Die Begriffe Selbstbewusstsein und Freiheit sind im philosophischen System Johann Gottlieb Fichtes die schlechthin zentralen Themen, die zugleich dem Ziel und der Basis seiner Lehren entsprechen. Das Ziel der praktischen Philosophie bestand für ihn in der Erziehung zur Selbstbestimmung in Freiheit und umgekehrt zur Freiheit in Selbstbestimmung. Die Bestimmung, d.i. Begrenzung, des Selbst setzt notwendig das Bewusstsein des Selbst voraus. Der Begriff Erziehung wiederum bedeutet im ausgehenden 18. Jahrhundert die Entfaltung bereits gegebener Anlagen oder Wesensmomente des Menschen. Somit ist das Ziel im eigentlichen Sinn die Bewusstwerdung des menschlichen Grundes. Diesen ersten und letzten Grund sah Fichte nicht im Selbstbewusstsein (wie Reinhold), sondern in einem vorausgehenden, das Selbstbewusstsein und alles bewusste Vorstellen erst ermöglichenden Grund. Vorerst dahingestellt beschreibt Fichte dieses Erste als reine substratlose Tätigkeit, das „absolute Ich“ .
In welcher Beziehung stehen nun das Selbstbewusstsein, der erste Grund und die Freiheit? Fichte selbst denkt die Freiheit als „Fundament der Philosophie“. Philosophie wiederum sei „die Wissenschaft der Wissenschaft“ und müsse folglich den Grund allen Wissens mit Gewissheit auffinden. Dass der unbedingte Grund, das absolute Ich, nicht gleichgesetzt werden kann mit Freiheit, erklärt sich daher, dass Freiheit ein per se leerer Begriff ist und der Relation zu etwas bedarf, womit das Kriterium der Bedingungslosigkeit eines ersten Grundes nicht erfüllt wäre.
Kann im transzendentalen Bereich des absoluten Ich von Freiheit gesprochen werden? Wenn ja, wie definiert Fichte die Freiheit? Ist diese Definition nicht bereits eine Inkonsequenz des obersten Grundsatzes? Eine Antwort auf die Frage nach dem Relationsgefüge und der Berechtigung des terminus Freiheit soll in der folgenden Untersuchung erarbeitet werden. Die Basis hierfür sei der erste Teil der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794). Nach einer rein deskriptiven Zusammenfassung der drei Grundsätze und der Darstellung der theoretischen Freiheit werden die jeweiligen Punkte auf ihre systematische Konsequenz hin untersucht. Dabei sollen keine von außen herangetragenen Definitionen maßgebend sein; ebenso wenig wie die Kritiken oder Gegenmodelle aus der Geschichte der Philosophie.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Selbstbewusstsein und Freiheit
1. Die Grundsätze der Wissenschaftslehre (1794)
a) Satz der Identität
b) Satz des Gegensetzens
c) Satz des Grundes
2. Das Verständnis des Begriffs Freiheit
II. Die Kritik des Begriffs der Freiheit
III. Fazit
IV. Quellen und Forschungsliteratur
Quellen
Forschungsliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Berechtigung und das Verständnis des Freiheitsbegriffs im transzendentalen System von Johann Gottlieb Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" (1794), um das Spannungsfeld zwischen dem absoluten Ich und dem empirischen Selbstbewusstsein zu erörtern.
- Grundlagen des Wissens und das absolute Ich
- Die Deduktion des Freiheitsbegriffs aus der Tathandlung
- Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Notwendigkeit
- Kritische Analyse der Selbstbestimmung im transzendentalen Kontext
Auszug aus dem Buch
2. Das Verständnis des Begriffs Freiheit
„Mein System ist vom Anfang bis zu Ende nur eine Analyse des Begriffs der Freiheit.“31 Fichte gründet diese Begriffsanalyse nicht nur auf den Grundsätzen der Wissenschaftslehre, sondern erhebt sie zum ihrem notwendigen Moment. Es gibt die zwei zu unterscheidenden Ebenen des subjektiven Ich (Selbstbewusstsein) und die diesem zugrunde liegende des absoluten Ich (Bewusstsein). Fichtes Definition von Freiheit als ein aus-sich-selbst-heraus und allein-durch-sich-selbst entspricht der reinen Tätigkeit des absoluten Ichs.32 Das „Ich bin“ ist reine Selbstbestimmung in und für sich ohne Bestimmtheit von außen.33 Somit ist Freiheit im Setzen des absoluten Ichs impliziert als „Bedingung alles Seins und alles Bewusstseins“34. Jedoch kann Freiheit ohne Bewusstsein nicht stattfinden bzw. ohne Intelligenz nicht gedacht werden.35 Intelligenz (das theoretische Ich) wiederum ist gegründet im praktischen ich und nur ausführbar durch das Wollen. Im ursprünglichen Setzen denkt Fichte das Ich als sich selbst notwendig wollend, während der Wille auf der Ebene des Selbstbewusstseins analog als absolut und kontinuierlich erscheint.36 Gerade im Wollen ist das subjektive Ich ein selbsttätig Bestimmen und folglich frei.37
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die zentrale Bedeutung von Selbstbewusstsein und Freiheit in Fichtes Philosophie sowie Vorstellung der Forschungsfrage.
I. Selbstbewusstsein und Freiheit: Darstellung der drei Grundsätze der Wissenschaftslehre (Identität, Gegensatz, Grund) und Erläuterung des daraus abgeleiteten Freiheitsverständnisses.
II. Die Kritik des Begriffs der Freiheit: Kritische Reflexion der Vereinbarkeit von absoluter Freiheit und der Bestimmtheit durch das Nicht-Ich im System der Wissenschaftslehre.
III. Fazit: Zusammenfassende Antwort auf die Frage nach der Berechtigung des Freiheitsbegriffs als Fähigkeit zur Selbstbeschränkung.
IV. Quellen und Forschungsliteratur: Verzeichnis der herangezogenen Primärquellen von J.G. Fichte und der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Johann Gottlieb Fichte, Wissenschaftslehre, absolutes Ich, Selbstbewusstsein, Freiheit, Nicht-Ich, Tathandlung, Selbstbestimmung, Spontaneität, Transzendentalphilosophie, Deutscher Idealismus, Wollen, Notwendigkeit, Reflexion, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung des Freiheitsbegriffs innerhalb von J.G. Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" von 1794.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Selbstbewusstsein und Freiheit, die Analyse des absoluten Ichs sowie die Wechselbeziehung zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Berechtigung des Begriffs der Freiheit im transzendentalen Bereich des absoluten Ichs kritisch zu hinterfragen und systematisch einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine deskriptive und analytische Methode, um Fichtes Grundsätze auf ihre systematische Konsequenz zu prüfen, ohne dabei externe Gegenmodelle heranzuziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die drei Grundsätze der Wissenschaftslehre detailliert dargelegt, der Begriff der Freiheit analysiert und eine kritische Auseinandersetzung mit der Vereinbarkeit von Freiheit und Notwendigkeit geführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen das absolute Ich, die Tathandlung, Selbstbestimmung, Spontaneität und der Deutsche Idealismus.
Wie unterscheidet Fichte nach der Autorin zwischen absolutem Ich und empirischem Subjekt?
Fichte unterscheidet zwischen dem absoluten Ich als notwendiger, reiner Tätigkeit und dem endlichen, empirischen Bewusstsein, welches in Wechselwirkung mit dem Nicht-Ich steht.
Warum ist laut der Arbeit der Begriff der Spontaneität für das absolute Ich treffender als der der Freiheit?
Die Autorin argumentiert, dass Spontaneität deutlicher das Vermögen eines "Selbstanfangs" ausdrückt, während Freiheit bei Fichte begrifflich stark auf eine notwendige Relation zu einem "Etwas" angewiesen bleibt.
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- Sina Hofmann (Author), 2009, Die Berechtigung des Begriffs der Freiheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137327