Das politische Verhältnis der Russischen Föderation zum westlichen Europa ist zurzeit nicht ganz spannungsfrei. Das autoritäre Gehabe des derzeitigen russischen Präsidenten sowie die Naivität mancher westeuropäischer Regierungschefs tragen das Ihre dazu bei. Auch die historische Disziplin war in ihrer Geschichte manches Mal von politischen Erwägungen beeinflusst. Deutlich wird dies am Beispiel der Forschungskontroverse rund um die Warägerfrage, die Mitte des 18. Jahrhunderts an der Akademie von St. Petersburg entstand. Der Grund dieses Streits war die Frage, ob und inwieweit die Rus’ des 9. und 10. Jahrhunderts, die erste Herrschaftsbildung auf ostslavischem Boden, durch normannische Zuwanderer geprägt wurde. Dabei standen sich zwei feindlich gesinnte Lage gegenüber: Einerseits die Normannisten, welche die These von der nordgermanischen Herkunft der Rus’ verfochten, und andererseits die Antinormannisten, welche die These von der autochtonen slavischen Herrschaftsbildung vertraten. Der Hauptprotagonist bei den Normannisten war der deutsche Historiker Gerhard Friedrich Müller, der sich durch langjährige Forschungen zur russischen Geschichte einen hervorragenden Ruf erworben hatte, dessen Forschungsergebnisse in einer politisch schwierigen Lage jedoch nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Der Hauptvertreter der Antinormannisten war der russische Universalgelehrte Michail Vasil’evič Lomonosov, der in der Sache vielleicht kein ausgewiesener Spezialist war1, dessen Ansichten aber besser in das herrschende politische Klima passten.
Die vorliegende Arbeit versucht sich diesem Thema auf folgende Weise zu nähern: Zunächst wird die Entstehungsgeschichte der Kontroverse erläutert anhand der Werke, die dafür maßgeblich waren. Dann wird auf die beiden Lager näher eingegangen und die Hauptprotagonisten vorgestellt. Anschließend wird kurz der weitere Verlauf des Streits dargestellt, an dem sich auch andere Gelehrte verschiedenster Disziplinen beteiligt haben. Die Forschungsliteratur auf diesem Gebiet ist umfangreich, jedoch sind viele Arbeiten nur auf russisch zugänglich. Da der Autor dieser Sprache nicht mächtig ist, wird hier nur auf die in deutsch oder englisch erhältlichen Werke zurückgegriffen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Ursprünge der Forschungskontroverse in der Warägerfrage
1. Die Entstehung der Kontroverse
2. Die Hauptprotagonisten
2.1. Gerhard Friedrich Müller
2.2. Michail Vasil’evi Lomonosov
3. Der Fortgang des Forschungsstreits
III. Schlussbetrachtung
IV. Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung und den Verlauf der historisch bedeutsamen Forschungskontroverse um die sogenannte Warägerfrage, die Mitte des 18. Jahrhunderts an der Akademie von St. Petersburg ausbrach. Im Zentrum steht die wissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen der normannistischen und der antinormannistischen Lehrmeinung über die Ursprünge der Herrschaftsbildung bei den Ostslaven.
- Die historische Entstehungsgeschichte der Warägerfrage
- Die Rolle von Gerhard Friedrich Müller und Michail Vasil’evi Lomonosov als Hauptakteure
- Politische und patriotische Einflüsse auf die wissenschaftliche Debatte
- Die langfristige Wirkung des Forschungsstreits auf die Geschichtswissenschaft
Auszug aus dem Buch
2. Die Hauptprotagonisten
Bayer hatte bereits den Grundstock gelegt für das, was später die „Schule der Normannisten“ genannt wurde. Gerhard Friedrich Müller ging noch einen Schritt weiter. Er lehnte die Theorie ab, dass der Name Rus’ etwas mit Strabos Roxolana zu tun haben sollte. Das Volk der Rus’ sei vielmehr nordischer Herkunft. Müller war der Erste, der eine Verbindung sah zwischen dem Namen Rus’ und der finnischen Bezeichnung für Schweden, ruotsi (Ruderer). Seine Arbeit in diesem Bereich stand jedoch unter keinem guten Stern. Der Universalgelehrte Michail Vasil’evi Lomonosov bezeichnete Müllers Theorie als einen „Affront gegen die Ehre des russischen Volkes“.12 Lomonosov erscheint dabei als erster Antinormannist, von dem berichtet wird. Auf diese beiden Persönlichkeiten wird im Folgenden näher einzugehen sein.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext des Streits um die Warägerfrage und führt in die gegensätzlichen Positionen von Normannisten und Antinormannisten ein.
II. Ursprünge der Forschungskontroverse in der Warägerfrage: Dieses Kapitel analysiert die Anfänge der Debatte an der Petersburger Akademie, stellt die zentralen Werke vor und porträtiert die beiden Hauptprotagonisten Müller und Lomonosov.
III. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Entwicklung des Streits über die Jahrhunderte zusammen und reflektiert über den Einfluss von Nationalismus auf die wissenschaftliche Wahrnehmung.
IV. Anhang: Der Anhang listet detailliert die verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Darstellungen auf.
Schlüsselwörter
Warägerfrage, Russland, Normannisten, Antinormannisten, Gerhard Friedrich Müller, Michail Vasil’evi Lomonosov, Nestorchronik, Herrschaftsbildung, Ostslaven, St. Petersburg, Akademie der Wissenschaften, Forschungskontroverse, Nationalismus, Historiographie, Rus’
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den wissenschaftlichen Streit um die Entstehung der ersten Herrschaftsbildung auf ostslavischem Boden im 18. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Rolle der Waräger, die Interpretation der Nestorchronik sowie die Politisierung der Geschichtswissenschaft im Zarenreich.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ursprünge und den Verlauf der Kontroverse zwischen den normannistischen und antinormannistischen Lagern sowie deren Protagonisten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, um den historischen Forschungsstreit anhand der maßgeblichen Werke der Zeit nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Entstehung der Kontroverse, die Rolle von G.F. Müller und M.V. Lomonosov sowie der weitere Verlauf des wissenschaftlichen Streits analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Warägerfrage, Nestorchronik, Normannismus, Antinormannismus und die russische Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts.
Warum war der Streit zwischen Müller und Lomonosov so brisant?
Die Auseinandersetzung war politisch hochgradig aufgeladen, da sie den Stolz des russischen Volkes berührte und in einem spannungsreichen Verhältnis zu Schweden stand.
Inwiefern hat die moderne Forschung den Streit relativiert?
Neuere archäologische Funde und eine differenziertere Analyse haben zu einer abgeschwächten Autochtonietheorie geführt, die beide Sichtweisen integriert.
- Quote paper
- M.A. Piotr Grochocki (Author), 2007, Ursprünge der Forschungskontroverse in der Warägerfrage Mitte des 18. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137448