Die Berechtigung des Begriffs der Freiheit

Eine Untersuchung zu Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794)"


Zwischenprüfungsarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Selbstbewusstsein und Freiheit
1. Die Grundsätze der Wissenschaftslehre (1794)
a) Satz der Identität
b) Satz des Gegensetzens
c) Satz des Grundes
2. Das Verständnis des Begriffs Freiheit

II. Die Kritik des Begriffs der Freiheit

III. Fazit

IV. Quellen und Forschungsliteratur

Quellen

Forschungsliteratur

Siglenverzeichnis

Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Zuhörer (1794) = GWL

Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie (1794) = BW

Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre (1795) = GEW

Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797) = Einleitung I

Das System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre (1798) = SL

Wissenschaftslehre nova methoda (1798/99)= NM

Einleitung

Die Begriffe Selbstbewusstsein und Freiheit sind im philosophischen System Johann Gottlieb Fichtes die schlechthin zentralen Themen, die zugleich dem Ziel und der Basis seiner Lehren entsprechen. Das Ziel der praktischen Philosophie bestand für ihn in der Erziehung zur Selbstbestimmung in Freiheit und umgekehrt zur Freiheit in Selbstbestimmung.[1] Die Bestimmung, d.i. Begrenzung, des Selbst setzt notwendig das Bewusstsein des Selbst voraus. Der Begriff Erziehung wiederum bedeutet im ausgehenden 18. Jahrhundert die Entfaltung bereits gegebener Anlagen oder Wesensmomente des Menschen.[2] Somit ist das Ziel im eigentlichen Sinn die Bewusstwerdung[3] des menschlichen Grundes. Diesen ersten und letzten Grund sah Fichte nicht im Selbstbewusstsein (wie Reinhold), sondern in einem vorausgehenden, das Selbstbewusstsein und alles bewusste Vorstellen erst ermöglichenden Grund. Vorerst dahingestellt beschreibt Fichte dieses Erste als reine substratlose Tätigkeit, das „absolute Ich“[4].

In welcher Beziehung stehen nun das Selbstbewusstsein, der erste Grund und die Freiheit? Fichte selbst denkt die Freiheit als „Fundament der Philosophie“[5]. Philosophie wiederum sei „die Wissenschaft der Wissenschaft“[6] und müsse folglich den Grund allen Wissens mit Gewissheit auffinden. Dass der unbedingte Grund, das absolute Ich, nicht gleichgesetzt werden kann mit Freiheit, erklärt sich daher, dass Freiheit ein per se leerer Begriff ist und der Relation zu etwas bedarf, womit das Kriterium der Bedingungslosigkeit eines ersten Grundes nicht erfüllt wäre.

Kann im transzendentalen Bereich des absoluten Ich von Freiheit gesprochen werden? Wenn ja, wie definiert Fichte die Freiheit? Ist diese Definition nicht bereits eine Inkonsequenz des obersten Grundsatzes?

Eine Antwort auf die Frage nach dem Relationsgefüge und der Berechtigung des terminus Freiheit soll in der folgenden Untersuchung erarbeitet werden. Die Basis hierfür sei der erste Teil der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794). Nach einer rein deskriptiven Zusammenfassung der drei Grundsätze und der Darstellung der theoretischen Freiheit werden die jeweiligen Punkte auf ihre systematische Konsequenz hin untersucht. Dabei sollen keine von außen herangetragenen Definitionen maßgebend sein; ebenso wenig wie die Kritiken oder Gegenmodelle aus der Geschichte der Philosophie.[7]

I. Selbstbewusstsein und Freiheit

1. Die Grundsätze der Wissenschaftslehre (1794)

a) Satz der Identität

Um die Grundlage allen Wissens zu finden, folgt Fichte den Gesetzen der Logik.[8] Demnach wird ein Satz unterschieden in seine Form und sein Gehalt.[9] Der erste Grund als Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung muss, um erster Grund zu sein, formal und inhaltlich unbedingt sein, womit ein Beweis desselbigen unmöglich wird.[10]

Nun ist der Satz „Ich bin Ich“[11] die erste Tatsache des empirischen Selbstbewusstseins und Grundlage aller empirischen Tatsachen, da „A [empirische Tatsache] für das urteilende Ich, schlechthin, und lediglich kraft seines Gesetztseins im Ich überhaupt“[12] sei. Die implizite Identität von Subjekt-Ich und Objekt-Ich im Ich reduziert Fichte weiter bis hin zur alleinigen, nicht wegzudenkenden Tätigkeit des Denkens selbst.[13] Doch jeder geistigen Tätigkeit liegt ein „Ich bin“ zu Grunde, ein Ich-Sein, welches wiederum selbst Produkt des Denkens (Setzens) ist. Diese Einheit von Tätigkeit, Produkt der Tätigkeit und insgesamter Selbstbezüglichkeit nennt Fichte „absolutes Ich“[14], „dessen Sein (wesen) bloß darin besteht, daß es sich selbst als seiend, setzt[15]. Der Begriff des Setzens ist für Fichte nicht nur ein bloßes Denken des eigenen Seins, sondern auch ein notwendiges Wollen und Sollen des Selbst.

Da das „Ich bin“ eine reine Selbstbestimmung ist, ist es unbestimmt und folglich unendlich. Erst im Vollzug des Bewusstseins ist Bewusstsein. In diesem Sinne bezeichnet Fichte den ersten Grund nicht als Tatsache, sondern als prinzipielle „Tathandlung“[16], aus der das Bewusstsein des subjektiven Ich, das Selbstbewusstsein, deduziert wird. Diese Tathandlung drückt sich „Ich bin ich“ aus. „Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein“ und ist somit Grundlage und Gewissheit allen Wissens.

b) Satz des Gegensetzens

Die Einheit des Wissens spiegelt sich im Identitätsprinzip des ersten Grundsatzes wider. Diese ursprüngliche Einheit wird mit dem Wissen um Verschiedenes konfrontiert. Fichte geht analog zum ersten Verfahren von der Tatsache des empirische Bewusstseins aus, dass „-A nicht = A“[17] ist. Ein solches Entgegengesetztes, das „Nicht-Ich“, ist seiner Form nach unabhängig vom Ich, da es keine bloße Bewusstseinsstruktur ist, sondern Faktizität beansprucht.[18] „D em Ich [wird] schlechthin entgegengesetzt ein Nicht-Ich“.[19]

Das Entgegensetzen setzt die Vorstellung eines dem Ich Entgegengesetzten bereits voraus und ist folglich im Ich konstituiert. Somit ist im Wissen um das Nicht-Ich, das wiederum vom Ich selbst als Urteilendes ausgeht, das Nicht-Ich bedingt.[20]

Die Bezeichnung „Nicht-Ich“ leitet sich aus dem Charakter des Nicht-Setzens, Nicht-Wissens und Nicht-Wollens ab und ist aufgrund seiner Faktizität nicht der Willkür unterworfen.[21] Doch ist die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich nicht fixiert aufgrund des Tätigkeitsmoments des absoluten Ich. Dieser Aspekt ist entscheidend für den dritten Grundsatz und seine Konsequenzen.

c) Satz des Grundes

Insgesamt gibt es bisher ein Ich, das absolut gesetzt ist. Diesem absoluten Ich entgegengesetzt ist ein Nicht-Ich, welches wiederum die Einheit des Bewusstseins, in dem es entgegengesetzt ist, voraussetzt.[22] Aufgrund des jeweiligen Absolutheitscharakters droht die gegenseitige Aufhebung des ersten und zweiten Grundsatzes. Ihre Vereinigung bzw. ihr Zusammendenken ist die Aufgabe des dritten Grundsatzes. Fichte erreicht die Aufhebung des Widerspruchs durch die Handlung des Einschränkens, wodurch „schlechthin das Ich sowohl als das Nicht-Ich teilbar gesetzt“[23] werden. Damit wird die Realität des Ich bzw. des Nicht-Ich durch das jeweils andere nicht negiert sondern lediglich limitiert. Um den Satz des Entgegensetzens nicht selbst aufheben zu lassen, bedarf es der Teilbarkeit. Die Teilbarkeit wiederum bedarf der entgegengesetzten Momente. Folglich sind „beide […] Eins, und ebendasselbe, und werden nur in der Reflexion unterschieden.“[24] Wenn das Ich und das Nicht-Ich teilbar sind, so sind sie quantitätsfähig und im Gegensatz zum absoluten Ich ein Etwas.[25] Da jedoch alle Realität im Bewusstsein ist, können die Widersprüche vereinigt werden. Die Handlung ist der Form nach durch die ersten beiden Grundsätze bedingt, wohingegen der Gehalt, die teilbaren Ich und Nicht-Ich, unbedingt einem „Machtspruch der Vernunft“[26] unterliegt. Der Satz des Grundes „A zum Teil = -A“[27] ergibt sich in der Reflexion auf die Form der Vereinigung der Entgegengesetzten durch den Begriff der Teilbarkeit, woraus sich die Grundlage der theoretischen („Das Ich setzt sich selbst, als beschränkt durch das Nicht-Ich“)[28] und der praktischen („Das Ich setzt sich als bestimmend das Nicht-Ich“)[29] Wissenschaftslehre ableitet.

Fichte fasst die ersten drei Grundsätze zusammen in der Formel „Ich setze im Ich dem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen.“[30]

2. Das Verständnis des Begriffs Freiheit

„Mein System ist vom Anfang bis zu Ende nur eine Analyse des Begriffs der Freiheit.“[31] Fichte gründet diese Begriffsanalyse nicht nur auf den Grundsätzen der Wissenschaftslehre, sondern erhebt sie zum ihrem notwendigen Moment. Es gibt die zwei zu unterscheidenden Ebenen des subjektiven Ich (Selbstbewusstsein) und die diesem zugrunde liegende des absoluten Ich (Bewusstsein). Fichtes Definition von Freiheit als ein aus-sich-selbst-heraus und allein-durch-sich-selbst entspricht der reinen Tätigkeit des absoluten Ichs.[32] Das „Ich bin“ ist reine Selbstbestimmung in und für sich ohne Bestimmtheit von außen.[33] Somit ist Freiheit im Setzen des absoluten Ichs impliziert als „Bedingung alles Seins und alles Bewusstseins“[34]. Jedoch kann Freiheit ohne Bewusstsein nicht stattfinden bzw. ohne Intelligenz nicht gedacht werden.[35] Intelligenz (das theoretische Ich) wiederum ist gegründet im praktischen ich und nur ausführbar durch das Wollen. Im ursprünglichen Setzen denkt Fichte das Ich als sich selbst notwendig wollend, während der Wille auf der Ebene des Selbstbewusstseins analog als absolut und kontinuierlich erscheint.[36] Gerade im Wollen ist das subjektive Ich ein selbsttätig Bestimmen und folglich frei.[37]

[...]


[1] SL, S. 2ff..

[2] Vgl. Gebhard, Jürgen, Die Revolution des Geistes: politisches Denken in Deutschland 1170-1830, München 1968, S. 27f..

[3] Bewusstwerdung meint an dieser Stelle lediglich die Erkenntnis der Existenz eines solchen Grundes und nicht die Transformation des Grundes als ein Unbewusstes in ein Bewusstes. Warum dies nie geschehen kann, wird im folgenden Kapitel 1 im Rahmen der Grundsätze der GWL erläutert werden.

[4] GWL, S. 17.

[5] NM, S. 49.

[6] BW, S. 117.

[7] „Mein System kann sonach nur aus sich selbst, nicht aus den Sätzen irgendeiner Philosophie geprüft werden; es soll nur mit sich selbst übereinstimmen; es kann nur aus sich selbst erklärt, nur aus sich selbst bewiesen oder widerlegt werden; man muss es ganz annehmen, oder ganz verwerfen.“ Einleitung I, S. 5.

[8] GWL, S. 12.

[9] Zur Rechtfertigung eines ersten Grundes und der Trias bei Fichte vgl. Horstmann, Rolf-Peter, Die Grenzen der Vernunft. Eine Untersuchung zu Zielen und Motiven des Deutschen Idealismus, Frankfurt am Main 1995, S. 104ff..

[10] BW, S. 121f.; Eine Definierbarkeit setzt differente Merkmale voraus, womit der Charakter der Einfachheit und Ursprünglichkeit nicht mehr gegeben wäre; vgl. hierzu Mittmann, Jörg-Peter, Das Prinzip der Selbstgewissheit. Fichte und die Entwicklung der nachkantianischen Grundsatzphilosophie, Bodenheim 1993, S. 84ff..

[11] GWL, S. 14.

[12] GWL, S. 14.

[13] „[…] daß vor allem setzen im Ich vorher das Ich selbst gesetzt sei.“, GWL, S. 15.

[14] GWL, S. 16;

[15] GWL, S. 17.

[16] GWL, S. 11; vgl. auch Einleitung I, S. 24: „Die Intelligenz ist dem Idealismus ein Thun, und absolut nichts weiter; nicht einmal ein Thätiges soll man sie nennen, weil durch diesen Ausdruck auf etwas bestehendes gedeutet wird, welchem die Thätigkeit beiwohne.“

[17] GWL, S. 22.

[18] Der Form nach ist das Entgegengesetzte „ohne alle Bedingung und schlechthin entgegengesetzt“, GWL, S.22; vgl. auch Jacobs, Wilhelm, Einleitung zur GWL, S. XV.

[19] GWL, S. 24.

[20] GWL, S. 47.

[21] Jacobs, Einleitung zur GWL, S. XV.

[22] GWL, S. 26.

[23] GWL, S. 29.

[24] GWL, S. 29.

[25] GWL, S. 30.

[26] GWL, S. 26.

[27] GWL, S. 31.

[28] GWL, S. 47.

[29] GWL, S. 165.

[30] GWL, S. 30.

[31] Fichte, Johann Gottlieb, Brief an Reinhold von 1800, in: Hrsg. Hans Schulz, J. G. Fichte Briefwechsel, 2. Bd., Leipzig 1925, S. 206.

[32] „Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein.“ GWL, S. 18.

[33] „Das Ich setzt sich als bestimmend das Nicht-Ich.“ GWL, S. 165.

[34] NM, S. 46.

[35] NM, S. 49f.

[36] SL, S. 19f.; vgl. auch NM, S. 50: „Kein ideales Sezen und REALES Selbstanfangen, und umgekehrt; kein Selbstanschauen ohne Freiheit.“

[37] NM, S. 50f.; vgl.auch Einleitung I, S. 6:„Unsere Phantasie, unser Wille erscheint uns als frei“.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Berechtigung des Begriffs der Freiheit
Untertitel
Eine Untersuchung zu Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794)"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V137327
ISBN (eBook)
9783640459391
ISBN (Buch)
9783640459452
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fichte, Freiheit, absolutes Ich, Deutscher Idealismus
Arbeit zitieren
Sina Hofmann (Autor:in), 2009, Die Berechtigung des Begriffs der Freiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137327

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