Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile und versteht sich primär als eine Untersuchung des literarischen und philosophischen Fundaments, welches Wagner zur Neugestaltung der Eros-Konstellation verwendet hat. Im ersten Teil werden die vier von Wagner verwendeten Quellen, Gottfrieds Epos Tristan, Platons „Kugelmythos“ aus dem Symposion, Novalis’ Hymnen an die Nacht und Schopenhauers Mitleidsästhetik aus dem Aufsatz Die Verneinung des Willens zum Leben unter Betrachtung des Libretto nach folgendem Kriterium untersucht: Welche Passagen adaptiert Wagner für die Werkgestaltung seiner Oper Tristan und Isolde? Wo grenzt er sich dabei von seinen Vorlagen ab? Dabei steht die ästhetische Vorstellung und Umrahmung von „Eros“ im Mittelpunkt der Betrachtung. Im zweiten Teil steht zentral die Untersuchung der Dramaturgie im Hinblick auf die These, ob Wagner Tristan und Isolde synthetisch wie ein Mosaik entwickelt hat. Zur adäquaten Betrachtung der These scheint es erforderlich, thematische Schwerpunkte als Mosaiksteine herauszukristallisieren. Unter Betrachtung der Forschungsbeiträge der Wissenschaftler Dieter Borchmeyer („Tristan und der Mythos der Nacht“, 1982) und Elisabeth Bronfen („femme fatale“, 2004) werden die Hauptmotive der Oper „der Liebestrank“ und „Isoldes Verklärung“ als Schwerpunkte nach folgender Frage untersucht: Nehmen die Hauptmotive, die zugleich mystische Elemente darstellen, die Funktion eines „Vergrößerungsglases“ von inneren Zuständen an, um die Handlung dramatisch zu straffen? Die vorliegende Arbeit versteht sich ausschließlich als ein Annäherungsversuch. Selbstverständlich kann dabei keine Vollständigkeit erreicht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Die unmittelbare Vorlage des Libretto – Gottfrieds Epos Tristan
2.2 Zum Liebesmotiv bei Tristan und Isolde – Platons Idee der „Halbnatur“
2.3 Tag- und Nacht-Konstruktion bei Novalis’ Hymnen an die Nacht
2.4 Eros in Novalis’ Hymnen an die Nacht
2.5 Schopenhauer: Die Verneinung des Willens zum Leben
3.1 Die dramaturgische Entwicklung des Liebestranks im 1. und 2. Aufzug
3.2 Die dramaturgische Entwicklung von Isoldes Verklärung im 3. Aufzug
4 Auswertung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische und philosophische Fundament von Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" sowie die dramaturgische Umsetzung seiner Eros-Konzeption. Ziel ist es, die Adaption zentraler Vorlagen – Gottfried von Straßburg, Platon, Novalis und Schopenhauer – aufzuzeigen und zu analysieren, wie Wagner durch den Einsatz spezifischer Motive das Innenleben seiner Figuren dramatisch verdichtet.
- Literarische und philosophische Quellenanalyse von "Tristan und Isolde"
- Die Funktion von Tag- und Nacht-Konstruktionen in Wagners Werk
- Schopenhauers Mitleidsästhetik und deren Umdeutung durch Wagner
- Dramaturgische Analyse des Liebestranks als Mosaiksteine des Dramas
- Untersuchung von Isoldes Verklärung als mystisches Element
Auszug aus dem Buch
Die unmittelbare Vorlage des Libretto – Gottfrieds Epos Tristan
Die Legende von Tristan und Isolde gehört zu den wichtigsten Zeugnissen jener Korrelation von Liebe und Tod, in welcher die gleichzeitig formende und destruierende Intensität des Eros liegt. Als bedeutendste Dichtung dieser Sage gilt Gottfrieds von Straßburg Epos Tristan und Isolt, sowie Wagners Oper Tristan und Isolde. Die Arbeit untersucht primär Wagners Libretto, weniger Gottfrieds Dichtung, daher wird von der Kenntnis der Handlung des Epos an dieser Stelle erstmal ausgegangen.
In einem Drama, in welchem nicht die Historie die Grundlage bildet, sondern der freigelegte Mythos den Kern des neu zu schaffenden Dramas darstellt, handeln Figuren durchwegs nicht aus äußerer, sondern aus innerer Notwendigkeit. Dieses Prinzip sieht der moderne Dramatiker Wagner im griechisch antiken Drama vorbildlich verwirklicht. Er eifert dem antiken Prinzip nach und verdichtet methodisch zuerst anhand Reduktion die Handlung der mittelalterlichen Stoffvorlage. Daraus entwickelt er neue musikalisch-thematische Zusammenhänge und verankert diese im szenisch-dramatischen Kontext. Der Gang der Handlung ist also vereinfacht, ihre Dimension durch Fokussierung auf die inneren Zustände der Figuren aber erweitert. Ganz im Sinne des Aristoteles ist Wagners Tristan und Isolde keine Nachahmung von Charakteren, sondern eine Tragödie von inneren Beweggründen und Lebensweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Grundprinzipien von Eros und Thanatos ein und definiert die Zielsetzung der Untersuchung von Wagners literarisch-philosophischem Fundament.
2.1 Die unmittelbare Vorlage des Libretto – Gottfrieds Epos Tristan: Dieses Kapitel betrachtet Gottfrieds Epos als stoffliche Basis und arbeitet Wagners Fokus auf das Seelendrama der Charaktere heraus.
2.2 Zum Liebesmotiv bei Tristan und Isolde – Platons Idee der „Halbnatur“: Hier wird Platons Kugelmythos als Erklärungsmodell für die sehnsuchtsvolle Anziehungskraft des Liebespaares im Werk identifiziert.
2.3 Tag- und Nacht-Konstruktion bei Novalis’ Hymnen an die Nacht: Die Bedeutung der Nacht als metaphysischer Gegenraum zum Tag und ihre Rolle für die Erfahrung der Liebe werden hier analysiert.
2.4 Eros in Novalis’ Hymnen an die Nacht: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Novalis Eros als Einheit von geistiger und körperlicher Liebe im Tod definiert und Wagner dies für seine Oper adaptiert.
2.5 Schopenhauer: Die Verneinung des Willens zum Leben: Untersuchung des Pessimismus und des Mitleidsbegriffs bei Schopenhauer und deren Bedeutung für die "Tristan"-Philosophie.
3.1 Die dramaturgische Entwicklung des Liebestranks im 1. und 2. Aufzug: Analyse des Liebestranks als dialektisches Rätselbild, das den Übergang von der gesellschaftlichen Ordnung in das Phantasieszenario der Nacht markiert.
3.2 Die dramaturgische Entwicklung von Isoldes Verklärung im 3. Aufzug: Eine Betrachtung des finalen Akts als "Leerstelle", die durch unterschiedliche wissenschaftliche Lesarten (Borchmeyer vs. Bronfen) gedeutet wird.
4 Auswertung: Synthese der Ergebnisse, welche Wagners Methode mit der eines Mosaikkünstlers vergleicht und das neue Eros-Konstrukt bestätigt.
Schlüsselwörter
Richard Wagner, Tristan und Isolde, Eros, Thanatos, Schopenhauer, Novalis, Liebestrank, Isoldes Verklärung, Mitleidsästhetik, Metaphysik, Dramaturgie, Nacht-Konstruktion, Platon, Kugelmythos, Oper
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische und philosophische Fundament der Oper "Tristan und Isolde" von Richard Wagner und analysiert, wie er dieses zur Gestaltung seiner Eros-Konzeption nutzt.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Themen sind die Wechselwirkung von Liebe und Tod, die philosophischen Vorbilder (Platon, Novalis, Schopenhauer) und die dramaturgische Strukturierung des Werkes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, ob Wagner das Werk synthetisch wie ein Mosaik aus verschiedenen philosophischen Quellen entwickelt hat und welche Funktion seine Motive dabei einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin wählt eine quellenorientierte Analyse, die Wagners Libretto mit den Werken seiner Vorbilder vergleicht und Forschungsbeiträge von Wissenschaftlern wie Borchmeyer und Bronfen gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Quellenanalyse und eine dramaturgische Untersuchung der zentralen Motive (Liebestrank und Isoldes Verklärung) in den Aufzügen der Oper.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Motiv des Eros sind Begriffe wie "Mitleidsästhetik", "Todesnähe", "Nacht-Konstruktion" und "Dramaturgische Synthese" entscheidend.
Wie unterscheidet sich Wagners Liebesbegriff von Schopenhauers Lehre?
Während Schopenhauer die Verneinung des Willens und asketische Entsagung fordert, zelebriert Wagner im "Liebestod" die Erotisierung des Mitleids und die ekstatische Vereinigung.
Wie bewerten die Wissenschaftler Borchmeyer und Bronfen das Ende der Oper?
Borchmeyer deutet Isoldes Verklärung als mystische Einheit, während Bronfen sie als eine hysterische Halluzination und psychotische Schutzphantasie interpretiert.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2009, Eros als mystisches Vergrößerungsglas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137491