapitalmarkt
4.1.2 Vollkommener Gütermarkt und unvollkommener Kapitalmarkt
4.1.3 Unvollkommener Gütermarkt und unvollkommener Kapitalmarkt – Informationsökonomische Erklärungen
4.2 Probleme der empirischen Überprüfung von Handelskredittheorien
4.2.1 Ungenaue Proxys aufgrund fehlender Daten
4.2.2 Unterscheidung zwischen zeitabhängigen und zeitunabhängigen Effekten
4.2.3 Kontrolle weiterer Motive für die Handelskreditentscheidung
5 HANDELSKREDITE UND RISIKOALLOKATION
5.1 Handelskreditrisiken
5.2 Notwendigkeit des (Risiko-)Managements von Handelskreditrisiken
5.3 Umgang mit Handelskreditrisiken
5.3.1 Geschäftspolitik des Unternehmens
5.3.2 Kapitalstruktur des Unternehmens
5.3.3 Risikotransferentscheidung des Unternehmens
5.3.3.1 Factoring
5.3.3.2 Kreditversicherung
5.3.3.3 Eigenversicherer
6 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Handelskrediten für Unternehmen unter besonderer Berücksichtigung der damit verbundenen Risiken. Das primäre Ziel besteht darin, durch eine Analyse verschiedener theoretischer Modelle und deren empirischer Überprüfung aufzuzeigen, wie Unternehmen ihre Handelskreditpolitik in Abhängigkeit von ihrer spezifischen Risikostruktur, Branche und Größe gestalten, um den Unternehmenswert zu optimieren.
- Analyse der theoretischen Erklärungsansätze für Handelskredite bei Marktunvollkommenheiten.
- Diskussion der empirischen Validität bestehender Handelskredittheorien und der Probleme bei deren Überprüfung.
- Untersuchung der spezifischen Handelskreditrisiken (Forderungsausfall- und Terminrisiko).
- Evaluation von Strategien zum Management dieser Risiken, inklusive Factoring, Kreditversicherung und Eigenversicherer.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Preisdiskriminierung (Brennan, Maksimovic, Zechner, 1988)
In dem Modell von Brennan, Maksimovic, Zechner (1988) werden Handelskredite von Unternehmen als Instrument der Preisdiskriminierung benutzt. Voraussetzung hierfür ist ein monopolistischer Anbieter, der seinen Gewinn erhöhen will. Dies kann er erreichen, indem er den Preis des Gutes für potentielle Käufer, deren Zahlungsbereitschaft geringer ist als die der bisherigen Käufer, senkt. Selbstverständlich sollen die bisherigen Käufer des Produktes keinen geringeren Kaufpreis als vorher zahlen. Der Monopolist kann durch die Verwendung von Handelskrediten ein Separationsgleichgewicht herbeiführen, in dem genau dies erreicht wird.
Das Modell beschreibt die Situation eines monopolistischen Traktorherstellers, der seine Traktoren an Bauern verkauft. Die Bauern können einen Kredit entweder auf dem Kreditmarkt oder von dem Traktorhersteller selbst in Form eines Handelskredits erhalten. Es gibt gute und schlechte Bauern, wobei die guten Bauern über ausreichend finanzielle Mittel verfügen. Sie können den Traktor sowohl bar als auch per Kredit finanzieren. Schlechte Bauern hingegen müssen einen Kredit aufnehmen um den Traktor kaufen zu können. Dazu haben sie zwei Möglichkeiten. Entweder sie leihen sich Geld bei einem Kreditinstitut oder sie nehmen einen Handelskredit in Anspruch. Während gute Bauern den Kredit mit Sicherheit zurückbezahlen können, besteht bei den schlechten Bauern diesbezüglich Unsicherheit. Überdies haben gute Bauern einen höheren Reservationspreis als schlechte Bauern, d.h. sie sind bereit für dasselbe Produkt mehr zu bezahlen. Der Traktorhersteller kann durch die Wahl des im Handelskredit inhärenten impliziten Zinssatzes die bisherige Zahlungsbereitschaft seiner Kunden aufrecht erhalten und gleichzeitig neue potentielle Käufer anlocken. Dazu bietet der Traktorhersteller einen Handelskreditzinssatz an, so dass gute Bauern keinen Anreiz haben den Traktor mittels eines Handelskredits zu finanzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 DIE BEDEUTUNG DER HANDELSKREDITE UND IHRE RISIKEN: Einleitung in die Relevanz von Handelskrediten als Finanzierungsquelle und Darstellung der Forschungslücke bezüglich der damit verbundenen Risiken.
2 ERLÄUTERUNGEN DER BEGRIFFE HANDELSKREDIT UND RISIKOALLOKATION: Definition des Handelskredits als Lieferantenkredit, Erläuterung der impliziten Zinskosten sowie Einordnung in die Unternehmensbilanz.
3 THEORETISCHE MODELLE ÜBER HANDELSKREDITE: Systematische Vorstellung verschiedener ökonomischer Theorien, die die Existenz von Handelskrediten durch Marktunvollkommenheiten begründen.
4 EMPIRISCHE ÜBERPRÜFUNG EINZELNER THEORIEN: Literaturübersicht über empirische Studien zu den zuvor vorgestellten Theorien und Diskussion methodischer Probleme bei der Datenanalyse.
5 HANDELSKREDITE UND RISIKOALLOKATION: Analyse spezifischer Kreditrisiken und Bewertung verschiedener Management- und Transferstrategien wie Factoring, Kreditversicherung und Eigenversicherer.
6 SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Synthese der Ergebnisse und Ableitung von Merkmalen, die die Handelskreditentscheidung von Unternehmen maßgeblich beeinflussen.
Schlüsselwörter
Handelskredit, Risikoallokation, Lieferantenkredit, Unternehmensfinanzierung, Marktunvollkommenheiten, Forderungsausfallrisiko, Preisdiskriminierung, Transaktionskosten, Informationsasymmetrien, Kreditrationierung, Risikomanagement, Factoring, Kreditversicherung, Eigenversicherer, Working Capital
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die ökonomischen Gründe für die Vergabe und Inanspruchnahme von Handelskrediten zwischen Unternehmen sowie die damit verbundenen Risiken und deren Management.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die theoretische Fundierung von Handelskrediten, deren empirische Überprüfung in der Literatur sowie die strategischen Möglichkeiten des Risikotransfers, insbesondere Factoring und Kreditversicherungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Unternehmenscharakteristika und Risikostrukturen die Entscheidung beeinflussen, Handelskredite einzusetzen oder abzusichern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der theoretische Modelle zu Handelskrediten (kapital- und informationsökonomisch orientiert) systematisiert und deren empirische Ergebnisse kritisch diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte theoretische Herleitung der Motive für Handelskredite, eine Übersicht empirischer Studien und eine Analyse der Risikotransferentscheidung durch Instrumente wie Factoring und Kreditversicherungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Handelskredit, Risikoallokation, Informationsasymmetrien, Kreditrationierung, Forderungsausfallrisiko und Risikomanagement.
Warum nehmen Unternehmen trotz hoher impliziter Zinsen Handelskredite in Anspruch?
Handelskredite dienen häufig als Liquiditätsversicherung oder als Signal der Kreditwürdigkeit, um bei einer Kreditrationierung durch Banken den Zugang zu externem Kapital zu erleichtern.
Was unterscheidet das "Echte Factoring" von anderen Formen?
Beim Echten Factoring übernimmt die Factoring-Gesellschaft neben der Finanzierung auch die Delkrederefunktion (Übernahme des Ausfallrisikos) und die Dienstleistungsfunktion (Debitorenbuchhaltung).
- Quote paper
- Diplom Kaufmann Johannes Baier (Author), 2009, Handelskredite und Risikoallokation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137322